Diese erste Annäherung an die Rede von der „Entzauberung der Welt“ soll darauf hinweisen, daß sich der Begriff längst aus den Sinnzusammenhängen des Weberschen Werkes gelöst hat. Oft drückt er nur eine dunkle Ahnung vom schleichenden Verlust eines metaphysischen Weltverhältnisses aus. Zuweilen wird er als aufklärungskritisches Schlagwort gebraucht. Der kanadische Sozialphilosoph Charles Taylor etwa nutzt den Begriff der „Entzauberung der Welt“ um die „zwei Jahrhunderte“ des „radikalen Aufklärungsnaturalismus“ zu umschreiben. 3 Die folgende Untersuchung fragt nach dem ursprünglichen Sinn der Weberschen Entzauberungsformel, damit aber auch indirekt nach dem Grund für ihre beachtliche Wirkungsgeschichte außerhalb des genuin religionssoziologischen Kontextes. Für die Möglichkeit dieser Wirkung lassen sich zwei Ursachen ausmachen: das emotionale Potential des Begriffes selbst und der merkwürdige Umstand, daß Weber diesen Begriff ganz im Gegensatz zu seiner üblichen, streng wissenschaftlichen Vorgehensweise nirgends in seinen Werken ausdrücklich - und damit exakt und einheitlich - definiert hat. Die Emotionalität, die dem Begriff der „Entzauberung der Welt“ anhaftet, erklärt sich wohl aus dem metaphysischen Bedürfnis des Menschen, einer anthropologischen Konstante, die gerade in Zeiten „positivistischer“ Weltanschauungen starke moralische und emotionale Reaktionen auslöst. Skeptizismus, Pessimismus und Nihilismus sind oft Ausdrucks-formen eines Gefühls des transzendenten Mangels. Daß die Entzauberungsformel dieses Gefühl bedient und ihm eine „tragische“, den unwiederbringlichen Verlust eines „heilen“ Kosmos beklagende Wendung verleiht, ist verständlich. Weniger verständlich erscheint zunächst der Verwirrung stiftende Gebrauch des Begriffes bei Max Weber selbst. Wie Friedrich H. Tenbruck in seinem Aufsatz Das Werk Max Webers 4 nachweist, erhält der Begriff der „Entzauberung der Welt“ innerhalb der Gesammelten Aufsätze zur Religionssoziologie 5 (1920) eine Bedeutung, die er ursprünglich nicht besaß. Weber sprach in dem 1904 erschienenen Aufsatz Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus 6 lediglich von den „strengen Calvinisten“, die die radikale „Entwertung aller Sakramente als Heilsmittel“ durchsetzten und „so die religiöse
3
Taylor benutzt die Webersche Entzauberungsformel in mehreren Werken. Als Beispiel sei hier auf ein Werk verwiesen. Charles Taylor:
Das Unbehagen an der Moderne.
Frankfurt a. M., 1997. S. 9; S. 11.
4 Friedrich H. Tenbruck: Das Werk Max Webers. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Nr. 27, 1975. (S. 663-702) S. 667.
5 Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. 3 Bde. Tübingen, 1988. Im folgenden als „GARS“ mit römisch bezifferter Bandangabe bezeichnet.
6 Max Weber: Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. In: GARS I. (S. 17-206). Der Aufsatz erschien zuerst 1904 und wurde für die GARS überarbeitet.
2
»Entzauberung« der Welt in ihren letzten Konsequenzen“ 7 vollzogen. In den GARS (sowie in den religionssoziologischen Passagen von Wirtschaft und Gesellschaft 8 [1922] )wird aus dieser christlichen, im eigentlichen Sinne inner-protestantischen Entwicklung nun ein universalgeschichtliches Phänomen, das in allen Weltreligionen zumindest Ansätze zeigt, im Okzident aber, als „jener große religionsgeschichtliche Prozeß der Entzauberung der Welt, welcher mit der altjüdischen Prophetie einsetzte und, im Verein mit dem hellenischen wissenschaftlichen Denken, alle magischen Mittel der Heilssuche als Aberglaube und Frevel verwarf“ 9 , am weitesten fortgeschritten ist. Doch damit nicht genug. In seinem Vortrag Wissenschaft als Beruf 10 (1919) wird der wissenschaftliche Glaube an die „technischen Mittel“, mit denen man „alle Dinge - im Prinzip - durch Berechnen beherrschen könne“ als „die Entzauberung der Welt“ bezeichnet. Der „in der okzidentalen Kultur durch Jahrtausende fortgesetzte Entzauberungsprozeß“ wird zwar noch als religionsgeschichtlicher Horizont aufgerufen und der wissenschaftliche „Fortschritt“ als „Glied und Triebkraft“ 11 dieses Prozesses damit in denselben eingebunden. Im Zentrum dieses Gedankenganges steht jetzt aber ein ethisches Problem: der Verlust des Sinns in einer metaphysiklosen Welt, die durch „intellektualistische Rationalisierung“ („durch Wissenschaft und wissenschaftlich orientierte Technik“ 12 ) ihr verbindliches ethisches Ordnungssystem verliert und in eine moralische Werte-Krise stürzt. Wärend die „Entzauberung der Welt“ innerhalb Webers religionssoziologischer Untersuchungen also einen Prozeß beschreibt, der - bald von der frühen Protestantismusthese abgelöst - gerade durch die Ausformung der Weltreligionen entsteht und aufgrund ihrer rationalistischen Stellungnahmen zur und intellektualistischen Durcharbeitungen der Welt fortschreitet, beschreibt die Ent-zauberungsformel in Wissenschaft als Beruf einen kritischen Endpunkt, einen prozeßlosen Zustand, der gerade den Wegfall des religiösen Weltverhältnisses konstatiert.
In der Forschungsliteratur, die den Begriff der „Entzauberung der Welt“ als Problem aufnimmt, hat sich wohl aus dieser vertrackten Situation heraus ein merkwürdiges, Differenzen in Detailfragen überlagerndes Interpretationsmuster durchgesetzt. Da der Webersche Entzauberungsbegriff nicht einheitlich gefaßt werden kann, solch eine
8 Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie. Tübingen 1980. Im folgenden als „WG“ bezeichnet.
9 Weber: GARS I, S. 94.
10 Max Weber: Wissenschaft als Beruf. Stuttgart, 1995.
11 Ebd., S. 19.
12 Ebd., S. 18.
3
Lösung aber erwartet wird, versucht man ihn an andere, scheinbar unproblematischere Begriffe anzubinden. So setzt Johannes Winckelmann den Entzauberungsprozeß mit der „Entmagisierung“, beziehungsweise dem „intellektuell-rationalen Fortschritt“ 13 gleich, wärend Günter Dux schlicht die „Säkularisierung“ 14 als Entzauberungssynonym anbietet. Friedrich H. Tenbruck spricht schließlich ganz allgemein vom „Rationalisierungsprozeß“, den er auch als „Modernisierung“ 15 faßt. All diese Verweise auf thematisch nahestehende Begriffe haben ihre Berechtigung, können aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Begriff der „Entzauberung der Welt“, den Weber durchaus gezielt in resümierenden - die religionssoziologischen Einzeluntersuchungen teilweise „philosophisch“ übersteigenden - Werkpassagen anwendet, einen selbständigen Bedeutungshorizont haben muß.
In der folgenden Untersuchung soll dieser Horizont ausgeleuchtet werden und damit von einer vorschnellen, die Einheitlichkeit der Entzauberungsformel erzwingenden Anbindung an thematisch nahestehende Bereiche (deren Fragwürdigkeit sich bei Tenbruck und Winckelmann schon in der Angliederung an zwei Begriffe zeigt) abgesehen werden. Vielmehr soll hier gerade der Bruch zwischen dem sachlich beschreibenden Entzauberungsbegriff innerhalb der religionssoziologischen Untersuchungen und der eben nicht mehr wertfreien Entzauberungsformel in Wissenschaft als Beruf, die durchaus einem sentimentalischen Weltverhältnis im Sinne Schillers Ausdruck verleiht, dargestellt werden. Erst nach der getrennten Untersuchung beider „Entzauberungstypen“ wird dann auch im Rahmen dieser Arbeit die Frage nach der Möglichkeit eines einheitlichen Deutungsmusters des Entzauberungsprozesses gestellt.
13
Johannes Winckelmann:
Die Herkunft von Max Webers „Entzauberungs“-Konzeption. Zugleich ein Beitrag zu der Frage, wie gut wir Max Weber kennen können.
In:
Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie.
Nr. 32, 1980. (S. 12-54). S. 19ff.
14 Günter Dux: Religion, Geschichte und sozialer Wandel in Max Webers Religionssoziologie. In: Constans Seyfarth, Walter M. Sprondel (Hg.): Seminar: Religion und gesellschaftliche Entwicklung. Studien zur Protestantismus-Kapitalismus-These Max Webers. Frankfurt a. M., 1973. (S. 313-337). S. 327.
15 Tenbruck: Das Werk Max Webers, S. 670.
4
1. Die „Entzauberung der Welt“ als religionssoziologischer Begriff
Webers Vorstellung vom Entzauberungsprozeß ist innerhalb der religionssoziologischen Untersuchungen um den Begriff der Rationalität zentriert. Doch schon dieser vermeintliche Leitbegriff entzieht sich einer exakten Definition. An deren Stelle treten bald rein formale Umschreibungen wie „Disziplinierung“ (im Sinne der Beherrschung alles Triebhaften) oder „Systematisierung“ (im Sinne einer Ausrichtung auf ein alles beherrschendes Lebensziel). Obwohl Weber der Kulturgeschichte keine evolutionistische - die Religion notwendig überwindende - Progression des rationalen Weltverständnisses im Sinne Hegels unterstellt (insbesondere die Abhandlung der Religionssoziologie in Wirtschaft und Gesellschaft ist von der Annahme getragen, daß gerade die Religion eine spezifische Affinität zur Rationalität besitzt), lassen sich in seinem Werk dennoch verschiedene „religiöse“ Rationalitätsstufen unterscheiden. Jede religiöse Vorstellung ist für Weber das Resultat einer Abstraktion und in diesem Sinne bereits als ein Prozeß der Rationalisierung zu verstehen. Schon „religiös oder magisch motiviertes Handeln“ ist „gerade in seiner urwüchsigen Gestalt, ein mindestens relativ rationales Handeln“ 16 . Am Beginn der religionsgeschichtlichen „Entwicklung“ steht so die Stufe des „urwüchsigen Naturalismus“ 17 . Dieses primitiv-religiöse Weltverhältnis ist ganz „diesseitig ausgerichtet“, „also gar nicht aus dem Kreise des alltäglichen Zweckhandelns auszusondern, [...]. Nur wir, vom Standpunkt unserer heutigen Naturanschauung aus, würden dabei objektiv »richtige« und »unrichtige« Kausalzurechnungen unterscheiden und die letzteren als irrational, das entsprechende Handeln als »Zauberei« ansehen können. Der magisch Handelnde selbst unterscheidet zunächst nur nach der größeren oder geringeren Alltäglichkeit der Erscheinungen“ 18 . Bereits auf dieser ersten Stufe ist eine einfache Abstraktion vollzogen: „die Vorstellung von irgendwelchen »hinter« dem Verhalten der charismatisch qualifizierten Naturobjekte, Artefakte, Tiere, Menschen, sich verbergenden und ihr Verhalten irgendwie bestimmenden Wesenheiten: der Geisterglaube“ 19 , der die Voraussetzung für ein animistisches Weltverständnis bildet. Die religiös-animistisch erweiterte Ganzheit des primitiven Kosmos ermöglicht dem archaischen Menschen eine moralische Orientierung innerhalb einer magisch durchdrungenen, sinnerfüllten Ordnung. Die
17 Ebd., S. 248.
18 Ebd., S. 245.
19 Ebd., S. 246
5
Arbeit zitieren:
Magister Artium Robert Schulze, 2000, Versuch über die "Entzauberung der Welt", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart: Versuch über die "Entzauberung der Welt" ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart: neuer Titel erschienen: Versuch über die "Entzauberung der Welt"
Robert Schulze hat einen neuen Text hochgeladen
Max Webers vollständige Schriften zu akademischen und politischen Beru...
Herausgegeben und mit einer Ei...
John Dreijmanis
Band II/9: Briefe 1915-1917
Max Weber, Manfred Schön, Birgit Rudhard, Gerd Krumeich, M. Rainer Lepsius
Band I/24: Wirtschaft und Gese...
Max Weber, Wolfgang Schluchter
0 Kommentare