Gliederung
1. Einleitung 3
2. Die Ausgangslage 4
3. Die Polizei 6
4. Die Gendarmerie und Finanzwache 8
5. Die Geheimpolizei 9
6. Die Zensur 10
7. Die Polizeiberichte und die Rivalitäten zwischen den Behörden. 13
8. Folgen und Kontinuitäten von 1848/49 und 1859 16
9. Schlussfolgerungen 18
10. Literaturverzeichnis 21
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1. Einleitung
Mit der entscheidenden Niederlage in Waterloo endete die Herrschaft Napoleons und seiner Satellitenstaaten über Europa. Danach begannen diesiegreichen Großmächte, Europa so umzugestalten, dass die alte vorrevolutionäre Ordnung wieder herstellt wurde. Zu diesem Zweck wurde der Wiener Kongress einberufen (1814-1815), auf welchem sich der österreichische Außenminister und spätere Staatskanzler Klemens Wenzel Lothar von Metternich hervortat. Das ‚System Napoleons‘ sollte in den Folgejahren durch das ‚System Metternich‘ ersetzt werden. Vor allem im Habsburgerreich wurden Liberale, Nationalisten, Demokraten, Revolutionäre und andere ‚Demagogen‘ durch dieses System unterdrückt. Durch eine rigorose Zensur, Massen an Polizisten, Spitzeln und Soldaten sollte jeder Versuch, anders zu handeln, als von den Habsburgern bzw. Metternich vorgesehen, bereits im Keim erstickt werden.
In der österreichischen Provinz Lombardo-Venetien schienen diese Maßnahmen besonders Früchte getragen zu haben. Vom Ende des Wiener Kongresses bis zu den Märzrevolutionen 1848 gab es hier nie Anzeichen von Aufständen oder gar Revolutionen. 1 Vor wie nach der Revolution von 1848/49 seien österreichische (Geheim-)Polizei und Soldaten in Norditalien omnipräsent gewesen und sorgten für eine starke politische Passivität der Lombarden und Venetier. 2
Doch war diese Passivität der Bevölkerung Lombardo-Venetiens wirklich eine Folge der repressiven Maßnahmen ihrer Habsburger Herren? Etablierten die Österreicher in ihrer italienischen Provinz tatsächlich einen ‚Polizeistaat‘, in dem die Polizei allgegenwärtig war? Diese Fragen sollen in der vorliegenden Arbeit untersucht werden. Dafür wird zu Beginn die Ausgangslage Lombardo-Venetiens analysiert und im Folgenden das Polizeiwesen inklusive Gendarmerie, Finanzwache und Geheimpolizei dargestellt. Des Weiteren werden die Zensurmaßnahmen beleuchtet und im Anschluss die Polizeiberichte sowie die Rivalitäten zwischen den einzelnen Behörden des österreichischen Königreiches. Den Abschluss dieser Arbeit bilden die Folgen und Kontinuitäten der Revolutionen von 1848/49 und dem Krieg von 1859für Lombardo-Venetien sowie die sich daran anschließenden Schlussfolgerungen.
1 Vgl. Laven, David: Venice and Venetia under the Habsburgs 1815-1835, Oxford 2002, S. 15.
2 Vgl. Mazohl-Wallnig, Brigitte: Österreichischer Verwaltungsstaat und administrative Eliten im Königreich
Lombard-Venetien 1815-1859, Mainz 1993, S. 332f. und 361.
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2. Die Ausgangslage
Als die ersten Truppen der Habsburger Armee den Nordosten Italiens Ende 1813 erreichten, bot sich ihnen ein düsteres Bild. Durch die hohe Steuerlast und die Kontinentalsperre Napoleons lebten hier die Menschen aller Klassen unter miserablen Bedingungen. 3 Die immensen militärischen Eintreibungen, sowohl der Franzosen als auch der Österreicher, steuerten ihr übriges zu dieser Situation bei. Große Bevölkerungsteile standen am Rande des Hungertodes, was sie teilweise zu verzweifelten Mitteln greifen ließ. So zum Beispiel Anfang 1814, als die Einwohner Chiozzas eine Brotrevolte anzettelten, die - zum Glück für die Bewohner - nicht mit österreichischem Schießpulver, sondern mit der Lieferung von 1.200 Säcken Weizen beendet wurde. 4 Ähnliche Begebenheiten wiederholten sich in unterschiedlichen Abstufungen Anfang 1814 in den Gebieten Norditaliens, die von den Habsburgern kontrolliert wurden. Plünderungen von Kornkammern und Bäckereien sowie Angriffe auf angebliche ‚Getreidehamsterer‘, Spekulanten und Steuereintreiber waren weit verbreitet. 5 Die allgemeine Unordnung und die hohe Kriminalitätsrate sorgten dafür, dass Reisen auf Landstraßen extrem gefährlich waren und sich die Bevölkerung kaum noch aus ihren Häusern traute. Obwohl sich die österreichischen Verantwortlichen dieser schlechten Situation der Italiener bewusst waren, unternahmen sie nicht viel, um die Situation zu verbessern; zu allererst galt es die Truppen Napoleons zu besiegen. Nach der Niederlage Napoleons und dem anschließenden Wiener Kongress wurde dem österreichischen Kaiserreich die Provinz Lombardo-Venetien zugesprochen. Mit dieser Provinz erhielten die Österreicher eine der „wirtschaftlichen Kernregionen Zentraleuropas.“ 6 Lombardo-Venetien besaß den drittgrößten Bevölkerungsanteil des Habsburgerreiches (und damit ein hohes Arbeitskräftepotential), bot einen geeigneten Absatzmarkt für österreichische Waren und hatte die höchste Wachstumsrate des Bruttoregionalproduktes von allen Provinzen der Habsburgermonarchie; 1855 kamen 1/4 der Gesamteinahmen des Kaiserreiches aus Lombard-Venetien. 7
3 Vgl. Rath, R. John: The Habsburgs and the Great Depression in Lombary-Venetia, 1814-18. In: The Journal of
Modern History 13 (1941), S. 310.
4 Vgl. Ebd.
5 Vgl. Ebd. S. 312f.
6 Pichler, Rupert: Die Lombardei im Rahmen der österreichischen Wirtschaftsentwicklung (1815-1859). In:
Brigitte Mazohl-Wallnig und Marco Meriggi (Hrsg.): Österreichisches Italien - Italienisches Österreich?
Interkulturelle Gemeinsamkeiten und nationale Differenzen vom 18. Jahrhundert bis zum Ende des Ersten
Weltkrieges, Wien 1999, S. 518.
7 Vgl. Ebd. S. 518f., 524, 537; Boaglio, Gualtiero: Das italienische Pressewesen. In: Helmut Rumpler und Peter
Urbanitsch (Hrsg.): Die Habsburgermonarchie 1848-1918, Bd. VIII, Wien 2006, S. 2280; Wawro, Geoffrey:
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Die neue italienische Provinz des Habsburgerreiches war zwar wirtschaftlich stark, aber nachdem das französische Heer besiegt worden war, erfolgte die Machtübernahme und die Nutzung dieser Wirtschaftskraft nur sehr schleppend, da die verheerenden Kriegsschäden, die Hungersnot der Bevölkerung und die Altlasten des napoleonischen Regimes die Festigung der habsburgischen Kontrolle blockierten. 8 Nach dem Sturz der französischen Regierung im April 1814 wurden die französischen Gesetze, Institutionen und Beamten noch weitestgehend beibehalten und erst 1815/16 durch österreichische ersetzt. 9 Es gab allerdings gute Gründe für die Beibehaltung der Beamten, die schon dem napoleonischen Regime gedient hatten. Zum einen hatten sie viel Erfahrung und zum anderen fehlte es den Habsburgern an genügend geschultem Personal und Geld, um alle Stellen in Lombardo-Venetien mit fähigen und kaisertreuen Beamten besetzen zu können. Außerdem würde die Entlassung des Großteils der italienischen Beamtenschaft dazu führen, dass noch mehr Italiener arbeitslos werden würden 10 und nicht gut auf die neuen österreichischen Herren zu sprechen gewesen wären, was wiederrum die ohnehin schon politisch unsichere Lage der Region verschärft hätte. 11 Die Beibehaltung der Institutionen und Praktiken des napoleonischen Sattelitenstaat barg allerdings auch Risiken. So stand allein der Name des Korsaren für die wiederholte Demütigung Österreichs seit den 1790er Jahren. Ferner wurde Napoleons Regierungssystem aus den jakobinischen Exzessen heraus geboren, welche zum Schrecken Franz I. und seiner Berater wurden und es repräsentierte den finalen Erfolg, den Absolutismus des 18. Jahrhunderts abzuschaffen. 12 Somit war es verständlich, dass die Habsburger den ehemaligen Dienern des napoleonischen Systems misstrauisch gegenüber standen. Trotz der Beibehaltung der erfahrenen Beamten in Lombardo-Venetien war die österreichische Bürokratie erschreckend ungeschickt, langsam und ineffizient, 13 wodurch letztendlich doch mehrere Beamte aus dem Dienst entlassen werden mussten.
Austria versus the Risorgimento. A new look at Austria's Italian strategy in the 1860s. In: European History
Quarterly 26 (1996), S. 9.
8 Vgl. Laven, David: Law and Order in Habsburg Venetia 1814-1835. In: The Historical Journal 39 (1996), S.
384.
9 Vgl. Rath, R. John: The Habsburgs and the Great Depression, S. 307.
10 Allein durch die Auflösung der italienisch-französischen Armee verloren schätzungsweise 40 bis 60.000
Italiener ihre Arbeit und auch durch den Abbruch von vielen öffentlichen Projekten, die von den Franzosen
initiiert wurden, erhöhte sich die Zahl der Arbeitslosen. Vgl. Rath, R. John: The Habsburgs and the Great
Depression, S. 308.
11 Vgl. Gottsmann, Andreas: Venetien 1859-1866. Österreichische Verwaltung und nationale Opposition, Wien
2005, S. 66.
12 Vgl. Laven, David: Law and Order, S. 385.
13 Vgl. Rath, R. John: The Habsburgs and the Great Depression, S. 307.
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3. Die Polizei
Auch bei den Polizeibehörden kam es zu solchen Säuberungsaktionen. Hier wurden die korruptesten und ineffektivsten Beamten ihres Amtes enthoben. Betagte Wachtmeister wurden in den Ruhestand versetzt und leitende Positionen meist Österreichern zugeteilt, während hingegen das Personal fast ausschließlich italienisch blieb. Darüber hinaus wurde eine Gehaltserhöhung beschlossen, in der Hoffnung, den Beruf dadurch für neue Rekruten attraktiver zu machen. 14 Denn die Polizei Lombardo-Venetiens litt schon seit Beginn der österreichischen Herrschaft unter Personalmangel. Dank der wiedereingeführten Wehrpflicht von 1815 existierte aber in der italienischen Provinz der Habsburger ein stehendes Heer, 15 das bei Verhaftungen den akuten Personalmangel der Kriminalpolizei kompensieren konnte. 16 Dies alles waren aber nur bruchstückhafte Maßnahmen, da die neu eingesetzten Polizisten kaum bessere Kriminelle waren und die unter Napoleon entlassenen und nun wieder eingesetzten Beamten nach acht Jahren außer Dienst nicht mehr für ihre Aufgabe geeignet waren. Die örtlichen Bevollmächtigten beschwerten sich deshalb weiterhin über die korrupten, betrunkenen und absolut kriminellen Tendenzen ihrer unzuverlässigen und verachtenswerten Wachtmeister. 17
Ein weiteres Problem war, dass das wichtigste Instrument zur Schaffung von Ruhe und Ordnung, die Gendarmerie, in Venetien aufgehört hatte zu existieren. Die napoleonischen Gendarmerietruppen waren den Präfekten gegenüber verantwortlich, aber sie waren auch Teil der Armee; daher zogen sich die Gendarmen mit den französischen Truppen zurück, als die Armee der Habsburger Ende 1813 in Venetien einmarschierte. In der Lombardei existierte die Gendarmerie noch, als das Napoleonische Regime im April 1814 gestürzt wurde. Somit standen die Österreicher in Venetien vor der Aufgabe die Polizeitruppe von Grund auf neu aufzubauen. 18 Von dem erneuten Aufbau einer Gendarmerie in Venetien sah man anfangs allerdings ab, mit dem Argument, dass die existierenden satellizio (Beschützer der Sicherheit) und die zahlreichen in den Provinzen stationierten Soldaten ausreichend wären, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. 19
14 Vgl. Zorzi, Alvise: Österreichs Venedig. Das letzte Kapitel der Fremdherrschaft 1798-1866, Düsseldorf 1990,
S. 193; Rath, R. John: The Habsburgs and the Great Depression, S. 388.
15 1847 befanden sich rund 1/3 der Habsburger Armee in der Poebene. Vgl. Wawro, Geoffrey: Austria versus the
Risorgimento, S. 9.
16 Vgl. Zorzi, Alvise: Österreichs Venedig, S. 190; Ginsborg, Paul: Peasants and revolutionaries in Venice and
the Veneto, 1848. In: Historical Journal 17 (1974), S. 507.
17 Vgl. Laven, David: Law and Order, S. 388; Laven, David: Venice and Venetia under the Habsburgs, S. 166;
Gottsmann, Andreas: Venetien, S. 67.
18 Vgl. Laven, David: Law and Order, S. 387.
19 Vgl. Ebd. S. 389.
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Falk Hesse, 2011, Polizei- und Spitzelwesen in Lombardo-Venetien (1815-1866), München, GRIN Verlag GmbH
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