Kein Mensch ist bei Rilke in der Welt beheimatet, und jegliches Bemühen, diese Spannung aufzulösen, wird als Illusion entlarvt: „Ist sie [die Nacht] den Liebenden leichter? / Ach, sie verdecken sich nur miteinander ihr Los.“ Erst an späterer Stelle zeigt sich, dass das Deuten für den Menschen tatsächlich der falsche Weg sei: „Aber Lebendige machen / alle den Fehler, dass sie zu stark unterscheiden.“.
Doch auch mit dieser Erkenntnis bleibt die Frage nach der ‚rechten’, d.h. dem Menschen innewohnenden Existenz bestehen. Eine Heimat klingt noch nicht an, denn alles ist im Fließen begriffen: Rilke umreißt eine Vielzahl von Möglichkeiten, nur um auch gleichzeitig deren Grenzen aufzuzeigen. Keine Haltung, kein Entschluss, keine Tat können dem Menschen Sicherheit, Beständigkeit und Klarheit im Dasein bringen. Folgerichtig erscheint daraufhin die Konklusion, dass das Schweben selbst der Ort sei, der dem Menschen zur Heimat werden kann: „Sollen nicht endlich uns diese ältesten Schmerzen fruchtbarer werden? Ist es nicht Zeit, daß wir liebend uns vom Geliebten befrein und es bebend bestehn: wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung m e h r zu sein als er selbst. Denn Bleiben ist nirgends.“
Im Anschluss an diese grundlegende Erkenntnis, die Rilke aber ganz still und einfach in vier schlichten Worten ‚fest stellt’, folgt die eindringliche Aufforderung, den fremden Gesetzen der transzendenten Welt zu folgen: „Stimmen, Stimmen. Höre, mein Herz, wie sonst nur Heilige hörten: daß sie der riesige Ruf
aufhob vom Boden; sie aber knieten, Unmögliche, weiter und achtetens nicht: So waren sie hörend. Nicht, daß du G o t t e s ertrügest die Stimme, bei weitem. Aber das Wehende höre, die ununterbrochene Nachricht, die aus Stille sich bildet.“
Nur indem sich der Mensch innig dem Unaussprechlichen anheim gibt, kann er bei Rilke eine Ahnung des Immer Seienden erfahren.
Der unmittelbare menschliche Zugang zur jenseitigen Welt ist der Tod. Unumgänglich steht er jedem Menschen bevor. Obgleich sich Diesseits und Jenseits bei Rilke zu durchdringen scheinen, bedarf der Zugang zur metayphysischen Welt eines Tores, das in diesem Falle durch den Tod gegeben ist: Die Nachricht, die das innig lauschende Lyrische Ich in Rilkes Gedicht nun empfängt, stammt von den Toten. In einem
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Perspektivenwechsel erfährt der Leser vom Verlust der menschlichen Dimension im Tod (und damit der Identität) und von dem Mangel jeglicher Integrität: „das, was man war, in unendlich ängstlichen Händen, nicht mehr zu sein und selbst den eigenen Namen wegzulassen wie ein zerbrochenes Spielzeug. Seltsam, die Wünsche nicht weiterzuwünschen. Seltsam, alles, was sich bezog, so lose im Raume flattern zu sehen. Und das Totsein ist mühsam und voller Nachholn, daß man allmählich ein wenig Ewigkeit spürt. [...]“
Die Botschaft der Toten wirkt prophetisch - legt sie doch Bereiche offenbar, die dem Lyrischen Ich auf Erden verborgen bleiben müssen. Umgekehrt können die Lebenden für die Toten bei Rilke nichts mehr leisten: „Schließlich brauchen sie uns nicht mehr, die Frühentrückten man entwöhnt sich des Irdischen sanft, wie man den Brüsten milde der Mutter entwächst. Aber wir, die so große Geheimnisse brauchen, denen aus Trauer so oft
seliger Fortschritt entspringt - : k ö n n t e n wir denn sein ohne sie?“
Wem die Welt zu eng wird, der sucht sie auszudehnen - und sei es in das Jenseits, das am nächsten liegt bei den Toten. Hier findet die erste der zehn Elegien ihren Abschluss, der das Schwebende, Ungewisse des Anfangs transformiert in eine in einer gewissen Art geformte „Schwingung [...], die uns jetzt hinreißt und tröstet und hilft.“ Auch wenn Rilke hier einen ansatzweise hoffnungsfrohen Ausblick findet, bleibt doch der klagende Grundton das bestimmende Moment des Gedichtes. Vom Klagen zum negativ konnotierten Jammern ist es bisweilen nicht weit, vor allem, weil das Jammern von den Jammernden selbst nie als solches empfunden wird. Jede Klage entspringt einem subjektiven Empfinden, und als solches bedarf es keiner Rechtfertigung. Folglich könnte man sogar behaupten, der Begriff ‚Jammer’ finde gerechte Verwendung nur in der Beurteilung einer Klage von außen durch einen Unverständigen.
Und so könnte man Rilke durchaus vorwerfen, er jammere sich pathetisch durchs Menschsein hindurch („[...] Ach, wen vermögen / wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht, / und die findigen Tiere merken es schon, / daß wir nicht sehr verlässlich zu Haus sind / in der gedeuteten Welt. [...]“ - jedoch nur, um Zeugnis davon abzulegen, dass von eigener oder mitfühlender Erfahrung des Geschilderten keine Spur
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Arbeit zitieren:
M.A. Philosophie, Germanistik Daniela Jakob, 2008, Essay über Rilkes erste Duineser Elegie, München, GRIN Verlag GmbH
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