INHALTSVERZEICHNIS
Inhaltsverzeichnis 2
I. Einleitung. 3
II. Hauptteil. 5
A. Funktionen ritualisierten Verhaltens. 5
B. Scheitern und Wiederaufnahme symbolischer Kommunikation - Die Munleun-
Episode 8
1. Gestörte Kommunikation I - Willehalms Eintreffen am Hof. 9
2. Gestörte Kommunikation II - Verhalten der Königin und Schwester
Willehalms. 10
3. Funktionierende Kommunikation I - Der Kaufmann Wimar. 12
4. Funktionierende Kommunikation II / Gestörte Kommunikation III - Der
Empfang der Narbonner Sippe am Hof. 13
5. Gestörte Kommunikation IV - Willehalms Auftritt vor dem Königspaar 14
6. Wiederhergestellte Kommunikation I - Willehalms Begrüßung durch seine
Familie. 17
7. Wiederhergestellte Kommunikation II - Vermittlung durch Alyze 18
III. Schluss 20
Literaturverzeichnis. 21
2
I. EINLEITUNG
Ob du mich niht spottes werst / so stant uf: swes du an mich gerst, / des will ich dir ze hulden pfle- gen. / du hast mir werdekeit durhlegen. Willehalm, 156, 15-‐18.
Auf den ersten Blick ist Wolfram von Eschenbachs Versepos ‚Willehalm’ vor allem eines: die streckenweise verwirrend detaillierte Schilderung eines mittelalterlichen Weltkrie-‐ ges zwischen Heiden und Christen, ausgelöst durch den Religions-‐ und Gattenwechsel der einst heidnischen Königin Gyburc. Als wohl bekannteste mittelhochdeutsche Vertre-‐ terin der ursprünglich altfranzösischen Gattung des ‚Chanson de geste’ ist die Lebensbe-‐ schreibung Wilhelms des Heiligen - oder eben des Markgrafen Willehalm - jedoch bei genauerer Betrachtung viel mehr als das. Denn auf eine für die Entstehungszeit erstaun-‐ lich - wenn man so will - moderne Art und Weise ist sie durchzogen von einer Reihe bis heute hochbrisanter, oft antithetischer Themenkomplexe: Krieg und Religion, Fremdheit und Verwandtschaft, Gewalt und Toleranz. Zudem liefert eine genaue und reflektierte Analyse der höfischen Komponenten des Epos’ ein nicht unergiebiges Bild der gesell-‐ schaftlichen Verhältnisse zu seiner Entstehungszeit, wenngleich wie bei allen literari-‐ schen Werken die Fiktionalität des Textes nicht vergessen werden darf.
Um ein Verständnis für mittelalterliche Verhaltensweisen zu entwickeln, hilft ein unvor-‐ eingenommener Blick auf die Wege und Formen der Kommunikation im Mittelalter; ins-‐ besondere das ritualisierte Verhalten der Führungsschichten in der Öffentlichkeit ist hierbei von großer Bedeutung. Während diese sogenannte „symbolische Kommunikati-‐ on“ in der historischen Abteilung der Mediävistik inzwischen ein zunehmend häufiger beschrittener Weg zur Interpretation mittelalterlicher Verhaltens-‐ und Denkweisen ist - vor allem Gerd Althoff 1 ist hier bahnbrechend zu nennen - fand sie in der literarischen Mittelalterforschung bislang kaum Beachtung. Eine Ausnahme und daher wichtige Grundlage dieser Arbeit stellt die detaillierte Untersuchung der „Poetik des Rituals“ von Corinna Dörrich 2 dar.
Die Erkenntnis, dass mittelalterliche Ehrvorstellungen, Verhaltensweisen und Kommu-‐ nikationsformen kaum mit modernen Maßstäben zu erfassen sind, ist an und für sich nicht überraschend. Ebenso wenig die Tatsache, dass Politik im Mittelalter in aller Regel öffentlich stattfand, oftmals demonstrativen Charakter hatte und, um mit Gerd Althoff zu
1 Gerd Althoff, Spielregeln der Politik im Mittelalter. Kommunikation in Frieden und Fehde, Darmstadt 1997.
2 Corinna Dörrich, Poetik des Rituals. Konstruktion und Funktion politischen Handelns in mittelalterlicher Literatur, Darmstadt 2002. 3
sprechen, genauen Spielregeln unterworfen war, Regeln also, die „in bestimmten Situa-‐ tionen von bestimmten Personen zwingend erwartet wurden [und deren Einhaltung] eine reibungslose, konfliktfreie Kommunikation erst“ 3 ermöglichten. Umso erstaunlicher ist es jedoch, dass gerade diesen Aspekten bei der Analyse und Interpretation mittel-‐ hochdeutscher Literatur bislang so wenig Beachtung geschenkt wurde und ihr Vor-‐ kommen in höfischer wie Heldenepik in der Regel eher als schmückendes Detail denn als realistische Darstellung von Politik und Gesellschaftskonstellationen gedeutet wur-‐ de.
Diese Arbeit soll daher einen Beitrag zum besseren Verständnis mittelalterlichen Ver-‐ haltens aus literaturwissenschaftlicher Sicht leisten. Nach einem Überblick über die Funktionen relevanter Rituale werden am Beispiel der Munleun-‐Episode aus Wolfram von Eschenbachs ‚Willehalm’ Funktionieren und Störung gesellschaftlicher Ordnung, Entstehung und Bewältigung politischer Konflikte und die dazu notwendigen Spielre-‐ geln symbolischer Kommunikation untersucht werden.
3 Gerd Althoff, Wolfram von Eschenbach und die Spielregeln der mittelalterlichen Gesellschaft, Wolfram-‐ Studien XVI, Freisinger Kolloquium 1998, S. 102-‐120, 102. 4
II. HAUPTTEIL
A. Funktionen ritualisierten Verhaltens
Für alle Standardsituationen mittelalterlichen Lebens existierten stereotype Regeln, die, wenngleich nicht schriftlich fixiert, mit einem gewissen Verbindlichkeitsanspruch aus-‐ gestattet waren. 4 Verletzungen dieser Regeln waren zwar keineswegs ausgeschlossen, signalisierten jedoch immer eine Störung der Ordnung. Denn anders als in modernen Gesellschaften war individuelles Abweichen vom Regelkanon in der ranggeordneten und rangbewussten Gesellschaft des Mittelalters, deren Verhalten strikt an Konventio-‐ nen und Gewohnheiten gebunden war, weder erwünscht noch überhaupt ohne negative Konsequenzen denkbar. Rituale symbolischer Kommunikation besaßen ordnungsstif-‐ tende und -bewahrende Funktion und waren als solche nicht aus der mittelalterlichen Politik wegzudenken, da die Verwendung demonstrativer Zeichen und Spielregeln die mit öffentlicher Kommunikation verbundenen Risiken kalkulierbarer machte und die Protagonisten mit wesentlichen Informationen über Status, Intentionen und Gemütslage ihres Gegenübers versorgte. 5
Welche Verhaltensmuster in einer bestimmten Situation jeweils erwartet wurden, hing
vor allem von Amt und Stand der Beteiligten ab. 6 Aus dem weitläufigen Fundus symboli-‐ scher Kommunikationsformen interessieren für die Analyse der ausgewählten ‚Wille-‐ halm’-‐Passagen insbesondere diejenigen, die sowohl das höfische Umfeld betreffen als auch in Zusammenhang mit der Annäherung an Freunde und Feinde sowie deren stan-‐ desgemäßen Begrüßung, der Eröffnung und Beendigung von Konflikten und nicht zu-‐ letzt dem ritualisierten Ausdruck von Trauer, Wohlwollen und Wut stehen. 7
Betrachtet man den Empfang hochrangiger Staatsgäste in heutiger Zeit, gewinnt man noch einen schwachen Eindruck davon, welche Bedeutung die Begrüßung auf politi-‐ scher Ebene im Mittelalter besaß. Das, was heute als „Protokoll“ bekannt ist, existierte auch damals schon; als stets in gleicher oder ähnlicher Form wiederkehrende politische Zeremonien (continuous political ceremonials) 8 besaßen detaillierte Begrüßungsrituale eine erhebliche Aussagekraft über das Verhältnis der sich Begegnenden. Sie waren ent-‐
4 Althoff, Wolfram von Eschenbach, S. 103. 5 Ders., S. 104. 6 Ders., S. 103. 7 Ders., S. 103 f.
8 Geoffrey Koziol. Begging pardon and favor. Ritual and political order in early medieval France, London 1992, 298f. 5
scheidend für die Funktionstüchtigkeit der Herrschaftsordnung, weil sie in stetiger Wie-‐ derkehr das Funktionieren dieses Gefüges öffentlich versicherten und den Beteiligten Verpflichtung waren, sich ihren demonstrierten Aussagen gemäß zu verhalten. 9 Es ver-‐ wundert also nicht, dass Begrüßungen diejenigen Rituale sind, die auch in der mittel-‐ hochdeutschen Epik am häufigsten erwähnt werden. 10
Doch warum kam gerade der Begrüßung eine derart große Bedeutung zu? Der Haupt-‐ grund hierfür liegt sicher in der elementaren Funktion jeglichen Begrüßungsrituals: der Versicherung von Frieden und Huld. Die sich Begrüßenden geben einander damit schon beim ersten Aufeinandertreffen ihre Absicht zu erkennen, potentielle Gewalt abzuwen-‐ den, 11 was den Gruß zum Friedenszeichen macht, das einen deklarierten Verzicht auf Gewaltanwendung impliziert und vor etwaigen feindlichen Auseinandersetzungen zu-‐ nächst wieder aufgekündigt werden muss. 12 Im Umkehrschluss ist die Verweigerung oder Aufkündigung des Grußes - sei es explizit oder stillschweigend - mit einer Kampfansage gleichzusetzen, wie zahlreiche Werke der mittelhochdeutschen Epik bele-‐ gen. 13
Eine stark visualisierte Gesellschaft, die es gewohnt ist, Zeichen und Rituale zu lesen und ihr Verhalten daran auszurichten, bedarf im Zusammenspiel verschiedener, teilweise gegensätzlicher Zeichen bestimmter Korrektive, um reibungslos funktionieren zu kön-‐ nen. Ein solcher Ausgleich zwischen widerstreitenden Symbolaussagen ist beispielswei-‐ se dann nötig, wenn ein Ritter trotz friedlicher Absicht in Rüstung und Waffen am Hof erscheint, was für den geübten Blick der Zeitgenossen wohl eher selten auf eine harmo-‐ nische Intention schließen ließ. Vielmehr legt das Tragen von Rüstung und Bewaffnung häufig den Verdacht feindlicher Absichten nahe - eine Symbolaussage, die ein formge-‐ rechter Gruß als Gewähr für die Wahrung der Friedens dementieren kann, etwa indem Helm und Waffen abgegeben oder von beiden Seiten Grußworte gewechselt werden. 14
9 Althoff, Spielregeln, S. 301. 10 Dörrich, S. 54.
11 Renate Roos, Begrüßung, Abschied, Mahlzeit. Studien zur Darstellung höfischer Lebensweise in Werken der Zeit 1150-‐1320, Diss. Bonn 1975, S. 30ff.; Horst Fuhrmann, „Willkommen und Abschied“. Begrüßungs-‐ und Abschiedsrituale im Mittelalter, in: Ders., Überall ist Mittelalter. Von der Gegenwart einer vergange-‐ nen Zeit, München 1996, S. 17-‐39, 20 ff. 12 Dörrich, S. 55.
13 Dörrich weist unter anderem auf das ‚Nibelungenlied’, den ‚Parzival’ und den ‚Erec’ hin, in denen ent-‐ weder ein bereits entbotener Gruß aufgehoben oder die Ausübung von Gewalt trotz zuvor erfolgtem Gruß problematisiert wird, dies., S. 55 und 173. 14 Dörrich, S. 55 f. 6
Arbeit zitieren:
Lukas Strehle, 2009, Vom Aufzeigen und Bewältigen gesellschaftlicher Konflikte in der mittelhochdeutschen Literatur, München, GRIN Verlag GmbH
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