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Inhaltsverzeichnis
1. „Liebesmale, scharlachrot“ (Feridun Zaimoglu) 3
1.1 Von Almanya ins Homeland 8
1.2 aschk (Liebe) 20
1.3 Deutschländer 28
1.4 Deukische Kultur 31
Literaturverzeichnis 36
2
1. „Liebesmale, scharlachrot“ (Feridun Zaimoglu) 1
Anhand des Romans „Liebesmale, scharlachrot“ von Feridun Zaimoglu wird insbesondere auf Eigenheiten und Schwierigkeiten bei der Verständigung und gegenseitigen Akzeptanz von Menschen mit türkischer und Menschen mit deutscher Herkunft eingegangen.
Zaimoglu bietet mit seinem Roman einen literarischen Diskussionsboden, in dem er die Gesellschaft und ihre Mitglieder dazu anregt, ihre Vorstellung von einer Integration zu hinterfragen. Auf ironische Weise präsentiert er sowohl die Vorurteile von türkischer Seite gegenüber den Deutschen 2 - und damit auch gegenüber den in Deutschland lebenden Türken 3 - als auch die Klischees, mit denen die Deutschen ihre türkischen Mitbürger behaften. Insbesondere geht er dabei auf das traditionelle Weltbild der Türken ein sowie auf die Kluft, die sich innerhalb der Türken ergibt, weil die in Deutschland aufgewachsenen Türken oft an Vorstellungen festhalten, die in der Türkei selbst bereits überholt sind. Damit wurden die `deutschen Türken` sowohl in ihrem Wohnort Deutschland als auch in ihrem Herkunftsland Türkei zu Fremden.
Des Weiteren kritisiert er die Integrationsbestrebungen der deutschen Gesellschaft, die sich nach der Meinung Zaimoglus als die `bessere Gesellschaft` fühlt und damit die Initiative für eine deutsch-türkische Multikulturalität allein von türkischer Seite erwartet, und zwar im Sinne einer `Deutschwerdung` der Türken. Das heißt, die deutsche Gesellschaft hält ihre türkischen Mitbürger im Grunde nur dann für integrationsfähig, wenn diese möglichst alle deutschen Lebensformen und Erwartungshaltungen übernehmen und eigene Traditionen dafür aufgeben.
Auf diese Weise versucht Zaimoglu mit seiner Literatur eine kulturelle Verständigung zwischen Deutschen und Türken herzustellen und dadurch die jeweilige Vorstellung von Integration in ein neues Licht zu rücken.
1 Vgl.: Zaimoglu, Feridun: Liebesmale, scharlachrot. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln
2002
2 Im Folgenden werden die Ausdrücke `Deutsche` und `Türken` sowie deren mögliche
Abweichungen zum besseren Verständnis verwendet. Sie sind in keiner Weise als
Kategorisierung, oder Klischee zu verstehen.
3 S.o.
3
I. Anmerkungen zur gesellschaftskritischen Aufgabe von Literatur: Mittels Literatur können gesellschaftliche Gegebenheiten auf unverfängliche Weise reflektiert und dargestellt werden. Es werden zwar bestimmte Ansichten des Autors offenbart, die jedoch keine festen Positionen festlegen, sondern Möglichkeiten zur Diskussion bieten und damit ein Probehandeln ohne Folgen für die soziale Praxis möglich machen. Literatur stellt somit ein Speicher- und Transportmedium dar, indem man zwar überindividuelle Semantiken, Leitdifferenzen und Kollektivsymboliken, Wahrnehmungs-, Deutungs- oder Erzählmuster sehen kann, was aber nicht heißt, dass sich ihre Funktion darin beschränken muss. Die Kenntnis solcher Funktionen kann aber die Erkenntnis über einen ganz bestimmten Text durchaus erleichtern. `Eine kulturorientierte Literaturwissenschaft und eine textbasierte Kulturwissenschaft gehen Hand in Hand.` 4
In diesem Sinne ist Literatur als ein kulturelles Artefakt zu betrachten. Literatur ist immer auch abhängig von dem jeweils kulturellen Umfeld, in dem sie entstanden ist. Rehbein 5 bezeichnet Literatur deshalb als sichtbares oder beobachtbares Zeichen kultureller Prägung. Literatur ist das Ergebnis kulturellbedingter Vorstellungsmuster, die in der Literatur vom jeweiligen Individuum ihren Niederschlag finden und damit anderen zugänglich gemacht werden. Weil aber eigene Vorstellungsweisen auch dafür verantwortlich sind, wie man die Welt um sich herum wahrnimmt, sind literarische Werke von einer bestimmten Sichtweise des jeweils Schreibenden geprägt. Deshalb sollte bei der Reflexion von Lektüren bedacht werden, dass das Bild, das man in einem Text zu erkennen glaubt, sowohl die kulturelle Prägung des Autors als auch dessen Meinung zeigen kann. Bei alledem ist ferner zu bedenken, dass der jeweilige Text von unterschiedlichen Lesern auch verschieden verstanden wird.
In der Literatur befasste man sich bereits im 18. Jahrhundert, als im Zuge der Industrialisierung und der wissenschaftlichen Aufklärung auch erste Weltreisen unternommen wurden, mit kulturell geprägten Denkweisen und
4 Vgl.: Krah, Hans: Einführung in die Literaturwissenschaft Textanalyse. Verlag Ludwig, Kiel
2006, S. 39
5 Vgl.: Rehbein, Jochen: The cultural apparatus. Thoughts on the relationship between
language, culture and society. In: Bührig, K.&ten Thije, J. (eds) Beyond misunderstanding.
The linguistic reconstruction of intercultural discourse. Benjamins, Amsterdam u.a.: S. 43-96
4
stereotypen (Rassen-) Theorien. Herder, Goethe und Forster entwickelten in dieser Zeit erste Ideen zu einer Transkultur. So beschreibt Herder zum Beispiel die Vorstellung einer auf Nationen begrenzten Kultur als in gewisserweise `blind`. Damit meint er, dass die Mitglieder innerhalb einer Nation auf sich selbst fixiert bleiben und sich damit zeitgleich von anderen Einflüssen, die außerhalb dieser nationalen Grenzen stehen, verschließen. Eine Nation als solche sei insofern blind, da ihre Sichtweise auf eigenes Wissen begrenzt bleibe. 6
Goethe selbst reiste viel und sah in Literatur, die innerhalb eines Kulturkreises entstand, eine Vermittlungsfunktion für Andere und damit den Weg zu einer Weltliteratur. Forster war einer der Ersten, der im 18. Jahrhundert erkannte, dass auch Reiseberichte immer aus einer subjektiven Wahrnehmung zu verstehen sind und nicht als neutrale Tatsache hingenommen werden können. Er erkannte, dass Texte auch von stereotypen Vorstellungen geprägt sein können, und übte Kritik an der vermeintlichen Objektivität, indem er versuchte, von Anderen geschriebene Berichte selbst erneut zu reflektieren. 7 Dadurch wurde klar, dass selbst literarisches Schaffen immer auch ein Ausdruck des eigenen Horizontes ist.
„Die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen unserer Welt.“ 8 II. Zu untersuchende Fragestellungen beim Roman von Zaimoglu: Vor dem Hintergrund der gesellschaftskritischen Funktion von Literatur soll bei der - unter 1.1, 1.2 usw. folgenden - Betrachtung des modernen Romans „Liebesmale, scharlachrot“ von dem Konstrukt der Nation Abstand genommen und nach einer Vermittlungsfunktion für eine deutsch-türkische Transkultur gesucht werden.
„Diese in der Imagologie übliche implizite Vorstellung eines kollektiven Bewußtseins auf nationaler Ebene widerspricht der geschichts- und sozialwissenschaftlichen Erkenntnis von Nation als
6 Vgl.: Herder, Johann Gottfried: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Hanser
Verlag, München 2002, S. 305
7 Vgl.: Forster, Georg: Reise um die Welt. Insel Verlag, Frankfurt 1983, S. 16 ff
8 Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus (Logisch-Philosophische Abhandlung).
Suhrkamp Verlag GmbH und Co. KG, Frankfurt 1999
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einem wirkmächtigen diskursiven Konstrukt, mit der die traditionelle essentialistische Auffassung von der Nation als einer vorgegebenen Wirklichkeit längst verabschiedet ist.“ 9 Im Zuge dessen soll Zaimoglus ironischer Umgang mit türkischen und deutschen Vorstellungsmustern herausgearbeitet werden, was zu einem besseren Verständnis für fremdwirkende Mitbürger beitragen sowie deren Akzeptanz fördern soll.
Dabei soll auch diskutiert werden, ob der deutsch-türkische Schriftsteller eine Brücke zwischen beide Länder schlagen möchte, oder ob er versucht, sie voneinander abzugrenzen: Betrachtet er kulturelle Unterschiede eher als Hindernis oder als Bereicherung für eine Gesellschaft? Stellt er die Türkei und Deutschland als Heimat oder Fremde dar?
Ferner soll die eigene Position Zaimoglus herausgearbeitet werden: Was stellt für Zaimoglu Eigenes und was Fremdes dar? Welche Rolle spielt für ihn das Fremdsein als Türke in der Fremde Deutschland? Oder gibt es für ihn gar kein Fremdsein mehr und sieht er sich selbst als Bindeglied zwischen zwei Ländern und möchte in seinem Roman die Ungültigkeit eines national begrenzten Kulturverständnisses deutlich machen? 10 III. Zum Autor und zum Inhalt des Romans:
Der Autor Feridun Zaimoglu wurde 1964 in Bolu in der Türkei geboren, er lebt seit mehr als dreißig Jahren in Deutschland und seit 23 Jahren in Kiel. Er studierte Kunst und Humanmedizin und arbeitet heute als Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist. 11
Sein Roman besteht aus einem Briefwechsel, zwischen dem Türken Serdar und dem Türken Hakan, die beide in der Stadt Kiel in Deutschland leben. Serdar,
9 Florack, Ruth: Stereotypenforschung als Baustein zu einer Interkulturellen
Literaturwissenschaft. In: Akten des X. Internationalen Germanistenkongresses Wien 2000,
Band 9, Peter Lang AG, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Bern 2003, S. 38
10 Vgl.: Florack, Ruth: Stereotypenforschung als Baustein zu einer Interkulturellen
Literaturwissenschaft. In: Akten des X. Internationalen Germanistenkongresses Wien 2000,
Band 9, Peter Lang AG, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Bern 2003, S. 41
11 Vgl.: Zaimoglu, Feridun: Liebesmale, scharlachrot. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln
2002
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der als Intellektueller dargestellt wird, als `Haiku-schreibender` 12 Philosoph, hat sich spontan für einige Wochen zu seinen Eltern an die türkische Ägäis begeben. Dort möchte er Distanz zu seinen Kieler `Frauengeschichten` bekommen und neue Ideen für seine Haiku-Gedichte sammeln. In Kiel ging seine dreijährige Beziehung mit Anke auseinander, und von weiteren kurzen Liebschaften sowie von seiner Geliebten, Dina, möchte er für die nächsten Wochen am türkischen Strand nichts hören. Allerdings muss er zu seiner Schmach feststellen, dass er, seit seinem Eintreffen dort, `keinen mehr hoch bekommt`. Er beginnt den Briefwechsel zu seinem in Kiel verbliebenen arbeitslosen Freund Hakan und schildert diesem seine Potenzsorgen. Es entsteht ein reger Briefkontakt zwischen den Beiden, zu dem sich in den nächsten Wochen auch Dina und Anke gesellen. Beide Frauen ahnen noch nichts von ihrer jeweiligen Nebenbuhlerin.
Serdar ist die zentrale Figur im anderen Land und alle Briefe seiner Freunde aus Deutschland drehen sich um ihn. Anke möchte ihn per Post zurückerobern und taucht schließlich persönlich in der Türkei auf. Dina führt einen intellektuellen Briefwechsel mit ihm und beendet die Beziehung schließlich per Brief, da sie über Dritte erfährt, dass sie nicht die einzige Frau an Serdars Seite war.
Hakan ist in Deutschland ständig auf Arbeitssuche, flieht vor dem Gerichtsvollzieher und überlebt nur durch kleinere Diebstähle. Er hat sich gerade in seine nymphomane Nachbarin Jacqueline verliebt und gibt sein Geld für sie aus. Nebenbei versucht er Serdars Gefühlschaos zu ordnen und ist eigentlich dessen Ratgeber in allen Dingen. Schließlich fliegt Hakan auf Serdars Wunsch ebenfalls an die Ägäis, denn Serdar hat sich mittlerweile in die türkische Rena verliebt und braucht seinen Kieler Freund, damit dieser die nahende Anke vor Ort von Rena und Serdar fernhalten kann. So treffen sich zwei `Deutschländer` und die Deutsche in der Türkei. Anke erkennt, dass sie bei Serdar keine Chance mehr hat und landet trostsuchend bei Hakan `im Bett`. Noch in der Nacht verlässt sie Hakan und mietet sich für weitere zwei Wochen in ein Hotel ein, um sich - schon mal in der Türkei - wenigstens zu erholen. Serdar wird von seinem Nebenbuhler um Rena, Baba, in derselben Nacht niedergeschlagen und anschließend von Hakan, der zufällig in diese Szene
12 Haiku: japanische Gedichtform. Meist nur aus drei oder vier Zeilen bestehend.
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Arbeit zitieren:
Corinna Baspinar, 2009, Überlegungen zu Feridun Zaimoglus "Liebesmale, scharlachrot", München, GRIN Verlag GmbH
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