1 Einleitung
Die Flüchtlinge und Vertriebenen „leben politisch, beruflich und materiell nicht anders als die Deutschen, die hier seit Generationen ansässig sind. Daß das gelingen konnte, ist das eigentliche Wunder unserer Nachkriegsgeschichte“. 1 So oder so ähnlich wurde die Integration 30 Jahre nach der Flucht und den Vertreibungen aus den ehemals deutschen Ostgebieten präsentiert. Vielfach wird der Vorgang dieser Integration deswegen als Integrationswunder bezeichnet und damit suggeriert dieser Begriff, dass diese Integration problemlos abgelaufen sei.
Das Hauptanliegen dieser Arbeit liegt darin, das Phänomen ‚Integrationswunder‘ zu beleuchten und herauszufinden, ob es sich dabei um Realität oder um einen Mythos handelt.
Um einen Einblick in die Situation rund um die Flucht und die Vertreibungen zu bekommen, gebe ich zunächst einen Überblick über die Ursachen und die Hintergründe, um danach auf den Umfang, den Verlauf und die Struktur der Flucht und Vertreibungen einzugehen. Dies dient dazu, um sich in etwa vorstellen zu können, was auf die einzelnen Personengruppen zu gekommen ist und wie die Vertreibungen abgelaufen sind.
Nach der Vorgeschichte beschäftige ich mich dann mit der Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen. Integration kann man auf verschiedenen Ebenen betrachten, z.B. politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich. Ich beschränke mich hierbei auf die gesellschaftliche und die wirtschaftliche Integration, da diese beiden Formen unmittelbar miteinander verbunden sind. Eine weitere Beschränkung ist, dass ich mich nur auf die westlichen Besatzungszonen beziehe, da die sowjetische Besatzung im Gegensatz dazu nicht von Flüchtlingen und Vertriebenen ausging, sondern von Umsiedlern. Dadurch handhabten die Sowjets diese ganze Problematik anders als die westlichen Alliierten. Auch hier beziehe ich mich fast ausschließlich zu Literatur über die amerikanische und britische Besatzungszone, da die Franzosen sich weigerten Flüchtlinge und Vertriebene aufzunehmen und deswegen der Anteil dieser in der
1 Hans-Joachim von Merkatz (Hg.), Aus Trümmern wurden Fundamente. Vertriebene - Flüchtlinge -Aussiedler. Drei Jahrzehnte Integration, Düsseldorf 1979, S.7.
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französischen Besatzungszone nur etwa bei 1% lag, was dazu führte, dass es dort nicht in dem selben Ausmaß um die Frage der schnellen und erfolgreichen Integration ging wie in den anderen beiden westlichen Besatzungszonen.
Ich habe mich bei der Literatur überwiegend auf aktuelle Werke bezogen, da die ältere Literatur, die sich mit dem Thema beschäftigt, meiner Meinung nach stark von der Zeit beeinflusst war, d.h. die Literatur war zu sehr darauf fixiert, dass es das Integrationswunder auf jeden Fall gegeben hat und das war mir nicht objektiv genug. Außerdem hat sich die Forschung in diesem Bereich sehr weiterentwickelt, was bedeutet, dass die Literatur von damals veraltet ist.
Am Schluss beschäftige ich mich dann mit der Frage, ob die Integration gelungen ist und inwieweit man von einem Integrationswunder sprechen bzw. ob es Realität oder ein Mythos ist.
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2 Die Vorgeschichte
2.1 Ursachen und Hintergründe der Vertreibung Deutscher
Ein großes Ziel Hitlers vor und während des Zweiten Weltkrieges war es, mehr ‚Lebensraum‘ für die Deutschen im Osten zu gewinnen. Dieses Ziel umfasste die „weitreichende Durchführung von Umsiedlungen, Vertreibungen und Deportationen ganzer Bevölkerungen“ 2 , um die Gebiete frei für die Volksdeutschen 3 zu machen. Durch die expansive Politik Hitlers waren von den Durchführungen dieser Vertreibungen und Deportationen etwa neun Millionen Menschen betroffen. Geplant waren die Durchführungen schon im ‚Generalplan Ost‘, der sogar von 45 Millionen Menschen, die ausgesiedelt werden sollten, ausging. Dieser Plan wurde von Heinrich Himmler, der von Hitler zum ‚Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums` ernannt wurde, entwickelt und teilweise umgesetzt. 4 Denn ein weiteres Ziel außer der territorialen Erweiterung des Deutschen Reiches war eine dauerhafte Herrschafftssicherung der Deutschen im Osten. Dieses sollte durch das Erreichen des ersten Zieles realisiert werden. In den ersten fünf Jahren des Krieges wurden etwa eine Million Volksdeutsche ‚heim ins Reich‘ geholt. Mit ‚Reich‘ sind hier die durch die Deutschen eroberten und angegliederten Gebiete im Osten gemeint. Die bis dahin einheimische Bevölkerung wurde nach bestimmten Kriterien selektiert. Daraus folgte, dass nur etwa 1,7 Millionen Menschen als ‚eindeutschfähig‘ galten und somit die deutsche Staatsangehörigkeit erhielten. Die restlichen Juden und Polen, etwa 8,5 Millionen Menschen, sollten vertrieben werden. 5 Einige Millionen Menschen starben während der deutschen Besatzungszeit. Die Herrschaft Hitlers, die vornehmlich die Lebensraumgewinnung und Stabilisierung der deutschen Macht verfolgte, hielt bis zum Vormarsch der Roten Armee ab Mitte 1944 an.
„Auch wenn […] [Hitlers] verbrecherische Pläne nur in Ansätzen verwirklicht werden konnten, erlitten als Folge des Wahns vom deutschen ‚Lebensraum im
2 Klaus J., Bade/Jochen, Oltmer, Normalfall Migration, Bonn 2004, S. 49.
3 Personen deutscher Herkunft, aber ohne deutsche Staatsangehörigkeit
4 Vgl. Dieter Bingen(Bearb.)/Manfred Gebhardt/Joachim Küttner, Deutsche in Polen nach 1945. Gefangene und Fremde (Biographische Quellen zur Zeitgeschichte, Bd. 19), München 1997, S. 18.
5 Vgl. Klaus J. Bade/Jochen Oltmer, Mitteleuropa. Deutschland, in: Klaus J. Bade, u.a. (Hg.), Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Paderborn 3 2010, S. 156.
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Arbeit zitieren:
Janin Huse, 2011, Das Integrationswunder - Realität oder Mythos?, München, GRIN Verlag GmbH
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