Inhalt
1. Einleitung 3
2. Räumliche Ungleichheit in der Soziologie 7
2.1 Zum Begriff der räumlichen Ungleichheit 7
2.2 Räumliche Ungleichheit in der Soziologie der Bundesrepublik 7
3. Regionale Bevölkerungsentwicklung in Deutschland 9
3.1 Binnenmigration 9
3.1.1 Theoretischer Hintergrund 9
3.1.2 Binnenmigration in Deutschland 11
3.2 Veränderung der Altersstruktur 14
3.2.1 Gesamtdeutsche Trends 14
3.2.2 Regionalspezifische Altersstrukturveränderungen 16
3.3 Zusammenwirken von Binnenmigration und Altersstrukturveränderungen 18
4. Auswirkungen des demographischen Wandels auf soziale Teilhabechancen 21
4.1 Arbeit und Beschäftigung 21
4.2 Bildung 23
4.3 Öffentliche Infrastruktur 27
4.4 Gesundheitsversorgung 30
5. Zusammenfassung 34
Literaturverzeichnis 37
Anlagen übersicht 47
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1. Einleitung
„Deutschland schrumpft - und ergraut!“ 1 so die prägnante Zusammenfassung einer lange absehbaren und in ihren Konsequenzen kaum fassbaren demographischen Entwicklung. Die Bundesrepublik hat momentan etwa 82 Millionen Einwohner. Im Jahr 2060 werden es nur noch zwischen 65 und 70 Millionen sein. Der kontinuierliche Rückgang der Geburtenziffern im Vergleich zu den Sterbefällen führt dazu, dass die deutsche Bevölkerung trotz Zuwanderung pro Jahr um etwa 100.000 Menschen schrumpft. Nirgendwo in Europa werden so wenige Kinder geboren wie in Deutsch-land. 2 Die Kinder werden immer weniger, der Anteil älterer Menschen nimmt zu. Gleichzeitig werden die Alten immer älter. Die Lebenserwartung der 65-Jährigen wird bis 2060 um fünf bis sieben Jahre steigen. Die Zahl der 70-Jährigen wird im Jahr 2060 doppelt so hoch sein wie die Zahl der Neugeborenen. Der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung wird bis 2060 auf gut 34% ansteigen. Jeder siebente Deutsche wird dann über 80 Jahre alt sein (vgl. ausführlich Statistisches Bundesamt 2009b).
Die Demographie als Wissenschaft, die sich mit der Zusammensetzung, Entwicklung und Verteilung von Bevölkerungen befasst, hat in der Bundesrepublik lange Zeit ein Schattendasein geführt. Gesellschaftliche und politische Diskussionen über sich abzeichnende demographische Veränderungen in Deutschland, insbesondere den Rückgang des Bevölkerungswachstums und eine zunehmende Überalterung und die daraus zu ziehenden politischen Konsequenzen, fanden in den Anfangsjahren der Bundesrepublik aufgrund der rassistischen und menschenverachtenden Bevölkerungspolitik während der NS-Zeit so gut wie nicht statt. Aktive Einflussnahme auf die Bevölkerungsentwicklung galt als moralisch überaus fragwürdig. Noch in den 1980er Jahren wurden Politiker und Wissenschaftler, die auf die massiven demographischen Umbrüche in der deutschen Gesellschaft hinwiesen und politisches Handeln im Bereich sozialer Sicherungssysteme forderten, als unaufgeklärt und völkisch denkend diskreditiert (Kaufmann 2005, S. 232ff.).
1 Teil des Subtitels des Spiegel-Artikels: „Land ohne Lachen“ zu sinkenden Fertilitätsraten
und zunehmender Alterung in der deutschen Gesellschaft. DER SPIEGEL, 2/2004, S. 38ff.
2 Die Bruttogeburtenziffer Deutschlands betrug im Jahr 2008 8,2 (jährliche Lebendgeburten
je 1000 Einwohner) und ist damit EU-weit die niedrigste (vgl. Eurostat 2009).
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Das Tabu, vom demographischen Wandel und den damit verbundenen Herausforderungen für die Gesellschaft zu sprechen und adäquate Lösungsansätze auf die politische Agenda zu setzen, begann Ende der 1990er-Jahre langsam aufzubrechen und die deutsche Medienlandschaft erlebte beginnend mit den Jahren 2003 und 2004 eine regelrechte Flut von wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Auseinandersetzungen, die zum Teil reißenden Absatz fanden und eine breite gesellschaftliche Debatte über das Ausmaß, die Folgen und den Umgang mit den demographischen Entwicklungen in Deutschland in Gang setzten. Journalisten wie der Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Frank Schirrmacher, dessen Buch „Das Methusalem-Komplott“ 3 von einem großen medialen Echo begleitet wurde, trugen erstmals eigentlich lange bekannte demographische Daten zusammen und wiesen auf die aus einer alternden Gesellschaft erwachsenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Herausforderungen für die Zukunft hin. Der demographische Wandel in Deutschland hat sich seitdem zu einem der zentralen Politikfelder deutscher (Sozial-)Politik entwickelt und unzählige wissenschaftliche Publikationen setzen sich mit ihm auseinander. 4
Bei diesen Betrachtungen geht es jedoch in erster Linie um die gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen, die sich durch eine immer älter werdende Gesellschaft ergeben, etwa im Bereich der Finanzierung sozialer Sicherungssysteme und des Gesundheitssystems, oder der strukturellen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Die Auswirkungen der demographischen Entwicklungen auf soziale Räume unterhalb der gesamtstaatlichen Ebene sind bisher fast vollkommen außer Acht gelassen worden. Übersehen wurde dabei die Tatsache, dass der Schrumpfungs- und Alterungsprozess der deutschen Bevölkerung nicht allerorts gleichermaßen stark zu verzeichnen ist, sondern bei genauerer Betrachtung zum Teil starke regionale Differenzen deutlich werden (vgl. ausführlich Mai/ Roloff/Micheel 2007). Ziel dieser Arbeit soll es daher sein, zu untersuchen, welcher Zusammenhang zwischen demographischen Entwicklungen in Deutschland nach der Wiedervereinigung und regionaler Ungleichheit besteht. Regional unterschiedlich starke Ausprägungen von demographischen Faktoren wie Binnenmigration oder Altersstrukturverände-
3 Schirrmacher,Frank 2004: Das Methusalem-Komplott, München.
4 Der Deutsche Bundestag setzte beispielsweise 1999 eine Enquête-Komission zum Thema
„Demographischer Wandel - Herausforderungen unserer älter werdenden Gesellschaft an den Einzelnen und die Politik“ ein, die ihren Abschlussbericht 2002 vorlegen konnte (Deutscher Bundestag 2002).
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rungen schaffen regionale Ungleichheitsverhältnisse in Deutschland, dessen Regionen sich in struktureller Hinsicht nicht nur ökonomisch oder kulturell voneinander unterscheiden, sondern deren Bevölkerungsstruktur direkte und indirekte Auswirkungen auf die Lebensbedingungen der dort lebenden Bevölkerung hat; direkt durch fehlendes Humankapital und zunehmende Überalterung und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft, indirekt durch das mögliche Ausbleiben staatlicher Strukturförderung in diesen Regionen.
Dieser Analyse liegt die Vorstellung zu Grunde, dass die Lebenslage von Menschen nicht nur durch ihre soziale Position gekennzeichnet ist, sondern auch durch das jeweilige ökonomische, soziale, politische und kulturelle Umfeld geprägt wird (vgl. Beetz 2008).
Relevant sind soziale Ungleichheitsphänomene daher nicht nur aus reinem sozialwissenschaftlichem Erkenntnisinteresse, sondern auch aus politischer und gesellschaftlicher Perspektive. In einem Land, dessen Gesellschaft wohl wie kaum eine andere in der Welt durch die Überwindung sozialer Unterschiede und die Schaffung eines hohen Maßes materiellen Wohlstands für breite Teile der Bevölkerung zusammengehalten wird und dessen Systeme des sozialen Ausgleichs und der sozialen Absicherung starke Stabilität erzeugt haben, sind soziale Ungleichheitsphänomene ganz gleich welcher Art immer auch Herausforderungen für die Gesellschaft als Ganzes und eine Frage der eigenen Ideale.
Der Geist des sozialen Ausgleichs als einer der Grundpfeiler des bundesrepublikanischen Selbstverständnisses wird nicht zuletzt durch die bisher als politische Forderung verstandene „Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse“ im Grundgesetz deutlich (Art. 72 Abs. 2 GG). Die Beseitigung bestehender regionaler Ungleichheitsverhältnisse ist somit dauerhafter Bestandteil der politischen Agenda oder sollte es zumindest sein (Barlösius 2006; Krappweis 2009).
Am Anfang soll daher ein kurzer Abriss über die Perzeption und Beurteilung regionaler Ungleichheitsverhältnisse in Deutschland innerhalb der Soziologie stehen. Diese waren bis zum Fall des Eisernen Vorhangs in erster Linie geprägt durch die Ungleichheit der Lebensverhältnisse zwischen ländlichen und städtischen Regionen. Mit der Wiedervereinigung Deutschland wurde diese Sichtweise verdrängt durch die Betrachtung von Ungleichheitsverhältnissen zwischen den neuen und alten Bundesländern und die unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilhabechancen von Ost- und Westdeutschen.
5
Ausgehend von diesen beiden Betrachtungsweisen regionaler Ungleichheit soll anschließend aufgezeigt werden, welchen Einfluss aktuelle demographische Entwicklungen in Deutschland auf soziale Teilhabechancen in Deutschland haben und ob sich dadurch neue regionale Ungleichheitsverhältnisse herausgebildet haben, die mit den alten Kategorien Stadt/Land oder Ost/West nicht mehr erfasst werden können.
Verschiedene Faktoren demographischer Entwicklungen wie Binnenmigration oder Veränderung der Altersstruktur der Bevölkerung sollen dazu genauer analysiert und nach regionalen Gesichtspunkten systematisiert werden. Es wird dabei besonders zu analysieren sein, wie verschiedene demographische Faktoren zusammenwirken und ob sich diese gegebenenfalls verstärken oder abmildern. Die Untersuchung wird aufzeigen, dass die lange Zeit ignorierten und verdrängten demographischen Veränderungen innerhalb der deutschen Gesellschaft zu neuen Formen regionaler Ungleichheit geführt haben und weiterhin führen werden. Die Diffusität des Ungleichheitsbegriffs soll durch die genauere Betrachtung der regional unterschiedlichen sozialen Teilhabechancen in den Bereichen Arbeit und Beschäftigung, Bildung und Gesundheit sowie in der unterschiedlichen Qualität und Quantität der Bereitstellung öffentlicher Güter und Dienstleistungen, die direkten Einfluss auf soziale Teilhabechancen haben und ein Indikator für soziale Ungleichheit sein können, reduziert werden.
Ungleiche soziale Teilhabechancen in der Bundesrepublik entstehen nicht mehr nur im Gegensatz zwischen ländlichen und städtischen Gebieten oder sind nicht mehr nur eine Frage von Unterschieden zwischen neuen und alten Bundesländern. Vielmehr wird deutlich werden, dass sich klare soziale Ungleichheitsmomente im Gegensatz von Zentrum und Peripherie herausgebildet haben und sich diese in der nahen und mittleren Zukunft weiter verstärken werden.
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2. Räumliche Ungleichheit in der Soziologie
2.1 Zum Begriff der räumlichen Ungleichheit
Unter räumlicher Ungleichheit versteht man in der Soziologie die ungleiche Verteilung ungleichheitsrelevanter Güter, Ressourcen, Rechte und Teilhabechancen entlang einer horizontalen Achse, d.h. innerhalb eines zu definierenden territorialen Gebietes. Verbunden mit dieser Form von Ungleichheit sind relevante soziale Be-vor- bzw. Benachteiligungen. Im Gegensatz zur vertikalen Ungleichheit entlang der Achse der Sozialstruktur, die auf die soziale Bezugseinheit Gesellschaft abhebt, bezieht sich regionale Ungleichheit auf die einzelnen geographischen Teilräume des Nationalstaates (Barlösius 2006, S. 19).
Die jeweiligen Bezugseinheiten stehen in einem spezifischen Gerechtigkeitszusammenhang, der dadurch zum Ausdruck kommt, dass das gleiche Gerechtigkeitsmaß auf die einzelnen Bezugseinheiten (im Falle der räumlichen Ungleichheit die verschiedenen Regionen) zur Anwendung kommt und die Bezugseinheiten das gegenseitige Einverständnis erklären, einen Ausgleich zwischen ihnen zuzulassen. Die Beseitigung räumlicher Ungleichheit mit dem Ziel der Schaffung von Gerechtigkeit zwischen den räumlichen Bezugseinheiten verlangt jedoch ein gewisses Maß an Eingriffen in die Souveränität der Bezugseinheiten. Wie weitreichend diese Eingriffe sind, hängt in erster Linie davon ab, welche Vorstellungen von räumlicher Gerechtigkeit zu Grunde gelegt werden (Barlösius/Neu 2007, S. 80f.). Die Beseitigung räumlicher Ungleichheit fußt in aller Regel auf der Vorstellung, dass ein gewisses Maß an Gerechtigkeit zwischen den Einheiten eines Bezugssystems den Zusammenhalt des Gesamtsystems gewährleistet. In der gleichen Art und Weise, wie die Beseitigung vertikaler Ungleichheiten den sozialen Frieden und den Zusammenhalt des Bezugsystems Gesellschaft garantieren soll, dient die Beseitigung räumlicher Ungleichheit dazu, die Einheit eines territorialen Bezugssystems zu festigen und somit eine territoriale Integration zu ermöglichen (Barlösius/Neu 2007, S. 82).
2.2 Räumliche Ungleichheit in der Soziologie der Bundesrepublik
In der Soziologie der Bundesrepublik spielten horizontale Dimensionen sozialer Ungleichheit lange Zeit eine untergeordnete Rolle. Traditionelle Stadt-Land-Gegensätze und das stereotype Bild der katholischen Arbeitertochter vom Lande als akkumulierter Ausdruck sozialer Benachteiligungsfaktoren schienen durch die Bil-
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dungsexpansion der 1960er- und 1970er-Jahre weitestgehend überwunden. Technische Modernisierungsprozesse, die zunehmende Mobilität in der Bevölkerung und ein allgemeiner Anstieg des Wohlstands wurden als zusätzliche Faktoren angesehen, die einem weitgehenden sozialen Ausgleich in regionaler Hinsicht förderlich waren. Der Raum verlor in Folge dessen seinen Status als eigener Ungleichheits-faktor und wurde zur Nebenbedingung, von der positive oder negative Effekte ausgingen (Neu 2006).
Der Prozess der Globalisierung und die Vorstellung der Welt als „globalem Dorf“ führten zu einer zusätzlichen Negierung der Nation als Bezugsrahmen für die Betrachtung räumlicher Ungleichheitsverhältnisse. Die Weltgesellschaft und die unterschiedliche Verteilung ungleichheitsrelevanter Güter in unterschiedlichen Teilen der Erde gerieten in den Fokus der soziologischen Ungleichheitsforschung. Die Erleichterung grenzüberschreitender Austauschbeziehungen und Migrationsbewegungen (besonders, aber nicht nur durch die Umsetzung des europäischen Binnenmarktes) und die damit verbundene Entstehung transnationaler Räume schien den Trend in Richtung des Bedeutungsverlustes nationaler Bezugseinheiten zu bestätigen (vgl. Pries 1998/2008).
Im Bereich des deutschen Nationalstaates wurden soziale Ungleichheitsverhältnisse in der räumlichen Dimension in der jüngeren Vergangenheit in erster Linie durch Gegensätze zwischen Ost und West erfasst. Insbesondere im Osten der Republik rückte zudem die altbekannte und eigentlich bereits überwunden geglaubte Benachteiligung ländlicher Räume in den Fokus der Betrachtung (vgl. u.a. Keim 2006). Relativ neu ist die Erfassung räumlicher Ungleichheit in Gegensatz von Zentrum und Peripherie. Durch die Einbindung von Prozess-Begriffen zur Beschreibung soziologisch relevanter Entwicklungen 5 und der weitgehenden Abkehr von einer Beschreibung von Ungleichheitsverhältnissen als statische Gegebenheiten versucht ein wachsender Teil von Soziologen, Demographen und Raumordnungsforschern die Dynamiken räumlicher Ungleichheit zu erfassen (vgl. Keim 2006). Diese Vorstellungen von Zentralisierungs- und Peripherisierungsprozessen sollen im Folgenden als gedankliche Grundbausteine der Untersuchung des Einflusses demographischer Entwicklungen auf räumliche Ungleichheit und soziale Teilhabechancen dienen.
5 Eine Idee, die auf den Soziologen Norbert Elias und seine Theorie der Prozess- bzw. Figu-
rationssoziologie zurückgeht (vgl. Keim 2006).
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3. Regionale Bevölkerungsentwicklung in Deutschland
3.1 Binnenmigration
3.1.1 Theoretischer Hintergrund
Migration (lat. Wanderung) als spezielle Form räumlicher Mobilität beschreibt in der Soziologie den dauerhaften Wechsel des Wohnortes einer Person innerhalb spezifischer geographischer oder sozialer Räume. 6 Im Gegensatz zur grenzüberschreitenden Migration, die sich auf die Aus- oder Einwanderung (Emigration/Immigration) in einen geographischen oder sozialen Raum bezieht, bezeichnet Binnenmigration 7 Wanderungsbewegungen innerhalb eines Gebietes, das sowohl ein Staat als auch eine Region sein kann und das für die jeweilige Betrachtung genauer zu spezifizieren ist. Ausschlaggebend für die Abgrenzung grenzüberschreitender und intraregionaler Migration ist die Qualität der im Zuge der Wanderung überschrittenen Grenze (Fassmann 2007).
Die Klassifikation von Wanderungsprozessen und eine Einteilung dieser in grenzüberschreitende und intraregionale Migration sind dabei immer von der Perspektive und dem Gegenstand der Untersuchung abhängig. Zur genaueren Untersuchung bietet es sich jedoch an, Wanderungsbewegungen auf eine zu definierende Region (in diesem Fall die Bundesrepublik) zu beschränken und dortige Wanderungsprozesse genauer zu analysieren.
Für die Bundesrepublik Deutschland lässt die genauere Betrachtung der territorialen Aufgliederung des Gesamtstaates in einzelne Gliedstaaten und die Abschätzung der Qualität der Grenzen zwischen den jeweiligen Gliedstaaten den Schluss zu, dass es sich bei Wanderungsbewegungen innerhalb der Bundesrepublik Deutschland um Binnenmigration handelt. Auch wenn die Qualität der Grenzen zwischen vielen Ländern der Europäischen Union seit dem Inkrafttreten des Schengener Abkommens aus Sicht der persönlichen Mobilität eine kaum spürbare Grenze darstellt, lässt das Einfließen kultureller (insbesondere sprachlicher), rechtlicher und ökonomischer
6 Die auf eine gewisse Dauer angelegte Wanderung/Migration ist zu unterscheiden von an-
deren Formen räumlicher Mobilität die eher kurzfristiger Natur oder periodisch wiederkehrend sind (zum Beispiel Pendelwanderung zur Distanzüberwindung zwischen Arbeitsstätte und Wohnort oder Freizeitverkehr) (vgl. hierzu auch Fassmann 2007, S.1).
7 Die Begriffe Binnenmigration und Binnenwanderung sollen im Folgenden synonym ver-
wendet werden.
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Faktoren dennoch den Schluss zu, dass die Wahrscheinlichkeit interregionaler Wanderungen (von Deutschland in andere EU-Länder) geringer ist als die intraregionaler Wanderungen (Binnenwanderungen innerhalb Deutschlands). Die Anwendung des Binnenwanderungskonzepts auf die Bundesrepublik als Region ist daher sinnvoll (vgl. Mai 2007).
Vor dem Hintergrund der rasanten industriellen Entwicklung Englands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte sich der deutsche Geograph und Kartograph Ernst Georg Ravenstein 1885 in einem Vortrag vor der Royal Statistical Society mit den „Gesetzen von Wanderung“ auseinander (Ravenstein 1885). Seine Forschung bildete den Grundstein für eine ganze Reihe von Theorien und Forschungsansätzen, die sich mit Migrationsprozessen und deren Ursachen auseinandersetzen. Auch wenn es nicht Ziel dieser Arbeit sein soll, Migrationstheorien umfassend darzustellen, soll an dieser Stelle dennoch kurz auf einige klassische Erklärungsansätze für Migration, die sich in makrotheoretische und mikrotheoretische Ansätze einteilen lassen, gefolgt von einigen modernen Migrationstheorien eingegangen werden.
Klassische Migrationstheorien lassen sich im Wesentlichen in zwei Gruppen einteilen: makrotheoretische und mikrotheoretische. Makrotheoretische Migrationsansätze beschreiben Migration auf der Ebene des Aggregats, der Gesamtbevölkerung, und versuchen die Wanderungsprozesse zwischen Regionen durch ökonomische Eigenschaften dieser zu erklären. Auf der Grundlage eines Gravitationsmodells führten insbesondere unterschiedliche Lohnniveaus (Arbeitsangebot/ -nachfrage) in verschiedenen Regionen zu einer Migration von Arbeitskräften zwischen diesen und in Folge dessen werde ein makroökonomisches Gleichgewicht hergestellt. Der Gravitationsansatz verweist zudem darauf, dass benachbarte Bezugseinheiten ein höheres Maß an Austausch untereinander aufweisen als weit voneinander entfernt liegende. Die Distanz wird damit zu einem wichtigen Faktor der Migration. Verschiedene Push- und Pull-Faktoren können diese Migration fördern bzw. verringern. Dem Arbeitsmarkt kommt dabei über die bestehende Arbeitsnachfrage (Job-vacancy-These) und über das Lohnniveau (Income-differential-These) eine entscheidende Rolle dabei zu (Fassmann 2007; Haug 2000). Empirische Studien belegen die große Bedeutung dieser Faktoren (vgl. Ragnitz et al. 2006). Im Bereich der mikrotheoretischen Erklärungsmodelle für Migration wird der Versuch unternommen, Migrationsursachen auf der Ebene des Individuums ausfindig zu machen. Zum Teil werden dabei makrotheoretische Modelle (Push-Pull-Modell)
10
übernommen und entsprechend angepasst. Die Wahrnehmung ungleicher regionaler Lebensbedingungen durch potentielle Wandernde führt zu einem komplexen Gebilde von anziehenden (pull) und abstoßenden (push) Faktoren der jeweiligen Regionen, die nicht nur ökonomischer, sondern auch sozialer, kultureller oder ökologischer Natur sein können und die in direktem Zusammenhang mit der eigenen persönlichen Lebenssituation stehen. Ein Abwägen dieser Faktoren kann dann zu dem individuellen Entschluss führen, den eigenen Wohnort dauerhaft zu verlegen (Lee 1972). Andere mikrotheoretische Erklärungsversuche nutzen den Begriff des Humankapitals und verstehen Migration als den Versuch von Individuen langfristige Gewinne aus bereits getätigten und zukünftigen Humankapitalinvestitionen (zum Beispiel Bildung) zu maximieren. Nicht-monetäre Faktoren (psychische Mehrbelastungen) fließen bei diesen Kosten- und Ertragsabwägungen mit ein (Sjastaad 1962). Die einzelnen Theorien widersprechen sich nicht prinzipiell, sondern bauen teilweise aufeinander auf, ergänzen sich oder betrachten nur speziellen Faktoren von Migration. Auch wenn deutliche Zusammenhänge zwischen ihnen erkennbar sind, konnte bisher jedoch weder eine zufriedenstellende Zusammenführung der einzelnen Erklärungsansätze noch eine kausale Verknüpfung einzelner Migrationsphänomene erreicht werden. Moderne Migrationstheorien versuchen zum Teil diese Lücke zu schließen und die Verbindung zwischen Makro- und Mikroebene herzustellen und soziale Faktoren wie soziale Netzwerke und soziales Kapital einfließen zu lassen. Die Ergebnisse der Untersuchungen auf dieser Meso-Ebene sind jedoch keineswegs kohärent, sondern zum Teil stark konträr zueinander (Haug 2000). Die hohe Varianz der Migrationstheorien zeigt die hohe kausale Komplexität von Migrationsprozessen als Zusammenwirken der verschiedensten Faktoren auf der individuellen und gesellschaftlichen Ebene. Neue Migrationsschübe und sich ständig verändernde politische, ökonomische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen erfordern zudem eine ständige Überprüfung bestehender Erklärungsmuster. Die aufgezeigten Migrationsfaktoren erleichtern jedoch das Verständnis der Migrationsbewegungen innerhalb Deutschlands.
3.1.2 Binnenmigration in Deutschland
Binnenmigration vollzog sich in der Bundesrepublik bis zur Wiedervereinigung in erster Linie in Nord-Süd-Richtung, vom strukturschwachen Norden Deutschlands, in die erstarkenden Wachstumsregionen in Süddeutschland. Diese Tendenz bestand
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Arbeit zitieren:
Nils Müller, 2010, Der Zusammenhang von demographischer Entwicklung und regionaler Ungleichheit in Deutschland (nach 1989), München, GRIN Verlag GmbH
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