Widmung
Für Benjamin, einen guten Freund, auf den man immer zählen kann.
Bei einem gemeinsamen Kneipenbesuch nach dem Tischtennistraining Anfang September dieses Jahres hatte er mich gefragt, warum denn das römische Reich untergegangen ist. Ich habe mir das Thema zu Herzen genommen und habe eine wissenschaftliche Arbeit dazu verfasst. Diese ist im Stile einer Seminararbeit geschrieben, wurde aber als keine Prüfungsleistung eingereicht.
Angefertigt vom 30. September bis zum 15. Oktober 2011
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1. Einleitung
„Nicht ich habe mein Reich verraten, Rom hat sich selbst verraten. Es kannte die Wahrheit, aber es wählte die Gewalt, es kannte die Menschlichkeit, aber es wählte die Tyrannei. Es hat sich doppelt erniedrigt: vor sich selbst und vor den anderen Völkern, die in seine Macht gegeben waren. Du stehst vor einem unsichtbaren Thron, Ämilian 1 , vor dem Thron der römischen Kaiser, deren letzer ich bin. […] Rom ist schwach geworden, eine taumelnde Greisin, doch seine Schuld ist nicht abgetragen, und seine Verbrechen sind nicht getilgt.“ 2 Mit diesem Monolog lässt Dürrenmatt in seiner Komödie „Romulus der Große“ den Kaiser Romulus Augustulus sich selbst rechtfertigen und sein Scheitern begründen. Man sieht also, der Untergang des römischen Reichs ist nach wie vor ein brisantes Thema. Diese Thematik fand auch Einzug in die Literatur, wie etwa in obigem Textauszug von Dürrenmatt- hier allerdings mit dem provokanten Oxymoron „eine ungeschichtlich-historische Komödie“ 3 . Primär steht für uns allerdings die historische Rezeption dieser Thematik im Zentrum des Interesses. Sowohl die genaue Datierung als auch die Suche nach den Ursachen und Gründen für den Untergang Roms sind ein Streitpunkt der historischen Forschung. So stellen sich folgende Fragen: Was war ausschlaggebend dafür, dass Westrom aufhörte zu existieren? Warum erging es dem oströmischen Reich besser, das weiterexistieren konnte “until the conquest of the city by the Turks […] in AD 1453“? 4 Und wie hätte der Untergang dieser einstigen Weltmacht verhindert werden können?
In der vorliegenden wissenschaftlichen Arbeit setze ich mich intensiv mit dem Untergang des weströmischen Reichs auseinander. Dabei soll ein Schwerpunkt auf die eigentlichen Ereignisse des fünften nachchristlichen Jahrhunderts und auf die eigentlichen Gründe für den Untergang des Westreichs gesetzt werden. Zunächst scheint mir eine chronologische Darstellung der wesentlichen Ereignisse notwendig, die dazu geführt haben, dass der römische Kaiserthron obsolet wurde und sich in Italien ein gotisches Königtum etablieren konnte. In diesem Zusammenhang wird
1 Im Drama der Verlobte von der Tochter des Kaisers und somit offensichtlich eine Nebengestalt ohne
historische Relevanz.
2 Vgl. Friedrich Dürrenmatt, Romulus der Große. Eine ungeschichtliche Komödie in vier Akten, Zürich
1980, S.91f.
3 Zur Interpretation dieses Untertitels vgl. Wilhelm Große, Friedrich Dürrenmatt. Romulus der Große -
Interpretation, München 1990, S.29.
4 Vgl. Averil Cameron, The later Roman Empire. AD 284-430, Glasgow 1993, S.187. Im Folgenden
zitiert als: Cameron, later Roman Empire, [mit Seitenangaben].
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auch kurz in den nötigen Grundzügen überblickhaft auf die Entwicklung des oströmischen Reichs in diesem Zeitraum eingegangen. Der darauffolgende Teil meiner Arbeit befasst sich dann mit der eigentlichen Analyse der soziopolitischen und militärischen Verhältnisse in Rom, und beschäftigt sich insbesondere mit den eigentlichen Ursachen für den Untergang des imperium Romanum mit wichtigen Vertretern der historischen Forschung als Grundlage. In diesem Kontext werden die Erklärungsversuche für den Untergang des weströmischen Reichs auch gegeneinander abgewogen. Dabei soll meine Grundthese untermauert werden: Zwei Faktoren waren ausschlaggebend dafür, dass Rom den „Barbarenvölkern“ erlegen ist, nämlich einerseits die Schwäche der Kaiser im Vergleich zu den Heermeistern, andererseits ein tiefgreifender Wandel des römischen Militärwesens. Im Rahmen dieser Arbeit lässt sich selbstverständlich kein Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Das Ziel meiner Ausführung ist vielmehr eine grundsätzliche Darstellung des Untergangs des weströmischen Reiches sowie eine Beschäftigung mit den wichtigsten Erklärungstheorien für diesen Untergang in ihren jeweiligen Grundzügen. Insbesondere die Arbeit mit Quellentexten erschien mir dabei unabdingbar. Als Quellen wurden verwendet: Prokopios, Jordanes, Ammianus Marcellinus, Cassiodor, Synesios von Kyrene, Justinian sowie eine anonyme Theoderich-Biographie. Im Fließtext habe ich zu den lateinischen Textstellen eine deutsche Übersetzung angefertigt und die Zitate jeweils in der Fußnote auf Latein angeführt. 5 Diese Übersetzungen aller zitierten Textpassagen wurden von mir selbst verfasst, wobei mir eine grundsätzlich wortnahe Wiedergabe sinnvoll erschien.
2. Überblick über das Ende des weströmischen Reiches
Hildebert von Lavardin schrieb im elften Jahrhundert folgende Verse: „Nichts ist dir, Rom, gleich, obwohl du nun fast gänzlich eine Ruine bist. Jetzt lehrst du uns in Trümmern, wie groß du gewesen, als du noch heil warest. Die Stadt ist gefallen, über die ich, wenn ich mich denn dazu abringe, irgendwas Würdiges zu sagen, nun Folgendes zu sagen vermag: Rom ist gewesen.“ 6
5 Eine Ausnahme bildet hierbei der griechische Historiker Prokopios, da selbiger nicht auf Lateinisch,
sondern auf Griechisch schrieb. Entsprechende Textstellen werden in Übersetzung angegeben.
6 Vgl. Hildebert von Lavardin, de Roma, in: Carmina Minora, Nr.36, hrsg. v. Brian Scott, Leipzig 1969,
S.22f. Zitat: Par tibi, Roma, nihil, cum sis prope tota ruina; Quam magni fueris integra, fracta doces.
Urbs cecidit, de qua, si quicquam dicere dignum Moliar, hoc potero dicere: Roma fuit!
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Rom war untergegangen. Jahrhunderte später blickte man auf den einstigen Glanz der Stadt zurück. Nun sollen die Ereignisse des fünften Jahrhunderts rekapituliert werden, in den sich der Übergang von der Spätantike zum Mittelalter 7 manifestiert.
2.1 Das Westreich unter Honorius
Im Jahr 395 kam es zu einer grundlegenden Veränderung der inneren Struktur des römischen Reichs: die Teilung des imperium Romanum in ein Westreich und ein Ostreich. Im Folgenden soll die Entwicklung des Westreichs unter seinem Herrscher Honorius betrachtet werden.
2.1.1 Die Reichsteilung nach Theodosius‘ Tod
Jordanes berichtete im Jahr 5518 in seiner Getica: „Nachdem aber Theodosius, ein Liebhaber von Frieden und dem Volk der Goten, aus dem menschlichen Leben geschieden war, und seine in Dekadenz lebenden Söhne begonnen hatten, beide Staaten zugrunde zu richten…“ 9 In einer antithetischen Gegenüberstellung stellt der gotische Historiker den Theodosius sehr positiv dar, während seine beiden Söhne als die eigentlichen Totengräber des imperium Romanum gedeutet werden. Hier ist es allerdings bedeutsam, dass Jordanes von utramque rem publicam spricht. Tatsächlich war beim Tod von Theodosius eine Reichsteilung keineswegs beabsichtigt, seine beiden Söhne Arcadius und Honorius sollten ein commune imperium ausüben 10 , das dann allerdings immer mehr zu einer Teilung in ein Westreich und ein Ostreich führte. Betrachten wir nun, wie die beiden Reiche in den Quellen bezeichnet werden: als Hesperium Romanae gentis imperium, als Orientale imperium und Occiduum
7 Es gibt auch eine Theorie, die den Beginn des Mittelalters erst mit der Kaiserkrönung Karls des
Großen im Jahr 800 ansetzt. Diese lehne ich allerdings aus verschiedenen Gründen ab, vor allem,
weil bereits im sechsten Jahrhundert sich Züge im ehemaligen imperium Romanum durchsetzten, die
eindeutig als „mittelalterlich“ anzusehen sind. Der genaue Beginn des Mittelalters kann allerdings im
Rahmen dieser Arbeit nicht tiefgründiger behandelt werden. Er variiert zwischen der Kaiserkrönung
von Constantin dem Großen und dem Theoderichs Sieg gegen Odoaker.
8 Alle Jahresangaben, wenn nicht anders angegeben, nach Christus.
9 Jordanes, Getica, in: Jordanis, Gotengeschichte, hrsg. v. Wilhelm Martens, Leipzig 1913, Kap.
XXIX,146. Im Folgenden zitiert als: Jordanes, Getica, [mit Kapitelangabe]. Zitat: Postquam vero
Theodosius amator pacis generisque Gothorum rebus excessit humanis coeperuntque eius filii
utramque rem publicam luxuriose viventes adnihilare…
10 Vgl. Hartwin Brand, Das Ende der Antike. Geschichte des spätrömischen Reichs, München 2010,
S.68f. Im Folgenden zitiert als: Brand, Ende der Antike, [mit Seitenangaben].
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imperium oder einfach nach den beiden Hauptstädten, bezeichnend ist auch die parallele Verwendung von den Termini utraque res publica und unicum imperium. Bezüglich dieser Bezeichnungen verweise ich auf die Darstellung von V RADY. 11 Theodosius wird von LEPPIN für seinen „Schritt zur Integration von Staat und Kirche“ 12 gelobt. Lob ist seinen Nachfolgern allerdings ebenso wenig beschieden wie der Ehrenzusatz „der Große“. Honorius und Arcadius gingen als „Kinderkaiser“ in die Geschichte ein: Arcadius war 17 oder 18 Jahre alt, Honorius nur 10 Jahre. 13 Im Folgenden befassen wir uns ausschließlich mit der darauffolgenden Entwicklung im sogenannten Westreich unter Kaiser Honorius.
2.1.2 Konflikt mit den Westgoten unter Alarich
Es versteht sich von selbst, dass ein zehnjähriger Kaiser unmöglich das römische Reich regieren konnte. Hier möchte ich auf GÜLDENPENNING und seine Theodosius-Biographie verweisen, in der es wie folgt heißt: „Seine Kinder hatte er bereits dem Stilicho, dem nächsten anwesenden Anverwandten, empfohlen. […] Vielleicht hoffte er, dass die starke Hand des Stilicho bei der Jugend seiner Söhne beide Reiche vor Gefahren schützen werde, und hatte ihn besonders darum gebeten.“ 14 Stilicho hatte den Posten eines Heermeisters inne - und so etablierte sich diese Stellung des Heermeister zum mächtigsten Amt in Rom: Die politischen Entscheidungen wurden nicht mehr vom Kaiser, sondern von Stilicho getroffen. Die schlimmsten Feinde Roms waren zu dieser Zeit die Westgoten. 15 Aufgrund des Hunnensturms kam es zu einer Westwanderung der Goten. Wer aber waren diese Goten, die plötzlich zu einer akuten Gefahr für das römische Westreich wurden und gerade zu Beginn des fünften Jahrhunderts eine erhebliche Bedrohung darstellten? Der spätantike griechische Historiker Prokopios von Caesarea beschreibt zu Beginn seines Werkes über den Vandalenkrieg die Goten wie folgt:
11 Vgl. Ĺ szĺ V́ rady, Epochenwechsel um 476. Odoaker, Theoderich d. Gr. Und die Umwandlungen,
Budapest 1984, S.19ff. Im Folgenden zitiert als: V́ rady, Epochenwechsel, [mit Seitenangaben].
12 Vgl. Hartmut Leppin, Theodosius, in: TRE, hrsg. v. Gerhard Müller, Berlin, 1998, Band 33, S.255f.
13 Vgl. Hans-Joachim Gehrke u.a., Geschichte der Antike. Ein Studienbuch, Ulm 2010, S.418. Im
Folgenden zitiert als: Gehrke, Antike, [mit Seitenangaben].
14 Vgl. Albert Güldenpenning u.a., Der Kaiser Theodosius der Grosse. Ein Beitrag zur römischen
Kaisergeschichte, Hildesheim 2006, S.231.
15 Bezüglich der Geschichte der Goten möchte ich auf folgende Darstellung verweisen: Pedro de Palol
u.a., Die Goten. Geschichte und Kunst in Westeuropa, Stuttgart 1990. Die Vorgeschichte der Goten
wird auf S.19ff. behandelt. Das Werk wird im Folgenden zitiert als: Palol, Goten, [mit Seitenangaben].
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„Alle haben sie eine weiße Hautfarbe, blonde Haare, sind groß von Gestalt und schön von Gesicht.“ 16
Der größte Gegenspieler Stilichos war Alarich, der König der Westgoten. Nachdem die Goten 397 Attika und die Peloponnes geplündert hatten, marschierten sie 401 gegen Italien, wo Stilicho sie zunächst noch bezwingen konnte. Allerdings ließ Honorius Stilicho fallen und der Heermeister wurde im Jahr 408 ermordet. 17 Ob er auf Geheiß des Kaisers oder nur unter deren Billigung ermordet wurde, das muss hier offengelassen werden.
2.1.3 Die Plünderung Roms durch die Westgoten
Zwei Jahre später wurde Rom von den Westgoten eingenommen und geplündert. Bei Prokopios wird die Einnahme Roms wie folgt dargestellt: „Sie plünderten die ganze Stadt, tödteten [sic!] die Mehrzahl der Römer und zogen weiter.“ 18
Nach ausgiebigen Plünderungen zogen die Goten wieder ab. Dabei war nach PALOL der Mord an Stilicho ein wichtiger Faktor, der die Einnahme Roms für die Westgoten in Ermangelung des stärksten Verteidigers, den Stilicho darstellte, durchaus erleichterte. 19 Dabei sollen gemäß der Ausführungen des Historikers Prokopios einige Barbaren-Sklaven den Goten die Stadttore geöffnet haben. 20 Dass Rom nach der Plünderung durch die Goten weiterexistieren konnte, ist wahrscheinlich auf den Tod Alarichs im Folgejahr und auf seinen gemäßigteren Nachfolger Athaulf zurückzuführen. Schauen wir uns abschließend eine Anekdote an, in der Prokopios die Reaktion von Honorius schildert, als dieser von der Einnahme Roms erfährt: „Wie man erzählt, hatte damals der Kaiser Honorius in Ravenna einen Eunuchen, welcher die Aufsicht über den Hühnerhof führte; dieser meldete ihm, dass Rom verloren sei; er aber schrie laut auf und sagte: ,Sie hat doch eben erst aus meiner Hand gefressen‘. Er hatte nämlich eine sehr große Henne, die Roma hieß. Da begriff erst der Eunuch, was der Kaiser meinte,
16 Vgl. Prokop, Vandalenkrieg, hrsg. v. David Coste, Leipzig, o.J., I.2., im Folgenden zitiert als: Prokop,
Vandalenkrieg, [mit Kapitelangaben].
17 Vgl. Brand, Ende der Antike, S.72ff.
18 Vgl. Prokop, Vandalenkrieg, I.2.
19 Vgl. Palol, Goten, S.27f.
20 Vgl. Prokop, Vandalenkrieg, I.2.
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Domenic Schäfer, 2011, Der Untergang Roms - Chronologischer Überblick und Ursachendiskussion, München, GRIN Verlag GmbH
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