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Inhaltsverzeichnis
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1. Einleitung 2
2. Die Selbstfixierung Werthers 3
2.1 „Wie froh bin ich, daß ich weg bin “ 3
2.2 Selbst erwählte Isolation 4
2.3 „Bekanntschaft, aber keine Gesellschaft“ 7
2.4 Das Verhältnis zu Wilhelm 8
3. Werther als Sonderling in der bürgerlichen Gesellschaft 10
3.1 Verhältnis zur bürgerlichen Welt 10
3.2 Werther und der Beruf 13
3.3 Sympathie für gesellschaftliche Außenseiter 16
3.3.1 Das liebeskranke Mädchen 16
3.3.2 Der Bauernbursche 17
3.3.3 Der verwirrte Schreiber 19
3.4 Werther und Kinder 20
4. Egozentrik in der Beziehung zu Lotte 23
5. Schlussbemerkung 26
Literaturverzeichnis 28
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1. Einleitung
„Was ich von der Geschichte des armen Werthers nur habe auffinden können, habe ich mit Fleiß gesammelt, und lege es euch hier vor, und weiß, daß ihr mir’s danken werdet. Ihr könnt seinem Geiste und seinem Character eure Bewunderung und Liebe, seinem Schicksale eure Thränen nicht versagen.“ 1 (S. 7),
schreibt der fiktive Herausgeber von „Die Leiden des jungen Werthers“ an die Leser. Werthers „Character“ soll in dieser Arbeit unter dem Aspekt seiner Vereinzelung und Eigenschaft als Egomane untersucht werden. Dabei ist zunächst seine Selbstfixierung und -liebe aufzuzeigen. Diese soll vorrangig an den Frühlingsbriefen von 1771 rekonstruiert werden, da bereits in diesen frühen Schriftstücken viele subjektivistische Wesenszüge Werthers deutlich werden. Die späteren Briefe werden so hauptsächlich zur Betrachtung des Status des Sonderlings in der bürgerlichen Gesellschaft und der Egozentrik in der Beziehung zu Lotte dienen. Zu Werthers Selbstfixierung wird seine Flucht aus der Stadt untersucht, die zu einem Rückzug in die Natur und damit zur selbst erwählten Isolation führt. Diese Abkapselung von der gesellschaftlichen Welt zeigt sich auch in Werthers Scheu gegenüber verbindlichen sozialen Beziehungen und in seiner egoistischen Haltung gegenüber seinem Freund Wilhelm.
In einem nächsten Schritt wird Werther als Sonderling innerhalb der Gesellschaft betrachtet. Dazu gehört nicht nur sein distanziertes Verhältnis zur bürgerlichen Welt, sondern auch seine abneigende Haltung gegenüber der Berufswelt. Zudem unterstreicht der Protagonist mit seiner Sympathie, z.T. sogar Identifizierung, mit gesellschaftlichen Außenseitern (mit dem liebeskranken Mädchen, dem Bauernburschen sowie dem verwirrten Schreiber) und seiner Kindnähe seinen Status als Sonderling. Das Verhältnis zu Lotte ist unter dem Aspekt der Ichbezogenheit und Selbstaufwertung Werthers ebenfalls zu untersuchen. Dabei spielt auch die Aufwertung des Protagonisten gegenüber Lottes Verlobten, dem Vernunftmensch Albert, eine Rolle. In einer Schlussbemerkung sollen dann die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit zusammengefasst werden.
1 Goethe, Johann Wolfgang: Die Leiden des jungen Werthers. Studienausgabe. Paralleldruck der Fassungen von 1774 und 1787. Hg. v. Matthias Luserke. (RUB 9762.) Stuttgart 1999.
Die zitierten Textpassagen aus Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ sind kursiv gesetzt und folgen in ihrer Schreibweise der Reclam-Ausgabe. Auf diese Ausgabe beziehen sich auch die Seitenzahlen. Da- bei wird in dieser Arbeit aus der Fassung von 1787 zitiert.
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2. Die Selbstfixierung Werthers
2.1 „Wie froh bin ich, daß ich weg bin!“
Mit diesen Worten beginnt der erste Brief Werthers vom 4. Mai 1771 (S. 9) an seinen Freund Wilhelm. Dieser erste Satz steht nicht nur für die Abreise aus der Stadt, sondern scheint programmatisch für Werther zu sein. So stellt schon dieser Ausruf seine „unwiderrufliche Entscheidung, sich den Zwängen der bürgerlichen Verhältnisse zu entziehen“ 2 , dar.
Werther ist gerade der Beziehung mit der „[armen] Leonore“ (4. Mai 1771, S. 9) entflohen, da er auf Veranlassung seiner Mutter Erbstreitigkeiten mit einer Tante beilegen soll. Schon im ersten Brief kann ein „[eskapistischer] Wesenszug“ 3 an Werther festgestellt werden, da er „aus allen Verhältnissen flieht, sobald sich zwischenmenschliche Konflikte anbahnen“ 4 . So kann man seinen Ortswechsel als „das ängstliche Ausweichen vor dem Geforderten“ 5 betrachten, als „Werthers Schritt aus seiner bisherigen Umgebung hinein in die erholsame Unbestimmtheit einer zunächst substanzlosen unberührten Welt“ 6 . Die „Vakuumsfreude über das Wegsein“ 7 impliziert Freiheit als „Abwesenheit von Zwang“ 8 . Werther konnte sein Verhältnis zu Leonore nicht zu einer Freundschaft umwandeln, wie es ihm, der unverbindliche Beziehungen bevorzugt, gut gefallen hätte. Stattdessen musste er die Verbindung durch seine Flucht vollständig beenden. Das Unvermögen scheint ihm mehr zuzusetzen, als das Ende der Beziehung selbst - „Er ist im tiefsten Sinne sozial [Hervorhebung im Original] gescheitert“ 9 . Dies impliziert für ihn, „daß das gesellschaftliche Dasein überhaupt zumindest eine immerwährende Gefährdung für die ohnehin mäßigen Chancen der Selbstverwirklichung darstellt“ 10 . Ein schlechtes Gewissen gegenüber Leonore wird in den Briefen jedoch kaum deutlich,
2 Scherpe, Klaus R.: Werther und Wertherwirkung. Zum Syndrom bürgerlicher Gesellschaftsordnung im 18. Jahrhundert. 3. unveränderte Auflage. Wiesbaden 1980, S. 54.
3 Valk, Thorsten: Melancholie im Werk Goethes. Genese - Symptomatik - Therapie. (Studien zur deutschen Literatur 168.) Tübingen 2002, S. 98.
4 ebd.
5 Schröder, Kai: Schatten der Revolution. Goethes Werther und die Befreiung des Individuums. Diss. Berlin 2003, S. 36.
6 ebd., S. 37.
7 ebd.
8 ebd.
9 ebd., S. 45.
10 ebd., S. 43.
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denn in Werthers Briefen kreist „alles um seine eigene Person als Mittelpunkt und dabei besonders um sein Herz und seine Seele“ 11 .
2.2 Selbst erwählte Isolation
Mit dem Ortswechsel fasst Werther den Entschluss, mit der Vergangenheit und deren Problemen abzuschließen:
„Ich will, lieber Freund, ich verspreche dir’s, ich will mich bessern, will nicht mehr ein Bißchen Übel, das uns das Schicksal vorlegt, wiederkäuen, wie ich’s immer gethan habe; ich will das Gegenwärtige genießen, und das Vergangene soll mir vergangen seyn.“ (4. Mai 1771, S. 9). Schon hier tritt Werthers melancholisches Wesen zutage. Denn die „Fixierung auf widerfahrenes Unglück gehört zu den markantesten Eigenschaften des Melancholikers, der sich vom Einfluß zurückliegender Ereignisse nicht emanzipieren kann und dadurch jeden Bezug zur Gegenwart verliert“ 12 . Um die Vergangenheit hinter sich zu lassen, braucht Werther einen Bezugspunkt in der Gegenwart, der präsenter ist als das Vergangene. Denn
„Vom subjektiven Standpunkt dessen, bei dem eine Verdrängung stattgefunden hat, ist eine verdrängte Erinnerung eine vergessene Erinnerung, d.h. zurückliegende Ereignisse oder Erlebnisse sind in der Erinnerung so lange vergessen, wie eine Gegenbesetzung im Bewußtsein stärker bleibt als das verdrängte Material“ 13 .
Werthers Gegenbesetzung ist die Natur, in der er seine Einsamkeit kultiviert. „Die Einsamkeit ist meinem Herzen köstlicher Balsam in dieser paradiesischen Gegend […]“ (S. 11), schreibt Werther schon im ersten Brief vom 4. Mai 1771 an Wilhelm. Den Rückzug auf sich selbst hebt der Protagonist in den Frühlingsbriefen immer wieder lobend hervor. So hält er auch am 10. Mai 1771 fest: „Ich bin allein, und freue mich meines Lebens in dieser Gegend, die für solche Seelen geschaffen ist, wie die meine.“ (S. 11/13). Werther sucht nicht die Gesellschaft anderer Menschen, er „tritt […] als Einzelgänger auf, der sich in die Natur zurückzieht, um dort seinen Gefühlen und Stimmungen freien Lauf zu lassen“ 14 . Die Natur ist der Gegenpol zur Stadt, die für die bürgerlichen Erwartungen und Konventionen steht. So ist die Einsamkeit in der Natur auch „der im-
11 Auer,Elisabeth: „Selbstmord begehen zu wollen ist wie ein Gedicht zu schreiben“. Eine psychoanalytische Studie zu Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“. Stockholm 1999, S. 152.
12 Valk: Melancholie, S. 64.
13 Flaschka, Horst: Goethes „Werther“. Werkkontextuelle Deskription und Analyse. München 1987, S. 226.
14 Valk: Melancholie, S. 65.
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mer stärkere Rückzug aus der bürgerlichen Gesellschaft“ 15 . Da Werther „auf sich selbst zurückgezogen“ 16 ist, lässt sich von einer „Unfähigkeit, sich mit den realen Verhältnissen zurechtzufinden“ 17 , sprechen. So schreibt Werther: „Ich kehre in mich selbst zurück, und finde eine Welt!“ (22. Mai 1771, S. 23). Seine „wahre Welt liegt im seelischen Innenraum“ 18 , er sieht lediglich „in der (Selbst-)Beschränkung auf die eigene Individualität […] die Erfüllung seines Lebenssinns“ 19 .
Die Natur wird von Werther jedoch nicht nur positiv konnotiert, so schreibt er schon am 10. Mai 1771: „Aber ich gehe darüber zu Grunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.“ (S. 13).
„Wie ist es zu verstehen, daß die ,Gewalt der Herrlichkeit‘, mit der Werther sich in tiefster Ver-bundenheit in Eins erlebt, die Angst des Zugrundegehens ausgerechnet im Frühjahr, der Zeit des Erwachens der Natur, weckt? Nun, dumpf muß in ihm ein Ahnen aufgestiegen sein, daß die große Erneuerung der Natur sich in ihm selber nicht vollzieht.“ 20
An der zitierten Briefstelle ist also abzulesen, dass auch der Rückzug in die Natur Werthers Leiden nicht mindern kann. Er schwärmt zwar, aber stellt auch fest, dass aus ihm kein neuer oder glücklicher Mensch wird. So soll die Natur zwar die Funktion der Gegenbesetzung gegenüber der Vergangenheit erfüllen, kann jedoch nicht präsenter sein als das Verdrängte. Die Natur wird so zur Projektion von Werthers Befindlichkeit. Mit zunehmendem Unglück Werthers empfindet er auch die Natur als bedrohlich (vgl. 18. August 1771, S. 109: „[…] der Schauplatz des unendlichen Lebens verwandelt sich vor mir in den Abgrund des ewigoffenen Grabes.“). Werther kann „nicht mehr deutlich zwischen sich und der Außenwelt unterscheiden“ 21 , so dass er z.B. das Fällen der geliebten Nussbäume (vgl. 15. September 1772, S. 171-175) als einen persönlichen Angriff auf sich wertet; „so zentriert sich die Welt für ihn immer stärker auf ihn selbst“ 22 .
15 Koopmann, Helmut: Goethes Werther - der Roman einer Krise und ihrer Bewältigung. In: Aurora. Jahrbuch der Eichendorff-Gesellschaft für die klassisch-romantische Zeit 58 (1998), S. 1-17, S. 4.
16 ebd., S. 5.
17 ebd., S. 5.
18 Hohendahl, Peter Uwe: Empfindsamkeit und gesellschaftliches Bewußtsein. Zur Soziologie des empfindsamen Romans am Beispiel von La Vie de Marianne, Clarissa, Fräulein von Sternheim und Werther. In: Jahrbuch der Deutschen Schiller-Gesellschaft 16 (1972), S. 176-207, S. 201.
19 Wegmann, Nikolaus: Diskurse der Empfindsamkeit. Zur Geschichte eines Gefühls in der Literatur des
18. Jahrhunderts. Stuttgart 1988, S. 106.
20 Graber, Gustav Hans: Goethes Werther. Versuch einer tiefenpsychologischen Pathographie. In: „Wie froh bin ich, daß ich weg bin!“ Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther in literaturpsychologischer Sicht. Hg. v. Helmut Schmiedt. Würzburg 1989, S. 69-84, S. 70.
21 Koopmann: Goethes Werther, S. 8.
22 ebd.
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Auch Werthers Literatur ist eine Wiedergabe seines Zustands. Die „Epen Homers, die das Helle und Vitale repräsentieren“ 23 , werden schließlich nach Lottes Heirat mit Albert und der Rückkehr aus der Gesandtschaft von den Gesängen Ossians, „die für das Dunkle, Abgründige und Todesverfallene stehen“ 24 , verdrängt. Während die idyllische Welt Homers Werthers Leiden noch zu lindern vermochte, „unterminiert die Ossian-Lektüre seine seelische Verfassung und forciert in erheblichem Maße seine fortschreitende melancholische Erkrankung“ 25 . „[…] Einsamkeit, Verlassenheit, Verzweiflung und Melancholie verbinden ihn [d.i. Werther] mit den Helden seiner Lektüre.“ 26 Zusammenfassend ist zu sagen, dass schon die Frühlingsbriefe von 1771 verdeutlichen, dass Werther ein Egozentriker ist. „Er vertritt einen subjektivistischen, ganz auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit berechneten Standpunkt […].“ 27 Werther will sich selbst bestimmen und entzieht sich bürgerlichen Pflichten. „Er weicht zurück in Erfahrungsbereiche, die nur noch von seiner eigenen Subjektivität kontrolliert werden: Empfindung, Sprache, Natur, Kunst, Liebe, Tod [Hervorhebung im Original].“ 28 Dies bleibt jedoch nicht ohne Folgen: „Die Kehrseite der rauschhaften Eigenbestimmung ist die Isolation, in die sich das Individuum zunehmend manövriert“ 29 . Diese Isolation hat Werther jedoch durchaus bewusst gewählt, er gefällt sich in der Rolle des Außenseiters. Lieber zieht er sich in sich selbst zurück und pflegt damit seinen Narzissmus, als zu versuchen, den Ansprüchen der bürgerlichen Gesellschaft gerecht zu werden. Denn die Welt erscheint Werther „als Gefängnis [Hervorhebung im Original]“ 30 (vgl. 22. Mai 1771, S. 21/23). Er lässt den zentralen Begriff der „Einschränkung“ (22. Mai 1771, S. 21) fallen - der Protagonist fühlt sich eingekerkert in soziale Konventionen. Er will dem Gefängnis entfliehen, nimmt den „Rückzug aus den bürgerlichen Pflichten, die Wendung nach innen, [den] Versuch, der eigenen Seelenfülle neue Bezugspunkte zu schaffen“ 31 vor, um sich selbst zu verwirklichen, was ihm in der bürgerlichen Welt nicht
23 Valk: Melancholie, S. 85.
24 ebd.
25 ebd.
26 Marx, Friedhelm: Erlesene Helden: Don Sylvio, Werther, Wilhelm Meister und die Literatur. Heidelberg 1995, S. 153.
27 Schröder: Schatten, S. 44.
28 Scherpe: Werther, S. 55/56.
29 Hillebrand, Bruno: Goethes Werther - ein deutsches Thema. In: Abhandlungen der Klasse der Literatur 7 (1981/82), S. 1-16, S. 9.
30 Hübner, Klaus: Alltag im literarischen Werk. Eine literatursoziologische Studie zu Goethes Werther. Heidelberg 1982, S. 124.
31 Scherpe: Werther, S. 55.
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gelingt. So entwickelt der Protagonist „ein Idealbild der aus innerer Gefühls- und Empfindungssicherheit heraus ‘ganz bei sich seienden’ und zugleich an der Welt intensiv teilnehmenden Existenz [Hervorhebung im Original]“ 32 . Dabei hat die Selbstwahrnehmung statt gesellschaftlicher Kategorien die „‘innere Wahrheit’ des Herzens zum Maßstab“ 33 . Werther erfüllt somit keine sozialen Rollenerwartungen, vielmehr schafft er sich eine eigene Rolle, die des von der Gesellschaft unverstandenen Außenseiters und Gefühlsmenschen.
2.3 „Bekanntschaft, aber keine Gesellschaft“
Werther fällt es leicht, zu anderen Menschen Kontakte zu knüpfen. Er scheut jedoch enge soziale Beziehungen; unverbindliche Verhältnisse sind ihm lieber und er scheint auch zu keinen anderen fähig zu sein, wie anhand des Briefes vom 17. Mai 1771 deutlich wird: „Ich habe allerley Bekanntschaft gemacht, Gesellschaft habe ich noch keine gefunden.“ (S. 17). Die Klage, dass er „mit niemandem in ein vertraulicheres Verhältnis treten könne, trägt deutliche Züge der Heuchelei. Als notorischer Einzelgänger meidet Werther bewußt soziale Bindungen“ 34 und „der flüchtige Kontakt zu anderen Personen dient letztlich nur der melancholisch-narzißtischen Selbstbespiegelung“ 35 . Dabei bemerkt Werther kokettierend über die Anziehungskraft, die er an sich selbst wahrzunehmen vermeint: „Ich weiß nicht, was ich anzügliches für die Menschen haben muß; es mögen mich ihrer so viele, und da thut’s mir weh, wenn unser Weg nur eine kleine Strecke mit einander geht.“ (17. Mai 1771, S. 17). Auch dieses angebliche Bedauern ist geheuchelt, da es Werther selbst ist, der dafür sorgt, dass die Bekanntschaften nicht verbindlicher werden. So fühlt er sich auch vielen Menschen, mit denen er sich umgibt, überlegen, würde z.B. mit „einem hiesigen guten, schönen, übrigens unbedeutenden Mädchen“ (16. Juni 1771, S. 37) als Tanzpartnerin zum Ball fahren, wie er an Wilhelm schreibt. Auch über die Tochter des Pfarrers äußert er sich herablassend: „[…] eine rasche, wohlgewachsene Brünette, die einen, die kurze Zeit über, auf dem Lande wohl unterhalten hätte.“ (1. Juli 1771, S. 63). So tut es Werther keineswegs leid, keine nähe-
32 Hübner:Alltag, S. 123.
33 ebd.
34 Valk, Thorsten: Poetische Pathographie. Goethes „Werther“ im Kontext zeitgenössischer Melancholie-Diskurse. In: Goethe-Jahrbuch 119 (2002), S. 14-22, S. 16.
35 Valk: Melancholie, S. 83.
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Birte Jessen, 2008, "Ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt!" Goethes "Werther" als Außenseiter und Egomane, München, GRIN Verlag GmbH
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