Inhaltsverzeichnis
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1. Einleitung 1
2. Theoretische Grundlagen: Die Intertextualitätstheorie 3
3. Exkurs: Interpretation und Überinterpretation 6
4. Kafka und Intertextualität: Ein erster Zugang 8
4.1 Zu Kafkas Lektüren 8
4.2 Zu Kafkas intertextuellem Verfahren 10
5. Intertextuelle Bezüge in Kafkas Bericht 11
5.1 Zu Kafka und Homer 12
5.2 Zu Kafka und E.T.A. Hoffmann 14
5.3 Zu Tierdressur und Varieté 16
5.4 Zu Kafka und Wilhelm Busch 18
6. Zusammenfassung und Fazit 20
7. Literaturliste 21
7.1 Texte 21
7.2 Sekundärliteratur 21
1. Einleitung
„Kafkas weltliterarische Bedeutung manifestiert sich erstens in den Einflüssen, die von den Werken anderer Autoren auf Kafkas Oeuvre ausgegangen sind und zweitens in jenen, die es selbst auf die Werke anderer Autoren nahm.“ 1 Vor allem um die Einflüsse anderer Werke auf die Texte Franz Kafkas soll es in dieser Arbeit gehen. Sie macht es sich zur Aufgabe, die Möglichkeiten und Grenzen einer intertextuellen Interpretation von Kafkas Erzählung Ein Bericht für eine Akademie 2 herauszuarbeiten. Wenn in diesem Zusammenhang von Intertextualität gesprochen wird, ist der Ansatz von Julia Kristeva gemeint, der dieser Arbeit als maßgebliche theoretische Fundierung dienen soll. Und das gerade weil er mit einem höheren Grad an Unbestimmtheit operiert, als der zweite große, mit ihm konkurrierende Ansatz, zu dessen Vertretern etwa Ulrich Broich und Manfred Pfister zählen. Anders als deren Konzept, dass aufgrund des eng gesteckte Rahmens nur greifen kann, wenn intertextuelle Bezüge markiert und intendiert sind, geht Kristeva von einem Textbegriff aus, für den sie exemplarisch Kafkas Werke heranzieht: Gerade ihn sieht sie als einen Vertreter des polyphonen Romans des 20. Jahrhunderts, „der Sprache innerlich [...] macht“ 3 und deshalb ihrem Konzept eher zu entsprechen vermag. „Die Bezugnahmen auf Texte anderer Autoren in seinem eigenen Werk“, führt Dieter Lamping aus mit Blick auf Kafka zudem aus, „sind allerdings durchweg unmarkiert und deshalb nicht immer ohne weiteres zu identifizieren.“ 4 Damit geht Lamping konform mit Kristeva: Auch er ordnet die Werke Kafkas in die Reihe der Texte ein, die sich für eine Untersuchung nach dem eng gefassten Modell der Intertextualitätstheorie weniger eignen und eine Anwendung des Modells nach Kristeva empfehlen.
1 Monika Schmitz-Emans: Kafka und die Weltliteratur. In: Bettina v. Jagow/ Oliver Jahraus (Hg.): Kafka-
Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008, S.273-292, hier S.273.
2 Kafka, Franz: Ein Bericht für eine Akademie. In: Ders.: Drucke zu Lebzeiten. Hg. Von Wolf Kittler,
Hans-Gerd Koch und Gerhard Neumann. (Franz Kafka. Schriften Tagebücher Briefe. Kritische Ausgabe. Hg. Von Jürgen Born, Gerhard Neumann, Malcolm Pasley und Jost Schillemeit.) Frankfurt: S.Fischer 1994, hier S.299-313.
3 Julia Kristeva: Bachtin, das Wort, der Dialog und der Roman anzuführen. In: Dorothee Kimmich, Rolf
Günther Renner, Bernd Stiegler (Hg.): Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart. Durchgesehene und aktualisierte Auflage. Stuttgart: Reclam 2003, S.334-348, hier S.345.
4 Dieter Lamping: Franz Kafka als Autor der Weltliteratur. Einführung. In: Ders., Manfred Engel (Hg.):
Franz Kafka und die Weltliteratur. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2006, S.9-23, hier S.15.
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Der Widerspruch zwischen den beiden Ausrichtungen soll gleichsam als Anregung dienen, den Grad der Nachweisbarkeit der Bezüge zwischen dem Bericht und anderen Texten zu überprüfen. Wieso etwa Dubiel zu dem Fazit gelangt, dass nirgendwo im Text kontextuell markierte Bezugnahmen auf E.T.A. Hoffmanns
Erzählung Nachricht von einem gebildeten jungen Mann, Wilhelm Hauffs
Märchen Der Affe als Mensch und seine Erzählung Der junge Engländer, die
von Richard Wilhelm übersetzten Chinesischen Volksmärchen und Robert
Reinicks Die Fabel vom Affen, Gustave Flauberts Quidquid Volueris oder Wilhelm Buschs Fipps der Affe nachgewiesen werden konnten, 5
wird zu gegebener Zeit von Belang sein. Seine Folgerung aus diesem Befund, dass sofern „keine nachvollziehbare Korrespondenz zwischen Kafkas Text und seinen traditionellen Vorgängern aufgezeigt werden kann, [...] der Begriff Intertextualität nur im Sinne Kristevas gültig“ 6 sei, soll jedoch vorweggenommen werden, da sie als Rechtfertigung der Wahl des Kristevaschen Modells als theoretische Grundlage dieser Arbeit dienen kann. Im fünften Kapitel wird die Frage zu stellen sein, inwiefern sich dieses Modell für eine Interpretation des Berichts eignet. Das geschieht anhand ausgewählter Motivkomplexe unter den Stichpunkten Kafka und Homer (Kapitel 5.1), Kafka und E.T.A. Hoffmann (Kapitel 5.2), Tierdressur und Varieté (Kapitel 5.3) und Kafka und Wilhelm Busch (Kapitel 5.4)
Um Überlegungen zum benannten Problemkreis anstellen zu können, bedarf es jedoch zunächst einiger theoretischer Grundlagen. Diese werden im zweiten Kapitel dieser Arbeit dargestellt. Dabei wird vor allem der Ansatz Kristevas vorgestellt, um seine Stärken und Schwächen bei der Anwendung auf literarische Texte herausarbeiten zu können. Daraufhin wird - nach einem Exkurs zum Problemfeld der Überinterpretation im dritten Kapitel - im vierten Kapitel ein erster, allgemeiner Zugang zu Kafka erlangt über seine Lektüren einerseits (Kapitel 4.1) und sein intertextuelles Verfahren (Kapitel 4.2) andererseits. Das ermöglicht eine Betrachtung der intertextuellen Bezüge im Bericht für eine Akademie und die Skizzierung von Möglichkeiten einer Annäherung an die Fragestellung, inwiefern sich die von Julia Kristeva entwickelte, dekonstruktivistisch-poststrukturalistische Ausrichtung der Intertextualitätstheorie zur Anwendung an diesem Text eignet.
5 Jochen Dubiel: Dialektik der postkolonialen Hybridität. Die intrakulturelle Überwindung des kolonialen
Blicks in der Literatur. Bielefeld: Aisthesis 2007, S.243.
6 Ebd.
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2. Theoretische Grundlagen: Die Intertextualitätstheorie
Zwei divergierende Ausrichtungen bilden die Intertextualitätstheorie:
Verstehen die poststrukturalistischen Vertreter [...] den Text als Bestandteil
eines Archivs, als Permutation einer kulturellen Landschaft und im Anschluß an
Michail Bachtin als Kosmos dissonanter Diskurse [...], so versuchen die
Vertreter eines eng gefaßten Intertextualitästbegriffs das Phänomen aus Praktikabilitätsgründen klassifikatorisch in den Griff zu bekommen. 7
Während also das Interesse der auch als hermeneutisch-strukturalistisch bezeichneten Ausrichtung „bewussten, intendierten und markierten Verweisen eines Textes auf andere Texte [gilt], die dann in systematischer Weise erfasst, klassifiziert und analysiert werden sollen" 8 , geht es der dekonstruktivistisch-poststrukturalistischen Ausrichtung der Intertextualitätstheorie, die auf dem Konzept von Julia Kristeva basiert, um etwas anderes: Bezeichnend für ihr Konzept ist, dass Literatur und Gesellschaft in ihrem „Entwurf einer allgemeinen Kultursemiotik als Zeichensysteme verstanden“ 9 werden. Mit diesem weit gefassten Rahmen, verliert ihr Konzept an Präzision, indem es die gesamte Gesellschaft miteinbezieht. Dass es sich deshalb grundsätzlich möglicherweise weniger gut eignet für die Interpretation von Texten, darf daher bereits vermutet werden. Bei Kristeva wird die "Einheit eines Werkes [...] zugunsten eines textübergreifenden allgemeinen Zusammenhangs, der als Intertext bezeichnet wird, aufgelöst". 10 Das bedeutet gleichfalls, dass für Kristeva „auch die traditionellen Kategorien von Subjekt, Autor und Werk einer kritischen Revision unterzogen werden [müssen], da Werke keine abgrenzbaren Einheiten darstellen, immer kollektiv sind und der Autor im Schreibprozeß implizit und explizit fortwährend Verbindungen mit anderen Texten herstellt.“ 11 Es kann bereits festgehalten werden, dass das Konzept Kristevas mit einer derartigen Unbestimmtheit operiert, die es nur dann zur Anwendung auf literarische Texte empfiehlt, wenn das konkurrierende Konzept am Text scheitert:
7 Claudia Liebrand/ Franziska Schössler: Einleitung. In: Dies. (Hg.): Textverkehr. Kafka und die
Tradition. Würzburg: Königshausen & Neumann 2004, S.7-16, hier S.8.
8 Bernd Stiegler: Intertextualität. Einleitung. In: Ders., Dorothee Kimmich, Rolf Günther Renner (Hg.): Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart. Durchgesehene und aktualisierte Auflage. Stuttgart: Reclam 2003, S.327-333, hier S.328.
9 Ebd., S.327.
10 Ebd.
11 Ebd.,S.329, Herv.i.O.
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Erst wenn die grundsätzlich für die Anwendung bei einer Interpretation empfehlenswerter erscheinende hermeneutisch-strukturalistische Methode, die im Gegensatz zum Konzept Kristevas bezeichnenderweise von ihren geistigen Vätern auch für interpretatorische Zwecke ausgelegt wurde, an ihre Grenzen gelangt, sollte wohl zu Kristeva gegriffen werden.
Vereinfacht ausgedrückt, besteht der Unterschied zwischen den konkurrierenden Konzepten der Intertextualitätstheorie also vor allem im Abstraktionsgrad des jeweiligen Vorgehens: Die textnähere Ausrichtung in der Nachfolge vor allem Genettes, Stierles und Lachmanns erhält mit der Aufrechterhaltung der am literarischen Prozeß beteiligten Instanzen eine engere Rahmung, die ihr die Identifikation intertextueller Bezüge nur bei konkret fassbaren Bezugnahmen erlaubt. Damit ist siedas sei vermutet - vordergründig wohl tatsächlich besser für die Anwendung in der literaturwissenschaftlichen Praxis geeignet: Ein Abdriften in die Beliebigkeit kann bei der strikten Anwendung dieser theoretischen Ausrichtung quasi ausgeschlossen werden, weil es nicht zu einer Gradwanderung zwischen haltbaren und unhaltbaren Deutungsversuchen kommen kann. Kristevas Konzept hingegen, dass sich über den engen Rahmen konkret nachweisbarer Bezüge erhebt, ist diesbezüglich vielfältig kritisiert worden: Ihr Ansatz, erklärt etwa Stiegler, „steht im Verdacht, einem Irrationalismus zu verfallen und zugleich unbegründbare und beliebige neue Setzungen zu unternehmen.“ 12 So berechtigt die Kritik anmutet, so vorhersehbar ist sie auch. Bedeutsam ist es dementsprechend, darauf hinzuweisen, dass Kristevas Ausrichtung es gar nicht darauf anlegt, sich dienstbar zu machen für eine Interpretation: „Kristevas Konzept [hat] mit Fragen nach den konkreten Beziehungen zwischen literarischen Texten und ihrer Funktionalisierung für eine Interpretation nichts [...] zu tun. Textauslegung war jedoch auch nie ihr Erkenntnisziel.“ 13
Jedes Wort und jeder Text bekommen bei ihr einen dreifachen Sinn, woraus folgt, dass „das Wort (der Text) [...] eine Überschneidung von Wörtern (von Texten) [ist], in der sich zumindest ein anderes Wort (ein anderer Text) lesen läßt.“ 14 Die minimale Einheit der poetischen Sprache ist für Kristeva in Anlehnung an Bachtin eine doppelte. 15
12 Stiegler (2003), S.330.
13 Schedel (2002), S.224.
14 Kristeva (2003), S.337.
15 Vgl. Ebd., S.342.
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Arbeit zitieren:
Alexander Hoffmann, 2008, Kafka und Kristeva: Erprobung des Intertextualitätsmodells nach Julia Kristeva an Franz Kafkas "Bericht für eine Akademie", München, GRIN Verlag GmbH
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