Humboldt-Universität zu Berlin Philosophische Fakultät III Institut für Kultur- und Kunstwissenschaften Seminar für Theaterwissenschaft und Kulturelle Kommunikation Wintersemester 2001/2002
SE Aktuelle Dramatik - Berliner Theaterlandschaften IV / Unerbittliche Gegenwart 3
D A V O N H A B E N M E I N E S T I M M E N
N I C H T G E S P R O C H E N !
T I M S T A F F E L S „ J E A N N E D ’ A R C “
Astrid Lukas
0 I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
1 Der Autor 2
2 Das Stück 4
4
2.1 Komposition/ Struktur
5
2.2 Ort und Zeit
Figuren 6
2.3
10
2.4 Handlung
3 Der Stoff (Konzeptionelles) 13
4 Quellen 19
Prim ärliteratur 19
4.1
19
4.2 Sekundärliteratur
1
1 . D E R A U T O R
1965 in Kassel geboren, studiert Tim Staffel von 1987 bis 1991/92 Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen bei Andrzej Wirth, wo er unter anderem die Bekanntschaft mit René Pollesch macht.
„Da bin ich auf René Pollesch gestoßen, der dort geschrieben und inszeniert hat. Ich schaute ihm ein bisschen zu und dachte mir, dass ich das auch machen will. Und dann habe ich vier Jahre lang Stücke geschrieben und habe sie inszeniert.“ 1
Auf diese Weise inspiriert, entstehen zahlreiche Aufführungen für die Studiobühne(n) des Instituts wie „Pasch“ (1991), „Blaue Helden oder Die Dame mit dem nackten Hals“ und „Ella & Lisa“ (beide 1993) sowie „Schindlers Kiste“ (1994). Andere in dieser Zeit entwickelte Stücke wie „Stadt der Krieger“ (1992), „Titanic“ (1994) oder „Das Mädchen mit dem Flammenwerfer“ (1994) kommen erst Jahre später zur Aufführung. 2
Nach dem Studium macht Staffel jedoch schnell die Erfahrung, dass die reale Situation an den deutschen Theatern wenig mit dem geschützten Experimentierraum des Instituts gemein hat - und geht 1994 als freier Autor nach Berlin.
„Ich habe gemerkt, dass alles, was außerhalb Gießens liegt, nicht mehr das Theaterparadies ist. Ich hatte keinen Bock, Hierarchieleitern im Theater hochzuklettern. Ich habe dann ein Stück geschrieben, das ‚Das Mädchen mit dem Flammenwerfer’ heißt. Da war für mich so ein Endpunkt erreicht, was Theater und Stückeschreiben betrifft. Da war klar, dass jetzt etwas anderes kommen musste: die Prosa.“ 3
1 Tim Staffel in: Die offene Wunde Republik (LIBUS)
2 „Stadt der Krieger“ UA 01.10.1994 in Oberhausen; „Titanic“ UA 15.02.2001 am Staatstheater Mainz; „Das Mädchen mit dem Flammenwerfer“ wurde im Juli 2000 auf dem Interszene-Symposium zu Theatralität und Oralität im Netz vorgestellt, die für Januar 2003 geplante UA in den Sophiensälen wurde abgesagt.
3 Tim Staffel in: Die offene Wunde Republik (LIBUS)
2
Eine Zeit lang schreibt Staffel Berlin-Kolumnen für die Redaktion Modernes Leben der Wochenzeitung DIE ZEIT, widmet sich jedoch bald (fast) ausschließlich seiner schriftstellerischen Arbeit - nicht zuletzt dank des Stipendiums des Deutschen Literaturfonds (1994) sowie des Alfred-Döblin-Stipendiums (1996). Nach der Erzählung „Der Schwimmer“ (1994) sowie dem ersten (unveröffentlichten) Romanversuch „Die letzte Sprengung“ (1995) erregt Staffel 1998 endlich mit seinem offiziellen Debüt „Terrordrom“ die Aufmerksamkeit nicht nur der Literaturszene. Frank Castorf adaptiert den Roman für die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und bringt dort am 12.11.1998 die von ihm geschriebene Theaterfassung zur Uraufführung.
Seitdem ist die Volksbühne für Staffel so etwas wie eine künstlerische Heimat, eine „Homebase“ geworden, die ihm außerdem regelmäßig Raum für die Präsentation seiner Bücher sowie für Performances mit den Musikern Spin-O, SMAT und der Band Madonna Hip Hop Massaker bietet.
„Die Volksbühne ist für mich das einzige ernstzunehmende Theater in dieser Stadt, wo Theater tatsächlich noch als Verhandlungs- und Versammlungsort funktioniert. Homebase? Kann ich jetzt sagen ja, weil die Volksbühne gern damit kokettiert, dass ich dort Hausautor sei, was natürlich so nicht stimmt. 4 Es gibt aber eine Affinität.“
Bis Tim Staffel wieder selbst für das Theater schreibt und inszeniert, dauert es jedoch noch zwei Jahre. Erst im Frühjahr 2000 gelangt wieder ein Text von ihm zur Uraufführung: „Werther in New York“ (UA 28.04.2000, Badisches Staatstheater Karlsruhe). Einige Monate später führt Staffel am Theater Basel Regie bei seiner Kafka-Adaption „Das Schloss“ (UA 28.09.2000). Es folgen Inszenierungen seiner Stücke „jeanne d’ arc“ (UA 17.01.2001, Fabrik Heeder in Krefeld), „Hausarrest“ (UA 27.09.2002, wieder in eigener Regie am Prater der Berliner Volksbühne) und „Von Cowboys und Elfen“ (UA 28.03.2003, Stadttheater Konstanz). Parallel zu der wieder einsetzenden Theaterarbeit schreibt Staffel zwei weitere Romane - „Heimweh“ (2000) und „Rauhfasser“ (2002) - sowie die Hörspiele „Hüttenkäse“ (1999), „Stopper“ (2000) und „Ich sehe was, was du nicht siehst“ (2003).
4 Tim Staffel in: Die offene Wunde Republik (LIBUS)
3
2 . D A S S T Ü C K
Tim Staffels „jeanne d’ arc“ entstand 2001 als Auftragsarbeit für das Theater Krefeld Mönchengladbach, wo es am 17.11.2001 in der Regie von Heiko Schnurpel uraufgeführt wurde. 5
2.1 Komposition / Struktur
Das Stück besteht aus 12 Szenen, einem Prolog sowie einem Epilog, die jeweils versehen sind mit Kapitelüberschriften wie „heimatsuche. zeitfinden“, „wegweiser“ oder „kontrollverlust - ein prozess“ 6 . Diese Szenentitel dienen zum einen der Verortung und Strukturierung der Handlung, wobei sie beispielsweise den Weg der historischen Figur Jeanne d’ Arc nachzeichnen. Gleichzeitig können sie allerdings auch als Regieanweisungen gelesen werden, zumal sie nicht nur zu Beginn einer Szene, sondern auch innerhalb derselben auftreten. Eine eindeutige Unterscheidung der beiden Funktionen - Segmentierung oder Regieanweisung - ist dabei nur schwer möglich. So würde ich „würfelspiele, lagerfeuer“ und „nachtwache“ in der 4. Szene 7 durchaus als eine Art Zwischentitel, die in gleicher Form erscheinenden Einschübe „stille“ 8 in den Szenen 7 und 9 jedoch als Spielanleitung interpretieren. Das Problem der Zwischentitel verweist indirekt auf einen weiteren Punkt der Segmentierung. Die Szeneneinteilung - übrigens ohne die übergeordnete Einheit des Aktes - folgt im wesentlichen nicht dem Kriterium der Auf- und Abtritte der Figuren oder dem einer räumlichen Unterbrechung. Beides spielt in Staffels Stück eine eher untergeordnete Rolle: Ein Wechsel des Ortes findet offenbar nicht statt. Zudem scheinen alle drei Figuren ununterbrochen ‚auf der Bühne’ zu sein. Selbst in den monologischen Szenen kann man - auch und vor allem wegen des speziellen Spielortes - die Anwesenheit der anderen Personen zumindest als Beobachter im
5 Vermutlich dem jeweiligen Entwicklungsstand der Auftragsarbeit geschuldet, existieren unterschiedliche Angaben zum Titel des Stücks: Während Staffels Text im „Stück-Werk 3“ (Theater der Zeit, 2001) schlicht unter „Jeanne“ angeführt wird, ist der dieser Arbeit zugrundliegende Seminartext (Rowohlt Theater Verlag) mit „jeanne d’arc - die jungfrau“ übertitelt. Die Uraufführung, und damit meines Wissens die letztgültige Version, fand schließlich unter dem Titel „jeanne d’arc“ statt.
6 Tim Staffel: jeanne d’arc, Szene 1 (S.4), Szene 3 (S.10) und Szene 10 (S.29) - im Folgenden zitiert nur unter Angabe der Seitenzahl.
7 S.13 und S.14
8 S.23 bzw. S.27-29
4
Arbeit zitieren:
Astrid Lukas, 2003, Davon haben meine Stimmen nicht gesprochen! Tim Staffels Jeanne d' Arc, München, GRIN Verlag GmbH
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