Humboldt- Universität zu Berlin
SS 1999
Institut für die deutsche Literatur
GKA Einführung in die Literaturwissenschaft
( im ersten Semester)
Thema:
Die neue Märchentheorie bei
E. T. A. Hoffmann, anhand des
Märchens aus der neuen Zeit der
,,Goldene Topf"
Geschrieben von:
Julia Lukijanova
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 2
2 ,,Der Goldene Topf" - Märchen der neuen Zeit. 4
3 Die Zeit um den «Goldenen Topf» 8
4 Die Märchentheorie bei E. T. A. Hoffmann 10
5 ,,Der goldene Topf" als Gattungs-, Epochenproblem 13
6 Nachwort 14
7 Bibliographie 15
1 Einleitung
Wie schon der Titel dieser Arbeit verrät, wird die Rede von der neuen Märchentheorie bei E. T. A. Hoffmann sein, anhand des Märchens der ,,Goldene Topf". Als erstes wird der Begriff des Märchens allgemein definiert und analysiert; weiter werden verschiedene Beispiele aus den unterschiedlichen Ländern herangezogen. Danach wird die Zeit um das neue Märchen angeschaut. Dabei wird verglichen, ob das Märchen in die damalige Zeit passt oder ob es absolut den Begriffen der Epoche widerspricht. Dann wird die eigentliche Theorie erörtert. Zum Schluß wird das neue Märchen als Gattungs- und Epochenproblem dargestellt, damit der Leser versteht, woran die Neuartigkeit des Märchen am deutlichsten hervortritt.
Von dem Autor ist zu sagen, daß diese Arbeit nicht zu große Kritik erfordert, denn nur wer Erfolg haben will, darf keine Angst haben, Fehler zu machen... 0
,,In keiner als in dieser düsteren verhängnisvollen
Zeit hat mich das Schreiben so angesprochen-
Es ist, als schlösse ich mir ein wunderbares
Reich auf, das auf meinem Innern hervorgehend
Und sich gestaltend mich dem Drange des
Äußern entrückte-,,
( E. T. A. Hoffmann, B 1, S.408)
1.1 Was ist ein Märchen in der traditionellen Vorstellung?
Das Wort ,,Märchen" ist seit dem 15.Jahrhundert bekannt. Es kommt ursprünglich von ,,Mär", mittelhochdeutsch maere und bedeutet Kunde, Bericht, phantastisch, realitätsüberhobene und variable Erzählung. Der Stoff dieser Erzählung stammt aus mündlichen, volkstümlichen Traditionen und kann bei jeder mündlichen oder schriftlicher Realisierung je nach Erzähltalent und -intention anders gestaltet werden. Als Erzähltypus wird das Märchen neben Legende, Sage und Mythe zu den einfachen Formen, den Grundtypen sprachlichen Gestaltens, gezählt. Das als ,,wunderbare Erzählung" eingegrenzte Märchen ist in der Regel gekennzeichnet durch Raum- und Zeitlosigkeit, die wie selbstverständlich wirkende Aufhebung der Natur- und Kausalgesetze (Verwandlungen, sprechende Tiere, Pflanzen, Gegenstände usw.), das Auftreten von Fabelwesen ( Riesen, Zwerge, Hexen, Drachen usw.), Einschichtigkeit (Zentrierung auf Heldin oder Held), Handlungsstereotypen (Auszug, Vertreibung, Mißachtung des Helden, seine Bewährung durch Aufgaben- oder Rätsellösung), vor allem stereotypen Schluß (ausgleichende Gerechtigkeit, Sieg des Guten oder Wiederherstellung einer harmonischen Ordnung, mit grausamer Bestrafung des Bösen). Kennzeichnend sind auch die Schauplätze (Schloß, Häuschen, Wald, Höhle, Quelle usw.), Requisiten (Brunnen, Zauberring, Zauberspiegel, -lampe usw.) und die Farben (gold, schwarz, weiß, rot- weiß), ferner auch die Zahlen (sieben Zwerge, drei Wünsche etc.). Die Charaktere sind bei allen Märchen, in verschiedenen Ländern typisiert (König, Königstochter oder Sohn, Held meist von niederer Herkunft, mißachtet oder abhängig von bösen Schwestern, Brüdern, Stiefmüttern etc.) Diese Ähnlichkeiten der internationalen Märchen deuten darauf hin, daß die Vorstellungen von einem Märchenaufbau gleich sind und in unterschiedlichen Ländern auf ähnliche Art und Weise erzählt werden. Die Märchen des Orients unterscheiden sich jedoch etwas von den Märchen des Abendlandes. Sie interessieren sich in erster Linie für das Leben des einfachen Menschen und passieren auf alltäglichen Schauplätzen, wie der Straße. Dabei spielt die Schlauheit und die Weisheit des Helden eine größere Rolle als die komplizierten Zaubertricks.
2 „Der Goldene Topf“ - Märchen der neuen Zeit.
Nach der allgemeinen Analyse der traditionellen Märchentheorie erscheint das Märchen von E. T. A. Hoffmann „der Goldene Topf“ etwas anders und eventuell verwirrend, denn es entspricht fast keinem der obengenannten Stereotypen. Als erstes fällt bei diesem Kunstwerk die bestimmte Zeit, in der das Märchen spielt, und die ganz bestimmte und zum Teil detaillierte Ortsangabe. Allein diese Tatsache ist sehr untypisch für ein Märchen. Der allgemein bekannte Anfang lautet: „ Vor langer, langer Zeit, in einem fernen Land...“ . Hier ist die gesamte Geschichte in zwölf Virgilien gegliedert. Das Wort „Virgile“ bedeutet „Nachtwache“ und weist auf die späte Stunde, in der das Märchen entstand. Die Geschichte handelt von einem Mensch, dessen tiefstes und edelstes Streben immer wieder im Keim gebrochen wird, da ihm im entscheidenden Augenblick sein Miß- oder Ungeschick einen bösen Streich spielt. Somit wird der Leser zuerst mit einer ganz normalen Person konfrontiert, die nichts zauber- oder märchenhaftes an sich hat. Aber sehr bald kommt ein anderer Ton hinzu, der Schrei der alten Frau:
[...]
0 Frank Tyger
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Julia Lukjanova, 1999, Die neue Märchentheorie bei E.T.A. Hoffmann, anhand des Märchens "Der goldene Topf", Munich, GRIN Publishing GmbH
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