INHALTSVERZEICHNIS
1. Einleitung S. 1 - 3
1.1 Die Geschichte des Inflektivs S. 1 - 2
1.2 Definition S. 2 - 3
2. Der Inflektiv in der Internetkommunikation S. 4 - 18
2.1 Grundlagen der Internetkommunikation S. 4 - 5
2.2 Die Spezifika der Chat-Kommunikation S. 5 - 7
2.3 Mediale und konzeptionelle Mündlichkeit / Schriftlichkeit S. 7 - 8
2.4 Der Inflektiv S. 8 - 14
2.4.1 Grammatikalische Besonderheiten S. 8 - 10
2.4.2 Die Funktion des Inflektivs und seine Ursprünge S. 10 - 12
2.4.3 Inflektive in Internet- und Chat-Kommunikation S. 12 - 14
2.5 Verwandte Phänomene S. 14 - 17
2.5.1 Emoticons S. 14 - 15
2.5.2 Actionzeilen / me-Auszeichnungen S. 15 - 16
2.5.3 Onomatopoetika und Lautwörter 16
2.5.4 Akronyme 16
2.6 Internetkommunikation in anderen Sprachräumen 17
3. Fazit und Ausblick S. 18 - 19
4. Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Die Weltbevölkerung und ihre Um- und Mitwelt befinden sich im Zustand stetiger Entwicklungen und Neuerungen. Abgesehen von technischen Innovationen, die ihren Ausgangspunkt größtenteils in der Industrialisierung haben, bestimmen soziale oder ökologische Entwicklungen die gesellschaftliche Organisation und deren Handeln auf diesem Planeten. Auch wenn es teilweise schwer fallen mag in diesen Tendenzen eine wahre Progression auszumachen, stellen sie neue Anforderungen an die Menschheit. Der Aufwand der zum Erwerb von Fähigkeiten und Qualifikationen zur Bewältigung dieser Anforderungen betrieben wird, scheint dabei oft in keinerlei Relation zu den Nutzen zu stehen. Die Herausforderungen der Zeit durchdringen dabei alle gesellschaftlichen Schichten und Strukturen.
Daher sind auch die Geisteswissenschaften vom Prozess der technologischen Innovationen betroffen. Bezüglich des Forschungsfeldes der Linguistik stellen die Neuerungen des 20. und 21. Jahrhunderts besondere Herausforderungen an Forscher und Forschung. Neben der Mediatisierung der Gesellschaft und der globalen Verfügbarkeit einer nahezu unuberschaubaren Masse an Printmedien, stellt vor allem das Internet, dem in dieser Arbeit gesonderte Beachtung geschenkt werden soll, ein neues Forschungs- und Arbeitsfeld für die Linguistik dar. Das Internet umfasst als virtueller Raum bereits viele Forschungsfelder der Sprachwissenschaft, es ergänzt sie aber teilweise auch um neue Aspekte, deren Entstehung und Verwendung scheinbar in engem Zusammenhang mit dem Medium Internet und seiner Beschaffenheit stehen. Der Inflektiv, der Repräsentant solch eines Phänomens ist, soll Thema dieser Arbeit sein.
1.1 Die Geschichte des Inflektivs
Die aktuellen Verwendungsformen des Inflektivs, die im späteren Verlauf dieser Arbeit behandelt werden sollen, werfen natürlich zwangsläufig auch die Frage nach seinen historischen Dimensionen auf. Der Inflektiv ist keineswegs als Phänomen des Internetzeitalters zu werten. Seine Ursprünge liegen vielmehr im Nachfeld des Zweiten Weltkriegs und in der Gattung der Comics. Bernd Dolle-Weinkauff spricht, in Bezugnahme auf das Jahr 1945, von einer „Stunde Null“ der Comichkultur in Deutschland 1 . Die kulturpolitischen Einschränkungen während des Nationalsozialismus ließen trotz der spezifisch deutschen Tradition für Bildgeschichten 2 keinen Platz für die Entwicklung einer Comickultur, wie sie sich in vielen anderen europäischen Staaten zu diesem Zeitpunkt bereits
1 B. Dolle-Weinkauff: Comics made in Germany, S.9.
2 Als Beispiel werden hier von Dolle-Weinkauff die Bildgeschichten von Wilhelm Busch aufgeführt.
1
etabliert hatte 3 . In den USA hatten sich Comic strips oder Comic books bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts behauptet. So entstand der Comic strip „Katzenjammer Kids“ für das New York Journal bereits 1897, interessanterweise durch einen deutschstämmigen Autor, dessen Auftrag in der Kreierung von „something like Max and Moritz“ lag 4 . So scheint es nicht weiter überraschend, dass zunächst amerikanische Comics in Deutschland bekannt wurden, die großteils durch amerikanische Besatzungssoldaten an die Bevölkerung verteilt wurden und später auch Bestandteile der CARE-Pakete bildeten 5 . Neben der persönlichen Weitergabe von diesen Comicheften, lässt sich bereits in der Frühphase ein „merkantile[r] Charakter“ ausmachen 6 . Comics wurden zum Tauschobjekt. Als Beispiele für damalige Comics sind „Ferdinand, der Stier“ (1946) oder „Der Bär, der keiner war“ (1948) zu nennen 7 . Durch diese Werke wurde eine Ausgangsbasis für die Entstehung deutscher Comics gelegt. Um das sprachliche Phänomen des Inflektivs zu erklären muss das Augenmerk jedoch weiterhin auf die fortbestehende Tradition amerikanischer Comics in Deutschland gelegt werden. Zwar beansprucht Herbert Feuerstein die Einführung des Inflektivs im „MAD“-Magazin für sich, allerdings erschien die erste Ausgabe dieses Magazins erst im Jahr 1967 und hält somit bei genauerer Untersuchung dem Anspruch auf Urheberrecht nicht stand 8 . Peter Schlobinski datiert das Auftreten des ersten Inflektivs in seiner ausgeprägten Form hingegen früher, zumal er ein singuläres Auftreten des Inflektivs vor dem 20. Jahrhundert keinesfalls ausschließen möchte 9 . Auch Lenke und Schmitz sprechen sich gegen die Inanspruchnahme des Inflektivs durch das „MAD“-Magazin aus und sehen seinen Ursprung, ähnlich wie Schlobinski, in den Übersetzungen der Disney-Comics ins Deutsche durch Erika Fuchs 10 . Die Micky-Maus-Chefredakteurin sah sich und ihr Team mit dem Problem der Umsetzung der amerikanischen „sound words“ (click) konfrontiert. Diese „Sprachgags von ursprünglich singulärem Charakter“ etablierten sich jedoch schnell als festes Inventar des deutschen Comicwortschatzes 11 .
1.2 Definition
Dolle-Weinkauff, auf den sich Schlobinski an dieser Stelle bezieht, charakterisiert die neu entstandenen Wörter wie bibber, schluchz, seufz oder grübel als „onomatopöisierte[r] Verben“ 12 .
3 Vgl. B. Dolle-Weinkauff, Comics made in Germany, S.9.
4 Vgl. Ebd.
5 B. Dolle-Weinkauff, Comics, S.23.
6 Ebd.
7 Vgl. Ebd.
8 Vgl. hierzu: Fußnote Nr. 5 bei: P. Schlobinski: *knuddel - zurueckknuddel - dichganzdollknuddel*, S.194.
9 Vgl. P. Schlobinski: *knuddel - zurueckknuddel - dichganzdollknuddel*, S.194.
10 Vgl. N. Lenke/P. Schmitz, Geschwätz im globalen Dorf, S.129.
11 Zit n. P. Schlobinski: *knuddel - zurueckknuddel - dichganzdollknuddel*, S.196.
12 Zit. n. Ebd., S.194.
2
Die englische Bezeichnung als „sound words“ legt diese Schlussfolgerung ebenfalls nahe. Dieser Definitionsansatz ist keineswegs unumstritten und in dieser Arbeit soll ein alternativer Zugang gewählt werden, der die rein onomatopöisierende Funktion der Inflektive zurückweist. Hadumod Bußmann definiert Onomatopoiie als „Wortprägung durch Nachahmung natürlicher Laute“ 13 . Das Beispiel grübel ist keine Nachahmung natürlicher Laute sondern eher eine Zustandsbeschreibung, die die bildliche Darstellung stützen soll. Bußmann verweist in ihrem Lexikonartikel zudem auf den Begriff „Ikon“, der sich aus in den Ausarbeitungen Schlobinskis wiederfindet. Schlobinski unterscheidet grundsätzlich zwischen zwei Formen des Inflektivs: der Basisfunktion und der progressiven Funktion (Assertionshandlung) 14 . Die Basisfunktion ist die „unmittelbare bildliche Repräsentation[...]“, die auch die ikonische Funktion umfasst 15 . In seiner Korrespondenz mit Klaus Bayer trifft Peter Schlobinski schließlich die Entscheidung, dass die zweite Form des Inflektivs eine illokutionäre Funktion hat. Das „optische nicht Wahrnehmbare[...] im Bild“ kann in seiner Progression somit ebenfalls durch den Inflektiv verkörpert werden 16 .
Die Definition des Inflektivs ist jedoch Kernbestandteil der Forschungsdiskussion, in der selbst der Begriff „Inflektiv“ angezweifelt wird. Nicht in allen Fällen erfolgt eine Ausdifferenzierung wie sie Schlobinski vornimmt. Der onomatopoetische Ansatz findet sich so auch bei Oliver Teuber wieder, der sich ähnlich wie Hentschel und Weydt auf die Interjektion als Grundelement des Inflektiv-Phänomens festlegt und von der „Nachahmung der tönenden Natur“ spricht 17 . Hier werden erneut die definitorischen Unschärfen im Forschungsbereich des Inflektivs deutlich. Grundlage soll aber der Definitionsansatz von Beißwenger sein. Michael Beißwenger versucht formale Kriterien auszumachen, die Inflektive klassifizieren. Er kommt zu dem Schluss, dass es sich um „Ein-Wort-Ausdrücke, die durchaus auch komplexer sein können“ und von Asterisken umschlossen sind, handelt (Beispiel für komplexe Inflektive: *indenarmnehmundtröst*) 18 . Der Aspekt der Progressivität wird durch seine Benennung abgedeckt, denn er spricht nicht von Inflektiven sondern von Handlungs- und Zustandsbeschreibungen 19 . Es ist allerdings fraglich ob die Verwendung von Asterisken eine Zwangsläufigkeit für Inflektive darstellt. Die grammatikalischen Bedingungen sollen an späterer Stelle genauer erläuert werden, bis dahin sollte Schlobinskis kurze grammatische Definition der Inflektive als „prädikativ gebrauchte Verbstämme“ ausreichen 20 . Komplexere Konstrunktionen, wie sie Beißwenger anführt, sind hierbei als ergänzte Verbstämme zu verstehen.
13 H. Bußmann, Lexikon der Sprachwissenschaft, Sp. 1, S.494.
14 Vgl. P. Schlobinski: *knuddel - zurueckknuddel - dichganzdollknuddel*, S.197.
15 Vgl. hierzu: Fußnote Nr. 12 bei: P. Schlobinski: *knuddel - zurueckknuddel - dichganzdollknuddel*, S.197.
16 Vgl. P. Schlobinski: *knuddel - zurueckknuddel - dichganzdollknuddel*, S.197.
17 Vgl. Fußnote Nr. 3 bei: P. Schlobinski: *knuddel - zurueckknuddel - dichganzdollknuddel*, S.194.
18 M. Beißwenger: Chat-Kommunikation zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, S.106.
19 Vgl. Ebd., S.105; sowie M. Haase, M. Huber, A. Krumeich, G. Rehm: Internetkommunikation und Sprachwandel,
S.65.
20 P. Schlobinski: *knuddel - zurueckknuddel - dichganzdollknuddel*, S.193.
3
Das Internet ist in seiner Konstruktion und aktuellen Ausprägung ein kaum zu überschauendes Medium, welches zeitgleich eine Vielzahl von Optionen und Möglichkeiten bereithält, deren Nutzung jedem User offen stehen. Diese Tatsache bedingt, dass auch das Feld der Sprache und Kommunikation ihren Platz in diesem Medium finden. E-Mails, Chats und Messenger tragen zur globalen und zeitnahen Kommunikation bei und stehen in Wechselwirkung mit ihren Hauptmittel, der Sprache. Hadumod Bußmann definiert Sprache als:
„Auf kognitiven Prozessen basierendes, gesellschaftlich bedingtes, historischer Entwicklung
unterworfenes Mittel zum Ausdruck bzw. Austausch von Gedanken, Vorstellungen, Erkenntnissen
und Informationen sowie zur Fixierung und Tradierung von Erfahrung und Wissen.“ 21 . Die technische Innovation, die mit der Etablierung eines weltweiten Netzwerks einhergeht, bedingt somit auch sprachliche Entwicklungen, die Sprachpuristen wohl als Verfall kennzeichnen würden, die aber wenn überhaupt nur als kontrollierter Verfall gewertet werden können, denn die Entwicklungen folgen klaren Tendenzen, die sich weit über das Themenfeld Sprache heraus erstrecken. Dennoch ist die Rasanz mit der sich dieser mediale Wandel vollzogen hat einzigartig. Gundolf Freyermuth spricht von einem „historischen Medienumbruch[...]“ 22 . Welche Konsequenzen hat dieser Umbruch jedoch auf die internetimmanente und eventuell sogar die internetexterne Kommunikation?
Die offensichtlichste Entwicklung besteht im Wechsel der Kommunikationsmethoden, die sowohl Individual- als auch Massenkommunikation betreffen. Brief und Fax werden ebenso verdrängt wie analoge Datenträger (Schallplatte oder Videokassette). An ihre Stelle treten E-Mail, SMS, CD, DVD und die Möglichkeit eines nahezu uneingeschränkten digitalen Datentransfers durch das Internet 23 .
Der Untersuchungsschwerpunkt dieser Arbeit soll im Bereich der Chat-Kommunikation liegen, allerdings ist es zur Klärung mancher Sachverhalte unabdingbar andere Formen der Internet-Kommunikation zu Rate zu ziehen und diese auf Parallelen und Unterschiede zu analysieren. Vorweg sollen jedoch nur kurz die Spezifika der Internet-Kommunikation dargelegt werden. Peter Schlobinski beschreibt den mit dem Internet einhergehenden Wandel in seiner qualitativen als auch in seiner quantitativen Dimension. Unter Berufung auf Hartmut Roth liegen die wesentlichen Merkmale in „der Zunahme und dem raschen Wechsel von Kommunikationspartnern und […] in
21 Vgl. H.Bußmann, Lexikon der Sprachwissenschaft, Sp.2, S.643.
22 G. Freyermuth, Internetbasierte Kommunikation, S.10.
23 Vgl. Ebd.
4
Arbeit zitieren:
Lukas Kroll, 2011, Der Inflektiv und seine Bedeutung im Rahmen der Internetkommunikation, München, GRIN Verlag GmbH
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