1 Einleitung
In dieser Hausarbeit versuche ich mich mit Schleiermachers Verständnis von Kirchenzucht auseinander zu setzen. Um dieses aufzeigen zu können, werde ich zum Vorverständnis den Begriff "Kirchenzucht" im Allgemeinen erläutern. Dabei möchte ich sowohl das geläufige Verständnis der reformierten Tradition, als auch das der praktischen Theologie und Systematik darlegen. Die Bezeichnung "Kirchenzucht" ist in unserem Sprachgebrauch heute nicht mehr vorhanden. Deswegen expliziere ich anschließend Schleiermachers Verständnis des Begriffs, um dann weitergehend eine Verbindung zwischen dem "Reinigenden Handeln" und der "Kirchenzucht" in seiner Schrift "Die Christliche Sitte" 1 herzustellen, welche ich mit Schleiermachers Beispielen zur Ausübung des reinigenden Handelns untermalen werde. Dazu muss ich in diesem Kapitel einführend erläutern, was "Reinigenden Handeln" bei Schleiermacher bedeutet. Zudem möchte ich mich mit der Fragestellung, inwiefern Schleiermachers Verständnis von Kirchenzucht etwas für die heutige Kirche austragen kann, beschäftigen. Dabei werde ich sowohl darlegen, wie heutzutage "Kirchenverbesserung" im Sinne Schleiermachers umgesetzt werden kann, als auch explizieren, wie der Einzelne in der heutigen Zeit innerhalb der Gemeinde des reinigenden Handelns teilhaftig werden kann. Zum Schluss folgt dann ein begründetes Fazit, welches die wichtigsten Aussagen meiner Arbeit bündeln und auswerten soll.
1 Schleiermacher, F.: Zur Theologie. Die christliche Sitte nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche in Zusammenhange dargestellt. Aus Schleiermacher's handschriftlichem Nachlasse und Nachlasse und nachgeschriebenen Vorlesungen. In: L. Jonas (Hrsg.), Friedrich Schleiermachers sämmtliche Werke. Erste Abtheilung. Zur Theologie, Band 12, zweite Auflage. Berlin (1884). S.139‐ 140. 2
2 Zur Begrifflichkeit
2.1. Kirchenzucht
Kirchenzucht ist ein breit gefächerter Begriff. Seine Bedeutung reicht von Seelsorge über Gemeindeerziehung, sowie Gemeindeaufbau bis hin zu Kirchenrecht und Kirchenregiment. Wesentlich gesehen, versucht der Begriff "Kirchenzucht" den durch Tertullian 1 in die Kirche eingeführten Begriff der disciplina zu verdeutschen. Ferner kann man als englisches Äquivalent hierzu den Begriff church discipline aufführen. In freikirchlicher
Tradition wird jedoch der Begriff "Gemeindezucht" bevorzugt. 2
In der reformierten Tradition geht die "Kirchenzucht" von der Vorstellung aus, dass diejenigen, die an Christus glauben, eine Gemeinschaft bilden. Deshalb müssen die Mitglieder der Gemeinde die Regeln, die von Christus aufgestellt wurden, beherzigen.
In der Bibel wird der Begriff der Kirchenzucht nicht verwendet. Die Konzeption wird jedoch von vielen Theologen direkt aus der Bibel abgeleitet. Einen maßgeblichen Ansatzpunkt hierzu bietet Matthäus 18. Darin befiehlt Jesus seinen Jüngern, einander zu ermahnen, zunächst unter vier Augen, dann unter Zeugen, sowie in der Gemeinde. Sollte derjenige, der gesündigt hat, auch nicht auf die Gemeinde hören, so soll er aus der Gemeinde ausgeschlossen werden. Diese Textstelle wird von kirchlicher Seite als Beleg zur Begründung der Kirchenzucht verwendet. 3
Die praktische Theologie und Systematik bieten zwei Ansätze für den bestimmten Umgang mit der Kirchenzucht. Nämlich Seelsorge und Ekklesiologie 2 . Von der Christenverfolgung bis zum Anfang des
1 Quintus Septimius Florens Tertullianus (ca. 150‐ 230) bedeutender, sowie umstrittener früher christlicher Schriftsteller.
2 Vgl.: John H. Leith / Hans‐Jürgen Goertz: Kirchenzucht. In: Theologische Realenzyklopädie, Band 19 (1990), S. 174
3 Vgl.: Lexikon reformierter Grundbegriffe
URL: http.//www.reformiertonline.net/lexikon/detail.php?id=57 Stand: 25.08.08
1 Die Lehre von der Kirche. Ekklesia ist im griechischen Grundtext des neuen Testaments eine Bezeichnung für die christliche Gemeinde. 3
19. Jahrhunderts wurde die Kirchenzucht als Seelsorge verstanden. „In der Ekklesiologie bestimmen Fragen nach dem Verhältnis von Reinheit und Heiligkeit der Kirche einerseits und sündigem Verhalten ihrer Glieder andererseits, nach kirchlicher Hierarchie und Ordnung, sowie nach der Beziehung von Abendmahl und Kirchenzucht die Beschäftigung mit der Zucht. Vor allem die Beziehung der Kirchenzucht zum Abendmahl als Zuchtmittel ist in den letzten Jahren auf den Prüfstand geraten.” 1 Vielfache Missbräuche des Abendmahls als Zuchtmittel werden auch als Grund genannt, welcher zu dieser Entwicklung beitrug.
Die Kirchenstrafen bei vorsätzlichen Verstößen gegen die Kirchenordnung oder das Kirchenrecht können in der evangelischen Kirche nach vorrangegangener Ermahnung durch Sanktionen, wie Ausschluss vom Abendmahl, die Aberkennung kirchlicher Rechte (z.B. kirchliches Wahlrecht) und der Versagung von Amtshandlungen (z.B. kirchliches Begräbnis, oder Trauung) in Kraft treten. 2
Die Evangelische Kirche im Rheinland hat den Paragraphen zur Kirchenzucht in der Kirchenordnung des Jahres 1996 gestrichen. 3
2.2. Schleiermachers Verständnis von Kirchenzucht
Friedrich Schleiermacher definiert die Kirchenzucht nicht als Seelsorge, sondern als zum Kirchenregiment gehörig. Kirchenzucht ist für ihn die Erziehung des Einzelnen in der Kirche. Dabei unterscheidet Schleiermacher zwischen innerer und äußerer Sphäre, wobei die innere Sphäre von der Kirche als auch dem kirchlichen Handeln eingenommen wird. Während die äußere Sphäre von der Gesellschaft gebildet wird. Die Kirche existiert demnach in der Gesellschaft und die Gesellschaft ist ohne Kirche nicht denkbar. Schleiermacher geht weiter davon aus, dass die Kirche die Gesellschaft durch ihr Handeln prägen kann.
1 Siehe: Judith Becker (2005). In: Kirchenzucht. Der Ort der Kirchenzucht in Praktischer Theologie und Systematik.
URL: http.//www.reformiert‐ online.net/lexikon/detail.php?id=57 Stand: 25.08.08
2 Vgl.: URL: http://lexikon.meyers.de/index.php?title=Kirchenzucht&oldid=178678 3 Vgl.: Siehe Fußnote 2. 4
Die Kirchenzucht (bezogen auf den einzelnen Christen) versteht er als Erziehung an einer einzelnen Person, die es zu verbessern gilt. Kirchenverbesserung richtet sich, Schleiermacher zu Folge, dagegen auf die gesamte Institution Kirche. 1 Die evangelische Kirche wird bei Schleiermacher als eine sich stets wandelnde und verändernde Institution verstanden, während er die katholische Kirche für statisch erklärt. Sie ist ihm zufolge statisch, da sie von ihren Anhängern als absolut vollkommen angesehen wird und demnach nicht verbesserungswürdig ist. Nach evangelischer Ansicht ist die Kirche jedoch in keinem Moment absolut vollkommen, sondern ist stets zur Entwicklung fähig. Seiner Auffassung nach, muss in der evangelischen Kirche jedem das Recht gewährt werden, frei über kirchliche Verhältnisse zu urteilen, um dadurch zu ihrer Fortbildung und Verbesserung beizutragen. Für Schleiermacher ist es also geradezu Aufgabe eines jeden Kirchenlehrers (Dogmatikers), Heterodoxes in Gang zu bringen und nicht ausschließlich doktrinäres und Starres zu bewahren. Lehre, Verkündigung und Handeln der Kirche sollen stets den Erfordernissen der Zeit angepasst werden, damit ihr Gegenstand den einzelnen Christen auch erreichen kann. Die Berechtigung des Einzelnen, innerhalb der Kirche bzw. der kirchlichen Gemeinde etwas Neues in Gang zu bringen, ist nach Schleiermacher ein Grundprinzip der evangelischen Kirche. Denn sie wäre ja letztendlich auch nicht entstanden, hätte nicht ein Einzelner, (nämlich Martin Luther) die Initiative zu einer Reform der Kirche ergriffen. 2 In seiner Theorie der Kirchenverbesserung, schließt er also an ein der christlichen Freiheit angemessenes Verständnis von Kirchenzucht an. 3
1 Vgl.: Schleiermacher, F.: Zur Theologie. Die christliche Sitte nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche in Zusammenhange dargestellt. Aus Schleiermacher's handschriftlichem Nachlasse und nachgeschriebenen Vorlesungen. In: L. Jonas (Hrsg.), Friedrich Schleiermachers sämmtliche Werke. Erste Abtheilung. Zur Theologie, Band 12, zweite Auflage. Berlin (1884). S.139‐ 140
2 Vgl.: Grass, H.: Grund und Grenzen der Kirchengemeinschaft. In: Friedrich Schleiermacher 1768‐ 1834. Theologe‐Philosoph‐Pädagoge, Dietz Lange (Hrsg.), (Vandenhoeck & Ruprecht 1985) S.217‐ 253, hier S.224‐225.
3 Vgl.: Fischer, H.: Friedrich Schleiermacher, München 2001, S.120‐121. 5
Arbeit zitieren:
Alina Müller, 2009, Kirchenzucht bei Schleiermacher, München, GRIN Verlag GmbH
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