anstatt als eine Freude: „[Sie] setzte sich wieder, den nassen Blick starr und freudlos auf das
schwarze Klavier gerichtet.“ (Z.37f.). Wahrscheinlich ist der Schüler in ihren Augen unbegabt
(vgl. Z. 43f, 80f, 137) und sie hat bereits die Geduld mit ihm verloren. Diese Belastung durch
ihren Beruf spiegelt sich in ihrem Gesundheitszustand wieder: sie wirkt kränklich, leidet an
„[unerträglichen] „ Kopfschmerzen (vgl. Z.36/81) und ihre Haare bestehen nur noch aus
„grauen Haarfetzen“ (Z. 98).
Verdeutlicht werden ihre Schmerzen durch (ihre) Interjektionen: „Owehowehoweh“
(Z.35/52). Auch sie spielt mit dem Gedanken, ihren Schüler wegzuschicken (vgl. Z.55) und
ihrer Unlust zu folgen - allein diese Idee, dies tun zu können, ermuntert sie: „Etwas
Lebendigkeit kehrte in sie zurück.“ (Z.56).
Nun folgt wieder die Sichtweise des Jungen und Schüler: Dieser spielt erneut mit dem
Gedanken, die Musikstunde zu schwänzen: „Brauchte nicht hinzugehen. Einfach wegbleiben.
[...] Nicht hingehen, die Mappe loswerden und nicht hingehen.“ (Z.59/65f.) - alles was ihn in
diesem Moment interessiert, ist die Musikstunde zu vergessen und spielen zu gehen: „Das
glatte warme Holz einer Rollerlenkstange in den Händen haben. Die Mappe ins Gebüsch
schleudern und einen Stein in die Hand nehmen [...].“ (Z.68ff.) .
Wiederum wird aus der Sichtweise der Lehrerin berichtet, die immer noch mit den
Kopfschmerzen von zuvor ringt - erneut spielt sie mit dem Gedanken, den Schüler
wegzuschicken. Dieser Gedanke erscheint ihr wieder und wieder als eine Art Reklameband
vor Augen: „Das hellbeschriftete Reklameband erleuchtete die dämmrigen
Bewusstseinskammern: Kopfschmerzen. Ihn wegschicken.“ (Z.79ff.).
Erneut wechselt die Perspektive auf die des Jungen, der sehnsüchtig seine Umwelt
betrachtet, die er zu diesem Zeitpunkt als etwas für ihn Ungreifbares und in weiter Ferne
liegend empfindet: „Fremde Wirklichkeit der Sonne, die aus den Wolkenflocken zuckte,
durch die Laubdächer flackerte [...].“ (Z.98ff.) . Doch nicht nur das Gewicht seiner
Notentasche belastet ihn, gar jede Note stellt für ihn eine Erschwerung dar, was nochmals
seine enorme Unlust verdeutlicht (vgl. Z. 86ff.).
Den Weg zur Villa seiner Lehrerin geht er nur „langsam“ und „mechanisch“ (Z. 101), so als
würde er hierüber nicht nachdenken und nur den Anweisungen seiner Füße folgen. Die Villa
selbst empfindet er nicht als einladend, er fühlt sich hier auch nicht wohl: Die Blumen im
Garten wirken auf ihn unfarbig und leblos (vgl. Z.109) und für ihn sind dies eher tote
Gegenstände als Pflanzen: „Er begriff, dass er sie nie wie wirkliche Pflanzen sehen würde.“
(Z.110f.), zum anderen öffnet sich das Gartentor „mit jammerndem Kreischlaut“ (Z.118), was
eine unangenehme und leicht düstere Atmosphäre erzeugt.
Auch die Lehrerin hegt nur negative Gefühle: Sie verspürt weiterhin den Wunsch, den
Jungen wegzuschicken und bezeichnet ihn letztlich als „widerlichen kleinen Kerl“ (Z.120).
Andererseits verdichten sich auch die negativen Gefühle des Jungen und er benennt seine
Klavierlehrerin als „widerliche alte Tante“ (Z.121).
Nun treffen Lehrerin und Schüler aufeinander: Ihre negativen Gefühlen für den anderen
zeigen sie jedoch nicht, sondern sie begrüßen sich mit der Floskel „Guten Tag“ und beginnen
ohne Umschweife mit dem Unterricht (vgl. 125ff.).
Enden tut die Kurzgeschichte mit dem Satz: „Töne erzeugten seine steifen Finger, das
Metronom tickte laut und humorlos“ (Z.137f.), was nochmal die ungemütliche und stark
angespannte Atmosphäre abschließend verdeutlicht.
Betrachtet man die grobe Struktur des Textes, so kann man diesen in die einzelnen
Sichtweisen der beiden Figuren gliedern, die immer abwechselnd dargestellt werden. Je
näher sich nun Schüler und Lehrerin im Laufe der Handlung räumlich kommen, desto kleiner
werden die einzelnen Abschnitte und Anteile der beiden Figuren, bis sie kurz vor dem
Zusammentreffen nur noch aus Gedankenbruchteilen bestehen. Hier steigern sich die
negativen Gefühle auf ihren Höhepunkt und es kommt zu einer Art geistigen Schlagwechsel,
was durch die schnellwechselnden Perspektiven unterstreicht wird.
Treffen die beiden letztlich dann zusammen, endet der schnelle Perspektivenwechsel - es
kommt zur Konfrontation und die beiden Sichtweisen verschmelzen zu einer einzigen
Ansicht.
Untersucht man die Aspekte Erzählperspektive und Erzählerstandort, so stellt man fest, dass
es sich hier im Rahmen des gesamten Textes um ein personales Erzählverhalten handelt: Der
Leser erfährt nur das Geschehen aus Sicht der beiden Figuren. Ein auktoriales
Erzählverhalten lässt sich hier bedingt ausschließen, da keine Kommentare, Bewertungen
oder Rückblenden durch den Erzähler vorliegen.
Die Wahl des personalen Erzählverhaltens ermöglicht ein unmittelbares Miterleben der
Handlung, was bei einem auktoriales Erzählverhalten und der damit verbundenen Distanz
zum Geschehen eher nicht aufkommen würde.
Es wird hier sowohl aus der Innen-‐ als auch aus der Außensicht berichtet: Einerseits erfährt
Arbeit zitieren:
2011, Gabriele Wohmann: Die Klavierstunde - Interpretation, München, GRIN Verlag GmbH
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Dennis Corban hat den Text Gabriele Wohmann: Die Klavierstunde - Interpretation kommentiert
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Dennis Corban
echt nicht schlecht hat mir super geholfen, danke!
am Sunday, November 06, 2011-