„Tropenlehrzeit“. Die abenteuerliche Reise (Quest) als philosophischer Erkenntnisweg. Phantastisch-allegorische „Erfahrungen“ der Willensmetaphysik Arthur Schopenhauers in Alfred Kubins Die andere Seite (1909) und Robert Müllers Tropen (1915).
Vorbemerkung
Die folgende Arbeit versucht sich an der vergleichenden Interpretation zweier Romane, deren strukturelle und ideengeschichtliche Nähe bisher nur wenig Beachtung gefunden hat. 1 Dieser Umstand kann nicht mit einem mangelnden Interesse der Literaturwissenschaft erklärt werden. Sowohl Alfred Kubins Die andere Seite 2 (1909) als auch Robert Müllers Tropen 3 (1915) sind seit den späten siebziger Jahren kontinuierlich erforscht worden. Ein Grund für das Ausbleiben einer solchen Interpretation liegt vielleicht in den dominierenden Stil- und Genrezuweisungen, die die frühe Forschungsliteratur zu beiden Werken prägte und deren Gemeinsamkeiten bald überdeckte. So wurde Kubins Roman als Paradigma der Dekadenzdichtung und der phantastischen Literatur beschrieben, Müllers Werk als Muster der expressionistischen Prosa und des exotistischen Reiseromans vorgestellt. Folgt man dagegen Wolfdietrich Raschs Gedanken zu einer literarischen Epoche zwischen 1890 und 1914, die er mit der Formel „Dichtung der Jahrhundertwende“ 4 umschreibt, so erhalten Die andere Seite und Tropen ein gemeinsames ideengeschichtliches Fundament. Im Gegensatz zum gängigen Schema der „zeitlichen Aufeinanderfolge von Stilen“, das auf die zu interpretierenden Werke angewendet kaum Berührungspunkte zuläßt, stellt Rasch die „These von der inneren Einheit der Zeit“ auf, einer Zeit, „in der klar unterscheidbare Formungsweisen, die keimhaft schon im Anfang nebeneinander hervortreten, sich nebeneinander entfalten“ 5 . Die Vielfalt dieser Formungsweisen (Stile) verdeckt dabei häufig
1 Zwei Autoren haben die Romane am Rande ihrer Untersuchungen miteinander in Verbindung gebracht. Walter H. Sokel nennt in seinem Aufsatz Die Prosa des Expressionismus (in: Rothe, Wolfgang [Hg.]: Expressionismus als Literatur. Gesammelte Studien. Bern, München, 1969, S. 153-170, hier S. 164.) beide Werke als Beispiele für die „allegorische Richtung in der expressionistischen Erzählkunst“. Thomas Köster (Bilderschrift Großstadt. Studien zum Werk Robert Müllers. Paderborn, 1995, S. 127) weist in seiner Aufzählung versteckter „Allusionen“ in Müllers Tropen auch „Kubins Traumstadtroman Die andere Seite“ als Element des „urbanen Kulturtextes“ nach.
2 Im Folgenden zitiert nach: Alfred Kubin: Die andere Seite. Ein phantastischer Roman. Mit 51 Zeichnungen und einem Plan. München, 1975.
3 Im Folgenden zitiert nach: Robert Müller: Tropen. Der Mythos der Reise. Urkunden eines deutschen Ingenieurs. Herausgegeben von Robert Müller Anno 1915. Paderborn, 1991.
4 Wolfdietrich Rasch: Aspekte der deutschen Literatur um 1900. In: ders.: Zur deutschen Literatur seit der Jahrhundertwende. Gesammelte Aufsätze. Stuttgart, 1967, S. 1-48, hier S. 2.
5 Ebd., S. 3.
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die „Einheitlichkeit des Zeitstils“ 6 . Rasch nennt hier die allen gemeinsame „Bindung an das, was der Epoche als Grundwert gilt: an das Leben“ 7 . Nun bedeutet „Leben“ um 1900 stets mehr als das biologische Phänomen belebter Natur. Die Stellung der Biologie als Leitwissenschaft der Jahrhundertwende vermag die literarische Konjunktur des „Natur“- und „Lebens“-Begriffs (auch der „Willens“-Begriff gehört hierher) nur bedingt zu erklären. Vielmehr verweist die genuin metaphysische Prägung dieser Begriffe direkt auf den philosophischen Diskurs um 1900. „Dichtung und Naturphilosophie und nicht Dichtung und Naturwissenschaft - dies ist die Allianz“, die, nach Wolfgang Riedel, „der Moderne einen nicht-szientifischen Begriff der Natur bewahrt“ 8 . Zentral wirkt dabei die Philosophie Arthur Schopenhauers, wie er sie in seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung (1819/1844) entwickelt hat. 9 Schopenhauers Willensmetaphysik, deren Rezeption um 1900 eng mit der Rezeption der Philosophie Friedrich Nietzsches verbunden ist, ermöglicht es der transzendenzlosen Faktizität des modernen Daseins, beschrieben durch die positivistischen Naturwissenschaften, einen metaphysischen Natur- und Lebensbegriff zu bewahren. Im Asyl der Kunst behält so die Natur auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts die „Dignität eines Metaphysikums“ 10 .
Die folgende Untersuchung ist dieser ideengeschichtlichen Perspektive verpflichtet. Sie geht dem Einfluß der Schopenhauerschen Willensmetaphysik auf Alfred Kubins Die andere Seite und Robert Müllers Tropen interpretierend nach und entdeckt in ihr die philosophische Grundstruktur, die in beiden Romanen handlungsbestimmend wirkt. Die zentrale These dieser
6 Ebd., S. 17.
7 Ebd., S. 17.
8 Wolfgang Riedel: „Homo Natura“. Literarische Anthropologie um 1900. Berlin, New York, 1996, S. XIV.
9 Die Betonung der Philosophie im Naturdiskurs um 1900 soll natürlich nicht den ungeheuren Einfluß der Biologie auf die Literatur der Jahrhundertwende infragestellen. Es geht hier lediglich um die Verdeutlichung der zeittypischen Verbindung von biologischer Theorie und populärphilosophischer Aufbereitung, denn diese wirkmächtige Popular-Biologie steht mehr oder weniger bewußt in einer naturphilosophischen Tradition. Der Grund für die überraschende Kompatibilität von darwinistischer Weltanschauung und der Philosophie Schopenhauers ist hier zu suchen. Ernst Haeckels Monismus etwa (vorgestellt in seinem Werk Die Welträtsel [1899]) ist ein typisches Beispiel einer solchen synkretistischen Naturphilosophie. Er verbindet biologische Theorien mit dem Pathos einer Totalitätssuche, die die Grenzen der Naturwissenschaften, wie sie Emil Du Bois-Reymond in seinem berühmten Vortrag Über die Grenzen des Naturerkennens (1872) absteckt, weit überschreitet. Auch Wilhelm Bölsches Werk Das Liebesleben in der Natur (1898) gehört hierher. Bölsche entwickelt eine biologisch-philosophische Weltanschauung, die auf die Entdeckung der Sexualität im naturwissenschaftlichen Diskurs reagiert, um diese aber umgehend zur Liebe zu verklären, deren dargestelltes naturgeschichtliches Wirken in All-Einheits-Phantasien mündet. Solche biologisch-darwinistisch fundierten Totalitätsperspektiven finden sich, wie Peter Sprengel (Darwin in der Poesie. Spuren der Evolutionslehre in der deutschsprachigen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Würzburg, 1998, S. 47ff.) zeigt, schon in Schopenhauers Einheitsphilosophie, und die Literatur der Jahrhundertwende hat diesen Nexus zu nutzen gewußt. Robert Müllers Tropen-Roman führt - wie sich im Verlauf der Untersuchung zeigen wird - diese biologischphilosophische Doppelperspektive paradigmatisch vor. Doch die nachweisbaren Bezüge auf Haeckel, Bölsche und den Darwinismus können nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Schopenhauersche Willensmetaphysik die Struktur und Fabel des Romans beherrscht.
10 Wolfgang Riedel: „Homo natura“. Literarische Anthropologie um 1900. S. XIV.
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Arbeit behauptet folglich, daß die Philosophie Arthur Schopenhauers das sinntragende Fundament beider Werke bildet. Diese philosophischen Implikationen verdichten sich in den Romanen zu philosophisch-allegorischen Textebenen, die vordergründig jedoch von trivialen Genremustern überdeckt werden. Kubin und Müller greifen hier vorrangig auf die stereotypisierten Handlungsabläufe, Figurenkonstellationen und Motive des
spätviktorianischen Abenteuerromans (Victorian Quest Romance) zurück, dessen Quellencharakter für Die andere Seite und Tropen im Verlauf dieser Untersuchung nachgewiesen wird. 11 Die genretypische suchende Bewegung der abenteuerlichen Reise (Quest) durch unerforschte, phantastisch anmutende Landschaften (inmitten fremder Kontinente) dient dabei beiden Autoren auf einer zweiten Textebene als Bewegungsfigur für philosophische „Erfahrungen“ der Protagonisten auf philosophisch-allegorischem Terrain. Robert Müllers doppeldeutige Formel „Tropenlehrzeit“ 12 (ein Allegoriesignal par exellence) faßt dieses Muster treffend. Es gilt sowohl für die Helden als auch für den Leser, die Reise als Trope zu entschlüsseln. Erst so führt der phantastisch-abenteuerliche Reiseweg als Erkenntnisweg in eine allegorische Landschaft, gleichsam aus der „Welt als Vorstellung“ in die „Welt als Wille“ 13 . Diese phantastisch-allegorische Textstruktur 14 ermöglicht die philosophische Wendung, die in Ansätzen schon im spätviktorianischen Abenteuerroman nachweisbar ist, bei Kubin und Müller jedoch aufgrund der durchgängigen philosophischen Verweisebenen werkbestimmend wirkt.
11 Müllers Affinität zum Abenteuerroman tritt schon in der Fabel von Tropen deutlich zutage. Darüber hinaus belegen seine apologetischen Karl-May-Essays (Das Drama Karl Mays; Nachruf auf Karl May [beide 1912]), sowie der Essay Der Roman des Amerikanismus. (1913), in dem er „Doyle, Rider-Haggard, Stevenson“ und „Kipling“ erwähnt (Robert Müller: Der Roman des Amerikanismus In: ders.: Kritische Schriften I. Mit einem Anhang herausgegeben von Günter Helmes und Jürgen Berners. Paderborn, 1993, S. 73-76, hier S. 75.), ein anhaltendes Interesse an diesem Thema. Die Nähe des Kubinschen Romans zum Abenteuergenre mag hier zunächst überraschen, im Laufe der Untersuchung wird sich jedoch anhand einer in der Forschung bisher nicht erwähnten Quelle zeigen, daß Die andere Seite eng mit dem spätviktorianischen Abenteuerroman verbunden ist.
12 Müller: Tropen, S. 57. Sowohl Die andere Seite als auch Tropen sind reich an solchen textimmanenten Allegoriesignalen. Schon die Titel beider Werke spielen mit der Möglichkeit des Doppeldeutigen.
13 Schopenhauers Philosophie ist als strukturelle Basis für eine Allegorie geradezu prädestiniert, trägt sie doch selbst Merkmale einer allegorischen Struktur. Die Welt als Wille und Vorstellung ist allegorischer Praetext und Text der einen Welt, hinter jeder Erscheinung steht auf einer tieferen Erkenntnisebene das Ding an sich, der Wille.
14 Die Verbindung des Phantastischen mit dem Allegorischen ist seit Tzvetan Todorovs Einführung in die fantastische Literatur (1972) zu einem Problem geworden. Im folgenden wird jedoch an der Formel „phantastisch-allegorische Struktur“ festgehalten, da die Ambiguität allegorischer Texte zwei Deutungen zugleich erlaubt. Todorov scheint hier dem von Gerhard Kurz erwähnten Mißverständnis zu unterliegen, „in der Allegorie komme es nur auf die zweite, die allegorische Bedeutung an“ (Gerhard Kurz: Metapher, Allegorie, Symbol. Göttingen, 1988, S. 32.). Die perspektivische Tiefendimension, die der allegorische Text durch den Praetext erhält, wirkt jedoch ergänzend und löst die Aussagen des Textes nicht auf. Auch die „Unschlüssigkeit“, Todorovs Generalformel des Phantastischen, bleibt, wie Peter Cersowsky anhand Kubins Roman zeigt, trotz einer allegorischen Bedeutung erhalten (Peter Cersowsky: Phantastische Literatur im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. Untersuchungen zum Strukturwandels eines Genres, seinen geistesgeschichtlichen Voraussetzungen und zur Tradition der „schwarzen Romantik“ insbesondere bei Gustav Meyrink, Alfred Kubin und Franz Kafka. München, 1983, S. 95ff.).
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Der Aufbau dieser Untersuchung trägt selbst Züge einer Quest (Suche). Nach der knappen Darstellung bisheriger Forschungsschwerpunkte soll die in beiden Romanen strukturgebende Reise-Motivik untersucht und in ihrer spezifischen Mischung aus philosophischer Exotistik und Elementen des phantastischen Abenteuerromans beschrieben werden. Dabei wird auch der Vorbildcharakter des spätviktorianischen Abenteuerromans für die „trivialen“ Textebenen der Romane thematisiert. Als unverzichtbares interpretatorisches Rüstzeug für die Erforschung der philosophisch-allegorischen Textebenen folgt, quasi als Kompaß und Schatzkarte in einem, die kurze Beschreibung einiger Kernthesen der Schopenhauerschen Philosophie. Als Vorgehensweise für den Interpretationsteil erschien es vorteilhaft, die philosophischen Erkenntniswege und damit die Protagonisten selbst auf ihren Reisen deutend zu begleiten. Die Methode einer quellenorientierten textnahen Interpretation vor einem ideengeschichtlichen Horizont schafft dabei die hermeneutische Voraussetzung für die suchende Bewegung der Identifikations- und Rekonstruktionsarbeit, die die philosophisch-allegorischen Textebenen - den Schatz dieser interpretatorischen Quest - zum Vorschein bringen soll.
Die nun folgende Auseinandersetzung mit der Forschung gliedert sich in zwei Teile. Während der erste Teil einen (durch weiterführende Anmerkungen ergänzten) knappen Überblick über bestehende Forschungsschwerpunkte gibt, setzt ein zweiter Teil die für die vorliegende Untersuchung besonders relevanten Forschungsergebnisse in eine kritische Beziehung zu den Thesen der hier verfolgten philosophisch-allegorischen Auslegung.
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„Von zwei Auslegungen wird die reichere und unbestimmtere die bessere sein.“ 15 Die andere
Seite und Tropen im Spiegel der Forschung.
Betrachtet man die Forschungsliteratur zu Alfred Kubins Die andere Seite und Robert Müllers Tropen, so fällt zunächst die dominierende Stellung eindeutiger Stil- und Genrezuordnungen auf. Die andere Seite wurde wiederholt als Paradigma der literarischen Décadence 16 und spätes Hauptwerk der deutschsprachigen Phantastik 17 beschrieben, Müllers Tropen als Muster der expressionistischen Prosa 18 und des exotistischen Reiseromans 19 vorgestellt. Nur wenige
15 Müller: Tropen, S. 116.
16 Eckart von Sydow sieht hier „zum ersten Male eine abgeschlossene Dekadenz-Welt gezeichnet“ (E. von Sydow: Die Kultur der Dekadenz, Dresden. 1922, S. 222). Werner Wille versteht Die andere Seite als „großen philosophischen Epilog oder auch Epitaph“ der „Dekadenz“ (W. Wille: Studien zur Dekadenz in Romanen um die Jahrhundertwende. Greifswald, phil. Diss., 1933, S. 198). Kubins Nähe zur literarischen Décadence wird auch in jüngeren Arbeiten thematisiert. Vgl. Erwin Koppen: Dekadenter Wagnerismus. Studien zur europäischen Literatur des Fin de siècle. Berlin, 1973, S. 256ff.; Wolfdietrich Rasch: Die literarische Décadence um 1900. München, 1986.
17 Robert Mühlher zählt Die andere Seite zu der seit der Romantik auftretenden „literarischen Erscheinung“ des „phantastischen Realismus“ (R. Mühlher: Dichtung der Krise. Mythos und Psychologie des 19. und 20. Jahrhunderts. Wien, 1951, S. 407). Anneliese Hewigs Interpretation ist, wie schon der Titel andeutet, Mühlhers Ansatz verpflichtet (A. Hewig: Phantastische Wirklichkeit. Interpretationsstudie zu Alfred Kubins Roman „Die andere Seite“, München, 1967). Über strukturanalytische Überlegungen nähern sich Hans Schumacher und Marianne Wünsch dem Phantastischen bei Kubin (H. Schumacher: „Die andere Seite“ [1909] von Alfred Kubin. In: Winfried Freund, Hans Schumacher [Hg.]: Spiegel im dunklen Wort. Analysen zur Prosa des frühen 20. Jahrhunderts. Frankfurt a.M., Bern, 1983, S. 9-34; M. Wünsch: Die Fantastische Literatur der frühen Moderne [1890-1930]. Definition; Denkgeschichtlicher Kontext; Strukturen. München, 1991). Vgl. auch Jens Malte Fischer: Deutschsprachige Phantastik zwischen Décadence und Faschismus. In: Rein A. Zondergeld (Hg.): Phaïcon 3. Almanach der phantastischen Literatur. Bd. 17, Frankfurt a.M., 1978, S. 93-130, hier S. 93, S. 116.; Peter Cersowsky: Phantastische Literatur im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts, S. 66ff.
18 Max Krell betont vor allem den essayistischen und parabolischen Stil Müllers (M. Krell: Expressionismus der Prosa. In: Ludwig Marcuse [Hg.]: Weltliteratur der Gegenwart. [Bd.: Deutschland, 2. Teil]. Berlin, 1924, S. 15-62, hier S. 52f). Walter H. Sokel formt aus diesen Stilaspekten dann später den Begriff der „expressionistischen Parabolik“ und nennt Müller, neben Kubin, als Hauptvertreter des expressionistischen Erzählprinzips der „phantastischen Allegorie“ (W. H. Sokel: Die Prosa des Expressionismus, S. 164). Vgl. auch Stephanie Heckner: Die Tropen als Tropus. Zur Dichtungstheorie Robert Müllers. Wien, Köln, 1991. In den jüngeren Standardwerken zur Prosa des Expressionismus ist Müller jedoch kaum präsent. Der Tropen-Roman wird lediglich bei Wilhelm Krull (Prosa des Expressionismus. Stuttgart, 1984, S. 103) erwähnt. Thomas Anz (Literatur der Existenz. Literarische Psychopathographie und ihre soziale Bedeutung im Frühexpressionismus. Stuttgart, 1977, S. 133) und Wolfgang Paulsen (Deutsche Literatur des Expressionismus. Bern, Frankfurt a.M., New York, 1983, S. 107) nennen Müllers Namen, bei Silvio Vietta, Hans-Georg Kemper (Expressionismus. München, 1990) und Gerhard P. Knapp (Die Literatur des deutschen Expressionismus. München, 1979) finden sich keine Hinweise auf den Wiener Expressionisten.
19 Wolfgang Reif hat den Literaten Robert Müller nach Jahrzehnten des Vergessens wiederentdeckt und als den „intellektuellsten und anspruchsvollsten exotistischen Romancier seiner Zeit“ vorgestellt (W. Reif: Zivilisationsflucht und literarische Wunschträume. Der exotistische Roman im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts. Stuttgart, 1975, S. 149). Seither wird Müllers Tropen-Roman auch als paradigmatischer Text der exotistischen Reiseliteratur gelesen, wobei der Begriff des Exotismus selbst durchaus kontrovers diskutiert wird. Neben Stephanie Heckners Versuch einer Neubestimmung des Exotismus (S. Heckner: Das Exotische als utopisches Potential. Zur Neubestimmung des Exotismus bei Robert Müller. In: Sprachkunst. Beiträge zur Literaturwissenschaft. 17 [1986], S. 206-223), der sich auf Dietrich Krusches Begriff des „utopischen Potentials“ stützt (D. Krusche: Utopie und Allotopie. Zur Geschichte des Motivs der außereuropäischen Fremde in der Literatur. In: ders.: Literatur der Fremde. Zur Hermeneutik kulturräumlicher Distanz. München, 1985, S. 13-43, hier S. 14), ist hier auch der kulturwissenschaftliche Ansatz Daniela Magills zu erwähnen (D. Magill:
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Interpretationen haben diese gängigen Zuweisungsmuster durchbrochen und ein komplexeres Bild der Stil- und Genreeinflüsse gezeichnet. Expressionistische Tendenzen in Kubins Roman 20 sind dabei ebenso zutagegetreten wie Züge des Phantastischen in Müllers Tropen 21 . Schon auf der Ebene der Stil- und Genrefragen ergeben sich somit erste Berührungspunkte zwischen beiden Werken. 22 Eine bemerkenswerte strukturelle Ähnlichkeit der Romane (Initiationsthematik) deutet sich zudem in psychologischen Interpretationen 23 an, die mit politisch-ideologiekritischen Auslegungsversuchen 24 und den auf Kubins Werk beschränkten kunstgeschichtlichen Analysen 25 das Gros der interdisziplinären Ansätze bilden.
Literarische Reisen in die exotische Fremde. Topoi der Darstellung von Eigen- und Fremdkultur. Frankfurt a.M., 1989).
20 Werner Wille: Studien zur Dekadenz in Romanen um die Jahrhundertwende, S. 27ff. Zu Kubins Nähe zum Expressionismus vgl. auch Wolfgang Paulsen: Deutsche Literatur des Expressionismus, S. 10, S. 189; Thomas Anz: Literatur der Existenz.
21 Wolfgang Reif weist in Tropen „eine Reihe von Motiven“ nach, die „für die Phantastische Literatur typisch sind“, wobei er das „Doppelgängermotiv, Wahrnehmungsirritationen“ und die „Verwirrung der Bewußtseinsebenen“ explizit erwähnt (W. Reif: Zivilisationsflucht und literarische Wunschträume, S. 133). Reif geht so weit, daß er Müllers Roman in einem „Übergangsbereich zur Phantastischen Literatur“ (S. 35) ansiedelt.
22 Walter H. Sokel hat diese Gemeinsamkeit der Romane beschrieben. Wie der zweite Teil dieses Forschungskapitels zeigen wird, beruht seine Deutung der Romane als „phantastische Allegorien“ auf der spezifischen Mischung von expressionistischen und phantastischen Stilaspekten (W.H. Sokel: Die Prosa des Expressionismus, S. 160ff).
23 Kubins Hang zur Gestaltung des „Abseitigen“ hat, verbunden mit seiner autobiographischen Freizügigkeit, von Beginn an psychologisch-psychiatrische Interpretationen provoziert. Die erste Deutung des Kubinschen Romans überhaupt findet sich in der von Sigmund Freud herausgegebenen Zeitschrift Imago (Hanns Sachs: „Die andere Seite“. Ein phantastischer Roman mit 52 Zeichnungen von Alfred Kubin. In: Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften. 1 [1912], S. 197-204). Auch Wolfgang Reifs nicht überzeugender Versuch, in Müllers Tropen „schizoide Strategien“ (im Sinne des englischen Psychiaters Ronald D. Laing) nachzuweisen, gehört hierher (W. Reif: Zivilisationsflucht und literarische Wunschträume, S. 143ff). Für die im Folgenden angestrebte Interpretation werden diese Ansätze erst dort interessant, wo sie sich von ihrem nach Wolfgang K. Müller-Thalheim formulierten eigentlichen Ziel, der „pathographischen Betrachtung“ (des Werkes) mit anschließender „medizinischer Diagnose“ (des Autors), lösen (W. K. Müller-Thalheim: Erotik und Dämonie im Werk Alfred Kubins. Eine psychopathographische Studie. München, 1970, S. 52). So entdeckt Vera Pohland jenseits ihrer These, daß Die andere Seite als Allegorie der Epilepsie zu lesen sei, eine „Amfortas-Reminiszenz [sic!]“, indem sie die nach einem Tigerangriff nichtheilenwollenden Wunde Pateras mit dem Leiden des Gralskönigs Anfortas in Wolfram von Eschenbachs Versepos Parzival vergleicht (V. Pohland: Alfred Kubins Roman: Die andere Seite. Die andere Seite der Krankheit - Epilepsie als Fiktion. In: Die Rampe. Hefte für Literatur. 1 (1980), S. 7-38, hier S. 19). Damit stellt sie wohl zum ersten mal in der Interpretationsgeschichte des Romans einen direkten Bezug zum Quest-Motiv her. Eine bemerkenswerte und für die spätere Interpretation wichtige Übereinstimmung der beiden Romane deckt die von Hartmut Kraft und J.J. Oversteegen gewählte Perspektive „pränataler psychoanalytischer Theorien“ auf (H. Kraft: Der Weg aus der Krise. Interdisziplinäre Aspekte der Stilentwicklung bei Alfred Kubin. In: Annegret Hoberg [Hg.]: Alfred Kubin 1877-1958 [Ausstellungskatalog]. München, 1990, S. 109-116, hier S. 113; J.J. Oversteegen: Spekulative Psychologie. Zu Robert Müllers „Tropen“. In: Helmut Kreuzer, Günter Helmes [Hg.]: Expressionismus, Aktivismus, Exotismus. Studien zum literarischen Werk Robert Müllers [1887-1924]. Göttingen, 1981, S. 146-168). Kraft und Oversteegen weisen in beiden Romanen eine werkgliedernde Initiationsstruktur nach, die für Bernd Steinbrink ein elementares Strukturmerkmal des Abenteuerromans bildet (B. Steinbrink: Abenteuerliteratur des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Studien zu einer vernachlässigten Gattung. Tübingen, 1983).
24 Die politischen Auslegungen des Kubinschen Romans sind bis auf eine Ausnahme über das Stadium des Aperçus nicht hinausgekommen. Während der Topos des Dichters als Seismograph kultureller Veränderungen dabei konstant blieb, wurde der Roman selbst durchaus unterschiedlich gedeutet. Die Idee der Vorwegnahme des Untergangs des alten Europas (Paul Raabe: Alfred Kubin - Leben, Werk, Wirkung. Hamburg, 1957, S. 32), beziehungsweise der Donaumonarchie (Wieland Schmied: Der Zeichner Alfred Kubin. Salzburg, 1967, S. 23), ist hier ebenso zu finden, wie die These von der allegorischen Darstellung vom Ende der bürgerlichen Gesellschaft (Ernst Jünger: Alfred Kubins Werk. Nachwort zum Briefwechsel. In: ders.: Sämtliche Werke. Bd. 14.
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Zwei schon kurz erwähnte Begriffe der Forschung, die dem Themenbereich der vorliegenden Untersuchung besonders nahestehen, sollen im Folgenden genauer betrachtet werden. Es handelt sich dabei um Walter H. Sokels Terminus der „phantastischen Allegorie“ 26 und den von Wolfgang Reif 27 und Stephanie Heckner 28 kontrovers diskutierten „Exotismus“-Begriff. Diese Begriffe sind hier von Bedeutung, da sie tiefere Einblicke in die Erzählstrategie der Werke Kubins und Müllers ermöglichen. Mit seiner Beschreibung des expressionistischen Erzählprinzips der „phantastischen Allegorie“ hat Walter H. Sokel die formalen Berührungspunkte zwischen Kubins Die andere Seite und Müllers Tropen in einen konkreten Zusammenhang gebracht. Sokel stößt in seiner Untersuchung der expressionistischen Prosa auf eine Gruppe von Erzählwerken, bei denen der Versuch, eine „Weltansicht zu demonstrieren, die Erzählstruktur bestimmt“ 29 . Die nähere Analyse dieser „parabolischen Erzählweise“ 30 entdeckt vier elementare Erzählprinzipien. Neben drei essayistischen Stilfiguren 31 wird an dieser Stelle auch die „phantastische Allegorie“ genannt, die zur Verdeutlichung intellektueller Ideengehalte besonders geeignet ist, da „gerade die Phantastik
Stuttgart, 1978, S. 22). Die angesprochene Ausnahme bildet die politisch-ideologiekritische Deutung Renate Neuhäusers (Aspekte des Politischen bei Kubin und Kafka. Eine Deutung der Romane „Die andere Seite“ und „Das Schloß“. Würzburg, 1998, S. 9). Ihre These behauptet, daß Kubins Roman „am Beispiel einer von der Welt abgeschlossenen Gemeinschaft, [...], Entwicklung und Untergang einer totalitären Herrschaft“ zeigt. Neuhäusers sozialpsychologische Perspektive wird der Vielschichtigkeit und gedanklichen Tiefe des Romans aber nur selten gerecht. Die andere Seite verflacht zu einem „literarischen Modell“ für die „Totalitarismusforschung“ (S. 157), an dem totalitäre Machtmechanismen nachvollzogen werden. Ebenso problematisch sind Günter Helmes’ überaus provokante Thesen, die Robert Müller „in den Umkreis präfaschistischen Denkens“ rücken und als irrationalistischen „Zerstörer der Vernunft“ vorstellen (G. Helmes: Robert Müller: Themen und Tendenzen seiner publizistischen Schriften. Mit Exkursen zur Biographie und zur Interpretation der fiktionalen Texte. Frankfurt a.M., 1986, S. 1). Helmes’ allzu eng an Georg Lukàcs’ philosophiehistorischer Studie (Die Zerstörung der Vernunft. Der Weg des Irrationalismus von Schelling zu Hitler. Berlin, 1954) orientierte Arbeit wirft Müller „rassistisch-biologistische“ (S. 3) Argumentationsmuster und einen aggressiven Nationalismus mit imperialistischen Tendenzen vor und kommt, ohne Berücksichtigung der Art und Weise der Müllerschen Auseinandersetzung mit diesen wilhelminischen Zeitgeistthemen, zu dem höchst spekulativen Schluß, daß sich der „Rassist“ Müller, „hätte er länger gelebt, zeitweilig auf die Seite der Faschisten geschlagen hätte“ (S. 263). Stephanie Heckner hat es unternommen, durch eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem typologischen Rasse-Begriff Müllers den spekulativen Präfaschismus-Vorwurf hinlänglich einzuschränken (S. Heckner: Eine Einführung. In: Robert Müller: Rassen, Städte, Physiognomien. Kulturhistorische Aspekte. Paderborn, 1992, S. 7-24). Vgl. auch Hans-Heinz Hahnel: Annäherung an den Romancier Robert Müller. In: Robert Müller: Der Barbar. Paderborn, 1993, S. 125-141. 25 Kubins oft beschworene „Doppelbegabung“ als Zeichner und Schriftsteller hat die Forschung bald zur Suche nach bildkünstlerischen Quellen für Die andere Seite veranlaßt. Diese Suche beginnt bei Hellmuth Petriconi, der motivische Einflüsse von Hieronymus Bosch und Pieter Bruegel d.Ä. nachweist (H. Petriconi: Das Reich des Untergangs. Bemerkungen über ein mythologisches Thema. Hamburg, 1958, S. 100ff). Hinweise auf Odilon Redon, Félicien Rops und Francisco José de Goya folgten. Vgl. Christoph Brockhaus: Rezeptions- und Stilpluralismus. Zur Bildgestaltung in Alfred Kubins Roman „Die andere Seite“. In: Pantheon. Internationale Zeitschrift für Kunst. 32, H. 3 (1974), S. 272-288.; Heinz Lippuner: Alfred Kubins Roman „Die andere Seite“. Bern, München, 1977.
26 Walter H. Sokel: Die Prosa des Expressionismus, S. 163f.
27 Wolfgang Reif: Zivilisationsflucht und literarische Wunschträume, S. 10ff.
28 Stephanie Heckner: Das Exotische als utopisches Potential, S. 223.
29 Walter H. Sokel: Die Prosa des Expressionismus, S. 160.
30 Ebd., S. 160.
31 Ebd., S. 163. Sokel bezeichnet sie als „monologische Reflexion“, „aphoristische Ironie“ und „predigthafte Rhetorik“.
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des Bildes die Idee deutlich durchblicken läßt“ 32 . Sokel stellt sowohl Die andere Seite als auch Tropen als paradigmatische Texte dieses „parabolisch-allegorischen Prinzips“ vor 33 . Auch wenn seine kurze exemplarische Deutung des Kubinschen Romans als gnostischmystisch beeinflußte „Traumallegorie“ 34 mit der hier verfolgten Frage nach der allegorischen Bedeutung des Reisens in den Romanen Kubins und Müllers nur wenig zu tun hat, ist Sokels Analyse der „expressionistischen Parabolik“ 35 für diese Untersuchung dennoch äußerst fruchtbar, betont sie doch den strukturgebenden weltanschaulich-philosophischen Kern beider Romane. Darüberhinaus entdeckt sie eine Erzählstrategie, die im Zusammenspiel von essayistischer Reflexion und grotesker Phantastik einen parabolischen Bedeutungshorizont entstehen läßt 36 . Wenn die vorliegende Arbeit beschreibt, wie die abenteuerlichen Reisewege „auf“ Die andere Seite und „in“ die Tropen durch retardierende essayistische Reflexionspassagen 37 und die Häufung phantastisch-allegorischer Motive („Träume und Visionen“ 38 ) in philosophische Erkenntniswege transformiert werden 39 , dann wird die Nähe dieses Interpretationsansatzes zu Sokels Analyse der phantastisch-allegorischen Erzählstrategie deutlich.
Schon diese kurze Vorstellung der hier angestrebten philosophischen Interpretation der allegorischen Reise-Motivik läßt vermuten, daß der durchreisten Fremde in beiden Romanen eine besondere Bedeutung zugemessen wird. Die Darstellung des Fremden ist nicht bloß exotische Kulisse, die den abenteuerlichen Charakter der Reisen unterstreicht. Vielmehr weisen die merkwürdig verfremdeten Beschreibungen Zentral-Asiens (Die andere Seite) und Inner-Südamerikas (Tropen) auf eine intentionale Exotik hin. Die „Erfahrung“ des Fremden löst bei den Protagonisten Reflexionen aus, die die eigenen Werte und gewohnten Wahrnehmungsmuster infragestellen. Beide Romane tragen demnach exotistische 40 Züge. Mit
32 Ebd., S. 164.
33 Ebd., S. 164.
34 Ebd., S. 164.
35 Ebd., S. 162.
36 Ebd., S. 162.
37 Hans Schumacher betont den „essayisitischen Diskurs“ in Kubins Roman (H. Schumacher: „Die andere Seite“ [1909] von Alfred Kubin, S. 24). Max Krell nennt Müllers Romane „Essays“, die die Fabel als „notwendigen Kern“ mitführen, ihre „eigentliche Essenz“ aber in der „Idee“ haben (M. Krell: Expressionismus der Prosa, S. 52).
38 Gerhard Kurz: Metapher, Allegorie, Symbol, S. 46.
39 Diesen allegorischen Prätext muß der Leser jedoch mühsam identifizieren, da die literarischen Allegorien der Moderne nach Kurz „mehr Anspielungs- als Bestätigungscharakter“ besitzen (G. Kurz: Metapher, Allegorie, Symbol, S. 55). Kubin und Müller erleichtern dieses Geschäft durch die Häufung von Allegoriesignalen: „Von zwei Auslegungen wird die reichere und unbestimmtere die bessere sein“ (Müller: Tropen, S. 116). Vgl. auch Kubins Reflexionen über den allegorischen Bedeutungshorizont des Reisens kurz vor Eintritt in das Traumreich (A. Kubin: Die andere Seite, S. 41).
40 Die Differenzierung zwischen Exotik und Exotismus geht auf Meno Spann zurück (M. Spann: Der Exotismus in Freiligraths Gedichten. Marburg, phil. Diss., 1928, S. 8f). Der Exotismus kann als intentionale Exotik
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dem Versuch neben Robert Müllers Tropen auch Alfred Kubins Die andere Seite als exotistischen Roman zu deuten, gerät diese Untersuchung jedoch in einen teilweisen Widerspruch zu bestehenden Forschungsergebnissen, denn während Müllers Tropen-Roman wiederholt als ein „eminentes Beispiel exotistischer Reiseliteratur“ 41 beschrieben wurde, zählt Wolfgang Reif Die andere Seite in seiner einflußreichen Arbeit über den exotistischen Roman im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts, trotz zahlreicher Forschungshinweise auf utopischdystopische Tendenzen 42 , ausdrücklich nicht zu diesem Genre. 43 Die jüngere Forschung hat, maßgeblich von Analysen des Müllerschen Romans getragen, zwei Grundrichtungen des Exotismus beschrieben. Eine Konstante bildet in beiden Ansätzen der Gedanke, daß der Exotismus das Fremde in eine kritische Beziehung zur eigenen Kultur setzt, die politischkulturellen Verhältnisse also von maßgebender Bedeutung sind. Differenzen entstehen dagegen in der genaueren Charakterisierung dieser utopistischen Haltung. Während Reifs sozialpsychologische Untersuchung den Exotismus als eine „besondere Ausprägung des Eskapismus“ versteht und dessen fortschrittshemmende „regressive Kraft“ 44 betont, erkennt Stephanie Heckner in Müllers Tropen eine progressive „kritisch-utopische Zielsetzung“ 45 dieses literarischen Phänomens. Einer aus Entfremdungserfahrungen und politischer Frustration 46 erwachsenden Abwehrhaltung steht somit ein aktivistischer Veränderungswille als Movens des Exotismus entgegen. Wenn im Folgenden der Versuch unternommen wird, durch teilweise Abgrenzungen zu diesen Forschungsergebnissen eine dritte Grundrichtung des Exotismus zu beschreiben, so geschieht dies aus zwei Gründen. Zum einen wird der weltanschaulich-philosophische Kern der Romane Kubins und Müllers von den bestehenden Exotismus-Deutungen kaum berührt. Zum anderen kann Kubins phantastischer Roman Die andere Seite, folgt man Reifs strengen (und doch unklar verlaufenden) Genregrenzen,
beschrieben werden. Während die literarische Exotik das Fremde nur in seiner Motivik zitiert, setzt der Exotismus das Fremde in eine kritische Beziehung zum Eigenen.
41 Ingrid Kreuzer: Robert Müllers „Tropen“. Fiktionsstruktur, Rezeptionsdimensionen, paradoxe Utopie. In: Wolfgang Haubrichs (Hg.): Erzählforschung 3. Theorien, Modelle und Methoden der Narrativik. Göttingen, 1978, S. 193-222, hier S. 193.
42 Schon Werner Wille nennt Kubins Werk einen „Utopie-Phantasieroman“ (W. Wille: Studien zur Dekadenz in Romanen um die Jahrhundertwende, S. 198). Vgl. auch Marianne Wünsch: Die Fantastische Literatur der Frühen Moderne (1890-1930), S. 78. Den wohl jüngsten Verweis auf die utopisch-dystopischen Tendenzen des Romans liefert Claudia Gerhards (Apokalypse und Moderne. Alfred Kubins „Die andere Seite“ und Ernst Jüngers Frühwerk. Würzburg, 1999, S. 47, S. 136).
43 Wolfgang Reif: Zivilisationsflucht und literarische Wunschträume, S. 19f.
44 Ebd., S. 10f.
45 Stephanie Heckner: Das Exotische als utopisches Potential, S. 222. Das Exotische wird „in Tropen aufgesucht um einer Erneuerung des Eigenen willen. Es erweist sich als bedeutsam für das Eigene, insofern es darin ein Defizit benennt“ (S. 223).
46 Wolfgang Reif: Zivilisationsflucht und literarische Wunschträume, S. 12f.
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schlichtweg nicht exotistisch gedeutet werden. 47 Im Gegensatz zu Reifs These wird das Exotistische hier nicht als genrebildend verstanden 48 , sondern als eine genreunabhängige, oft kulturkritische Wendung innerhalb der Reise-Motivik begriffen, die sich vorzüglich in fiktiven (abenteuerlichen, utopischen, technisch-utopischen [science fiction], phantastischen oder satirischen) Reisebeschreibungen aufzeigen läßt. Mit dieser Modifikation kann auch das Reise-Motiv in Kubins phantastischem Roman exotistisch ausgelegt werden. Die dabei zutagetretende Spielart des Exotismus, die auch Müllers Tropen-Roman dominiert, ist jedoch im wesentlichen weder regressiv-eskapistisch noch progressiv-utopisch, sondern kann als Versuch einer philosophisch-ontologischen Deutung der Welt und des in ihr lebenden Menschen beschrieben werden. Auch in den Romanen Kubins und Müllers wird das Fremde in eine kritische Beziehung zum Eigenen gesetzt. Den Anstoß zu dieser exotistischen Denkfigur geben dort jedoch vorrangig weltanschaulich-philosophische Fragen (auch die nachweisbaren kritischen Anspielungen auf politisch-kulturelle Verhältnisse werden auf eine abstrakte kulturphilosophische Ebene gehoben). Diese besondere exotistische Ausrichtung wird hier als philosophischer Exotismus bezeichnet, der das Fremde aufsucht, um das Wesentliche des Eigenen zu ergründen. 49 Vor einem utopisch-exotischen Hintergrund, der den metaphysischen Urgrund der Welt offenbart, weil er den kulturell gewohnten Blick im doppelten Wortsinn enttäuscht 50 , „erfahren“ die Protagonisten eine philosophische „Klärung
47 Reif (Zivilisationsflucht und literarische Wunschträume, S. 16) räumt zwar ein, daß in der phantastischen Literatur „exotistische Motive auftauchen“ können, zieht aber dennoch eine Genregrenze. Dabei ist es vor allem die „destruktive“ Tendenz der phantastischen „Affront-Stellung gegenüber der Realität“ (ebd., S. 17), die für Reif nicht mit dem Exotismus (der selbst in seinen „metaphysischen Spielarten immanent“ und „utopistisch“ [ebd., S. 17] bleibt) vereinbar ist. Doch wie sich im Verlauf dieser Untersuchung zeigen wird, ist die Kubinsche „Affront-Stellung gegenüber der Realität“ nicht mit einer Absage an die Realität gleichzusetzen. Vielmehr ist sie - ganz im Sinne Schopenhauers - philosophisch motiviert und als ein erster erkenntnistheoretischer Schritt auf dem immanenten „Reise“-Weg aus der „Welt als Vorstellung“ in die „Welt als Wille“ zu verstehen. Nicht „Destruktion“ (ebd., S. 17), sondern epistemologische Dekonstruktion der Realität läßt sich in Kubins phantastischem Roman erkennen.
48 Ebd., S. 16f.
49 Dieser philosophische Exotismus zeigt sich auch in anderen Prosawerken um 1900. Zu denken wäre hier an Gottfried Benns Rönne-„Novellen“ (1914-16) und Joseph Conrads Heart of Darkness (1899). In beiden Fällen stellen Reiseerfahrungen sichergeglaubte kulturelle Werte und Wahrnehmungsmuster der Protagonisten vehement in Frage. Die so ausgelösten monologischen Reflexionen bringen ihnen neue und doch seltsam vertraute metaphysische und anthropologische Erkenntnisse.
50 Die exotischen Erwartungen der Protagonisten werden enttäuscht und die so unmittelbarer wirkende Fremde kann „ohne Täuschung“ durch kulturell bedingte Denkmuster erfahren und intellektuell durchdrungen werden. Kubin und Müller zerstören den Nimbus des Exotischen mit der gleichen Strategie. Der desillusionierte, sarkastische Ton, mit dem Kubins Protagonist das Aussehen orientalischer Städte beschreibt („Es ist genau so wie bei uns, nur orientalisch.“ [Kubin: Die andere Seite, S. 35]) findet sich bei Müllers Protagonisten wieder, der potentielle Tropenreisende vor falschen Erwartungen warnt („Bilden Sie sich nicht ein, Sie könnten dort auf die Pantherjagd gehen; [...] unter dem südlichen Kreuze hausen Sie langweiliger als unter der elektrischen Birne Ihres Hotelzimmers.“ [Müller: Tropen, S. 121]) und konstatiert: „Mit der Exotik war ich fertig“ (ebd., S. 71). Erinnert sei hier auch an die anti-exotischen Darstellungen Perles (Kubin: Die andere Seite, S. 50f), einer mitteleuropäischen Stadt in Zentral-Asien, und des Dumara-Dorfes (Müller: Tropen, S. 43), das schon durch seine „Ringstraßen“ an Wien erinnert und in Brandlbergers Visionen vollends mit der österreichischen Metropole verschmilzt (ebd., S. 106).
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der Erkenntnis“ 51 . Die exotistische Perspektive initiiert die auf die allegorische Bedeutung des Reisens führenden philosophischen Gedankengänge. Phantastisch-allegorische Erzählstrategie und intentionale Exotik greifen so ineinander und geben dem abenteuerlichen Reiseweg einen philosophischen Sinn. Dieser Sinn des Reisens wird in den Romanen nun von Stoff- und Handlungsgerüsten getragen, die Kubin und Müller hauptsächlich dem Fabel- und Motivfundus des spätviktorianischen Abenteuerromans entnehmen. Der Einfluß dieses Genres auf Die andere Seite und Tropen wird im Folgenden näher untersucht.
51 Kubin: Die andere Seite, S. 146.
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„ - So fuhren wir dahin. - Ich hatte jetzt mein Abenteuer.“ 52 Der philosophische Erkenntnisweg als abenteuerliche Reise (Quest).
Die Werke der spätviktorianischen „Quest narrative“ sind als mögliche literarische Quelle für Die andere Seite und Tropen von der Forschung bisher nicht berücksichtigt worden. Im Falle des Kubinschen Romans beschränkt sich die Quellensuche fast ausschließlich auf Werke der phantastischen Literatur. Einzelne Motiv-Quellen wurden bei Beckford (Vathek [1786]), Hoffmann (Ritter Gluck [1809]), Poe (The Fall of the House of Usher [1839], The Facts in the Case of M. Valdemar [1845]), Nerval (Aurélia ou le rêve de la vie [1855]), Scheerbart (Rakkóx der Billionär [1900]) und Meyrink (Der Golem [1915]) nachgewiesen. 53 Diese Einflüsse liegen nahe, handelt es sich doch um die Autoren, deren Werke Kubin seit 1905 illustriert hat. Der einzige die Fabel des Romans betreffende Quellenhinweis, der von Hellmuth Petriconi als „die literarische Quelle“ vorgestellte „Bericht Marco Polos über den Alten vom Berge“, kann hingegen kaum überzeugen. 54 Die Quellensuche zu Müllers Tropen beschränkt sich weitgehend auf das abenteuerliche Schatzsucher- und Schatzhöhlen-Motiv, das von verschiedenen Autoren ohne nähere Werkangaben mit den Namen Poe, Stevenson und May in Verbindung gebracht wurde. Wolfgang Reif hat mit Johannes V. Jensens exotischer Novelle Wälder (erschienen in der Novellensammlung „Die Welt ist tief...“ [1907]) eine äußerst bedeutsame Vorlage für die Reise-Motivik des Müllerschen Tropen- Romansentdeckt. 55 Der erfolgreichen Suche nach einzelnen Motiv-Vorlagen für die beiden hier zu untersuchenden Romane steht das merkwürdige Ausbleiben von Quellenfunden für ihre Stoff- und Handlungsgerüste entgegen 56 . Dieses „Mißverhältnis“ legt nun die Vermutung nahe, daß mögliche Quellen für diesen strukturellen Bereiche in einem Genre jenseits der phantastischen beziehungsweise exotischen Literatur liegen könnten. Die Suche nach solchen Stoff- und Handlungsmustern im spätviktorianischen Abenteuergenre drängt sich hier auf, weil es, wie kein anderes, phantastische und exotische Elemente in seinen abenteuerlichen Reise-Fabeln vereint. Eine kurze Beschreibung (nebst einer knappen Typologie) dieses
52 Kubin: Die andere Seite, S. 38.
53 Ein Quellen-Überblick findet sich bei Andreas Geyer (A. Geyer: Träumer auf Lebenszeit. Alfred Kubin als Literat. Wien, 1995, S. 92, S. 104ff.
54 Hellmuth Petriconi: Das Reich des Untergangs, S. 98ff. Zur kritischen Beurteilung dieser „Quelle“ vgl.: Hans Hinterhäuser: Tote Städte in der Literatur des Fin de siècle. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen. 121, H. 5 (1970), S. 321-344, hier S. 335.
55 Wolfgang Reif: Zivilisationsflucht und literarische Wunschträume, S. 119f. Vgl. auch: Daniela Magill: Literarische Reisen in die exotische Fremde, S. 9f). Jensens Novelle Skovene (Wälder) erschien erstmals 1904 in Kopenhagen.
56 Als Stoffgerüst wird hier eine Kette oder ein Komplex von Kern-Motiven, als Handlungsgerüst der die Fabel gliedernde strukturelle Aufbau des Werkes verstanden.
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spezifischen Ablegers der britischen Jugend- und Trivialliteratur des späten 19. Jahrhunderts ist an dieser Stelle sinnvoll, da der enorme Einfluß der „Quest narrative“ auf Die andere Seite und Tropen erst vor dem Hintergrund dieser Schilderungen deutlich wird. Der spätviktorianische Abenteuerroman (Victorian Quest Romance) ist ein komplexes literarisches Phänomen. Seine Wurzeln lassen sich bis ins Mittelalter, vielleicht sogar bis in die Antike zurückverfolgen. 57 Er trägt märchenhafte und phantastische Züge 58 und spielt mit Motiven aus Robinsonaden, Schauer-, Kolportage- und Schelmenromanen. Seine unverwechselbare Ausformung (und aus heutiger Sicht unvorstellbare Popularität 59 ) verdankt er jedoch seiner Orientierung an viktorianischen Zeitgeistthemen. Auf dem Höhepunkt imperialistischer Machtbestrebungen erreisen seine Protagonisten die letzten (imaginären) „weißen Flecken“ auf der Landkarte. Seine Fabeln greifen auf zeitnahe aufsehenerregende Expeditionsberichte 60 und wissenschaftliche Forschungsreisen 61 zurück. Die Aufnahme
57 Schon die Irrfahrt des Odysseus und Jasons Suche nach dem goldenen Vlies tragen abenteuerliche Züge. Die episodische Struktur der suchenden Bewegung des Abenteuerromans (Quest) könnte im griechischen Mythos seine Wurzel haben. Eine deutlichere Traditionslinie führt ins Mittelalter. Auch in der höfischen Epik gehört das Abenteuer zum festen Bestandteil der Fabel. Der Artushof ist Ausgangspunkt und Ziel der âventiuren, in denen die ritterlichen Helden ihre Tugend und Minnewürdigkeit beweisen. Diese höfische Gesinnung hat sich im spätviktorianischen Abenteuerroman in der Figur des Gentleman-Abenteurers erhalten. Ebenso übernommen wurden die Quest-Motive der Artusdichtung: Die Befreiungssuche nach in Not Geratenen, die Suche nach dem eigenen Namen und nicht zuletzt die Suche nach dem heiligen Gral, die sich im späten 19. Jahrhundert in eine mystische Suche nach der Quelle und dem Sinn des Lebens verwandelt.
58 Fast in allen spätviktorianischen Abenteuerromanen kommen die Helden mit der Sphäre des Phantastisch-Wunderbaren in Kontakt. Märchenhaftes Personal tritt ihnen entgegen. Hexen und Zauberinnen müssen überlistet, Drachen (seit den wissenschaftlichen Beschreibungen des Iguanodon [1822] und des Pterodaktylus [1830] in der Form der Saurier) im Kampf besiegt werden. Zu erwähnen sind hier auch die immer wiederkehrende Zahlensymbolik (vor allem die Dreizahl) und die stark stilisierten märchenhaften Landschaften in diesen Romanen. Da diese märchenhaften Motive den Abenteurern ganz unerwartet begegnen, die Naturgesetze außer Kraft setzen (Magie und prähistorische Lebewesen) und die Grenzen von Raum und Zeit verrücken, kann man den spätviktorianischen Abenteuerroman durchaus als phantastischen Abenteuerroman bezeichnen. Vgl.: Jens Malte Fischer: Phantastischer Film und Phantastische Literatur. Mit einem Exkurs über „Rosmary´s Baby“. In: Lili. Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik. 29 (1987), S. 11-39, hier S. 17, S. 21f.
59 Angekündigt als „The Most Amazing Book Ever Written“ wurde H. Rider Haggards King Solomon´s Mines (1885) in den ersten zwölf Monaten allein in England 31.000 mal verkauft (zu Lebzeiten Haggards waren es 650.000 Exemplare). In den Vereinigten Staaten gab es im ersten Jahr dreizehn Neuauflagen dieses Werkes (vgl. Dennis Butts: Introduction. In: Henry Rider Haggard: King Solomon´s Mines. Oxford, 1998, S. 7-25, hier S. 7f). Haggards She (1887), eines der am häufigsten parodierten Werke der englischen Literatur, wurde bereits 1899 erstmals verfilmt. Einzelne Motive des spätviktorianischen Abenteuerromans sind früh in den benachbarten Genres der „crime“ und „detective novel“ nachweisbar (z.B. bei Edgar Wallace, der in The River of Stars [1913] mit Motiven aus King Solomon´s Mines spielt) und bis in die „klassische“ Comic-Literatur vorgedrungen (Das scheinbare Heraufbeschwören einer Sonnenfinsternis (in Tintin - Le temple de soleil [1949]) rettet schon die Helden in King Solomon´s Mines vor einer Hinrichtung). Auch der abenteuerliche Fantasy-Film hat die Fabeln und Handlungsmuster der „Quest narrative“ früh genutzt. King Kong (1933) geht wie Jurassic Park (1997) auf die Fabel von Arthur Conan Doyles The Lost World (1912) zurück. Der Horror-Klassiker The Mummy (1932) spielt mit Motiven aus Haggards She. Die Figur des Gelehrten-Abenteurers Indiana Jones (seit Raiders of the Lost Ark [1981]) trägt Züge des Ich-Erzählers aus diesem Haggardschen Roman.
60 Zu denken ist hier vor allem an Sir Henry Morton Stanleys von einer Zeitung finanzierte Suche nach dem in Afrika verschollenen David Livingstone (1871). Die Figur des Journalisten-Abenteurers Malone in Doyles The Lost World geht sicherlich auf Stanley zurück.
61 Etwa Sir Richard Francis Burtons und John Hanning Spekes Suche nach der Quelle des weißen Nils (1857).
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aktueller geographischer, archäologischer, ethnologischer und vor allem biologischer 62 Entdeckungen läßt zudem die Illusion von wissenschaftlich nachprüfbarer Authentizität entstehen, die dem stets folgenden Einbruch des Phantastisch-Wunderbaren nicht selten einen offenbarenden metaphysischen Charakter verleiht. Was sich den Protagonisten in der abenteuerlichen Fremde offenbart, ist das ungezähmte Leben selbst. „Das Leben“, Raschs Grundwert der literarischen Epoche zwischen 1890 und 1914 63 , bildet auch im spätviktorianischen Abenteuerroman das thematische Leitmotiv. Biologismus und Lebensmystik prägen die Reiseschilderungen. Der „Kampf ums Dasein“ bestimmt den Alltag der Protagonisten, mythisch-märchenhafte Figuren gewähren ihnen mystische Einblicke in den „wahren“ Charakter des Lebens 64 . Der komplexen Genealogie dieses Genres steht die Einfachheit seiner Fabeln gegenüber. Stereotypisierte Handlungsabläufe,
Figurenkonstellationen und Motive, die schon in den prototypischen Erzählungen Edgar Allan Poes, Jules Vernes 65 und Robert Louis Stevensons 66 nachweisbar sind, bilden in den spätviktorianischen Abenteuerromanen Henry Rider Haggards (King Solomon´s Mines [1885], Allan Quatermain [1887], She [1887], Ayesha - The Return of „She“ [1905]) und Arthur Conan Doyles (The Lost World [1912]) ein festes Gerüst, das durch ein eng verflochtenes System versteckter gegenseitiger Anspielungen noch verstärkt wird 67 . Eine kurze typologische Beschreibung der „Quest narrative“ macht diese stereotypen Strukturen sichtbar und ermöglicht späterhin einen strukturellen Vergleich mit den Stoff- und Handlungsmustern der Romane Kubins und Müllers.
62 Die Popularität der Biologie als Leitwissenschaft der Jahrhundertwende ist auch im spätviktorianischen Abenteuerroman spürbar. In fast allen Werken finden sich Anspielungen auf Darwins Evolutionstheorie. In Doyles The Lost World bildet sie sogar das theoretische Fundament des Romans. Die Reise ins Innere Südamerikas wird zu einer Reise in die jurassisch-tertiäre Vergangenheit. Auf einem unzugänglichen Felsplatteau hat eine millionen Jahre alte Fauna (einschließlich des Missing links) überlebt, an der die Wissenschaftler-Abenteurer die biologischen Thesen Darwins, Weismanns und Haeckels diskutieren und paläontologische Theorien überprüfen.
63 Robert Fraser grenzt die „pure form“ der „Quest narrative“ großzügig auf die Zeit zwischen 1880 und 1920 ein (R. Fraser: Victorian Quest Romance. Stevenson, Haggard, Kipling, and Conan Doyle. Plymouth, 1998, S. 2). Die eigentliche Blütezeit der Victorian Quest Romance (zwischen 1885 und 1912) deckt sich mit der von Rasch vorgestellten Epoche der „Dichtung der Jahrhundertwende“.
64 Ayesha, femme fatale und Zauberin in Haggards She und Ayesha - The Return of „She“ (1905), hütet die Quelle des ewigen Lebens. Ihre pseudo-philosophischen Erklärungen entnimmt Haggard dem um 1900 populären okkultistisch-spiritistischen und theosophischen (Helene P. Blavatskys Isis Unveiled [1875]) Diskurs.
65 Poes The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket (1838) und Vernes Cinq Semaines en Ballon. Voyage découvertes en Afrique par trois Anglais (1863) und Voyage au Centre de la Terre (1864) sind die zeitnahen Vorbilder der britischen Quest narrative.
66 Mit Robert Louis Stevensons Treasure Island (1883) beginnt die eigentliche Geschichte der Victorian Quest Romance. Die Fabel weist zwar typische Motive dieses Genres auf, ist aber noch stark an den seit ca. 1840 aufkommenden abenteurlichen „Boy´s Stories“ und Seeräubererzählungen orientiert.
67 Haggard spielt in King Solomon´s Mines mehrmals auf Stevensons Treasure Island, Doyle in The Lost World wiederholt auf King Solomon´s Mines an.
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Die Abenteuergeschichten der „Quest narrative“ beginnen grundsätzlich mit einer Rahmenerzählung, der in einigen Fällen noch das Vorwort eines fiktiven Herausgebers vorangestellt wird 68 . In der Rahmenerzählung beschreibt ein Ich-Erzähler (meist ein gesellschaftlicher Außenseiter oder sehr junger Mann) die Umstände, die zu der abenteuerlichen Reise führen. Während das Quest-Motiv dabei stark variiert 69 , bleibt das „heroische“ Personal in fast allen Romanen unverändert. Drei (Dreizahl), selten zwei wissenschaftlich gesinnte Männer bilden den Kern der Expeditionen, wobei der Erzähler eine eher untergeordnete (die Identifikation des Lesers ermöglichende) Rolle spielt. Die Binnenerzählung beginnt mit dem Aufbruch der Helden. Die Reiseroute ist nur anfangs geographisch nachvollziehbar und führt grundsätzlich in unerforschte Regionen inmitten fremder Kontinente. 70 Mit Hilfe einer (im Roman oft abgedruckten) Skizze oder Schatzkarte werden die entlegenen Reiseziele erreicht. Das eigentliche Abenteuer beginnt mit dem Verschwinden der Protagonisten von der Landkarte (ein vom Erzähler stets hervorgehobenes Ereignis). 71 Die so erreisten „weißen Flecken“ sind grundsätzlich phantastisch-wunderbare Landschaften mit klar gegliederten geographischen Zonen. Wüsten, Wälder, Flüsse und Berge liegen meist ringförmig um ein phantastisches Kernland (Tafelberge oder Talkessel). Die typische Episodenform der Abenteuer wird von dieser labyrinthischen Struktur der Landschaft bestimmt. In jeder Zone erwarten die Protagonisten neue abenteuerliche Prüfungen, die erst bestanden werden müssen, bevor die nächste Zone betreten werden kann. Im Zentrum dieser deutlich gegliederten Landschaften liegen häufig sagenhafte Städte 72 oder Höhlen, die materiellen oder spirituellen Reichtum versprechen 73 . Diese Höhlen gehören zusammen mit büstenförmigen Bergen, fruchtbaren Tälern, Felsspalten, Grotten und Tunnels
68 Dieser Herausgeber, der zuweilen den Namen des Autors trägt, berichtet über die Entdeckung oder Entstehung des von ihm edierten Manuskripts und stellt die Protagonisten als nicht-fiktionale Personen vor. Typisch seit Poes The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket ist auch das Authentizität vermittelnde plötzliche Abbrechen dieses Manuskripts am Ende des Romans (in Haggards She und Ayesha - The Return of “She”).
69 Die Suche nach verschollenen Angehörigen (Haggards King Solomon´s Mines), der eigenen Familiengeschichte (Haggards She), Schätzen (Stevensons Treasure Island, Haggards King Solomon´s Mines) und Beweisen für wissenschaftliche Theorien (Haggards Allan Quatermain, Doyles The Lost World) sind nur einige Beispiele für die Variabilität des Quest-Motivs.
70 Die Helden Haggards verschlägt es nach Zentral-Afrika (King Solomon´s Mines, Allan Quatermain, She) und Zentral-Asien (Ayesha - The Return of „She“). Doyle schickt seine Protagonisten nach Inner-Südamerika.
71 Ein typisches Beispiel für die Thematisierung dieser abenteuerlichen Wendung der Reise findet sich in Haggards Ayesha - The Return of „She“: „Here it was that at last our true adventures began. On one of the spurs of these awful Cherga mountains - it is unmarked on any map - we well-nigh perished of starvation“ (H. Rider Haggard: Ayesha - The Return of “She”. [2 Bde.] Leipzig, 1905, 1. Bd., S. 42).
72 Etwa die Ruinenstadt Kôr in Haggards She, oder auch lebendige Metropolen verschollener Hochkulturen (Milosis in Haggards Allan Quatermain und Kaloon in Haggards Ayesha - The Return of „She“).
73 Materiellen Reichtum bergen die Diamantenmienen in Haggards King Solomon´s Mines und Ben Gunns Höhle in Stevensons Treasure Island. Spiritueller Reichtum erwartet die Helden in Haggards She. In einer Höhle erleben sie eine „divine intoxication“, denn sie stehen vor der Flamme des ewigen Lebens, „the very Fountain and Heart of Life as it beats in the bossom of the great world“ (H. Rider Haggard: She. A History of Adventure. Oxford, 1991, S. 287f).
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zu einem sexuellen Symbolsystem, das die meisten Abenteuerlandschaften prägt. 74 Die Natur, die die männlichen Protagonisten umgibt, ist - der Geschlechtertypologie um 1900 entsprechend - weiblich konnotiert, die nur selten auftretenden exotischen Frauengestalten wirken wie mythische Personifikationen der mystisch tiefen und doch triebgebundenen Natur. Doch der sexuelle Symbolgehalt der Landschaften hat noch eine weitere Bedeutung. Die merkwürdige Verbindung von weiblich konnotiertem Raum und gefahrvoller Prüfung verweist auf eine unterschwellige Initiationsthematik im spätviktorianischen Abenteuerroman. Die nach van Gennep und Eliade typische Dreiteilung einer rite de passage in Separation (Aufgabe des alten sozialen Status im rituellen Sterben), Marge (Einweihung und Übergangszeit im rituellen Tod) und Agrégation (Erlangen des neuen Status durch die rituelle Wiedergeburt) 75 ist in allen Werken der Victorian Quest Romance nachweisbar. Das Betreten der „weißen Flecken“ trägt häufig Züge eines rituellen Übergangs in den Tod und führt zum vorübergehenden Verlust aller alten sozialen Lebensbezüge. 76 Dafür gewinnen die Protagonisten tiefe Einblicke in den „wahren“ Charakter der Welt. Ihre (oft fluchtartige) Rückkehr auf sicheren Boden erinnert nicht selten an eine symbolische Wiedergeburt. 77 Dieser abenteuerliche Initiationsprozeß führt die Helden zu Einsichten, die sich nach der von der Rahmenerzählung nur knapp geschilderten Rückkehr in die Zivilisation als durchaus problematisch erweisen. Die Heimkehrer passen nicht mehr in ihre alten sozialen Bezugssysteme, die Werte der Gesellschaft erscheinen ihnen einseitig und oberflächlich. Ihre Rückkehr in die abenteuerliche Fremde ist damit vorprogrammiert. 78 Diese durch
74 Die deutlichste Ausprägung dieses sexuellen Symbolgehalts findet sich wohl in Haggards King Solomon´s Mines. Den einzigen Weg in das unerforschte Land bildet dort ein zwischen den Zwillingsbergen „Sheba´s Breasts“ hindurchführender Pfad. Die im Roman abgedruckte Schatzkarte erinnert an einen auf die Geschlechtsmerkmale reduzierten weiblichen Körper. Die „Solomon´s Road” führt geradewegs zum vaginalen „Mouth of the treasure cave“, dem zwischen drei Bergen (Schamdreieck) liegenden Eingang zur Schatzhöhle (H. Rider Haggard: King Solomon´s Mines. Oxford, 1998, S. 27).
75 Vgl.: Arnold van Gennep: The Rites of Passage. London, 1961.; Mircea Eliade: Das Mysterium der Wiedergeburt. Initiationsriten, ihre kulturelle und religiöse Bedeutung. Zürich, Stuttgart, 1961. Die Begriffe Separation, Marge und Agrégation stammen von van Gennep. Zur Initiationsthematik im Abenteuerroman vgl. auch: Bernd Steinbrink: Abenteuerliteratur des 19. Jahrhunderts in Deutschland, S. 15-90.
76 Die Protagonisten werden oft buchstäblich „vom Erdboden verschluckt“. Die abenteuerliche Reise beginnt dann als eine Reise in die Unterwelt. Um die unerforschten Regionen betreten zu können müssen styxartige Flüsse befahren (in Haggards Allan Quatermain) oder Höhlen und Tunnelsysteme durchwandert werden (in Haggards She). Das Verschlungen-Werden vom Mund oder Uterus der Erdmutter ist ein typisches Initiationsmotiv. Die weibliche Konnotation der Landschaften läßt solche Assoziationen leicht entstehen. Der Statusverlust wird häufig von Übergangsritualen wie dem Kleiderwechsel oder der Wahl eines neuen Namens begleitet. Beide Motive finden sich in Haggards King Solomon´s Mines.
77 Diese Wiedergeburtsszenarien finden sich in King Solomon´s Mines, She und The Lost World. Der rettende Weg in die Freiheit führt dort durch geburtskanalartige Höhlen und Tunnels dem Licht entgegen.
78 Und wird in den für dieses Genre typischen Fortsetzungsromanen geschildert. Allan Quatermain ist das Sequel von King Solomon´s Mines, Ayesha - The Return of „She“ die Fortsetzung von She. Auch ein Protagonist in Doyles The Lost World, Professor Challenger, tritt in weiteren Romanen auf (etwa The Land of Mist [1925]). Auch wenn der Abenteuerroman Strukturen und Motive eines Initiationsweges aufweist, gibt es somit einen
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Fremderfahrungen aufgebrochene Distanz zur eigenen Kultur ist trotz des genretypischen imperialistischen und kolonialistischen Hintergrunds in allen Fabeln spürbar, denn der spätviktorianische Abenteuerroman trägt auch exotistische Züge. 79 Am deutlichsten treten diese Züge in Joseph Conrads düsterer Parodie des Genres, Heart of Darkness (1899), zutage. 80 Doch Conrads Novelle ist weit mehr als eine exotistische Kritik an den kolonialistischen Praktiken des europäischen Imperialismus. 81 Ihre Nennung am Ende dieser typologischen Betrachtung ist wichtig, weil sich in Heart of Darkness eine allegorischphilosophische Wendung der klassischen Handlungsstruktur der „Quest narrative“ vollzieht. Diese Wendung, die bereits in Haggards She als stimmungsvolles „Stilmittel“ angelegt ist 82 , bildet in Conrads Heart of Darkness eine durchgängige philosophische Bedeutungsebene und macht diese Novelle zum prototypischen Text des philosophischen Exotismus 83 .
elementaren Unterschied zum klassischen Initiationsprozeß: in der abenteuerlichen Initiation bleibt die Reintegration in die Gesellschaft aus.
79 Der Exotismus in der Victorian Quest Romance ist sowohl regressiv-eskapistisch (Reif), als auch progressivutopisch (Heckner), wobei die regressiven Tendenzen klar dominieren. In Haggards Allan Quatermain nutzt der gleichnamige Erzähler die Beschreibung der utopisch-arkadischen Hochkultur der Zu-Vendi zu einer überraschend scharfen Kritik am viktorianischen England. Die Helden kehren nicht nach Europa zurück, sondern „unterstützen“ die Zu-Vendi beim Aufbau eines agrarisch-feudal geprägten Musterstaates.
80 Ian Duncan bezeichnet Heart of Darkness als eine „sombre parody of the genre“ (I. Duncan: Introduction. In: Arthur Conan Doyle: The Lost World. Oxford, 1998, S. xii). Trotz dieser parodistischen Haltung ist Conrads Novelle im Kontext des spätviktorianischen Abenteuerromans zu erwähnen. Doyles The Lost World spielt mehrmals auf Heart of Darkness an, schon die Reise des Conradschen Protagonisten ist eine Reise in die prähistorische Vergangenheit. „Going up the river was like travelling back to the earliest beginnings of the world [...]. We were wanderers on prehistoric earth […].” (J. Conrad: Heart of Darkness. Stuttgart, 1984, S. 72ff).
81 Vgl.: Urs Bitterli: Conrad - Malraux - Greene - Weiss. Schriftsteller und Kolonialismus. Zürich, Köln, 1973, S. 42-60.
82 In der rückblickenden Einführung zu Ayesha - The Return of „She“ spricht der Ich-Erzähler den allegorischen Bedeutungshorizont der Titelfigur an. „Who was Ayesha, nay, who is Ayesha? An incarnate essence, a materialised spirit of nature, the unforeseeing, the immortal ; ensouled alone, redeemable only by Humanity and it´s piteous sacrifice? Say you!” (H. Rider Haggard: Ayesha - The Return of “She”, 1. Bd., S. 15). Die pseudophilosophische Wendung in Haggards Roman (durch okkultistische und theosophische Theorien) bleibt aber stets ein atmosphärisches Mittel, das dem Abenteuer schauerromantische Züge verleiht.
83 Die Reise ins „Herz der Finsternis“ ist als allegorische Reise konzipiert. Mythisches Personal (etwa die „Parzen“-Sekretärinnen des Auftraggebers [Conrad: Heart of Darkness, S. 18ff]) und Anspielungen auf Homers Odyssee und Dantes Divina Commedia verleihen der Fahrt auf dem Kongo von Beginn an eine unwirkliche Atmosphäre. Der desillusionierte Protagonist, Marlow, erzählt seine Geschichte an Deck eines Bootes auf der Themse in „the pose of a Buddha“ (ebd., S. 11), ein Schopenhauer-Signal. Tatsächlich erinnern die Erfahrungen Marlows an Grundsätze der Schopenhauerschen Philosophie. Der Reiseweg ins innere Afrika wird zum Erkenntnisweg, an dessen Ende (im Herzen der Finsternis) die „surface-truth“ (ebd., S. 78) durchstoßen wird. Was Marlow dort begegnet ist der ungebändigte „Wille“ selbst, “truth stripped of its cloak of time” (ebd., S. 77). Kurtz, den Marlow suchen und nach Europa zurück bringen soll (Quest-Motiv), hat Jahre in dieser „Welt als Wille“ verbracht und faßt den „Sinn“ des Lebens in einem „moment of complete knowledge“ (ebd., S. 149) kurz vor seinem Tod in einem Wort zusammen: “The horror! The horror!” (ebd., S. 149), das Leben, “the strange commingling of desire and hate” (ebd., S. 152), ist Leiden. Marlows Zuhörer haben den parabolischen Sinn der Geschichte instinktiv erfaßt. Nicht nur der Kongo, auch die Themse scheint „into the heart of an immense darkness“ (ebd., S. 165) zu führen.
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Trotz zeitnaher Übersetzungen 84 , blieb die Popularität des spätviktorianischen Abenteuerromans weitgehend auf den angelsächsischen Kulturkreis beschränkt. Im deutschsprachigen Raum ist dieses Erzählmuster meist nur in „importierten“ Werken der um 1900 äußerst beliebten exotischen Literatur anzutreffen. 85 Allerdings gibt es Ausnahmen. In zwei Erzählungen der deutschsprachigen Phantastik, Paul Ernsts Die sonderbare Stadt (1900) und Georg Heyms Das Tagebuch Shakletons (1911), scheint ein direkter Einfluß der „Quest narrative“ erkennbar zu sein. 86 Noch klarer tritt dieser Einfluß aber in Robert Müllers Tropen- Romanzutage. Müllers Kenntnis der Hauptwerke dieses Genres ist schon durch eine Textstelle in seinem Essay Der Roman des Amerikanismus (1913) belegbar. 87 Der Roman selbst trägt alle typischen strukturellen Züge der „Quest narrative“. Er beginnt mit dem Vorwort eines fiktiven Herausgebers (namens Robert Müller), der die Protagonisten des von ihm edierten „Manuskripts“ 88 als nicht-fiktionale Personen vorstellt. In der Rahmenerzählung beschreibt der Ich-Erzähler Hans Brandlberger das Zusammentreffen mit den „Schatzsuchern“ Van den Dusen und Jack Slim, die dem jungen deutschen Ingenieur die obligate Schatzkarte, „eine Art Ziegel, auf der eine Menge indianischer Buchstaben geheimnisvoll durcheinandertanzten“ 89 , präsentieren (Quest-Motiv). Die Binnenerzählung setzt mit dem Aufbruch der drei (Dreizahl) Abenteurer ins Innere „Gujanas“ 90 ein. Sie durchqueren verschiedene klar gegliederte geographische Zonen (Fluß, Wald) bis
84 Die ersten deutschen Übersetzungen erscheinen seit 1888. King Solomon´s Mines als König Salomos Schatzkammer (1888), Allan Quatermain als Das unerforschte Land (1896), She als Sie, Roman aus dem dunkelsten Afrika (1911), The Lost World als Die vergessene Welt (1912).
85 Die exotische Literatur greift im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts verstärkt auf das Erzählmuster der Victorian Quest Romance zurück. Drei Heute fast vergessene dänischen Autoren schrieben eine Reihe von wilhelminischen „Bestsellern“ mit spätviktorianischem Handlungsgerüst. Der Nobelpreisträger Johannes V. Jensen veröffentlichte zwei Bände mit exotischen Novellen („Die Welt ist tief...“ [1906]; Exotische Novellen [1909]). Fast ebenso populär waren die „Van Zanten“-Romane Laurids Bruuns (z.B.: Van Zantens glückliche Zeit [1910]; Van Zantens Insel der Verheißung [1911]). Auch Jürgen Jürgensens Kongoabenteuer Christian Svarres Kongofahrt (1910) und Die große Expedition, Ein Kongoroman (1912) sind hier zu erwähnen.
86 Heyms Protagonisten entdecken das phantastische Kernland des Südpols, ein seit Poes The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket beliebtes Zielgebiet des Abenteuerromans (Verne hatte mit Le sphinx des glaces 1895 nicht die einzige Fortsetzung der Poeschen Erzählung geschrieben). Das von einem fiktiven Herausgeber edierte (am Ende der Erzählung unvermittelt abbrechende) Manuskript, das die pseudowissenschaftlich dokumentierte Reise durch verschiedene Klimazonen in die Zentral-Antarktis beschreibt, weist deutliche Bezüge zur „Quest narrative“ auf. Für die Wissenschaftler-Helden in Ernsts Erzählung beginnt das Abenteuer „genretypisch“ erst an der Grenze, „bis zu welcher die mitgebrachten Kartenwerke Angaben enthielten“ (Paul Ernst: Die sonderbare Stadt. In: ders.: Frühe Geschichten. München, 1931, S. 46-56, hier S. 46). Die folgende Landschaft ist klar gegliedert, das phantastische Kernland ein Tafelberg, auf dem sich eine tote Stadt befindet. Ihre einzige Bewohnerin, das todbringende Mädchen mit „europäischen Gesichtszügen“ (ebd., S. 53), könnte auf Haggards She als literarische Vorlage deuten.
87 Das dort ausgesprochene Urteil über die „angelsächsische Magazinliteratur“ setzt eine detailierte Kenntnis des spätviktorianischen Abenteuergenres voraus. Nur so ist die Beschreibung dieser Literatur als eine „zum Artefakt erstarrte“ Dichtung, die nur eine „mehr oder weniger bunte Variation von Mustern“ der „erfinderischen Köpfe wie Doyle, Rider-Haggard, Stevenson“ und „Kipling“ ist, möglich (Müller: Der Roman des Amerikanismus, S. 75).
88 Müller: Tropen, S. 6.
89 Ebd., S. 12.
90 Ebd., S. 13.
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Brandlberger genretypisch konstatiert: „Ich stand nicht mehr auf der Landkarte! [...] Ich war verschollen für die Geographie“ 91 . Das Kernland dieser Abenteuerlandschaft bildet eine Lichtung, in deren Mitte ein labyrinthisch angelegtes Indianerdorf liegt. Dort gewährt die indianische „Priesterin“ Zana den Reisenden durch rituelle Tänze mystisch-visionäre Einblicke in den „wahren“ Charakter des Lebens. 92 Die letzte Station der Reise führt zur unvermeidlichen (Schatz)-Höhle 93 . Eine glückliche Rettung bringt den durch die Reiseerfahrungen zum Kulturkritiker gewordenen Brandlberger zurück in die Zivilisation. Selbst die stereotype Rückkehr des Protagonisten in die Wildnis wird im Vorwort angedeutet. 94 Auch in Müllers Roman bildet die durchgängige weibliche Konnotation der Abenteuerlandschaft 95 den Hintergrund für einen Initiationsprozeß. Die Abenteurer verlieren im Durchdringen des Dschungels ihre sozio-kulturelle Prägung und werden zu „Barbaren“ 96 . Ihre symbolische Wiedergeburt erfolgt genretypisch durch den Austritt aus einem Höhlen„Spalt“ 97 . Neben diesen generellen spätviktorianischen Abenteuermustern birgt Müllers Roman aber auch eine Fülle von konkreten Anspielungen auf einzelne Werke dieses Genres, die den strukturellen und motivischen Vorbildcharakter der „Quest narrative“ für die Fabel der Tropen im Rahmen dieser Arbeit hinlänglich belegen 98 .
In Kubins Roman Die andere Seite ist der strukturgebende Einfluß des spätviktorianischen Abenteuerromans nicht auf den ersten Blick erkennbar. Der Grund hierfür liegt jedoch nicht etwa in einem geringeren Grad dieses Einflusses. Vielmehr ist es gerade die motivische und strukturelle Nähe zu einem einzigen heute fast vergessenen Abenteuerroman mit ausgeprägten
91 Ebd., S. 40f.
92 Ebd., S. 86ff, S. 92ff.
93 Ebd., S. 166ff.
94 Ebd., S. 5.
95 Ebd., S. 23f, 37, 45.
96 Ebd., S. 39.
97 Ebd., S. 169, 205, 237.
98 So geht der „Ringkampf“ zwischen Slim und dem Häuptling Luluac (ebd., S. 97f) mit großer Wahrscheinlichkeit auf eine ähnliche Szene in King Solomon´s Mines zurück (Haggard: King Solomon´s Mines, S. 233ff). Die unvermittelt auftretende „Lachepidemie“ in der Schatzhöhle (Müller: Tropen, S. 166ff) ist ein immer wiederkehrendes Motiv in Haggards Romanen (vgl.: King Solomon´s Mines, S. 278f; She, S. 288). Zu erwähnen ist hier auch Zanas entfernte Verwandtschaft mit der Isis-Priesterin Ayesha in Haggards She. An Doyles The Lost World erinnert neben der klanglichen Nähe der indianischen Stammesnamen („Cucama“ bei Doyle, „Dumara“ bei Müller) vor allem die „Schmetterlingsepisode“ (Brandlberger entdeckt zwar keine Flugsaurier auf einer südamerikanischen Hochebene, doch immerhin mit dem Schmetterling der südamerikanischen Tropenebene („Llanno“), eine „kleine Ausgabe“ des „Drachens der Vorzeit“ [Müller: Tropen, S. 74f]). Die immer wieder geäußerte Idee, daß die Reise in die abenteuerliche Fremde auch eine Reise in die prähistorische Vergangenheit ist (ebd., S. 77, 115, 118) findet sich schon bei Doyle und Conrad, die Beschreibung der Tropenlandschaft als „großes Herz“ (Ebd., S. 19,22f) verweist auf Conrads Heart of Darkness. Auch die schopenhauerlastige parabolische Struktur im Tropen-Roman könnte durch Conrads Novelle angeregt worden sein. Die hier genannten Anspielungen auf Werke der „Quest narrative“ bilden nur eine kleine Auswahl. Die Allusionsdichte in Müllers Roman ist bemerkenswert und reicht bis in den Sprachduktus seiner Protagonisten (erwähnenswert ist Müllers Verwendung des in allen hier beschriebenen Abenteuerromanen nachweisbaren typischen Abenteurer-Ausrufs „By Jove“ [Müller: Tropen, S. 190]).
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schauerromantisch-dekadenten Zügen, die den Quellencharakter der „Quest narrative“ für Die andere Seite zunächst verdeckt. Das Inventar der Kubinschen Bibliothek belegt sein Interesse an diesem Genre 99 . Kubin selbst hat seinen Roman in der Prosasammlung Aus meinem Leben als eine „abenteuerliche Geschichte“ bezeichnet, die er während einer künstlerischen Schaffenskrise „niederzuschreiben“ beginnt. 100 Nun hat die fabelhafte Zeit dieser Niederschrift („zwölf Wochen“ 101 ) verschiedene Interpreten immer wieder dazu veranlaßt, dem von Kubin selbst initiierten klischeehaften Bild des „Tag und Nacht“ 102 von Visionen getriebenen Künstlers zu folgen. Literarische Einflüsse, die über einige Motiv-Anleihen bei verwandten Seelen wie Hoffmann oder Poe hinausgehen, wurden so weitgehend ausgeschlossen. Am deutlichsten ist dies bei Anneliese Hewig der Fall, die von einem „in kürzester Zeit ohne jegliche Vorausplanung oder gar Vorarbeit“ entstandenen Werk spricht, das - „den Verfasser selbst überraschend“ - dennoch „Linien einer überlegenen Durchgestaltung“ aufweist. Die andere Seite trägt für Hewig „vor allem ein Zeichen, das dem dichterischen Gebilde aufgeprägt ist: Daß es geboren ist aus der Vision“. 103 Dieser pseudomystischen Entstehungsthese des Romans wird im folgenden vehement widersprochen. Tatsächlich mag Kubin auf eine „Vorausplanung“ oder „Vorarbeit“ teilweise verzichtet haben. Doch der Grund hierfür liegt in der Übernahme eines fertigen Handlungsgerüsts. Die weitreichende literarische Vorlage für Kubins „abenteuerliche Geschichte“ Die andere Seite ist Henry Rider Haggards spätviktorianischer Abenteuerroman She 104 . Die Besonderheit dieses Haggardschen Werkes ist das auffällige „Nebeneinander von Abenteuer- und Dekadenzmotiven“ 105 , das dem Roman eine surreale Stimmung „between daydream and nightmare“ 106 verleiht. Doch Kubin hat nicht nur diese düstere traumartige Grundstimmung übernommen. Wie ein der Fabel des Kubinschen Werkes folgender kurzer Vergleich der
99 Im Inventar der Kubinschen Bibliothek (in der Bibliothek des oberösterreichischen Landesmuseums Linz) sind neben Treasure Island zehn weitere Bände mit Werken Robert Louis Stevensons und neun Bände mit Romanen und Erzählungen Joseph Conrads verzeichnet.
100 Kubin: Aus meinem Leben. Gesammelte Prosa mit 73 Abbildungen. Herausgegeben von Ulrich Riemerschmidt. München, 1974, S. 41.
101 Ebd., S. 41.
102 Ebd., S. 41f.
103 Anneliese Hewig: Phantastische Wirklichkeit, S. 13.
104 Da ein deutschsprachiger Zeitschriften-Vorabdruck dieses Romans nicht ermittelt werden konnte, die deutsche Übersetzung in Buchform aber erst 1911, also zwei Jahre nach Kubins Werk erschienen ist, muß Kubin She in der englischen Originalversion gelesen haben. Die englischsprachigen Titel im Inventar der Kubinschen Bibliothek belegen seine dafür notwendigen Sprachkenntnisse nur indirekt, lassen diesen Rezeptionsweg aber immerhin als Möglichkeit erscheinen.
105 Lothar Hönninghausen: Der Abenteuerroman der Dekadenz. In: Roger Bauer (Hg.): Fin de siècle. Zur Literatur und Kunst der Jahrhundertwende. Frankfurt a.M., 1977, S. 223-249, hier, S. 226.
106 Daniel Karlin: Introduction. In: H. Rider Haggard: She. A History of Adventure. Oxford, 1991, S. 7-38, hier S. 12.
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