Universität Karlsruhe (TH) Institut für Literaturwissenschaft
Proseminar Sprach-, Kommunikations- und Mediengeschichte des Deutschen im europäischen Kontext (WS 02/03)
Betreff: Hausarbeit
Thema:
Das mittelalterliche Drama im sozial-religiösen Kontext
Suzana Dulabic
3
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
1.1 Definition
1.2 Zeitraum
1.3 Schauplätze
1.4 Quellen
2. Charakteristika
2.1 Stoffe
2.2 Sprachliche Form
2.3 Bühnengestaltung
2.4 Darstellungsweise
2.5 Darstellungsabsichten
3. Entwicklung
3.1 Die Anfänge
3.2 Spätmittelalter
3.3 Das Ende
4. Die Personen auf und hinter der Bühne
4.1 Die Autoren
4.2 Die Schauspieler und Spielleiter
5. Die verschiedenen Formen
5.1 Das Passionsspiel
5.2 Das Fronleichnamsspiel
5.3 weitere Formen
6. Zusammenfassung
4
1. Einleitung:
Meine Hausarbeit beschäftigt sich mit dem mittelalterlichen Drama im sozial-religiösen Kontext. Zunächst gebe ich einen Überblick über diese Dramenform im Allgemeinen, später gehe ich auf die Entwicklung des geistlichen Dramas, im Zusammenhang mit dem Übergang vom gradualistischen Weltbild 1 zum Nominalismus 2 , ein. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt darin, zu zeigen, wie sich diese Form des Theaters, von den Anfängen im 10. Jahrhundert bis zu seinem Ende im 16. Jahrhundert, mit der Gesellschaft entwickelt hat.
1.1 Definition:
Das mittelalterliche, geistliche Drama war eine „Art geistliche Oper“ 3 , ein Schauspiel in der Kirche. Es wurden Szenen aus der Bibelgeschichte dargestellt, die den Christen, optisch und akustisch, ihre Religion näher bringen sollten und ihn zu einem gläubigen Wesen erziehen sollten 4 . Das geistliche Drama des Mittelalters war zu seiner Zeit ein „Medium der Volksunterweisung“ 5 . Zusammengefasst kann man sagen, dass es eine „dramatisch szenische Darstellung geistlicher Stoffe“ ist, „welche Belehrung und Veranschaulichung bezweckt und die auf einer symbolistischen Simultanbühne, oft als Simultanhandlung aufgeführt wird“ 6 .
Auffallend ist, dass das geistliche Drama im 9./ 10. Jahrhundert von der Kirche eingeführt wurde und später, im 16. Jahrhundert, von der Kirche verboten wurde. 7
1.2 Die Ursprünge:
Nach langer theaterloser Zeit entwickelte sich im 10. Jahrhundert, aus der Liturgie des Christentums, das religiöse Theater des Mittelalters.
1 Heinz Kindermann: Theatergeschichte Europas 1. Band, Salzburg, 1957, S. 214
Das Wort Gradualismus setzt sich zusammen aus Dualismus (=Unterordnung des Geschöpfs unter die göttliche Allmacht) und gradus (=Stufe, Einordnung des Menschen in den von Gott bestimmten Stufenbau).
2 Heinz Kindermann: Theatergeschichte Europas 1. Band, Salzburg, 1957, S. 218
Der Nominalismus erklärt die Idee und die Begriffe als bloße Namen (nomina) der Dinge ohne metaphysische Realität. Er bedeutet auch die Isolierung des Leibes.
3 Heinz Kindermann: Theatergeschichte Europas 1. Band, Salzburg, 1957, S. 213
4 Hans- Jürgen Koch (Hg.): Mittelalter 2. Stuttgart 1984, S. 263
5 Carla Dauven- van Knippenberg: „Ein Anfang ohne Ende: Einführendes zur Frage nach dem Verhältnis zwischen Predigt und geistlichem Schauspiel des Mittelalters“. In: Mittelalterliches Schauspiel. Festschrift für Hansjürgen Linke zum 65. Geburtstag; hrsg. Von U. Mehler & A.H Touber, Amsterdam, 1994, S. 155
6 Carla Dauven- van Knippenberg: „Ein Anfang ohne Ende: Einführendes zur Frage nach dem Verhältnis zwischen Predigt und geistlichem Schauspiel des Mittelalters“. In: Mittelalterliches Schauspiel. Festschrift für Hansjürgen Linke zum 65. Geburtstag; hrsg. Von U. Mehler & A.H Touber, Amsterdam, 1994, S. 151
7 Erika Fischer-Lichte: Geschichte des Dramas: Band 1: Von der Antike bis zur deutschen Klassik, 1990 Tübingen, S. 65
5
Die Kirche sah das Theater bisher immer als sittenlos und sündig an 8 , doch da sie sich ausbreiten wollte und nach mehr Anhängern trachtete, führte sie das Kirchenschauspiel als Teil des Gottesdienstes ein. Damit wollte sie Gläubige aus dem Volk anlocken, die normalerweise nicht in die Kirche gehen würden und sie vom heidnisch-antiken Theater ablenken 9
Somit ist das geistliche Drama eine echte Neuschöpfung, da das Theater (nach der Antike) wiedergeboren wurde. Es hatte religiöse Ursprünge. 10
1.3 Der Zeitraum
Der genaue Wirkungszeitraum des geistlichen Dramas ist wie in vielen anderen Bereichen der Literaturwissenschaft nicht genau anzugeben, doch er ist überschaubar. „Die griechische Kirche scheint schon im 9. oder 10. Jahrhundert religiös-theatralische Kirchenraumspiele veranstaltet zu haben“ 11 , jedoch nur im Rahmen des Gottesdienstes. Im Laufe der Zeit wurden die Spiele aber immer populärer. Mit der Entwicklung der Gesellschaft wurden sie aus der Kirche „herausgebracht“ und dem Volk „nahegebracht“. 12 Auch andere Länder wie Italien, Frankreich, England, Böhmen und die Niederlande fanden Gefallen an den Spielen. 13 Die zunehmende Verweltlichung führte dann im 16. Jahrhundert dazu, dass die Kirche mehrere Verbote aussprach und sie unterdrückte. 14 Im 17. Jahrhundert gab es vereinzelt in abgelegenen Dorfgegenden noch Aufführungen, doch auch diese verschwanden mit der Zeit. 15
1.4 Die Schauplätze
Anfangs war die Kirche einziger Schauplatz für die geistlichen Spiele, doch durch den Zusammenbruch des gradualistischen Weltbildes und der somit resultierenden Verselbstständigung der Menschen 16 , entwuchs das Theater der Kirche 17 . Es kam zu einer Loslösung vom Gottesdienst, die dazu führte, dass die Schauspiele nun draußen, also an nichtkirchlichen Orten, stattfanden. Der Ort hierfür war zumeist der Marktplatz, da er der
8 Peter Simhandl: Theatergeschichte in einem Band, Berlin 1996
9 Heinz Kindermann: Theatergeschichte Europas 1. Band, Salzburg, 1957, S. 213
10 Peter Simhandl: Theatergeschichte in einem Band, Berlin 1996
11 Heinz Kindermann: Theatergeschichte Europas 1. Band, Salzburg, 1957, S. 212
12 Erika Fischer-Lichte: Geschichte des Dramas: Band 1: Von der Antike bis zur deutschen Klassik, S. 64 ff.
13 Klaus Kanzog &Achim Masser (Hgg.): Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, Bd. 4, 2. Aufl., Berlin/NewYork, S. 78
14 Erika Fischer-Lichte: Geschichte des Dramas: Band 1: Von der Antike bis zur deutschen Klassik, S. 88
15 Erika Fischer-Lichte: Geschichte des Dramas: Band 1: Von der Antike bis zur deutschen Klassik, S. 87 ff.
16 Heinz Kindermann: Theatergeschichte Europas 1. Band, Salzburg, 1957, S. 218
17 Friedrich Michael & Hans Daiber: Geschichte des deutschen Theaters, Frankfurt am Main, 1989, S. 13
6
größte Platz in einer Stadt war. 18 Andere Spielorte waren auch die „Straßen der Städte, Säle in den Ratshäusern, Wirtshäuser und die Stuben privater Häuser“ 19
1.5 Die Quellen
Die Hauptquelle für alle geistlichen Dramen war natürlich die Bibel mit allen heilsgeschichtlichen Ereignissen. 20 Aber auch Legenden und Apokryphen hatten Einfluss. Wichtig ist vor allem, dass fast keine Spielgruppe ihre Stücke selber schrieb. Es waren meistens schon überlieferte Texte, von Geistlichen geschrieben, die dann für die Aufführungen umgeschrieben und bearbeitet wurden. 21
2. Charakteristika 2.1 Die Stoffe
Bei der Darstellung der biblischen, apokryphen und legendarischen Stoffe stand „die Geburt, Passion und Auferstehung Jesu eindeutig im Zentrum“ 22 . Szenen wie die Jüngerberufung, die Bergpredigt und die Tempelreinigung erfreuten sich der meisten Beliebtheit. Auch stand Jesu öffentliches Wirken 23 , wie diverse Heilungen von Blinden, Lahmen und Krüppeln und die Auferweckungen des Jünglings von Naim und der Tochter des Jairus und des Lazarus, im Vordergrund. Die Passion Jesu ist jedoch zumeist am Ausführlichsten und in allen Details dargestellt. Es beginnt beim Einzug in Jerusalem. Gezeigt werden das Abendmahl, die Gefangennahme, Verhöre, Verurteilung und Kreuzigung bis zum Begräbnis. 24 Vor allem solche Szenen waren wichtig, denn sie waren für das Volk eine Art Belehrung. Das realistische Schauspiel der Geschichte sollte ein Mitleiden, die „compassio“, beim Publikum erregen. Die Menschen sollten einsehen, dass man die Aufopferung Jesu wertschätzen sollte, da er sich für uns alle geopfert hat. Das Publikum sollte den Leidensweg Christi direkt miterleben und hautnah verfolgen. 25
Abgesehen von den Stoffen, die Jesu Leben betrafen, wurden auch Stoffe aus dem Alten Testament verwendet, die „heilsgeschichtlich der Erlösung durch Jesu zugeordnet waren“ 26 .
18 http://soziales.freepage.de/cgi-bin/feets/freepage_ext/41030x030A/rewrite/sozarbeit/g... (existiert nicht mehr)
19 Manfred Brauneck: Die Welt als Bühne: Geschichte des europäischen Theaters, Band 1, Stuttgart-Weimar, 1993, S.
20 Erika Fischer-Lichte: Geschichte des Dramas: Band 1: Von der Antike bis zur deutschen Klassik, S. 66
21 Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, S. 67 ff.
22 Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, S. 67
23 Erika Fischer-Lichte: Geschichte des Dramas: Band 1: Von der Antike bis zur deutschen Klassik, S. 80
24 Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, S. 67
25 Heinz Kindermann: Theatergeschichte Europas 1. Band, Salzburg, 1957, S. 220
26 Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, S. 78
Arbeit zitieren:
Suzana Dulabic, 2003, Das mittelalterliche Drama im sozial-religiösen Kontext, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Methoden der Spannungserzeugung bei Heinrich von Kleists "Zweikam...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 9 Seiten
Ein zweideutiges Gottesurteil: Heinrich von Kleist 'Der Zweikampf&...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 14 Seiten
Das Papsttum als Ausgeburt der Hölle
Ein populäres Motiv deutscher ...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 13 Seiten
Das mittelalterliche Drama als sozial-religiöses Medium
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit, 17 Seiten
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Referat (Ausarbeitung), 14 Seiten
Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit, 28 Seiten
Zur Kurzgeschichte mit einer Interpretation der Kurzgeschichte "D...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Textwissenschaftliche und fachdidaktische Analyse der Kurzgeschichte &...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Die Kontroverse um den handlungs- und produktionsorientierten Literatu...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Zeit und Zeitrechnung im Umfeld der 'Karolingischen Renaissance...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Das Menschenbild Niccolo Machiavellis in 'Il Principe' / '...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit, 14 Seiten
Interpretation von Josef Redings Kurzgeschichte "Generalvertreter...
Mit didaktischen Anmerkungen f...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Unterrichtsentwurf, 5 Seiten
Heinrich IV. in der Krise. Fürstenopposition und Kirchenpolitik 1065-1...
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Seminararbeit, 20 Seiten
Friedrich II. (der Große) und die Aufklärung
Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung
Hausarbeit, 23 Seiten
Suzana Dulabic hat den Text Das mittelalterliche Drama im sozial-religiösen Kontext veröffentlicht
Suzana Dulabic hat einen neuen Text hochgeladen
Sprache Kommunikation Medien 5. Schülerbuch. Neubearbeitung 2004. Gymn...
Klaus Vonderwerth, Verena Walter, Mareike Zastrow
Ökonomie, Sprache, Kommunikation
Neuere Einsichten zur Ökonomie
Alihan Kabalak, Birger P. Priddat, Elena Smirnova
Atlas zur Geschichte der Deutsch-mittelalterlichen Baukunst in 86 Tafe...
Mit erläuternden Texten von Ma...
Georg Gottfried Kallenbach
Die Verletzbarkeit sprachlicher Wesen. Die frühe Sprachphilosophie Wal...
Alexanader M. Heil
Audio-Branding im aktuellen Kontext der Marken-Kommunikation
Zur Struktur und Funktion der ...
Martin Straka
0 Kommentare