Einleitung
Woran können oder sollen wir uns im Handeln orientieren? Wie verhalte ich mich richtig? Auf diese Fragen versucht die Mesotes-Lehre des Aristoteles Antworten zu geben. Aber was genau ist die Mesotes-Lehre? In der folgenden Hausarbeit möchte ich genau darauf eingehen. Ich werde aufzeigen, wie Aristoteles seine Mesotes-Lehre darstellt und wie sie anzuwenden ist. Außerdem beschäftige ich mich mit den Problemen, die das Modell der Mesotes-Lehre aufwirft.
1. Klärung des Begriffes ethische Tugend
Die Mesotes-Lehre ist ein wichtiger Bestandteil der Nikomachischen Ethik und meint „die Lehre von der Tugend als Mitte. Die Mitte stellt den maßvollen Ausgleich zweier Extreme dar; sie ist das erstrebenswerte Ziel des ausgeglichenen Verhaltens. Aristoteles erörtert seine Lehre anhand der ethischen Tugenden.“ 1 Bevor ich weiter auf den Begriff der Mitte eingehe, will ich erst einmal klären, was ethische Tugenden (arete) aus der Sicht von Aristoteles sind. Mit der Bezeichnung ethische Tugend ist so etwas wie eine gute Charaktereigenschaft gemeint, deshalb können ethische Tugenden auch als Charaktertugenden bezeichnet werden. 2 Auf die Definition der charakterlichen Tugend geht Aristoteles im vierten Kapitel seines zweiten Buches der Nikomachischen Ethik ein. Für ihn gibt es drei psychische Phänomene. Die „Affekte (pathos), Anlagen (dynamis) und Dispositionen (hexis)“ 3 . Als Affekte werden Gefühle wie Liebe, Wut usw. bezeichnet und die Anlagen sind dafür da, dass wir die Affekte ausleben können. Die Dispositionen sind dafür zuständig, dass wir uns in Bezug auf die Affekte richtig verhalten. Für ihn muss Tugend in eine der Kategorien eingeordnet werden. Er macht dies durch das Ausschlussverfahren. Tugend kann für Aristoteles kein Affekt sein, da Affekte aus der Situation heraus entstehen und wir auch nicht aufgrund unserer Gefühle verurteilt werden, „die Tugenden aber sind Akte der Selbstbestimmung oder können von diesem Akt nicht getrennt werden“ 4 und dafür können wir sehr wohl gelobt oder kritisiert werden. Zusätzlich werden wir von Tugenden nicht bewegt, was bei Affekten der Fall wäre. Das ist auch ein Grund für Aristoteles warum die Tugenden nicht zu den Anlagen zählen. Nur
1 Müller, M.: Die Ironie. Kulturgeschichte und Textgestalt. Würzburg 1995. S. 9.
2 Vgl. Wolf, U.: Die Aristoteles‘ >Nikomachische Ethik<. Darmstadt 2 2007. S. 66.
3 Aristoteles: Nikomachische Ethik. Reinbek bei Hamburg 2006. S. 81.
4 Aristoteles: Philosophische Schriften in sechs Bänden. Band 3 Nikomachische Ethik. Hamburg 1995. S. 33.
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weil wir die Fähigkeit besitzen Affekte bzw. Gefühle zu spüren, werden wir nicht als gut oder böse eingeordnet oder bekommen eine besondere Anerkennung oder Abneigung entgegengebracht. Anlagen sind naturgegeben, Tugenden aber nicht. Daraus lässt sich schließen, dass die Tugenden zu den Dispositionen zugeordnet werden können. 5 Die Bestimmung der Gattung reicht Aristoteles aber nicht aus, für ihn war es wichtig, auch noch die Art der Tugend festzustellen. „Beim ethischen Habitus [=Disposition, feste Grundhaltung: Anm. J.H.] ist die gesuchte Art eine Mitte (in einem gedachten Kontinuum), und zwar keine arithmetische Mitte, sondern eine Mitte für uns.“ 6 Es ist noch wichtig festzuhalten, dass die Tugend nach Aristoteles „eine Disposition (hexis) [ist], die sich in Vorsätzen äußert (prohairetike) […] [und] die bestimmt wird durch die Überlegung (logos), das heißt so, wie der Kluge (phronimos) sie bestimmen würde“ 7 . Das bedeutet, dass die ethische Tugend einen zu richtigen Entscheidungen befähigt.
2. Die Mesotes-Lehre
Die Mesotes-Lehre des Aristoteles bezieht sich auf genau diese Definition der Art der ethischen Tugenden. Es ist wichtig zu verstehen, was genau er mit Mitte meint. Wie in dem Zitat von Max Klopfer schon erwähnt, ist nicht die arithmetische Mitte gemeint, sondern eine persönliche und subjektive Mitte, die auch noch situationsabhängig ist. Wenn es eine Mitte gibt, dann muss es auch zwei Seiten geben, zwischen denen die Mitte liegen kann. Die eine Seite wird von Aristoteles als Mangel (elleipsis) und die andere Seite als Übermaß (hyperbole) bezeichnet. Die beiden Seiten Übermaß und Mangel können auch als Laster oder Schlechtigkeiten (kakai) bezeichnet werden. Denn nur wenn beim Handeln die richtige Mitte getroffen wird, handelt man richtig und gut. Und auch wenn festgestellt wurde, dass die ethische Tugend nicht zu den Affekten und Anlagen zählt, so hängt alles zusammen, z.B. ist das wie des Auslebens der Affekte abhängig von meiner Entscheidung in der gegebenen Situation basierend auf meinen ethischen Tugenden. 8 Aber zurück zu dem Verhältnis der Mitte zu den Schlechtigkeiten. Bildlich kann man das so darstellen:
5 Vgl. Aristoteles: Nikomachische Ethik. S. 81f.
6 Klopfer, M.: Ethik-Klassiker von Platon bis John Stuart Mill. Ein Lehr- und Studienbuch. Stuttgart 2008. S.99.
7 Aristoteles: Nikomachische Ethik. S. 85.
8 Vgl. ebd. S.84. 4
An einem Beispiel, das auch Aristoteles in seiner Schrift gibt, möchte ich versuchen, die Darstellung ein wenig zu erklären. Wenn man zum Beispiel den Bereich des Geben und Nehmen von Geld nimmt, ist die richtige Mitte die Großzügigkeit (eleutheriotes). Hat der Charakter einen Mangel an Großzügigkeit, dann gilt man als geizig (aneleutheria) und wenn man übermäßig großzügig ist, dann heißt es, man wäre verschwenderisch (asotia). 9 „Hier zeigen die Leute Übermaß und Mangel auf entgegengesetzte Arten; der Verschwenderische ist übermäßig im Ausgeben und nimmt zu wenig, der Geizige ist übermäßig im Nehmen und mangelhaft im Geben.“ 10 Wie die Darstellung zeigt, stehen die beiden Laster sich am extremsten gegenüber, aber sie stehen auch im Gegensatz zu der Mitte. Diese allerdings steht nur mit den beiden Lastern im Gegensatz. „Außerdem zeigen einige Extreme eine gewisse Ähnlichkeit mit der Mitte, wie […] die Verschwendungssucht mit der Freigebigkeit [Großzügigkeit; Anm. J.H.]. Die Extreme untereinander dagegen weisen die größte Unähnlichkeit auf.“ 11 Das die Schlechtigkeiten auch im Gegensatz zur Mitte stehen, kann man wie folgt erklären: wenn jemand geizig ist (für die betroffene Person ist das die richtige Haltung) und auf eine großzügige Person (die ihre Haltung in der Mitte hat, also richtig handelt) trifft, dann wird dem Geizigen die großzügige Person nicht großzügig erscheinen, sondern verschwenderisch, da für ihn sein eigenes Verhalten das Richtige ist. Andersherum ist dies genauso. Dem Verschwenderischen wird der Großzügige geizig erscheinen. Und je mehr man von der Mitte zum anderen Extrem wandert umso verschwenderischer bzw. geiziger erscheint man seinem Gegenüber. Es wird deutlich, dass die Mitte nie gut abschneidet, es sei denn, man selber hat die richtige Mitte gefunden. Es gibt noch einige ethische Tugenden mehr, an denen man die Mesotes-Lehre erklären kann. Da das hier aber den Rahmen sprengen würde, habe ich eine Tabelle, die, die einzelnen ethischen Tugenden und ihre Laster aufzeigt, an die Hausarbeit angehängt. Als Abschluss dieses Kapitels möchte ich festhalten, dass „es bei den Charaktertugenden [weder] darum [geht], die menschlichen
9 Vgl. Aristoteles: Nikomachische Ethik. S. 87.
10 Ebd. S. 87.
11 Ebd. S. 90f. 5
Arbeit zitieren:
Janin Huse, 2011, Die Mesotes-Lehre des Aristoteles, München, GRIN Verlag GmbH
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