Inhalt
1. Einleitung 3
2. Benns Werdegang bis einschließlich 1933 5
2.1. Benns gesellschaftliche Position vor 1932 5
2.2. Vorgänge in der Preußischen Akademie der Künste nach der Machtergreifung 11
3. Gottfried Benns Weltanschauung 15
3.1. Benns Menschenbild 16
3.2. Benns Definition von Geschichte 26
4. Benns Einstellung nach Ende des Zweiten Weltkrieges 38
5. Schluss 43
Literaturverzeichnis 45
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1. Einleitung
Gottfried Benn bietet der Forschungsliteratur viele verschiedene Untersuchungsgegenstände, von seiner frühen expressionistischen Lyrik, über seine monologische Prosa, seine späte Lyrik, sein im 20. Jahrhundert sehr populäres Lyrikprogramm, bis hin zu seinen zahlreichen Essays, Aufsätzen und Vorträgen, in denen er seine Weltanschauung darstellt. Das wohl kritischste Thema in der Forschungsliteratur ist aber wohl der „Fall Benn“. Nach der Machtergreifung Hitlers und der Nationalsozialisten, bekannte sich Benn öffentlich zur neuen Regierung. Er verteidigte und unterstützte sie durch Essays und Rundfunkreden, auch hinsichtlich heute stark verurteilter Maßnahmen, wie beispielsweise der Euthanasie und Eugenik. Besonders interessant ist dieses Verhalten Benns, wenn man bedenkt, dass er sich zu jeder Zeit als vollkommen unpolitischer Mensch darstellte.
Die Forschung kommt bezüglich Benns Gründen sich für den Nationalsozialismus einzusetzen zu den unterschiedlichsten Ergebnissen. Peter de Mendelssohn sieht Benns zeitweilige Hinwendung zum Nationalsozialismus als einen Verrat an, bei dem er seine „geistigen Ansprüche[]“ 1 verleugnet. Er verurteilt ihn wesentlich schärfer als die meisten anderen Literaturwissenschaftler, indem er Benns Verantwortung als Schriftsteller betont, die er seinen Be-wunderern und Lesern gegenüber habe. 2 Während de Mendelssohn ihn als Nazi und Verräter darstellt, der sehr wohl in der Lage war, zu erkennen, wem er da die Treue schwört, kommen die meisten Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass Benns Bekenntnis zum Nationalsozialismus als Konsequenz aus seinem Denken aufzufassen ist. Aber auch bei dieser Ansicht gibt es erhebliche Unterschiede. Dieter Wellershoff beispielsweise stellt den „Fall Benn“ eindeutig als Kontinuität dar, die aus der vorangegangenen geistigen und philosophischen Entwicklung des Schriftstellers entstanden ist. Trotzdem spricht auch Wellershoff ihn nicht von jeglicher moralischer Verantwortung frei. Er sieht Benns Bekenntnis als „Flucht vor der ungeheuerlichen Anstrengung, sein Denken zu revidieren“ 3 . Ein wirklicher, ernstzunehmender Vorwurf seitens Wellershoffs ist seinem Buch „Phänotyp dieser Stunde“ aber nicht zu entnehmen. Er rechtfertigt damit Benns Verhalten, weist aber darauf hin, dass er auch eine andere Entscheidung hätte treffen können. Somit stellt Wellershoff einen gemäßigten Benn-Fürsprecher dar. Im Gegensatz zu ihm lässt Annemarie Christiansen keinerlei Kritik an Benn und seinem Bekenntnis zum Nationalsozialismus zu. Ihrer Meinung nach trugen die Anfeindungen einiger kommunistischer Schriftsteller maßgeblich zur Entscheidung Benns bei 4 und er habe nur eine
1 De Mendelssohn, Der Geist in der Despotie, S. 250.
2 Vgl. ebd., S. 238.
3 Wellershoff, Phänotyp dieser Stunde, S. 173.
4 Vgl. Christiansen, Benn. Einführung in das Werk, S. 118f.
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kurze Zeit gebraucht, um zu erkennen, dass der Geist bei den Nationalsozialisten irrelevant sei. 5 In ihrer Verteidigungsschrift ist Christiansen allerdings dermaßen bemüht, Benns Verhalten fehlerfrei erscheinen zu lassen, dass ihr selbst einige Fehler unterlaufen. So schreibt sie Benn durchgehend nahezu hellseherische Fähigkeiten zu, da er bereits Anfang des Jahrhunderts Probleme angesprochen habe, die auch aktuelle Situationen noch beträfen. Wäre Benn allerdings ein so weitsichtiger Mann gewesen, hätte er sich wohl direkt aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und nicht über ein Jahr damit verbracht, den Nationalsozialismus enthusiastisch zu unterstützen, um letztendlich doch von seinen Vertretern angefeindet zu werden und aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen zu werden. Ein wirklich grober Fehler unterläuft ihr, als sie behauptet, dass Benn 1933 der Überzeugung war, „daß die neue Regierung die Freiheit der Meinungsäußerung und die Freiheit der Kunst schützen werde“ 6 . Benn selbst stellt bereits 1933 in „Der neue Staat und die Intellektuellen“ fest, dass die Meinungsfreiheit unter den Nationalsozialisten stark eingeschränkt werden würde und dass dies zu begrüßen sei. 7 Christiansen ist somit einer der wenigen Vertreter in der Forschungsliteratur, die zu dem Ergebnis kommen, dass es sich bei dem „Fall Benn“ lediglich um einen Irrtum handelt. War Benns Bekenntnis also nur ein Irrtum? Oder hat er gar ganz bewusst seine literarischen Kollegen verraten? Gegen einen reinen Irrtum sprechen einerseits das Maß, in dem Benn sich für den Nationalsozialismus eingesetzt hatte und andererseits die Tatsache, dass er sich niemals dafür entschuldigt hat. Wäre es nur ein Fehler seinerseits gewesen, den er später erkannte, hätte er seine Schuld einfach eingestehen können. Ein bloßer Verrat liegt aber wohl auch nicht vor. Hätte sich Benn bewusst dafür entschieden, den „Geist“, wie es bei Benn selbst und oft auch in der Forschungsliteratur heißt, und die Intellektuellen zu verraten, hätte er sich nicht schon nach nicht einmal zwei Jahren wieder vom Nationalsozialismus abgewandt. Somit bliebe der Grund der Kontinuität übrig, der auch Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit sein wird.
Die Forschungsliteratur betrachtet den „Fall Benn“ in der Regel allgemein und zieht zahlreiche Belege und Hintergründe zu Rate, um den jeweiligen Ansatz zu unterstützen. Diese Arbeit wird sich auf spezifische Punkte bezüglich des Denkens Benn konzentrieren. Will man Benns Bekenntnis zum Nationalsozialismus dahingehend untersuchen, dass es sich um eine Konsequenz aus seinem Denken handelt, ist es natürlich unerlässlich, seine Weltanschauung zunächst darzustellen. Da Benn aber unzählige Essays, Aufsätze und Vorträge verfasste, in denen er seine philosophischen Ansichten behandelt, wird sich diese Arbeit auf zwei Aspekte
5 Vgl. ebd., S. 163f.
6 Ebd., S. 119.
7 Vgl. GB IV, S. 18.
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der Bennschen Weltanschauung konzentrieren. Dies sind zum einen sein Menschenbild und zum anderen seine Geschichtsauffassung. Die Frage, die sich bei dieser Untersuchung stellt, ist jene, ob diese Aspekte der Philosophie Benns sowohl vor 1933 als auch zu Zeiten der Regierung Hitlers identisch sind und inwiefern sie mit dem Nationalsozialismus in Einklang zu bringen sind. Die These dieser Arbeit beinhaltet dabei, dass Benn sich hauptsächlich deshalb zum Nationalsozialismus bekannte, weil er in und mit ihm die konkrete Realisierung seiner Weltanschauung zu sehen glaubte. Bevor dies jedoch geschieht, ist es allerdings ebenfalls von enormer Bedeutung, dass man Benns gesellschaftliche Position vor der Machtergreifung Hitlers darstellt. Er durchlief nicht nur eine Entwicklung, die seine Weltanschauung betrifft, sondern auch innerhalb der Gesellschaft und der literarischen Welt, die ihren Höhepunkt nicht lange Zeit vor dem 30. Januar 1933 hatte. Außerdem wird es einen Überblick darüber geben, wie Benn nicht nur literarisch, sondern auch aktiv den Nationalsozialismus unterstützte, indem er an der Gleichschaltung der Preußischen Akademie der Künste mitwirkte. Somit ist ein umfassendes Gesamtbild der Ausgangssituation Benns bei der Machtergreifung Hitlers gegeben, das notwendig ist, um sein Verhalten während der nationalsozialistischen Regierung richtig beurteilen und analysieren zu können.
Schließlich folgt noch eine Untersuchung, ob Benn seine Einstellung nach Ende des Zweiten Weltkrieges und Bekanntwerden der unglaublichen Verbrechen der Nationalsozialisten revidierte oder ob auch zu diesem Zeitpunkt noch eine Kontinuität seines Denkens vorhanden war und er bei seiner 1933 dargestellten Einstellung blieb.
2. Benns Werdegang bis einschließlich 1933
Bevor konkret auf die Weltanschauung Benns eingegangen werden kann, ist es wichtig, seine gesellschaftliche Position und die Vorgänge unmittelbar vor seinem öffentlichen Bekenntnis zum Nationalsozialismus zu erläutern. Die Bedeutung seiner gesellschaftlichen Entwicklung und seiner stetig wachsenden Anerkennung seitens der Literaturwelt ist nicht zu unterschätzen. Der gesellschaftliche Aufstieg Benns vollzog sich vom Außenseiter zu einer bekannten Persönlichkeit, die sowohl Kritiker als auch Bewunderer hatte. Den Höhepunkt erreichte diese stetige Entwicklung kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, so dass Benn zu dieser Zeit mehr Einfluss hatte und Anerkennung bekam als jemals zuvor.
2.1. Benns gesellschaftliche Position vor 1932
Ersten Ruhm erlangte Benn im Alter von 26 Jahren, als 1912 „Morgue und andere Gedichte“ veröffentlicht wird. Dabei handelt sich um einen kleinen Gedichtband, der für äußerst viel
6
Aufsehen innerhalb der deutschen Presse und Gesellschaft sorgte. „Der Verleger, Alfred Richard Meyer (der unter seinem Pseudonym ‚Munkepunke‘ viel bekannter wurde) berichtet: ‚Wohl nie in Deutschland hat die Presse in so expressiver, explodierender Weise auf Lyrik reagiert wie damals bei Benn.‘“ 8 Dies begründet sich vor allem darin, dass die Leser die Gedichte als lyrische Obduktionsberichte auffassten, die rein sachlich und nüchtern bleiben. „Das ist ein ‚Irrtum‘, der sich lange hielt.“ 9 Auch wenn es sich um eine Fehleinschätzung handelt, dass in „Morgue“ reale Sektionen dargestellt werden, führte die teilweise abstoßende Wortwahl und die Negation der Würde der Toten zu einem Skandal, der den Namen Gottfried Benn bekannt machte.
Dieser erste Erfolg sicherte Benn jedoch nicht seinen Lebensunterhalt. Auch wenn er in den nächsten Jahren literarisch produktiv blieb, knüpfte er an seinen Erfolg erst einige Jahre später wieder an. Dies mag auch daran liegen, dass er im Ersten Weltkrieg in Belgien positioniert war. In Brüssel verfasste er außer „Morgue und andere Gedichte“ sämtliche seiner Werke der 20er Jahre, die durch die politischen und gesellschaftlichen Umstände des Weltkrieges wohl nur schwer veröffentlicht werden konnten. Dort schrieb er auch eine Reihe von Prosatexten, die Benn selbst unter dem Begriff „Rönne-Komplex“ zusammenfasste. Obwohl bereits im Juli 1914 geschrieben, erschienen sie unter dem Titel „Gehirne“ erst im Februar 1915 und hinterließen einen immensen Eindruck auf die deutsche Bevölkerung und Literaturwelt. 10 Hiermit knüpfte Benn also an seinen Erfolg von 1912 mit „Morgue und andere Gedichte“ an. 1917 verließ Benn das Militär und eröffnete nach kurzer Anstellung in der Charité seine eigene Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Seine literarische Tätigkeit reichte immer noch nicht ansatzweise dafür aus, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Doch auch der Verdienst durch die eigene Praxis war eher dürftig, so dass Benn viel arbeiten musste, um genügend Geld für sich und seine Familie erwirtschaften zu können. Zu diesem Zeitpunkt war Benn mit Edith Osterloh verheiratet und hatte mit ihr bereits eine gemeinsame zweijährige Tochter, Nele. Da die Eheschließung erst kurz vor der Einberufung in den Militärdienst statt-gefunden hatte, sah sich Benn erst 1917 mit dem Familienleben konfrontiert. Dieses lehnte er ab, indem er für seine Familie eine eigene Wohnung mietete, während er selbst in der Wohnung über seiner Praxis alleine lebte. „Frau und Tochter besucht er höchstens sonntagnachmittags - wie immer perfekt gekleidet ‒, wenn er zum Tee auf eine Stunde in der ehelichen Wohnung erscheint.“ 11 Benn scheint also ein regelrechter Einzelgänger gewesen zu sein, der
8 Lennig, Gottfried Benn in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, S. 33.
9 Lethen, Der Sound der Väter, S. 75.
10 Vgl. ebd., S. 35.
11 Decker, Genie und Barbar, S. 117.
7
zwar soziale Kontakte unterhielt, aber die meiste Zeit lieber für sich blieb. Erst nach dem Krieg konnte man in aller Deutlichkeit erkennen, wie Benn vor gesellschaftlichen Anlässen und engen Kontakten mit seinen Mitmenschen flüchtete. „Gottfried Benn sind fremde Menschen und bloßes Geplauder ein Greuel; er versteckt sich gern.“ 12 Dieses Verhalten legte er auch später nicht ab. So schrieb er an seinen Brieffreund Oelze anlässlich eines Besuches seiner Tochter Nele im Jahr 1936: „Heute kommt meine Tochter für eine Woche zu mir. […] Wird kaum gut abgehn[!]. Ich kann nicht mit irgendwem länger wie einen halben Tag Wohnung u. Licht u. Gegenstände teilen, alle diese Nester der Zerstörung!“ 13 Benn lebte in der Rolle des Außenseiters, der sich in Gesellschaft von fremden Menschen nicht wohl fühlt. Er konzentrierte sich stattdessen lieber auf seine Arbeit, sowohl auf die medizinische als auch auf die literarische. Daran änderte sich auch nichts, als seine Frau im November 1922 nach einer Gallenblasenoperation starb. Benn hatte sich anscheinend mit der Vaterrolle niemals anfreunden, geschweige denn identifizieren können. Seinen Stiefsohn Andreas schickte er in ein Schulinternat, während seine Tochter Nele nach einem kurzen Aufenthalt bei ihrem Onkel Stephan Benn zu einer Freundin Benns, Ellen Overgaard, nach Kopenhagen kam.
Nun war Benn, der „Familienfeind“, wie ihn Lethen nennt 14 , wieder allein und konnte sein von ihm bevorzugtes Einsiedlerleben fortführen. Man darf nun aber nicht denken, dass Benn überhaupt keinen Kontakt zu anderen Menschen hatte. Ihn verband beispielsweise seit 1917 eine enge Freundschaft zu Thea Sternheim, die trotz einigen, starken Diskrepanzen bis zum Tode Benns im Jahre 1956 anhielt. Eine weitere wichtige Frau in Benns Leben war Else Lasker-Schüler, die er bereits 1912 kennengelernt hatte. Die beiden verband im Gegensatz zu der Freundschaft zu Thea Sternheim zu Anfang auch eine Liebesaffäre, die in vielen Gedichten beider zum Ausdruck kommt. 15 Benn sah in ihr nicht nur eine Frau, sondern auch einen Künstler. 16 Diese beiden Frauen unterscheiden sich stark von all den anderen Frauen, mit denen Benn zu dieser Zeit Kontakt hatte. In der Regel hieß eine enge Beziehung zu einer Frau für ihn vor allem eine sexuelle Affäre. Solche Affären soll er einige, auch zu Zeiten der Ehe, gehabt haben.
Auch mit Friedrich Wilhelm Oelze hatte Benn seit 1932 engen Kontakt, wenn auch zumeist nur in Form von Briefen. Ihm konnte Benn alles anvertrauen, was ihn zur jeweiligen Zeit be-
12 Ebd.
13 Benn, Briefe an F.W. Oelze, S. 129.
14 Lethen, Der Sound der Väter, S. 84.
15 Vgl. ebd., S. 70f.
16 Eine ausführliche Untersuchung der Beziehung zwischen Benn und Lasker-Schüler und deren literarischen
Einfluss auf die beiden bietet: Sanders-Brahms, Gottfried Benn und Else Lasker-Schüler.
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schäftigt, von Modefragen über Frauengeschichten bis hin zu seinen teilweise doch starken Depressionen. 17 Oelze wird in der Forschungsliteratur einstimmig als wichtigste Vertrauensperson Benns angesehen. Auffällig ist jedoch, dass Benn solch ein großes Vertrauen nur dadurch aufrecht erhalten konnte, dass er Oelze räumlich so gut wie nie zu Gesicht bekam. Benn war kein Misanthrop, er hatte Kontakt zu anderen Menschen. Jedoch ließ er kaum je-manden näher an sich heran und bevorzugte entweder oberflächliche oder literarische Gesprächsthemen. Ernste, persönliche Themen sprach er nur unter Wahrung der Distanz in Form von Briefen an. Er nahm nicht an gesellschaftlichen Ereignissen teil und blieb lieber für sich. „Man braucht nicht lange zu suchen, um Indizien und Belege dafür zusammenzubringen, daß Benn ein introvertierter Mensch war, der sich aus Kontaktscheu mit allerlei Hindernisfeldern gegen die Außenwelt abschirmte, praktisch und noch mehr gedanklich.“ 18 Er sprach nur durch seine zuvor geschriebenen Texte mit der Gesellschaft, was ihm vollkommen genügte. Ende der 1920er Jahre stand es äußerst schlecht um die wirtschaftliche Situation Gottfried Benns. Wie die meisten anderen Ärzte der Weimarer Republik verdiente er durch die eigene Praxis zu wenig Geld, so dass er 1926 die ehemalige Familienwohnung, in der seine verstorbene Frau mit ihren Kindern gelebt hatte, aufgeben musste und nun nur noch die Wohnung über seiner Praxis besaß. Mit seiner literarischen Tätigkeit verdiente er weiterhin keine nennenswerten Beträge. So gibt er in „Summa Summarum“ an, dass er von 1911 bis 1926 mit seinen Veröffentlichungen insgesamt nur 975 Mark verdient hatte. 19 Benn führte also ein sehr einfaches Leben mit wenig Kontakt zur Gesellschaft und sein primäres Ziel bestand darin, genügend Geld als Arzt zu verdienen, um überleben zu können. Gleichzeitig nahm seine literarische Tätigkeit zu und blieb auch nicht unbemerkt. Denn zu dieser Zeit erlangte er immer mehr Anerkennung in Fachkreisen. „Noch während Benn unter dem Druck der materiellen Verhältnisse einen an der Realität orientierten Kulturpessimismus vertrat, kündigt sich in der Literaturkritik sein endgültiger Durchbruch an.“ 20 Kurz darauf wurde er auch innerhalb der deutschen Bevölkerung populärer. Ab 1930 war Benn regelmäßig im deutschen Rundfunk zu hören. Dies hatte zwei wesentliche Vorzüge: „Endlich verdiente er ein regelmäßiges Zubrot und blieb in der literarischen Szene präsent.“ 21
Wichtig zu erwähnen ist, dass Benn sich selbst immer als ein unpolitisch denkender Mensch einstufte. Während einer 1930 unfreiwillig ausgelösten Auseinandersetzung mit einigen linksorientierten Schriftstellern fand ein Rundfunkgespräch zwischen ihm und Johannes R.
17 Vgl. Decker, Genie und Barbar, S. 207f.
18 Wellershoff, Phänotyp dieser Stunde, S. 22.
19 Vgl. GB III, S. 162.
20 Dyck, Der Zeitzeuge, S. 22.
21 Ebd., S. 33.
9
Becher, Dichter und KPD-Mitglied, statt. Kurze Zeit später fasste Benn dieses Gespräch zusammen, wobei er jedoch vieles veränderte. „Benn hat viel (von ihm) Nichtgesagtes mit in den Text geschrieben, gleichzeitig streicht er Bechers Position rigoros zum Torso zusammen.“ 22 In diesem Text mit dem Titel „Können Dichter die Welt verändern?“ bezieht Benn Stellung, was die Aufgabe des Künstlers sei. Er negiert die Annahme, dass Schriftsteller Anteil und Einfluss auf die Politik, die Gesellschaft oder die Geschichte haben könnten: „Man kann es nicht anders ausdrücken: Kunstwerke sind phänomenal, historisch unwirksam, praktisch folgenlos. Das ist ihre Größe.“ 23 Benn war also der festen Überzeugung, dass er als Künstler keinen Einfluss auf die Geschichte und ihre Entwicklung nehmen könnte. Damit stellte er sich vor allem gegen die linken Schriftsteller, die vermehrt politisch aktiv waren. Dass diese zuweilen zur Überreaktion neigten, wird an ihrer Kritik an Benn deutlich, die sowohl aufgrund einer Rede als auch eines Essays geübt wurde, die er anlässlich des 60. Geburtstags Heinrich Manns 1931 verfasste. „Die Reaktionen sind heftig.“ 24 Der Grund für die massive Kritik der linken Schriftsteller ist die Tatsache, dass Benn sich nur auf frühere Werke Manns bezog und die politisch motivierten Texte nicht erwähnte.
Benn befand sich also zu dieser Zeit in einer gesellschaftlichen Position, die in der Regel eher einsam war, was von ihm jedoch gewünscht wurde. Er verdiente durch die Arbeit beim Rundfunk genügend Geld, war jedoch auch nicht reich oder verkehrte in der gehobenen Gesellschaft. In der literarischen Szene wurde er von den politisch links eingestimmten Schriftstellern zusehends angefeindet. Er selbst vertrat jedoch die Auffassung, dass er weder an der Geschichte noch an der Politik Anteil haben sollte. „Er will sich um keinen Preis politisch vereinnahmen lassen und wehrt sich deswegen sowohl gegen Forderungen von Links als auch gegen die Abdrängung nach Rechts.“ 25 Politische Belange waren für Benn vollkommen uninteressant und er betonte mehrmals, dass er weder politisch handeln noch denke wolle. Er selbst forderte 1930, dass man einen Schriftsteller als „a priori geschichtlich unwirksam, rein seelisch phänomenal“ 26 ansehen sollte. Als Dichter habe keinen Einfluss und dadurch weder Verantwortung noch Verpflichtungen der Politik oder der Gesellschaft gegenüber. Benn war vielmehr der Ansicht, dass er gar nicht über die nötigen Qualifikationen verfügte, dass er sich in politische Angelegenheiten einmischen könnte. 27 Merkwürdig ist jedoch, dass er sich trotz dieser Einstellung 1933 für den Nationalsozialismus einsetzte.
22 Decker, Genie und Barbar, S. 164.
23 GB VII/1, S. 174.
24 Decker, Genie und Barbar, S. 175.
25 Steinhagen, Gottfried Benn 1933, S. 40.
26 Benn, Zur Problematik des Dichterischen, GB III, S.232-247; hier: S. 237.
27 Vgl. Christiansen, Benn. Einführung in das Werk, S. 168.
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Jana Hölters, 2011, Gottfried Benns Geschichtsauffassung und seine Hinwendung zum Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag GmbH
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