Inhaltsverzeichnis
Seite :
1. Einleitung 1
2. Strukturanalyse 2
3. Das Verhalten der Peters in Anbetracht der Fremde 5
3.1 Persönliche Prägungen als Bedingungen der Fremdwahrnehmung 6
3.2 Erotik Esoterik 8
3.3 (Alternativ-)Tourismus 11
4. Reflexion und Kritik: Zum Potential der doppelten Struktur 13
4.1 Konstruktcharakter 14
4.2 Figurenkonzeption 16
4.3 Erzählereinfluss 17
5. Fazit 18
6. Literaturliste 19
6.1 Texte
19
6.2 Sekundärliteratur
19
1. Einleitung
„Die indische Welt ist kulturell und religiös so sehr von der unseren verscheiden, daß man bei einer Begegnung mit ihr bewußt eine Haltung von Respekt und Bereitschaft zum Verständnis einnehmen sollte, wenn man sie begreifen will.“ 1 Die Ausführungen Stefano Pianos zum Kontakt des Westens mit der indischen Kultur sind so richtig wie problematisch, denn auch jenseits einer intentional herabsetzenden Haltung gegenüber der Fremde läuft jede Form der Fremdwahrnehmung über die Bilder des Fremden, die auch in guter Absicht und in der ,Bereitschaft zum Verständnis' Gefahr laufen, die Konstruktion des Fremden aufrecht erhalten und es zum Zwecke der Abgrenzung vom Eigenen zu vereinnahmen. Literarische Verfahrensweisen, einer solchen Vereinnahmung zu entgehen, sind in der postkolonialen Theoriebildung erarbeitet worden. So setzt diese an, um „eine reflektierte Verunsicherung traditioneller Wahrnehmung und darauf gegründeter Erkenntnis“ 2 ins Felde zu führen, um eine Vereinnahmung des Fremden zu verhindern.
Die Kulturbegegnung zwischen Europa und Indien ist, wohl vor allem durch die koloniale Vergangenheit des Landes, ein oft gewähltes Exempel. Auch Günter Grass hat sich mit dem Thema auseinander gesetzt und dabei offenbar die Gefahren einer vereinnahmenden Konstruktion des Fremden mitgedacht. Präsent ist das Thema Indien bei Grass schon lange:
„Ein Blick auf Grass' essayistisches Werk zeigt, daß der Autor schon 1975 in
Neu-Delhi mit seiner Rede Nach grober Schätzung auf einige Probleme der
Dritten Welt eingeht [...]. Da runter fallen die Begleiterscheinungen des
Hungers, Unterernährung, Krankheit und Tod und die Bevölkerungsexplosion.
Aber erst 1980 wählt der Autor das Nord-Süd-Gefälle zu einem Hauptthema
eines literarischen Werks.“ 3
Dieses Werk ist Kopfgeburten oder Die Deutschen Sterben aus; 4 und es soll im Rahmen dieser Arbeit auf sein kritisches Potential hin untersucht werden. Das erscheint äußerst interessant, verfügt der Text doch über eine außergewöhnliche Struktur, die es
1 Stefano Piano: Religion und Kultur Indiens. Aus dem Italienischen übersetzt v. Christa Felicetti.
Wien u.a.: Böhlau 2004, S.7.
2 Jochen Dubiel: Dialektik der postkolonialen Hybridität. Die intrakulturelle Überwindung des
kolonialen Blicks in der Literatur. Bielefeld: Aisthesis 2007, S.90.
3 Mark Martin Gruettner: Intertextualität und Zeitkritik in Günter Grass Kopfgeburten und Die
Rättin. Tübingen, Stauffenberg 1997 (Studien zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur; Bd. 6).
4 Günter Grass: Kopfgeburten oder die Deutschen sterben aus. München: DTV 1999 (2.Auflage).
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ihm - so sei vorab vermutet - ermöglicht, eine problematische Herangehensweise des Westens an den Kulturkontakt mit Indien darzustellen und gleichzeitig kritisch zu hinterfragen. Falls diese Annahme zutrifft, bedürfe es dazu spezifischer struktureller Merkmale und Schreibweisen, die zu identifizieren diese Arbeit sich zur Aufgabe macht (Vgl. Kapitel 4). Die fragwürdigen Strategien bei der Begegnung mit der Fremd sind wohl recht leicht zu identifizieren. Sie sollen exemplarisch und im Rückgriff auf die bisherige, recht ergiebige Forschung benannt werden (Vgl. insbesondere Kapitel 3.1). Darüber hinaus können die bisherigen Ergebnisse aber möglicherweise ergänzt werden um den zweiten Aspekt des bisher Erforschten: Schließlich bringt sich der Westen nicht nur um die Möglichkeit einer produktiven Selbsterweiterung durch größtmögliche Unvoreingenommenheit bei der Fremdbegegnung, sondern richtet auch an dem fremden Land und seiner Kultur Schäden an (Vgl. Kapitel 3.2 und 3.3). Um das kritische Potential des Textes im Folgenden identifizieren zu können, sollen zunächst einige analytische Anmerkungen zu seiner Struktur gemacht werden.
2. Strukturanalyse
Die Struktur der Kopfgeburten muss als eine doppelte identifiziert werden, denn das wohl wichtigste formale Charakteristikum des Textes ist, dass gleichzeitig eine literarische Handlung vorangetrieben und diese Handlung auf einer faktualen Ebene reflektiert wird. Die literarische Ebene hat den Charakter eines im Entstehen begriffenen Drehbuchs, dessen Genese fest in den Händen des Erzählers der zweiten, faktualen Ebene liegt. Die literarische Ebene ist als Drehbuch zu einem geplanten Film aufzufassen, von dem zum Zeitpunkt des Schreibens nichts feststeht, außer, dass er gedreht werden könnte. 5 Grass selbst hält die Zügel der Handlungsentwicklung dabei fest in der Hand, lässt sich bei seinen Überlegungen aber leiten von divergierenden Möglichkeiten: Zu den Möglichkeiten der Handlungsentwicklung „sagt eine Notiz auf meinem [also: Günter Grass', A.H.] Zettel“ 6 ihm, was passieren könnte. Der Vorgang bleibt konjunktivisch und ohne Abschluss bis zuletzt. Insofern ist die Metapher der ,Kopfgeburt' vom Grass hier sehr präzise angewandt, denn der Handlungsverlauf
5 Bewusst wird hier der Konjunktiv gewählt, der sich auch in der Folge als einziger, immer
gegenwärtiger Modus bewähren wird.
6 Grass (1999), S.32.
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verharrt im Status des Abwägens zwischen den Möglichkeiten. „Hier müsste der Film aufs Stichwort reagieren“ 7 räsoniert der Autor etwa, wenn er die prägende Nachwuchsfrage einführt, und deutet auf einen Sachverhalt hin, den auch Carmen Ulrich erkannt hat: Der Text, so Ulrich, ließt sich „wie ein Konglomerat von vorläufigen Skizzen.“ 8 Auf die an dieser Stelle nur knapp skizzierte Struktur des Textes wird im Folgenden noch einmal eingegangen, wenn es darum gehen wird, welches kritische Potential die Kopfgeburten auf der Grundlage dieser Struktur entwickeln. Um die bereits behauptete Identität des Erzählers mit Günter Grass, von der auch im Folgenden ausgegangen wird, nachträglich zu rechtfertigen, müssen zunächst allerdings einige Überlegungen zur Gattung der Autobiographie angestellt werden. Ob es sich im Sinne Lejeunes jedoch um eine Autobiographie oder einen autobiographischen Roman handelt, kann nicht endgültig entschieden werden. „Damit es sich um eine Autobiographie [...] handelt“, schreibt Lejeune, „muß Identität zwischen dem Autor, dem Erzähler und dem Protagonisten bestehen.“ 9 In Abgrenzung dazu müsse von autobiographischen Romanen immer dann gesprochen werden, wenn der Leser zwar eine Identität zwischen Autor und Protagonist vermutet, „der Autor jedoch beschlossen hat, diese Identität zu leugnen oder zumindest nicht zu behaupten.“ 10 Die Identität zwischen Erzähler und Protagonist bedarf keiner weiteren Feststellung, da die faktualen Passagen autodiegetisch erzählt sind. Zwar erfährt der Leser den Namen des Erzählers und Protagonisten nicht, dennoch deuten zahlreiche Indizien darauf hin, dass die Identität von Autor, Erzähler und Protagonist gegeben ist. So nennt der Erzähler seine Begleiterin bei ihrem Vornamen Ute 11 und macht detaillierte Angaben über eine Reise im Auftrag des Goethe-Instituts und über das mitreisende Ehepaar Volker Schlöndorf und Margarethe von Trotha, was einen deutlichen Beleg für den autobiographischen Charakter dieser Ebene darstellt. Im Folgenden soll daher davon ausgegangen werden, dass es sich um eine autobiographisch-faktuale Ebene handelt.
7 Ebd., S.30.
8 Carmen Ulrich: Sinn und Sinnlichkeit des Reisens. Indien(be)schreibungen von Hubert Fichte, Günter
Grass und Josef Winkler. München: Iudicum 2004, S.172.
9 Philippe Lejeune: Der autobiographische Pakt. Aus dem Französischen von Wolfram Bayer und Dieter
Hornig. Frankfurt am Main, Suhrkamp 1994 (Ästhetika, Hg.v. Karl Heinz Bohrer), S.15.
10 Ebd., S.26.
11 Vgl. etwa Grass (1999), S.8.
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Die literarische Ebene lässt sich hingegen als das beschreiben, was als Metapher in den Titel des Werkes eingegangen ist: Sie ist eine reine Kopfgeburt des mit Grass als identisch identifizierten Erzählers, der „die Parodie der eigenen Indienfahrt“ 12 plant und dazu ein Drehbuch konzipiert. Der Handlungsfortgang der literarischen Ebene wird schon frühzeitig als direkt abhängig vom Erzähler und dessen Möglichkeiten als Drehbuchautor beschrieben: „Harm und Dörte wollen [...] eine Reise nach Indien, Thailand, Indonesien machen - oder nach China, falls Schlöndorff und ich dort Dreherlaubnis bekommen.“ 13 Von Gerard Genette stammt der Terminus Metalepse, er dient zur Beschreibung eben solcher Sachverhalte. Martinez und Scheffel definieren in Anlehnung an Genette eine Metalepse als „nur in fiktionaler Rede mögliche[n] ,narrative[n] Kurzschluß', bei dem infolge einer Rahmenüberschreitung die Grenze zwischen extra- und intradiegetischer Position aufgehoben wird.“ 14 Damit werde auch die Grenze zwischen zwei Welten überschritten, nämlich „der Welt, in der man erzählt, und der Welt, von der erzählt wird.“ 15 In einer rein faktualen Erzählung sei eine Metalepse gleichwohl unmöglich. Dennoch: Die skizzierte doppelte Struktur der Kopfgeburten ermöglicht eine solche Grenzüberschreitung durch den Erzähler, die hier quasi permanent vorhanden ist.
Differenzen zwischen den beiden Ebenen bestehen auch in Bezug auf Zeit und Ort der Handlung: Die Asien-Reise des Ehepaars Grass fand 1979 statt, der Zeitraum der Reise des Lehrerehepaars liegt von „Anfang Mai und der Bundestagswahl im Oktober 1980.“ 16
Durch die dargestellte Verwebung der beiden Ebenen gestaltet sich die Gattungseinordung der Kopfgeburten als äußerst schwierig. Jochen Neubauer weißt auf diese Schwierigkeit hin, wenn er den Kopfgeburten sowohl essayistischen
12 Thomas Wägenbauer: Kopfgeburten oder Indienfahrer. Indienbilder zwischen Günter Grass und
Hubert Fichte. In: Eckel, Winfried / Carola Hilmes / Werner Nell (Hrsg.): Projektionen - Imaginationen
- Erfahrungen. Indienbilder der europäischen Literatur. Remscheid: Gardez! 2008. S.212-227, hier
S.193.
13 Grass (1999), S.23.
14 Matias Martinez / Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. 2., durchgesehene
Auflage. München: Beck 2000, S.190.
15 Ebd., S.79.
16 Ulrich (2004), S.165.
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Arbeit zitieren:
Alexander Hoffmann, 2009, Fremdwahrnehmung und Kolonialismuskritik in Günter Grass' "Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus", München, GRIN Verlag GmbH
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