Inhalt
1 Einleitung 3
2 Max Weber. 5
2.1 Kapitalismus und Protestantismus 5
2.2 Idealtypus und Essentialismus 8
2.3 Die „Juden“ bei Max Weber als Spiegel der akademischen Auseinandersetzung
zu Beginn des 20. Jhd. 9
3 Werner Sombarts „Die Juden und das Wirtschaftsleben“ 13
4 Mittelalterliche Stereotype über die Juden 17
5 Fazit und Ausblick 19
Literaturverzeichnis 20
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1 Einleitung
Über die Jahrhunderte wandeln sich die Bedeutungen von Worten und Begriffen. Sie werden semantisch aufgeladen, es ergeben sich neue Kontexte und Konnotationen. Mit dieser Arbeit beabsichtige ich, die Begriffe „Jude“ und „Kapitalismus“ vor dem Hinter- grunddes historischen Diskurses zu analysieren und gehe dabei von der Hypothese aus, dass eine pejorative semantische Verkettung der Begriffe „Jude“ und Kapitalismus“ ge- gebenist. In dieser Frage setze ich mich vorrangig mit den vor allem zu Anfang des 20. Jahrhunderts sehr einflussreichen Wissenschaftlern Max Weber (Kapitel 2) und Werner Sombart (Kapitel 3) auseinander. Weber hat sich als wohl einer der wichtigsten Soziologen umfassend mit dem Zusammenhang von Mentalität und sozio-ökonomischer Lebenspraxis beschäftigt; Sombart, der eine ähnliche Methodik anwandte, setzte insbesondere die Juden und den Kapitalismus in Relation.
Zunächst werde ich die stereotypisierten Vorstellungen herausarbeiten Beide Begriffe unterliegen mitunter einer negativ konnotierten Bedeutung, sowohl bei den genannten Wissenschaftlern als auch z.T. in deren historischer Tradition. Es verwundert vor die- semHintergrund nicht, dass „Kapitalismus“ bis heute ein ideologisch heftig umstrittener Begriff ist; noch weniger verwundert es, dass parallel dazu weiterhin anti-jüdische Vorurteile existieren - und es schließlich dazu kommt, dass beide Begriffe mit einander assoziiert 1 wurden und werden. Eine angenommene Faktizität des „Juden als Begründer des Kapitalismus“ lässt sich über negative Bilder wie des „wuchernden Juden“ und des „Raubtier-Kapitalismus“ 2 scheinbar glaubwürdig herstellen und transportieren. Die entstehende semantische Verkettung führt zu einer darüber hinausgehenden synergetischen, negativen Aufladung der beiden Begriffe, wie im Folgenden gezeigt werden soll. Weiterhin werde ich die von Weber angewandte Idealtypusmethode analysieren, bei der man - so meine These - beim unreflektierten Gebrauch Gefahr läuft, essentialistische Bilder zu produzieren, wie der Fall von Sombart und den „Juden“ im exponierten Maße zeigen wird. Die Seminararbeit habe ich methodisch als vergleichende Studie angelegt: Es geht darum, das Bild der Juden und ihre Rolle im Kapitalismus bei Weber und Sombart zu rekonstruieren, es gegenüberzustellen und die Konsequenzen, die sich daraus
1 „Antisemitismus, das hat schon einmal August Bebel im 19. Jahrhundert gesagt, ist der Antikapitalismus der Dummen.“ Jens Jessen, Unheilsgeschichte. Warum der Kapitalismus zwanghaft mit Juden assoziiert wird, in: DIE ZEIT (2008), H. 45.
2 Dieser Text soll dennoch keine unabdingbare Apologie des modernen Kapitalismus mit all seinen negativen Begleiterscheinungen darstellen. Wie angedeutet, geht es schwerpunktmäßig um die negative Semantik der Begriffe und ihre Verknüpfung.
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für die Semantik der Begriffe ergibt zu ermitteln. 3 Auch sollen allgemeine negative Semantiken über den Kapitalismus und die Juden nicht ausgespart werden, um meine Forschungshypothese zu untermauern.
Als Quellen kommen Sombart 1922 und Sekundärliteratur zu Webers „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ in Betracht. In Bezug auf die Juden im Mittelalter beschäftige ich mich mit Lipton 1999.
3 Getreu der Leitfrage: Welches Bild haben sie am Ausgangspunkt der modernen Sozialwissenschaften geformt?
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2 Max Weber
2.1 Kapitalismus und Protestantismus
Max Webers, der Gründervater der deutschen Soziologie, gilt bis heute als einer der einflussreichsten Vertreter seines Faches. In besonderem Maße haben seine Werke „Wirtschaft und Gesellschaft“ (1922) und „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (1904) nachfolgende Forschergenerationen beeinflusst. 4 Ich beziehe mich hauptsächlich auf das letztgenannte Werk.
Weber führt den modernen Kapitalismus auf eine historisch-spezifische okzidentale Konstellation zurück. Das Kernelement dieser ist die Rationalisierung in Europa, welche die gesellschaftlichen Bereiche der Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, des Rechts, des Staates und der Bürokratie sowie der freien Arbeit durchdrang. 5 Die durch die jüdischchristliche Religion bewirkte Befreiung von magisch-mystischen Vorstellungen apostrophierte Weber als „Entzauberung der Welt“. 6 Zwar sei der Rationalisierungsbegriff bei Weber ein polyvalenter, dem keine eigene Theorie zu Grunde liege. 7 Dennoch lässt er sich für eine kapitalistische Wirtschaftsethik anführen: „Schrankenloseste Erwerbsgier ist nicht im mindesten gleich Kapitalismus, noch weniger gleich dessen ‚Geist‘. Kapitalismus kann geradezu identisch sein mit Bändigung, mindestens mit rationaler Temperierung, dieses irrationalen Triebes. Allerdings ist Kapitalismus identisch mit dem Streben nach [...] erneutem Gewinn: nach Rentabilität“ (Weber 1988, S. 4.) 8 . Der Terminus ‚Geist‘ referiert folglich auf die Frage der Mentalität 9 . Hieran wird der religionssoziologische Ansatz deutlich: Mit seinem Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ untersucht Weber den Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Religion, in Form des Kapitalismus und des Protestantismus. Ökonomie, Politik, Technik,
4 Knut Borchardt, Einleitung, in: Karl-Ludwig Ay/Knut Borchardt (Hrsg.), Das Faszinosum Max Weber. Die Geschichte seiner Geltung, Konstanz 2006, S. 7-16, hier S. 7.
5 Hans-Peter Müller, Max Weber. Eine Einführung in sein Werk, Köln [u.a.] 2007, S. 79. - Müller weist die Vorwürfe des Rassismus, des Ethno- und Eurozentrismus gegenüber Weber zurück. Weber bediene sich rein methodisch eines „heuristischen Ethnozentrismus“ (vgl. Wolfgang Schluchter, Religion und Lebensführung. Studien zu Max Webers Religions- und Herrschaftssoziologie, Frankfurt am Main 1988, S. 283-285.). Ihm ginge es um die „evolutionäre[n]“, nicht „evolutionistische[n]“ Verhältnisse von Gesellschaft. Der Rest der Welt sei von Weber als „Kontrastfolie“ benutzt worden, um die historische Spezifizität hervorzuheben. Müller, Max Weber Einführung, S. 76-77.
6 Eugène Fleischmann, Max Weber, die Juden und das Ressentiment, in: Wolfgang Schluchter (Hrsg.), Max Webers Studie über das antike Judentum. Interpretation und Kritik, Frankfurt a.M 1981, S. 263-286, hier S. 263.
7 Müller, Max Weber Einführung, S. 82. 8 Ebenda, S. 79.
9 Was von (Sombart 1922) aufgegriffen und in Bezug zur jüdischen Wirtschaftsmentalität gesetzt wurde, vgl. S. 14. - und was auch innerhalb dieser Arbeit ein iterativer Gegenstand ist.
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Recht und Religion werden nicht als getrennte soziale Entitäten betrachtet, sondern mittels eines holistischen Ansatzes in Relation zueinander gesetzt. 10 Der ökonomische Rationalismus ist eine Frage der praktisch-rationalen „Lebensführung“. 11 Weber fragt also nach der „Bedingtheit der Entstehung einer ‚Wirtschaftsgesinnung‘: des ‚Ethos‘, einer Wirtschaftsform, durch bestimmte religiöse Glaubensinhalte, und zwar an dem Beispiel der Zusammenhänge des modernen Wirtschaftsethos mit der rationalen Ethik des asketischen Protestantismus“ 12 Die gesellschaftliche Transformation („take off“) vollzog sich durch eine äußere Revolution, durch die Industrialisierung, und gleichermaßen durch eine innere Transformation, durch einen Werte-, Einstellungs- und Mentalitätswandel. 13 Befasst man sich mit der protestantischen Ethik, so kristallisiert sich dabei Folgendes heraus: Es geht um den Erwerb von immer mehr Geld unter strenger Vermeidung eines zweckfreien Konsumierens. Dies stellt sich als pragmatisches Kernelement einer utilitaristischen Ethik heraus 14 , die insbesondere von den Calvinisten unter dem Leitsatz „fides efficax“ (wirksamer Glaube) praktisch gelebt wurde. 15 Für fromme Christen des frühen 17. Jhd. hatten jedoch dogmatische Positionen nicht mehr die oberste Priorität, sondern die alltägliche Bewältigung des Lebens, die verbunden wurde mit der Hoffnung auf ein ewiges Heil im Jenseits. 16 Lehmann sieht (neben anderen Faktoren) dahinter eine wirt-schafts-historische Entwicklung. Nach Jahrzehnten des wirtschaftlichen Wachstums und der Prosperität, sah sich die Bevölkerung seit dem Ende des 16. Jhd. einer existenziell bedrohlichen Hungersnot ausgesetzt. Diese Notsituation spiegelte sich in zunehmenden Maße in eschatologischen Vorstellungen. Das Ende der Zeiten, die Apokalypse, und Christi Wiederkunft galten als absehbar bevorstehend. Wie sollte man auf diese Umstände reagieren? Viele zeitgenössische Autoren schlugen ein asketisches Leben vor. Um der Gnade Gottes 17 teilhaftig zu werden, musste man einerseits dem Luxus entsagen und andererseits seinen beruflichen Pflichten möglichst gewissenhaft nachkommen. 18
10 Müller, Max Weber Einführung, S. 84.
11 Ebenda.
12 Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Tübingen 1988, S. 12. 13 Müller, Max Weber Einführung, S. 85. 14 Ebenda, S. 88. 15 Ebenda, S. 97.
16 Hartmut Lehmann, Max Webers "Protestantische Ethik". Beiträge aus der Sicht eines Historikers, Göttingen 1996, S. 19.
17 „Lehre von der Gnadenwahl“: Die Prädestination (Vorherbestimmung) zielt darauf, wer von den Menschen zur Seligkeit oder zur Verdammnis durch Gottes Gnadenwahl bestimmt ist. Müller, Max Weber Einführung, S. 94.
18 Lehmann, Max Webers "Protestantische Ethik", S. 22-23.
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Arbeit zitieren:
Samuel Lissner, 2010, Die pejorative semantische Verkettung der Begriffe „Jude“ und „Kapitalismus“ am Beispiel der Werke Max Webers und Werner Sombarts , München, GRIN Verlag GmbH
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