Gliederung
1. Einleitung (Seite 1)
1.1 Einstieg und Begriffsklärung (Seite 1)
1.2 Historischer Überblick und autobiographische Verortung (Seite 2)
2. Hauptteil (Seite 4)
2.1 Die Realisierung der Religionsproblematik (Seite 4)
2.1.1 Religion als „öffentliches Hindernis“ (Seite 4)
2.1.2 Die Konversion als Lösung? (Seite 6)
2.2 Eduard als Verfechter und Sinnbild jüdischer Emanzipation (Seite 8)
2.3 Das „jüdische Gesamtbild“ des Romans (Seite 10)
3. Fazit (Seite 11)
„Nur in der Beharrlichkeit liegt Hoffnung, nur wenn wir unablässig dagegen stürmen, können die Verschanzungen fallen, hinter denen sie uns unsere Rechte vorenthalten; und fallen müssen sie. Unser Recht muß werden.“ 1 - Eduard Meier -
DieJudenemanzipation ist ein über die Jahrhunderte fortdauernder Prozess, dessen Abgeschlossenheit auch heute durchaus noch in Frage gestellt werden kann. Landläufige Ressentiments fallen weder durch politische Entschlüsse noch durch sich vollziehende multikulturelle Vernetzungstendenzen. Der Abbau von Vorurteilen und Ressentiments scheint ein ebenso langwieriger Prozess zu sein wie ihre Entstehung und Verinnerlichung durch die christlichabendländische Gesellschaft während der letzten zwei Jahrtausende, und stellt auch noch heute ein große Anforderung an demokratische, aufgeklärte Zivilisationen. Die aktuelle Diskussion um eine „christlich-jüdische Tradition“, die von führenden deutschen Politikern als Leitkultur der Nation betitelt wird, macht deutlich wie weit Fremd- und Selbstwahrnehmung in diesem Themengebiet auch heute noch auseinander liegen können und wie sich auch gesellschaftliche Eliten nur langsam an neue gesellschaftliche Entwicklungstendenzen gewöhnen können, denn es erscheint fragwürdig dem Islam, der seit Jahrzehnten Bestandteil deutscher Multikulturalität ist, diese Rolle absprechen zu wollen.
Fremd- und Selbstwahrnehmung bilden weiterhin die wesentlichen Konstituenten bei der Auseinandersetzung mit jüdischer Kultur aber auch „fremdartigen“ Kulturen allgemein. Der Integrationsgrad ist nicht nur vom Integrationswillen einer, in diesem Fall, kulturell-religiös geprägten Gesellschaftsgruppe abhängig, sondern auch vom Integrationswillen der „restlichen“ Bevölkerung. Die Kräfteverhältnisse sind dabei stets ungleich, denn die Mehrheit kann durch ihr Betragen der Minderheit, ihres Integrationswillens zu trotz, die Gleichberechtigung verwehren. Integration ist somit ein Prozess, der mutuelles Einverständnis oder wenigsten ein Mindestmaß an Bereitschaft voraussetzt.
Anders verhält es sich bei der Emanzipation, von der fortan in dieser Arbeit die Rede sein soll. Hierbei handelt es sich eher um einen dynamischen Prozess innerhalb einer Gesellschaftsgruppe, die ungeachtet aller Widerstände für ihre Rechte und ihre Gleichberechtigung eintritt. Die Bereitschaft der „restlichen“ Bevölkerung ist von untergeordneter Bedeutung, obgleich sie die Höhe der Hürde bestimmt, die es zu bewältigen gilt 2 .
1 F. Lewald: Jenny, S.238.
2 Die Definitionen erfolgen in Anlehnung an Wahrig-Burfeind, R., Fremdwörterlexikon, S.234 Sp. 2 „Emanzipation“,
S.407, Sp.2 „Integration“.
Der Prozesscharakter ist beiden Bestrebungen gemein und es handelt sich bei dieser Auslegung auch eher um unterschiedlich gelagerte Schwerpunkte als um gesondert zu behandelnde Phänomene.
Grundsätzlich sollte an dieser Stelle festgehalten werden, dass die Judenemanzipation im Folgenden als von Juden initiiert verstanden werden soll. Das aktive Bemühen dieser Gesellschaftsgruppe soll somit in den Mittelpunkt der Betrachtungen gestellt werden, auch wenn es auf den ersten Blick nicht immer als aktiv zu identifizieren sein mag. Die Judenemanzipation lässt sich jedoch nicht ohne eine Betrachtung des gesamt-historischen Kontextes beschreiben.
1.2 Historischer Überblick und autobiographische Verortung
Die Auseinandersetzung mit jüdischer Kultur und ihrer Emanzipation geht mit ihrem historischen Verlauf einher. Sie ist ebenso vielschichtig wie die Judenemanzipation selbst und beschränkt sich keinesfalls auf kulturelle, gesellschaftliche oder politische Nischen. Auch Fanny Lewalds Roman „Jenny“ ist Bestandteil der Auseinandersetzung mit zeitgeschichtlicher jüdischer Emanzipation. Der Roman erscheint 1843. Um die Situation der jüdischen Autorin, die ihr Werk zunächst anonym veröffentlichte, als auch die werkimmanenten Geschehnisse korrekt deuten und interpretieren zu können, bedarf es zunächst also einer Kontextanalyse der historischen Begebenheiten mit besonderem Schwerpunkt auf den Status der Judenemanzipation.
Bereits im 17. Jahrhundert begannen Juden sich in gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Eliten zu etablieren. Die sogenannten „Hofjuden“, die ihren Status ihrem wirtschaftlichen Einfluss zu verdanken hatten, trugen auch zur gesetzlichen Emanzipation der Juden bei 3 . Zudem entstanden Ende des 18. Jahrhunderts zwei Edikte, die großen Einfluss auf die jüdische Emanzipation hatten: 1781/82 das Toleranzpatent durch Kaiser Joseph II. von Österreich und die Verleihung der Staatsbürgerschaft 1790/91 im Rahmen der französischen Revolution 4 . Aus diesen Ereignissen lässt sich jedoch keinesfalls eine allgemeine Emanzipationsbewegung in ganz Europa ableiten. Diese Beschlüsse waren territorial begrenzt 5 und teilweise auch nicht für alle jüdischen Bürger gültig. In Preußen, der Heimat Fanny Lewalds, gab es im 18. Jahrhundert lediglich „individuelle Emanzipation“, die meist aus der wirtschaftlichen Potenz der jüdischen Bürger resultierte und von Friedrich II. vorangetrieben wurde 6 . Als Stellvertreter jüdischer Emanzipationsbestrebungen dieser Epoche können Moses Mendelssohn, David Friedländer und Christian Wilhelm von Dohm betrachtet werden, letzterer veröffentlichte bereits 1781 seine Schrift „Über die bürgerliche
3 Vgl. J. Katz, Aus dem Ghetto in die bürgerliche Gesellschaft, S.41.
4 Vgl. Ebd.
5 Vgl. S. Volkov, Jüdisches Leben und Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert, S.111.
6 Vgl. G. Marci-Boehncke, Fanny Lewald: Jüdin, Preußin, Schriftstellerin, S.27.
Verbesserung der Juden“, in der er eine eingeschränkte und an Pflichten gebundene Gleichberechtigung der Juden forderte 7 .
Ein entscheidendes Datum in der preußischen Judenemanzipation ist der 12.3.1812. In Anlehnung an den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 und den Code Napoléon beschloss die preußische Führung die gesetzliche Gleichstellung der Juden im Bezug auf Gewerbefreiheit, Ansiedlungsrecht und Privatrecht. Zudem wurden alle Sonderabgaben aufgehoben 8 . Dieser Status rechtlicher Gleichstellung war jedoch keinesfalls ein stabiles Konstrukt. Die restaurativen Kräfte, die sich durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses von 1815 bestätigt sahen, versuchten die erlangten Rechte rückgängig zu machen. In den sogenannten „Hep-Hep-Krawallen“ in Würzburg von 1819 fanden Ausschreitungen gegen jüdische Bürger statt 9 . Doch die Liberalisierungstendenzen, die ihren Ursprung im Zeitalter der Aufklärung und der französischen Revolution hatten, ließen sich auf Dauer nicht mehr aufhalten. Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts bildete sich eine neue gesellschaftliche Ordnung. Der Aufstieg des Bürgertums, das sich vor allem durch wirtschaftliche Macht kennzeichnete, war ein ebenso unaufhaltsamer Prozess. Unter diesem Bürgertum fanden sich auch viele Juden, die sich, wie viele ihrer Mitstreiter, dem Liberalismus verschrieben hatten. Die deutsche Revolution von 1848/49 formulierte abermals den Anspruch auf Religionsfreiheit und rechtlicher Gleichstellung der Juden. Das Scheitern der Revolution verhinderte jedoch eine konsequente Durchsetzung dieser Forderungen 10 . Erst 1871 mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs und der Verfassungsreform durch Bismarck wurden jüdische Bürger in allen Belangen gleichberechtigt. Vorausgegangen waren die Gesetze des Norddeutschen Bundes vom 3.7.1869. Diese rechtliche Gleichstellung ging jedoch keineswegs mit einer gesellschaftlichen Gleichstellung einher. Gesellschaftliche Ressentiments und Vorurteile waren weiterhin Bestandteil des öffentlichen Lebens 11 .
Das 18. und 19. Jahrhundert kennzeichnen sich politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich durch große Fortschritte. Die unzähligen Rückschritte, die aber ebenfalls Bestandteil dieser Epoche sind, dürfen nicht vergessen werden. Auch im Bereich der jüdischen Emanzipation lässt sich diese Ambivalenz feststellen.
Fanny Lewald, die 1811 in Königsberg geboren wurde und 1889 in Dresden starb, ist ein Kind dieser Zeit. Als jüdische Autorin sah sie sich mit einer doppelten Diskriminierung konfrontiert. Leslie Adelson vertritt sogar die These, dass diese „doubled vision“ 12 keinesfalls ausreichend sei,
7 Vgl. G. Marci-Boehncke, Fanny Lewald, S.28-32; J.Katz, Aus dem Ghetto, S.41f. u. S.72-79.
8 Vgl. Ebd., S.34f..
9 Vgl. Ebd., S.36.
10 Vgl. J.Katz, Aus dem Ghetto, S.217f..
11 Ebd., S.221f..
12 Zit. n. Th. Mast, Gender, Class, Jewishness, and the Problem of Self in Fanny Lewald's Jenny: Jenny's „schielender
Blick?“, S.32.
Arbeit zitieren:
Lukas Kroll, 2010, Zwischen Fortschritt und Vorurteil - Judenemanzipation im 19. Jahrhundert und ihre Realisierung in Fanny Lewalds „Jenny“, München, GRIN Verlag GmbH
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