forderungen auf das Führungskonzept der Bundeswehr zukommen werden. Daher ist es nötig zu Beginn die einzelnen Theorien kurz darzustellen und eine Definition von der Inneren Führung zu geben, um dann einen konstruktiven Vergleich anzustreben und einen Ausblick auf zukünftige Anforderungen zu geben.
Bei der Betrachtung verschiedener Theorien der zivil-militärischen Beziehungen besitzen zwei Schwerpunkt eine große Bedeutung. Zum einen wird das Militär als gesellschaftliche Institution untersucht und zum anderen die Rolle von der Öffentlichkeit und der Zivilgesellschaft hinsichtlich Krieg und transnationaler Sicherheitspolitik. Dabei weisen die Zusammenhänge und die Spannungsfelder zwischen demokratischen Systemen mit ihren pluralistischen Werten und dem Militär mit seiner hierarchischen Binnenstruktur und seinem Gewaltpotenzial eine besondere Relevanz auf. In Bezug auf das spezifische Verhältnis zwischen Militär und Zivilregierung existieren unterschiedliche Perspektiven: die inklusive und die exklusive. 2 Eindeutig der exklusiven Variante ist der Ansatz des US-amerikanischen Politologen Samuel P. Huntington zuzuweisen. Hierbei stehen sich Zivilführung und Armee perspektivisch gegenüber, was mit einer verengten Sichtweise einher geht. In seinem Buch „The Soldier and the State“ von 1957 sieht Huntington eine strikte Arbeitsteilung zwischen der Institution Militär und der Zivilgesellschaft, damit eine Nutzenmaximierung des Schutzeffektes durch militärische Gewalt bestehen kann. Aus diesem Grunde sollten die Streitkräfte apolitisch bleiben. 3 Er unterscheidet in der Art der Zivilkontrolle zwischen „subjective“ oder „objective control“. Diese Kontrollmechanismen sorgen für die Unterordnung der bewaffneten Kräfte unter unbewaffnete Zivilisten. Dabei fordert die Gesellschaft das Militär als Institution heraus, da dessen konservativ-militärischen Wertvorstellungen mit den liberaldemokratischen nicht übereinstimmen. Daher plädiert Huntington für eine Trennung zwischen demokratischer und militärischer Lebenswelt, um Spannungen zu lösen, was er mit Hilfe der „objective control“ bezweckt. Dies dient der Unabhängigkeit der Armee gegenüber dem Wertewandel der Zivilgesellschaft und Politik und macht die Streitkräfte gegenüber der politischen Führung dienstbar. 4
Bei der „subjective control“ müssen die Grenzen zwischen Militär und Zivilgesellschaft durchlässig sein. Dies würde die ideologische Indoktrinierung der Armee und die Förderung von Rivalitäten zwischen den einzelnen Waffengattungen beinhalten. Hierbei bestünde die Gefahr der Instrumentalisierung des Militärs durch innenpolitische Gruppierungen, woraus
2 Hagen, Ulrich vom: Zivil-militärische Beziehungen. In: Leonhard, Nina; Werkner, Ines-Jaqueline (Hrsg.): Mili-
tärsoziologie - Eine Einführung. Wiesbaden 2005, S. 69.
3 Vgl. ebd., S. 77.
4 Vgl. ebd., S. 77f.
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ein Anstieg des innenpolitischen Gewichts des Militärs, die Abnahme seines Professionalismus‘ und seiner innerorganisatorischen Unabhängigkeit resultieren würde, weshalb „objective control“ zu bevorzugen wäre. 5
Einen wesentlich anderen Ansatz als Huntington verfolgt der Soziologe Morris Janowitz in seinem Werk „The Professional Soldier“ aus dem Jahre 1960. In seiner inklusiven Perspektive steht die Wechselbeziehung von militärischer und ziviler Sphäre im Mittelpunkt. Er sieht eine unvermeidliche Verbindung von Politik und Militär. Demzufolge ist die Armee eine Kraft im Staat deren Angehörige in die Gesellschaft integriert sind, ihre Wertevorstellungen teilen und ein eigenes Selbstverständnis in Bezug auf politische Partizipation besitzen. Die Streitkräfte sind ein Produkt der gegenwärtigen Gesellschaft und das Offizierskorps bildet dabei einen spezialisierten modernen Berufsstand. 6
Für Janowitz ist das Militär institutionalisierter Ausdruck nationaler Identität, wobei die Streitkräfte hinsichtlich der Karrierechancen für die niederen und mittleren Bevölkerungsschichten interessant sind. Der in der Armee vorherrschende militärische Konservatismus bietet ein ambivalentes Bild. Einerseits findet permanent ein technologischer sowie ein sozialer und ein wirtschaftlicher Wandel der Gesellschaft statt. Andererseits nimmt das Militär eine kritische Haltung gegenüber der Zivilgesellschaft ein, die einen mangelnden Respekt gegenüber Ordnung und Autorität besitzen würde. 7
In Janowitz‘ soziologischer Sichtweise ist der Soldat mitdenkender Bürger, der seine Aufträge verstehen muss, um sie ausführen zu können. Demzufolge ist er Gesellschaftsakteur, der eine Politisierung erfährt. Hinsichtlich der Zivilkontrolle soll diese nicht nur von außen durch Zivilisten, sondern auch von innen durch Militärangehörige erfolgen, die dadurch die Armee permanent modernisieren und Staatsstreiche verhindern. 8
Vergleichend betrachtet, könnten die Unterschiede zwischen den Ansätzen von Huntington und Janowitz kaum größer sein. Während ersterer den apolitischen Soldaten und eine strikte Arbeitsteilung zwischen Militär und Zivilgesellschaft favorisiert, sieht letzterer eine enge Wechselbeziehung zwischen beiden Sphären und bevorzugt den politisierten Militärangehörigen, der zugleich Gesellschaftsakteur ist.
Um die beiden genannten Theorien der zivil-militärischen Beziehungen an der Inneren Führung anzuwenden, muss jedoch im Vorfeld geklärt werden, um was es sich bei diesem speziellen Führungskonzept der deutschen Armee überhaupt handelt. Da es von Seiten der Bun-
5 Vgl.Hagen, a.a.O., S. 77 und Heins, Volker; Warburg, Jens: Kampf der Zivilisten. Militär und Gesellschaft im
Wandel. Bielefeld 2004, S. 57.
6 Vgl. Hagen, a.a.O., S. 81f.
7 Vgl. ebd., S. 82ff.
8 Vgl. ebd., S. 84.
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deswehr keine offizielle Definition gibt, kann der Entwurf für eine demokratische Führungskultur nur umschrieben werden.
Die Innere Führung geht auf Wolf Graf von Baudissin zurück, der in den 1950er Jahren ein Konzept für demokratieverträgliche Streitkräfte entwickelte. Sein Gedanke war, die Wehrmotivation durch Freiheit, Offenheit, Verantwortung, Respekt, Toleranz und Mitmenschlichkeit zu stärken. Somit handelt es sich um eine Normenlehre, die das Verhalten der Soldaten und ihren Umgang miteinander festlegt. Die Bundeswehr sollte in das Staats- und Regierungssystem eingebunden werden, wozu auch die Akzeptanz der Pluralität gehört, um das Entstehen einer sozialen Kaste wie in der Weimarer Republik zu verhindern. 9 Hierfür war eine fundamentale Militärreform notwendig, die eine militaristische Mentalität aus der Armee verbannen sollte. Angedacht war, dass pluralistische, soziale und formal demokratische Regelungen den inneren Wandel prägen. Zudem kam der Integration der Streitkräfte in die Zivilgesellschaft eine besondere Funktion zu. 10
Dies sollte durch die Öffnung der Bundeswehr gegenüber zivilen pluralistischen Einflüssen und geistigen Strömungen geschehen, da Gesellschaft und Militär keinen Gegensatz, sondern eine integrale Einheit bilden sollten. Des Weiteren müsste die Armee den Anspruch auf Akzeptanz und Unterstützung der Öffentlichkeit genießen. Dazu wurde das zentrale Element bzw. das Leitbild des „Staatsbürgers in Uniform“ 11 geschaffen. 12
Dieses umfasst drei Kernpunkte: die freie Persönlichkeit, der verantwortungsbewusste Staatsbürger und der einsatzbereite Soldat. Die Eckpfeiler bilden hierbei das Primat der Politik mit zivilem Oberbefehl, die Bindung an Recht und Gesetz, der Verzicht auf die Wehrgerichtsbarkeit, die Begrenzung der Befehlsbefugnisse, die Mitverantwortung im Gehorsam und die Trennung von Aufgaben und Befugnissen der Streitkräfte von der zivilen Wehrverwaltung. Ergo ist der Soldat ein vollwertiger Zivilbürger ohne Sonderstatus, wobei nach den Vorstellungen Baudissins die Wehrpflicht die gesellschaftliche Integration der Bundeswehr sichern sollte. 13
9 Dörfler-Dierken, Angelika: Ethische Fundamente der Inneren Führung. Baudissins Leitgedanken: Gewissens-
geleitetes Individuum - Verantwortlicher Gehorsam - Konflikt- und friedensfähige Mitmenschlichkeit. Straus-
berg 2005, S. 182f und193.
10 Vgl. Bald, Detlef: Die Notwendigkeit der Militärreform nach dem Jahr 2000. In: Opitz, Eckardt: 50 Jahre
Innere Führung. Von Himmerod (Eifel) nach Pristina (Kosovo). Geschichte, Probleme und Perspektiven einer
Führungsphilosophie. Bremen 2001, S. 189.
11 Heins, Volker; Warburg, Jens: Kampf der Zivilisten. Militär und Gesellschaft im Wandel. Bielefeld 2004, S.
58.
12 Vgl. Wiesendahl, Elmar: Historische und theoretische Grundlagen der Inneren Führung. In: Gerhard,
Wilfried (Hrsg.): Innere Führung - Dekonstruktion und Rekonstruktion. Bremen 2002, S. 34f.
13 Vgl. Konzeption der Inneren Führung. (http://www.innerefuehrung.bundeswehr.de/portal/a/zinfue/!ut/p/
c4/FcsxDoAgDADAF0l3N1-huJBCCjZIIYia8HoxNx_sMAg-HLBxFjxhA-14tq-6ojWdxd-kWIQqGa9
ilk6lMaz_KxVDQtCSJ4fuICgpLR8erHpV/ [Zugriff 25.09.2011]).
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Arbeit zitieren:
Stefan Rudolf, 2011, Das Verhältnis zwischen Militär und Zivilgesellschaft am Beispiel der Inneren Führung unter besonderer Berücksichtigung der Theorien von Samuel P. Huntington und Morris Janowitz., München, GRIN Verlag GmbH
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