Inhaltsverzeichnis
Seite:
1. Einleitung 2
2. Aufstieg und Falls des historischen Joseph Süß Oppenheimer 4
3. Judenhass und der Vorwurf der Rassenschande 6
4. Der nationalsozialistische Propagandafilm und Harlans Jud Süß 8
4.1 Der Film als Mittel der Beeinflussung 8
4.2 Veit Harlans Beitrag zur nationalsozialistischen Propaganda 10
5. Hauffs Jud Süß-Adaption als Antizipation nationalsozialistischer 14
Propaganda
6. Zusammenfassung 17
7. Literaturliste 19
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1. Einleitung
„Liebe Freunde und Gevattern,
hört das Lied vom großen Vampyr, schlimm sind Wölfe, Ratten, Nattern, doch das allerschlimmste Raubtier: Ist der Jud, der Jud, der Jud; führt im Land das Regiment, saugt uns aus bis auf das Blut, nimmt uns Haus und Hof und Hemd. Jagt den Jud zum Teufel!“
Der unter der Regie von Veit Harlan entstandene, 1940 in Venedig uraufgeführte Film Jud Süß ist nicht nur „die sicherlich spektakulärste und umstrittenste Version“ 1 unter den Bearbeitungen des historischen Stoffes um den württembergischen Hoffaktor Joseph Süß Oppenheimer, der von 1733 bis 1737 am Hof des Herzogs Carl Alexander wirkte, sondern auch die wohl krasseste antisemitische unter den mittlerweile zahlreichen Adaptionen. Darauf weist schon dass der Einleitung vorangestellte Zitat hin, dass einem Lied der Figur des Leierkastenmannes aus Harlans Film entstammt. 2 Der älteren, gleichnamige Novelle von Wilhelm Hauff aus dem Jahre 1827 lassen sich dennoch ebenfalls bereits antisemitische Züge nachweisen. Die Adaptionen Hauffs und Harlans als die wichtigsten bisherigen zu bezeichnen, erscheint angebracht, wobei ebenso auf ihre jeweiligen Gegenpole hingewiesen werden soll, denn die Novelle grenzt sich bezüglich ihrer antisemitischen Färbung ebenso stark von dem Roman Jud Süß von Lion Feuchtwanger (1925) ab, wie sich der nationalsozialistische Propagandafilm Harlans von der Bearbeitung durch Lothar Mendes (Jew Süss , 1934) unterscheidet.
1 Knut Hickethier: Veit Harlans Film Jud Süß und der audiovisuell inszenierte Antisemitismus. In:
Przyrembel/Jörg Schönert (Hrsg.): „Jud Süß“. Hofjude, literarische Figur, antisemitisches Zerrbild. Frankfurt/Main, New York: Campus 2006, S.221 - 243, hier S. 221.
2 Veit Harlans Film Jud Süß, hier zitiert nach Rolf Giesen/Manfred Hobsch: Hitlerjunge Quex, Jud Süß und Kolberg. Die Propagandafilme des Dritten Reiches. Dokumente und Materialien zum NS-Film. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf 2005, S. 255.
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Dass der Film Harlans, der unter maßgeblicher Beteiligung von Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels entstanden ist, antisemitische Stereotype in ihren vielfältigsten, drastischsten Ausprägungen transportiert, soll und kann hier nicht untersucht werden, denn zum einen ist auf diesem Feld angesichts des bisherigen Forschungsstands kaum noch Bedarf für weitere Beiträge, die den Antisemitismus dieses Films entlarven sollen, zum anderen gehört der Film Jud Süß als so genannter ,Vorbehaltsfilm' auch nicht zu den Werken, die ohne Schwierigkeitenselbst zu wissenschaftlichen Zwecken - beschafft werden können. 3 Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist ohnehin ein anderes: Nach einer Einführung in das Leben des historischen Joseph Süß Oppenheimer folgt ein Abschnitt zur Erklärung der Kernelemente nationalsozialistischen Judenhasses und der historischen Hintergründe des an den Harlanschen Süß Oppenheimer gerichteten Vorwurfs der Rassenschande. Daraufhin soll - zwangsläufig auf der Basis der bisher veröffentlichten Sekundärliteratur - ein möglichst fundierter Überblick gegeben werden über die Kernelemente der filmischen Bearbeitung durch Veit Harlan. Hier sollen insbesondere die antisemitischen Stereotype und Vorurteil benannt werden. Der Zweck dieses Teils der Arbeit soll es sein, einen Vergleich mit der Hauffschen Novelle bezüglich der diesem Werk immanenten antisemitischen Stereotype durchführbar zu machen. Damit ist der Kerngehalt der Arbeit erreicht, nämlich die Frage, inwiefern antisemitische Stereotype, wie sie in den dunkelsten zwölf Jahren deutscher Geschichte im 20. Jahrhunderts propagiert wurden, bereits in einer Novelle der (Spät-)Romantik antizipiert wurden. Ein Vergleich der Bearbeitungen des Jud Süß-Stoffes erscheint zu diesem Zwecke prädestiniert, da Vergleichspunkte zu Genüge gegeben sind und die filmische Bearbeitung des Stoffes in einem wichtigen antisemitischen Propagandafilm resultierte, weshalb sich die Frage nach dem antisemitischen Gehalt der Hauffschen Novellen-Fassung gleichsam aufdrängt.
3 Vgl. hier u.a. Thomas Henne: Der Umgang der Justiz mit Veit Harlans Jud Süß seit den 1950er Jahren: Prozesse, Legenden, Verdikte. In: Alexandra Przyrembel/Jörg Schönert (Hrsg.): „Jud Süß“. Hofjude, literarische Figur, antisemitisches Zerrbild. Frankfurt/Main, New York: Campus 2006, S. 263 - 292, hier S. 285 ff.
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2. Aufstieg und Fall des historischen Joseph Süß Oppenheimer Hofjuden „waren als Hof- und Heereslieferanten, Hofbankiers, Hofjuweliere und Diplomaten in Finanzangelegenheiten tätig, [...] [um das] Spannungsfeld zwischen hohem finanziellen Bedarf und geringen Einkünften“ 4 , in dem sich die Höfe im Zeitalter des beginnenden Absolutismus häufig befanden, zu reduzieren. „Zu jenen Zeiten [...] waren die Kaufleute hebräischen Glaubens auf dem Weg, eine allgemeine höfische Institution zu werden.“ 5 , schon im Jahr 1200 sei nachweislich der erste jüdische Finanzier bei einem christlichen Herrscher am Hofe gewesen. 6 Als prominenter Vertreter unter ihnen hat Joseph Süß Oppenheimer, der „1732 dem Prinzen Carl Alexander vorgestellt“ 7 und zwei Jahre später Hoffaktor am Hof des mittlerweile zum Herzog gekrönten Carl Alexander wurde, „mit seiner politischen Karriere [...] andere Hofjuden überrundet“ 8 , wirtschaftlich jedoch getan, was man von ihm erwartete: Oppenheimer „regelte die Warenwirtschaft im Land nach modernen, nämlich merkantilistischen Grundsätzen.“ 9 Dies „belastete die Untertanen Württembergs in bis dahin unbekanntem Ausmaß“ 10 , während es dem herzoglichen Hof zu mehr Liquidität verhalf, sodass folgerichtig Oppenheimer rasch zum Verantwortlichen der Misere der Untertanen gemacht wurde. Die politische Situation Württembergs war dabei ohnehin eine besondere, die aufgrund ihrer Konstellation kaum konfliktlos bleiben konnte, denn das Herzogtum Württemberg war „der Fall einer konstitutionellen Monarchie“ 11 , eine Sonderstellung im Reich mit Mitbestimmungsrechten für den Bauernstand, der „im Zeitalter des Absolutismus [...] freilich immer mehr entmachtet“ 12 wurde. Die Stände im Allgemeinen waren dabei evangelischer Konfession - Konfliktpotential bot da
4 Gudrun Emberger/Rotraud Ries: Der Fall Joseph Süß Oppenheimer. Zum historischen Kern und den Wurzeln der Medialisierung. In: Alexandra Przyrembel/Jörg Schönert (Hrsg.): „Jud Süß“. Hofjude, literarische Figur, antisemitisches Zerrbild. Frankfurt/Main, New York: Campus 2006, S.29 - 55, hier S. 31.
5 Schneider, Rolf: Süß und Dreyfuß. 1. Auflage, Göttingen: Steidl 1991, hier S. 10.
6 Vgl. Ebd., S. 13.
7 Emberger/Ries (2006), S. 34.
8 Ebd., S. 46.
9 Schneider (1991), S. 21.
10 Alexandra Przyrembel.: Einleitung: Joseph Süß Oppenheimer - zur Wirkungsmacht einer ikonischen Figur. In: Dies./Jörg Schönert (Hrsg.): „Jud Süß“. Hofjude, literarische Figur, antisemitisches Zerrbild. Frankfurt/Main, New York: Campus 2006, S.11 - 25, hier S. 14.
11 Schneider (1991), S. 15.
12 Ebd.
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schon die Tatsache, dass durch Herzog Carl Alexander als katholischen Monarchen der Unterschied der Konfessionen zum integralen Bestandteil des Konflikts um die Restaurationsbemühungen wurde. Mit dem plötzlichen Tod des Herzogs „am 12. März 1737“ 13 entlud sich der über die Zeit der Herrschaft Carl Alexanders angewachsene Hass der Landstände über Jud Süß 14 . Zu Zeiten des Prozesses gegen Süß Oppenheimer hat dieser auch nicht auf die Unterstützung der jüdischen Gesellschaft hoffen können, denn dieser„hat er [zu Lebzeiten] wenig gegeben, [er] machte sich vielmehr durch seinen Lebenswandel suspekt und setzte sich letztlich zwischen alle Stühle“ 15 . Die Rechtswillkür des folgenden Prozesses „begann mit der Festnahme ohne Haftbefehl, es folgte die verfrühte Beschlagnahmung des Vermögens.“ . 16 Das willkürliche Element des Prozesses zeigt sich auch darin, dass
„der Anklagepunkt 'fleischlicher Umgang mit Christinnen' [...] recht schnell wieder fallengelassen [wurde], weil zwar ein Gesetz den Geschlechtsverkehr zwischen Juden und Christen nicht gestattete, die darauf ausgesetzte Todesstrafe aber beiden Beteiligten drohte. Da nun zu Süß Oppenheimers diversen geliebten auch etliche Frauen aus Württembergs Hautevolee zählten, konnte und wollte sich die Gerichtskommission diesen Skandal nicht leisten.“ 17
Durch den ganzen Prozess hindurch ist dabei das geltende Recht durch die Ankläger mehrfach gebrochen worden 18 , sodass gelten kann, dass an Oppenheimer „ jene Laster abgestraft werden [konnten], für welche die Obrigkeit sich nicht strafen ließ“ 19 . So nenne auch das Urteil „keine Straftaten und [es] verweiger[e] eine Begründung.“ 20 Entsprechend hält Schneider fest „daß ungeachtet aller prozentualen Ausführlichkeiten eine vorgefaßte Rechtsbeugung stattfand und das gegen den Angeklagten verhängte
13 Emberger/Ries (2006), S. 40.
14 Vgl. Ebd., S. 40
15 Ebd., S. 47.
16 Haasis, Hellmut G.: Joseph Süß Oppenheimer, genannt Jud Süß: Finanzier, Freidenker, Justizopfer. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch 2001, S. 373. Diese neueste Biographie Oppenheimers bleibe „essayistisch und vor allem dem moralischen Ziel verpflichtet, das Unrecht des Todesurteils gegen Süß Oppenheimer nachweisen zu wollen.“ (Przyrembel (2006), S. 13.) Dem stimmen auch Emberger/Ries (2006), S. 30 zu. Das Haasis indes „auf Schubladen einer theoriefixierten Geschichtsdarstellung und erst recht auf eine eher verschleiernde als erklärende abstrakten Fachsprache“ Haasis (2001), S. 8 verzichten will, soll hier nicht als Begründung dienen, seine Oppenheimer-Biographie dennoch zu zitieren. Vielmehr soll die Tatsache maßgeblich sein, dass Haasis für seine Darstellung als erster sämtliche relevante Prozessakten auswertete; ein Umstand den auch Przyrembel (2006), S. 13 anerkennt.
17 Sandra Nuy: Paul Kornfeld: Jud Süss. Studie zu einer dramatischen Bearbeitung des ,Jud Süß'-Stoffes. Vanif/Salzburg: Verlag Ursula Müller-Speiser 1995, S. 14.
18 Vgl. Haasis (2001), S. 374.
19 Ebd., S. 40.
20 Ebd., S. 436.
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Arbeit zitieren:
Alexander Hoffmann, 2007, Die Antizipation der nationalsozialistischen Propaganda in Wilhelm Hauffs "Jud Süß", München, GRIN Verlag GmbH
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