1
Inhaltsverzeichnis
I. Abbildungsverzeichnis 3
II. Tabellenverzeichnis 4
III. Abkürzungsverzeichnis 5
1. Einleitung 6
2. Alterssicherung in Deutschland 8
2.1 Grundgedanke und wesentliche Stationen der gesetzlichen Rentenversicherung 9
2.2 Demographische Entwicklung in Deutschland 11
2.2.1 Fertilität 11
2.2.2 Mortalität 14
2.2.3 Migration 16
2.2.4 Altersstruktur 17
2.3 Alterssicherung in Deutschland unter Anpassungsdruck 19
2.3.1 Reformbedarf des bestehenden Systems 20
2.3.2 Entspricht das Umlageverfahren (noch) dem Grundsatz der
Generationengerechtigkeit ? 24
2.3.3 Alternativer Wechsel zu einem kapitalgedeckten Rentenversicherungssystem
25
2.3.4 Mackenroth-These. 28
2.4 Lebensstandardsicherung im Alter 29
2.4.1 Die Lebenszyklushypothese 30
2.4.2 Die gesetzliche Rentenversicherung - mehr als eine Grundsicherung? 32
2.4.3 Entstehung von Versorgungslücken 36
2.5 Der Wandel zum Drei-Schichten-Modell 37
3. Einflussfaktoren bei der Auswahl von Alters-
vorsorgeinstrumenten und Erstellung eines Kriterienkatalogs
39
3.1 Einflussfaktoren 39
3.2 Erstellung eines Kriterienkataloges. 41
4. Betrachtung der einzelnen Schichten und Bewertung
anhand des Kriterienkatalogs 45
4.1 Erste Schicht: Basisversorgung 45
4.1.1 Gesetzliche Rentenversicherung 46
4.1.2 Basisrente 47
4.1.2.1 Funktionsweise 47
4.1.2.2 Beurteilung anhand des Kriterienkatalogs 50
4.2 Zweite Schicht: Zusatzversorgung 52
4.2.1 Betriebliche Altersvorsorge 52
4.2.1.1 Funktionsweise 53
2
4.2.1.2 Beurteilung anhand des Kriterienkatalogs 56
4.2.2 Riester-Rente 58
4.2.2.1 Funktionsweise 59
4.2.2.2 Beurteilung anhand des Kriterienkatalogs 63
4.3 Dritte Schicht: Kapitalanlageprodukte 65
4.3.1 Lebensversicherung 65
4.3.1.1 Funktionsweise 66
4.3.1.2 Beurteilung anhand des Kriterienkatalogs 67
4.3.2 Wertpapiere und Sparkonten 69
4.3.2.1 Funktionsweise 70
4.3.2.2 Beurteilung anhand des Kriterienkatalogs 71
4.3.3 Immobilie 73
4.3.3.1 Funktionsweise 73
4.3.3.2 Beurteilung anhand des Kriterienkatalogs 77
5. Altersvorsorgeempfehlungen für den Einzelnen anhand von
fiktiven Fallbeispielen 78
5.1 Erna Meier 79
5.2 Thomas Becker. 84
6. Fazit und Ausblick 90
Quellenverzeichnis 92
3
I. Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Zusammengefasste Geburtenziffer der Kalenderjahre
Abbildung 2: Entwicklung der Lebenserwartung Neugeborener seit 1871/1881
Abbildung 3: Entwicklung der Lebenserwartung Neugeborener und 60 jähriger
Personen
Abbildung 4: Wanderungssaldo ausländischer Personen nach Deutschland
Abbildung 5: Bevölkerungspyramiden der BRD
Abbildung 6: Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland
Abbildung 7: Entwicklung des Beitragssatzes in der allgemeinen Rentenversicherung
Abbildung 8: Konsum, Einkommen und Vermögen
Abbildung 9: Drei-Schichten-Modell
Abbildung 10: Auszug aus dem Angebot des Riester-Vertrags
Abbildung 11: DekaStruktur 5 - die Dachfondsvarianten.
Abbildung 12: Auszug aus dem Fondssparplan
Abbildung 13: Auszug aus dem Basisrente Angebot (Teil 1)
Abbildung 14: Auszug aus dem Basisrente Angebot (Teil 2)
Abbildung 15: Auszug aus dem Basisrente Angebot (Teil 3)
Abbildung 16: Auszug aus dem Angebot einer klassischen Kapitallebensversicherung
(Teil 1)
Abbildung 17: Auszug aus dem Angebot einer klassischen Kapitallebensversicherung
(Teil 2)
4
II. Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Entwicklung des Beitragssatzes bei Anwendung der Formel 22
Tabelle 2: Prozentuale Besteuerung der Renteneinkünfte 33
Tabelle 3: Berechnung einer möglichen Nettorente. 34
Tabelle 4: Hochrechnung der Rentenlücke 37
Tabelle 5: Renteneintrittsalter-Berechnungstabelle 47
Tabelle 6: Berechnung der Altersvorsorgeaufwendungen 48
Tabelle 7: Berechnung der staatlichen Förderung bei einer Bruttoentgeltumwandlung 55
Tabelle 8: Kriterien für förderfähige Altersvorsorgeprodukte 59
Tabelle 9: Berechnung des zu leistenden Eigenbeitrages 60
Tabelle 10: Annuitätendarlehen mit einem sich verändernden Zinssatz 75
5
III. Abkürzungsverzeichnis
A aktueller Rentenwert Abs. Absatz bAV Betriebliche Altersvorsorge BR Basisrente BRD Bundesrepublik Deutschland Bs Beitragssatz ca. circa d.h. das heißt et al. und andere ggf. gegebenenfalls KfW Kreditanstalt für Wiederaufbau E Entgeltpunkte € Euro GG Grundgesetz L Anzahl der Beschäftigten m² Quadratmeter P Rentenniveau p.a. Pro anno R Anzahl der Rentner vgl. vergleiche W Bruttolohnniveau Z Zugangsfaktor z.T. zum Teil z.B. zum Beispiel
6
1. Einleitung
Seit einigen Jahrzehnten lastet ein erheblicher Reformdruck auf dem gesetzlichen Rentenversicherungssystem. Die Ursache hierfür liegt im Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die dazu führen, dass das umlagefinanzierte System vor große finanzielle Herausforderungen gestellt wird.
Neben der durch die Wiedervereinigung entstandenen Kosten und der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit macht sich vor allem der demographische Wandel bemerkbar. Eine dauerhafte Stabilisierung des gesetzlichen Rentenversicherungssystems konnte bisher weder durch wiederholte Beitragserhöhungen noch durch leistungsmindernde Eingriffe bewirkt werden. 1
Vor allem die jüngere Generation muss ein sinkendes Niveau der gesetzlichen Rentenleistungen befürchten. Vermehrt wird in diesem Zusammenhang über das Risiko der Altersarmut diskutiert und wie eine zusätzliche Absicherung dieses Risikos aussehen könnte.
Diesem Thema hat sich im September 2011 auch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales angenommen. Mit dem „Regierungsdialog Rente“ soll ein offener Diskussionsprozess zwischen Vertretern der Rentenversicherung, Fachpolitikern, Wohlfahrtsverbänden, Gewerkschaften und Arbeitgebern gestartet werden. Ziel soll sein, die gesellschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen in der Arbeitswelt zu analysieren, um daraufhin zu überprüfen, ob Lebensleistung gerecht entlohnt wird und wie Bedürftigkeitsrisiken abgesichert werden können. 2 Die finanziellen Probleme innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung und die daraus resultierende Bedrohung bezüglich einer möglichen Verarmung im Alter werden indes nicht von allen Teilen der Bevölkerung registriert. Das Vertrauen in die Leistungsstärke des gesetzlichen Rentensystems scheint weiterhin vorhanden zu sein. Die Ergebnisse einer Umfrage des Deutschen Instituts für Altersvorsorge für das zweite Quartal 2011 haben ergeben, dass die gesetzliche Rente von den Befragten als so sicher eingeschätzt wurde, wie zuletzt vor einem Jahrzehnt. Trotz allem waren lediglich 38 Prozent der Befragten der Meinung, dass sie bereits ausreichend für ihr Alter vorgesorgt hätten. Im Vergleich dazu betrug die Zahl im Januar 2006 noch 57 Prozent. 3
1 Vgl. Klinge (2009), S. 28 ff., S. 37 ff..
2 Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales, unter: www.bmas.de.
3 Vgl. Deutsches Institut für Altersvorsorge (DIA) (2011), unter: www.dia-vorsorge.de. DIA berichtet regelmäßig jedes Quartal über Stimmungen und Aktivitäten der Bevölkerung zum Thema Vorsorge. Für diesen Trendbericht wurden 1.056 Erwerbstätige zwischen 18 und 65 Jahren im Zeitraum vom 15. bis 22. Juni 2011 befragt.
7
Vor dem Hintergrund verschiedener Rahmenbedingungen wie etwa der demographischen Entwicklung soll erstens aufgezeigt werden, inwieweit eine Notwendigkeit zur eigenständigen und selbstverantwortlichen privaten Altersvorsorge mit dem Ziel der Lebensstandardsicherung besteht. Die vorliegende Arbeit stellt die folgende Hypothese auf, die im weiteren Verlauf überprüft wird: Die gesetzlichen Rentenleistungen alleine werden nicht ausreichen, um den Lebensstandard im Alter zu erhalten. Vielmehr müssen zur Komplementierung weitere Altersvorsorgemöglichkeiten genutzt werden.
Ein zweites Ziel dieser Arbeit besteht darin, die gängigsten
Altersvorsorgemöglichkeiten darzustellen. Die Beurteilung dieser Vorsorgeinstrumente dient unter anderem zur Offenlegung jeweiliger Stärken und Schwächen. Dadurch soll verdeutlicht werden, an welchen Personenkreis sich das jeweilige Produkt mit seinen spezifischen Chancen und Risiken primär richtet, beziehungsweise wer hieraus den für sich größten Nutzen ziehen kann.
Der Gang der Bearbeitung sieht dabei wie folgt aus: Beginnend mit der Einleitung ist die Arbeit in sechs Kapitel unterteilt.
Im zweiten Kapitel wird eine umfassende Betrachtung der Alterssicherung in Deutschland vorgenommen. Da die gesetzliche Rentenversicherung für abhängig Beschäftigte die wichtigste Komponente bei der Altersvorsorge darstellt, wird zunächst in Kapitel 2.1 der Grundgedanke der gesetzlichen Rentenversicherung vorgestellt und wesentliche Stationen ihrer Entwicklung markiert.
In Kapitel 2.2 folgt dann eine Beschreibung der demographischen Entwicklung, ehe sich Kapitel 2.3 mit den daraus resultierenden Auswirkungen für das deutsche Alterssicherungssystem beschäftigt. Hierbei soll unter anderem auch überlegt werden, ob ein Systemwechsel eine Alternative darstellen kann und welche Probleme damit verbunden wären.
Hieran anschließend befasst sich Kapitel 2.4 mit dem Ziel der Sicherung des Lebensstandards im Alter und welche Bedeutung dieses Ziel für den Einzelnen hat. Mit der Einführung des Alterseinkünftegesetzes wurden die Rahmenbedingungen für die gesetzliche, private und betriebliche Altersvorsorge grundsätzlich neu geregelt. Der damit einhergehende Wandel zum „Drei-Schichten-Modell“ wird in Kapitel 2.5 beschrieben.
In Kapitel drei werden mögliche Einflussfaktoren vorgestellt, die bei der Auswahl eines Altersvorsorgeproduktes berücksichtigt werden können. Des Weiteren wird hier ein
8
Kriterienkatalog entwickelt, der bei der späteren Beurteilung der
Altersvorsorgeprodukte behilflich sein soll.
Das darauf folgende Kapitel vier betrachtet die Produkte der einzelnen Schichten. Dabei wird zunächst die Funktionsweise des jeweiligen Altersvorsorgeinstrumentes beschrieben, ehe eine Bewertung des Autors - mit dem in Kapitel drei erstellten Kriterienkatalog - erfolgt.
Im fünften Kapitel wird anhand von zwei unterschiedlichen fiktiven Personen dargestellt, wie eine mögliche Altersvorsorgestrategie aussehen kann. Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Betrachtung und einem Ausblick in Kapitel sechs.
2. Alterssicherung in Deutschland
Die Bundesrepublik Deutschland bekennt sich durch Art. 20 Abs. 1 GG 4 dazu, ein Sozialstaat zu sein und damit für soziale Gerechtigkeit und Sicherheit zu sorgen beziehungsweise dieselbigen erhalten. 5
Einen wesentlichen Bestandteil stellt dabei die Alterssicherung dar. Ebenso wie bei der Altersversorgung werden hier in der Phase der Erwerbstätigkeit Ansparungen vorgenommen, die bei Renteneintritt dem Lebensunterhalt dienen sollen. Bei der Altersversorgung besteht allerdings immer das Risiko der unsicheren Lebensdauer. Dies hat zur Folge, dass der zurückgelegte Betrag zu hoch oder zu niedrig sein kann. Die Unsicherheit bezüglich der individuellen Lebensdauer wird bei der Alterssicherung von dem jeweiligen System ausgeschlossen, da hier eine lebenslange Rentenleistung gewährleistet wird. 6
Eine Unterscheidung der vorhandenen Alterssicherungssysteme kann zum Beispiel anhand des Merkmals der Trägerschaft in staatliche und private getroffen werden. Zu den Zielen der Alterssicherung zählen unter anderem die Vermeidung von Armut im Alter und die Aufrechterhaltung des während des Erwerbslebens gewohnten Lebensstils. 7
Seit einigen Jahren wird in der Öffentlichkeit verstärkt darüber diskutiert, welche Ziele die gesetzliche Rentenversicherung verfolgen kann und sollte.
4 Hier heißt es: „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat“.
5 Vgl. Bundeszentrale der politischen Bildung, unter: www.bpb.de.
6 Vgl. Ludwig (2008), S. 5.
7 Vgl. Ludwig (2008), S. 6 ff..
9
Um sich der Beantwortung dieser Frage anzunähern, wird zunächst in Kapitel 2.1 der Grundgedanke der gesetzlichen Rentenversicherung vorgestellt. Ergänzend hierzu werden die wesentlichen Stationen im Entwicklungsprozess markiert.
2.1 Grundgedanke und wesentliche Stationen der gesetzlichen
Rentenversicherung
Am 22. Juni 1889 wurde unter dem damaligen Reichskanzler Otto von Bismarck das Gesetz über die Invaliditäts- und Altersversicherung verabschiedet. Dieses Datum kann als die Geburtsstunde der gesetzlichen Alterssicherung bezeichnet werden. Jedoch bestehen wesentliche Unterschiede zu dem heutigen Rentenversicherungssystem. Primär diente die Rente als Sicherung bei Arbeitsinvalidität. Das Leistungsniveau der damaligen Alterssicherung kann nicht annähernd mit dem heutigen verglichen werden. Eine regelmäßige Altersrente wurde erst ab dem 70. Lebensjahr gezahlt. Da im Jahr 1910 die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern bei 45 Jahren und von Frauen bei 48 Jahren lag, wurde diese nur selten in Anspruch genommen. 8 Ein konzeptioneller Wechsel wurde mit der Rentenreform von 1957 vollzogen. Die bis dato gezahlte Höhe der Rente wurde als unzulänglich angesehen und trug nicht entscheidend dazu bei, Altersarmut zu vermeiden. Des Weiteren fehlte eine regelmäßige Anpassung an das gestiegene Lohnniveau, stattdessen wurden eher sporadische Leistungserhöhungen durchgeführt. Die gesetzliche Rentenversicherung sollte nicht mehr länger nur einen Zuschuss zur Lebensunterhaltsfinanzierung darstellen, sondern vielmehr als eine Art Lohnersatz dienen. Eine schrittweise Systemumstellung vom theoretisch kapitalgedeckten Rentenmodell auf eine umlagefinanzierte Versicherung wurde durchgeführt. 9
Fortan werden die Aufwendungen der gesetzlichen Rentenversicherung durch die laufenden Beitragseinnahmen bestritten. Dies hat zur Folge, dass die aktiv im Erwerbsleben stehenden Personen für die Renten ihrer Elterngeneration aufkommen. 10 In Kapitel 2.3.2 wird auf diese Vereinbarung, den so genannten Generationenvertrag, näher eingegangen.
Des Weiteren wurde eine Dynamisierung der Renten eingeführt, wodurch sich deren Höhe an der Produktivitätsentwicklung und den herrschenden Löhnen orientiert. 11
8 Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2011a), unter: www.bmas.de.
9 Vgl. Winfried Schmähl (2007a), S. 9 ff..
10 Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2011a), unter: www.bmas.de.
10
Vor große Herausforderungen wurde das Rentensystem der Bundesrepublik Deutschland durch die Wiedervereinigung gestellt. Insgesamt mussten ungefähr vier Millionen ostdeutsche Rentner in das bestehende System eingegliedert werden. Im Gegensatz zu Westdeutschland diente in der Deutschen Demokratischen Republik die Rente als eine Art Mindestsicherung. 12
Das erste Mal reagierte auf die demographische Entwicklung die Rentenreform von 1992. Durch sinkende Geburtenraten und einer stetig steigenden Lebenserwartung war ein enormer Druck auf die Rentenkassen entstanden, welcher durch die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit weiter verstärkt wurde. Ziel dieser Rentenreform war es, den absehbaren Anstieg des Beitragssatzes zu verlangsamen. Deshalb mussten andere Einsparungen getätigt werden. Hierzu zählte unter anderem die stufenweise Anhebung der Altersgrenzen ab 2001 von 60 auf 63 Jahren und nunmehr auf 65 Jahre. 13 Da sich Ende der 90er Jahre trotz allem ein Anstieg der Beitragssätze abzeichnete, reagierte der Gesetzgeber im Jahr 2001 mit der Verabschiedung weiterer Reformgesetze. Hierbei wurde unter anderem die Rentenformel verändert, wodurch die Höhe künftiger Beitragssätze begrenzt wird. Als Folge dessen sinkt das Nettorentenniveau. Hierauf wird in Kapitel 2.3 näher eingegangen. Um diesen Verlust zu kompensieren, wurde als weitere Konsequenz die so genannte „Riester-Rente“ eingeführt. Diese freiwillige Vorsorgeform wird durch staatliche Förderungen unterstützt und soll langfristig zu einer Steigerung des Gesamtversorgungsniveaus führen. 14
Durch das im Jahr 2004 verabschiedete Rentenversicherungs-Nachhaltigkeitsgesetz wurde eine erneute Modifizierung der Rentenformel - durch Einführung eines Nachhaltigkeitsfaktors - vorgenommen. Dieser Faktor berücksichtigt bei der jährlichen Rentenanpassung das Verhältnis von Beitragszahlern und Leistungsbeziehern. Zum 01. Januar 2005 trat das Alterseinkünftegesetz in Kraft, mit dem der Gesetzgeber auf ein Urteil des Bundesgerichtshofs vom 06. März 2002 15 reagierte. Demnach ist die bis dato herrschende unterschiedliche Besteuerung von Pensionen und Renten nicht mit dem Gleichheitsgrundsatz aus Artikel 3 Absatz 1 des Grundgesetzes vereinbar. Dieser Mangel musste bis zum 01. Januar 2005 behoben werden. Eine mit dieser Aufgabe betraute Kommission, die so genannte Rürup-Kommission, sollte
11 Vgl. Winfried Schmähl (2007a), S. 9 ff..
12 Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2011a), unter: www.bmas.de.
13 Vgl. Franz Ruland (2007), S. 29ff..
14 Vgl. ebenda.
15 BVerfG am 06.03.2002 Aktenzeichen 2 BvL 17/99: „ § 19 Absatz 1 Satz 1 Nummer 2 und Absatz 2 Satz 2 des Einkommenssteuergesetzes […] ist mit Artikel 3 Absatz 1 des Grundgesetzes unvereinbar.“
11
entsprechende Lösungsvorschläge entwickeln. Eine wichtige Neuerung stellte hierbei der schrittweise Übergang zur nachgelagerten Besteuerung der gesetzlichen Rentenleistungen dar. Demnach müssen ab 2005 50 Prozent der Altersbezüge versteuert werden. Der steuerpflichtige Anteil erhöht sich bis 2020 pro anno um jeweils zwei Prozentpunkte, danach bis 2040 um jeweils einen Prozentpunkt. Hierbei wird das Kohortenprinzip 16 angewendet. Ein Rentner, der erstmalig im Jahr 2015 seine Leistung bezieht, muss somit 70 Prozent seiner Altersbezüge versteuern. 17
2.2 Demographische Entwicklung in Deutschland
In immer mehr Industrieländern ist eine schrumpfende und alternde Bevölkerung zu beobachten, wovon auch die Bundesrepublik Deutschland betroffen ist. Da der demographische Wandel die vorhandenen Alterssicherungssysteme vor enorme Finanzierungsschwierigkeiten stellt, soll sich in diesem Abschnitt näher damit beschäftigt werden. Um die veränderte Altersstruktur erklärbar zu machen, werden im Folgenden die Entwicklungen der Fertilität, Mortalität und Migration dargestellt. 18 Die genaueren Auswirkungen auf das Sozialsystem und der damit einhergehende Reformbedarf werden in Abschnitt 2.3 behandelt.
2.2.1 Fertilität
Den größten Einfluss auf die Bevölkerungsentwicklung hat die Geburtenrate. Diese wird vor allem vom generativen Verhalten der Menschen im reproduktiven Alter bestimmt. Die Geburtenrate hängt dabei nicht nur allein von der Zahl der Kinder je Frau ab, sondern auch von dem Alter, in dem die Mütter ihre Kinder bekommen. 19 In den vergangenen Jahren konnte eine zeitliche Verschiebung des Kinderwunsches beobachtet werden. Dies hat zur Folge, dass deutsche Frauen heute bei der Geburt ihrer Kinder deutlich älter sind als die Mütter vorheriger Generationen. 20
16 Für alle Neurentner eines Jahrganges gilt lebenslänglich der Prozentsatz, der im Jahr ihres Renteneintritts herrschte.
17 Werner Siepe (2011), S. 28.
18 Vgl. Institut der deutschen Wirtschaft (2004), S. 12.
19 Vgl. Statistisches Bundesamt (2009), S. 24.
20 Ebenda.
12
Während früher der Großteil der Mütter zwischen 20 und 30 Jahre alt war, hat sich dies 2005 so deutlich verschoben, dass sogar erstmals die 30 bis 40 jährigen Frauen durchschnittlich mehr Kinder zur Welt gebracht haben. 21
Eine stärkere Bildungs- und Berufsorientierung der Frauen trägt dazu bei, dass die Realisierung der Kinderwünsche soweit hinausgeschoben wird, dass nur noch ein Kind geboren werden kann oder aber gänzlich auf Kinder verzichtet wird. 22 Für die künftige Geburtenentwicklung ist es daher ausschlaggebend, ob der geplante Zeitpunkt der ersten Geburt auf ein noch höheres Alter verschoben wird, und ob es genügend Frauen gibt, die mehr als ein Kind bekommen. Seit 1972 werden in Deutschland nicht mehr genug Kinder geboren, um die Bevölkerung, ohne die Beachtung von Migration, auf einem konstanten Niveau zu halten. 23 In den 60er Jahren wurde die höchste zusammengefasste Geburtenziffer der Nachkriegszeit verzeichnet. Im Durchschnitt bekam jede Frau 2,5 Kinder. Die damals geborenen Kinder bilden heute die starken Jahrgänge im Alter von Mitte 40. In den letzten 30 Jahren liegt dieser Wert relativ konstant bei ca. 1,4 Kindern je Frau. 24 Abbildung 1 zeigt die Entwicklung der Geburtenziffer. Auffällig ist, dass die Geburtenziffer in Westdeutschland ab 1972 relativ konstant verlief, in der ehemaligen DDR aber ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen war. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die ehemalige DDR dem Geburtenrückgang durch umfangreiche staatliche Förderungsmaßnahmen (z. B. Kinderbetreuung) entgegenwirkte. Zwischen 1990 und 1994 brach die Geburtenziffer in den neuen Ländern von 1,52 auf 0,77 Kinder je Frau ein. Durch die wirtschaftlichen und sozialen Umbrüche, die die Wiedervereinigung mit sich brachte, verschoben viele ostdeutsche Frauen ihren Kinderwunsch auf einen späteren Zeitpunkt. 25
21 Ebenda
22 Vgl. R. Geißler (2008), S. 48.
23 Zur Reproduktion der Bevölkerung müssten ca. 2,1 Kinder je Frau geboren werden. Nur dann ist die folgende Müttergeneration so groß wie die vorherige. Vgl. Statistisches Bundesamt (2006), S. 14.
24 Vgl. Statistisches Bundesamt (2006), S.30.
25 Vgl. Statistisches Bundesamt (2011a), unter www.destatis.de.
13
Abbildung 1: Zusammengefasste Geburtenziffer der Kalenderjahre 26
Um diesem Trend der niedrigen Geburtenraten entgegenzuwirken, wurden bereits erste Fertilitätsanreize, wie z.B. die Einführung des Elterngeldes oder die Verbesserung der Kleinkinderbetreuung, geboten. Nach jetzigem Stand kann aber noch nicht abgeschätzt werden, ob diese Impulse zu dem gewünschten Einstellungswandel führen werden. 27 Das gesetzliche Rentensystem ist auch in Zukunft darauf angewiesen, dass eine ausreichende Anzahl von Versicherungspflichtigen die erworbenen Rentenansprüche finanziert. Entscheidend wird deshalb sein, dass entsprechende Anreize geboten werden, die zu einer steigenden Geburtenentwicklung beitragen, indem zum Beispiel ein zunächst aufgeschobener Kinderwunsch doch noch erfüllt wird.
26 Statistisches Bundesamt (2011a), unter www.destatis.de.
27 Vgl. Statistisches Bundesamt (2009), S.27.
14
2.2.2 Mortalität
Eine weitere Beeinflussung der Bevölkerungsentwicklung stellt die
Sterblichkeitsziffer 28 (Mortalität) dar. Neben dem bereits erwähnten Geburtenrückgang ist seit über 130 Jahren eine stetige Abnahme dieser Ziffer zu beobachten. 29 Fortschritte in der medizinischen Versorgung, der Hygiene, eine verbesserte Ernährung, eine bessere Wohnsituation und Unfallverhütungsmaßnahmen haben dazu geführt, dass in den letzten Jahrzehnten ein Rückgang der Säuglings- und Kindersterblichkeit bei gleichzeitig gestiegener Lebenserwartung zu verzeichnen ist. 30 Während die Lebenserwartung männlicher (weiblicher) Neugeborener 1960 noch bei 66,9 (72,4) Jahren lag, liegt diese 2010 bei 77,5 (82,6) Jahren. 31 Abbildung 2 zeigt die Entwicklung der Lebenserwartung Neugeborener seit 1871.
Abbildung 2: Entwicklung der Lebenserwartung Neugeborener seit 1871/1881 32
28 Laut Online Enzyklopädie bezeichnet die Sterblichkeitsziffer das „Verhältnis der Zahl der Todesfälle zur Gesamtzahl der berücksichtigten Personen“. Unter: www.enzyklo.de.
29 Vgl. Statistisches Bundesamt (2009), S. 29.
30 Vgl. Björn Ludwig (2010), S.14 ff..
31 Vgl. Statistisches Bundesamt (2006), S.38 bzw. Statistisches Bundesamt (2011d).
32 Statistisches Bundesamt (2006), S. 38.
15
Nach der Prognose des Statistischen Bundesamtes wird sich dieser Trend zunächst auch in Zukunft fortsetzen, ehe er sich aber langfristig abschwächt. Die Lebenserwartung eines männlichen Neugeborenen und eines weiblichen Neugeborenen im Jahre 2060 wird bei ca. 85,0 Jahren bzw. 89,2 Jahren liegen. 33 34
Auch die fernere Lebenserwartung 35 ist gestiegen. Ein 65 jähriger Mann hatte im Jahr 2008 noch eine fernere Lebenserwartung von 17,1 Jahren. Im Vergleich dazu lebte ein gleichaltriger Mann im Jahr 1871 durchschnittlich nur noch 2,9 Jahre. 36 Abbildung 3 zeigt, dass sich neben der bereits beschriebenen steigenden Lebenserwartung Neugeborener auch die fernere Lebenserwartung von 60 jährigen Personen deutlich gesteigert hat.
Abbildung 3: Entwicklung der Lebenserwartung Neugeborener und 60 jähriger Personen 37
33 Es wurde die Basisannahme des Statistischen Bundesamtes verwendet. Vgl. Statistisches Bundesamt (2009), S. 31.
34 Eine Abschwächung des Anstiegs wird damit begründet, dass die Verbesserungspotentiale in einigen Jahren (z.B. Säuglingssterblichkeit) ausgeschöpft sein werden.
35 Bei Personen, die bereits ein bestimmtes Alter erreicht haben, wird die durchschnittliche fernere Lebenserwartung berechnet.
36 Vgl. Björn Ludwig (2010), S.15.
37 Eigene Darstellung: Werte aus: Statistisches Bundesamt (2006), S. 37 und Statistischen Bundesamt (2010), S. 12ff.
16
Während ein 60 jähriger Mann 1932/34 noch durchschnittlich 15,1 Jahre lebte, ist dieser Wert 2007/09 auf 21,04 Jahre angestiegen. Dies entspricht einer durchschnittlichen längeren Lebenserwartung von knapp sechs Jahren.
Die gestiegene Lebenserwartung führt dazu, dass Rentenleistungen über einen längeren Zeitraum finanziert werden müssen. Die gesetzliche Rentenversicherung wird dadurch erneut, da die Höhe der Ausgaben wegen längerer Rentenbezugszeiten ansteigen, vor Finanzierungsschwierigkeiten gestellt. Gleichzeitig sinkt allerdings, durch die verringerte Anzahl an Versicherungspflichtigen, die Höhe der Einnahmen (Vgl. 2.2.1).
2.2.3 Migration
Die dritte bedeutsame Komponente der Bevölkerungsentwicklung stellt die Migration dar. Für die Entscheidungsfindung in ein bestimmtes Land zu immigrieren ist unter anderem von Bedeutung, wie die wirtschaftlichen und politischen Voraussetzungen für Immigranten in dem jeweiligen Zielland im Vergleich zum Herkunftsland sind. 38 Für die Altersstruktur und die künftige Bevölkerungszahl ist der Wanderungssaldo beziehungsweise die Nettozuwanderung wichtig. Der Wanderungssaldo ist die Differenz zwischen Zuwanderungen und Abwanderungen. Positiv wirkt sich die Zuwanderung von jungen Erwachsenen aus, da sie zu einer verbesserten Altersstruktur im Zielland führt. 39
In den letzten 50 Jahren bewegte sich der Wanderungssaldo in einem Intervall von -220.000 bis 600.000 Personen.
Der Wanderungssaldo unterliegt starken Schwankungen, die durch politische Entscheidungen erklärt werden können. So herrschte z. B. in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ein Arbeitskräftemangel, der durch das Anwerben ausländischer Arbeiter in den 50ern und 60ern behoben wurde. Dagegen führte ein Anwerbestopp im Jahr 1973 zu einem negativen Wanderungssaldo. Abbildung 4 stellt den Wanderungssaldo der letzten Jahre dar.
38 Vgl. Statistisches Bundesamt (2006), S. 44.
39 Vgl. Höhn (1999), S.18.
17
Abbildung 4: Wanderungssaldo ausländischer Personen nach Deutschland 40
Seit einigen Jahren ist eine deutliche Reduktion des Wanderungssaldos zu beobachten. Während 2006 und 2007 mit + 22.791 bzw. +43.284 noch ein positives Saldo gezogen werden konnte, war der Saldo 2008 und 2009 mit - 55.543 bzw. - 13.000 erstmals wieder negativ. 41 Dennoch geht das Statistische Bundesamt von einem leichten Anstieg der Zuwanderungen ab 2011 aus, da dann die Freizügigkeit auf dem deutschen Arbeitsmarkt für Arbeitnehmer aus den 2004 der Europäischen Union beigetretenen Staaten eintritt. 42
Ungeachtet dessen ist sich die fachdemographische Forschung darüber einig, dass der Mangel an Kindern nicht durch Zuwanderung kompensiert werden kann und somit nicht entscheidend zur Lösung des demographischen Problems beiträgt. 43
2.2.4 Altersstruktur
Die zuvor beschriebene Entwicklung der abnehmenden Geburtenzahlen bei einer gleichzeitigen zunehmenden Alterung der Gesellschaft führt zu immer stärkeren
40 Vgl. Statistisches Bundesamt (2006), S. 44
41 Vgl. Statista (2010), www.statista.de, Stand: 09.08.2011.
42 Vgl. Statistisches Bundesamt (2009), S. 33
43 Siehe Birg (2007), S.27.
18
Veränderungen in der Altersstruktur. Der Bevölkerungsaufbau in Deutschland hat inzwischen die klassische Pyramidenform verlassen und nimmt vermehrt die Gestalt einer Urne an. Abbildung 5 stellt vergleichend den Altersaufbau in Deutschland zum 31.12.1910 und zum 31.12.2008 nebeneinander.
Abbildung 5: Bevölkerungspyramiden der BRD 44
Im Jahr 1910 bestand die Bevölkerung noch aus einer breiten Basis an jungen Menschen und einer mit dem Alter abnehmenden Anzahl älterer Menschen. Wie in Kapitel 2.2.2 beschrieben, lag im Jahr 1910 eine vergleichsweise geringe Lebenserwartung (Männer: 45 Jahre, Frauen: 48 Jahre) vor, die sich seitdem kontinuierlich erhöht hat. 45
Das Statistische Bundesamt rechnet damit, dass sich die derzeitige Bevölkerungszahl Deutschlands von etwa 82 Millionen Menschen deutlich zurückentwickeln wird. Laut einer Schätzung des Statistischen Bundesamtes von 2009 soll im Jahr 2060 die Bevölkerungszahl nur noch 65 bis 70 Millionen Menschen betragen. Des Weiteren wird davon ausgegangen, dass sich die Altersstruktur verschieben wird. Während im Jahr 2009 der Bevölkerungsanteil der mindestens 65 Jährigen circa 20 Prozent ausmachte, soll im Jahr 2060 bereits jeder Dritte dieser Altersgruppe angehören. 46 Abbildung 6 zeigt die mögliche Bevölkerungsentwicklung. Hierbei wurden folgende Annahmen getroffen: - Annähernd konstante Geburtenhäufigkeit,
44 Vgl. Statistisches Bundesamt (2009), S. 15.
45 Vgl. Statistisches Bundesamt (2011b), unter: www.destatis.de.
46 Vgl. Statistisches Bundesamt (2011c), unter: www.destatis.de.
19
- Anstieg der Lebenserwartung um etwa acht Jahre (Männer) beziehungsweise sieben Jahre (Frauen) und
- positiver Wanderungssaldo von jährlich 100.000 oder 200.000 Personen. Unter der Voraussetzung, dass sich die demographischen Trends fortsetzen, markieren diese Varianten die Grenzen eines Korridors, welche als Unter- und Obergrenze der „mittleren“ Bevölkerung bezeichnet werden. 47
Abbildung 6: Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland 48
2.3 Alterssicherung in Deutschland unter Anpassungsdruck
Die in Kapitel 2.2 geschilderten Komponenten der demographischen Entwicklung stellen das Alterssicherungssystem in Deutschland vor große Herausforderungen. In diesem Unterkapitel soll zunächst untersucht werden, wie sich der Reformbedarf bei der gesetzlichen Rentenversicherung gestaltet.
Danach folgt in Abschnitt 2.3.2 ein kurzer Exkurs, inwiefern das Umlageverfahren dem Prinzip der Generationengerechtigkeit entspricht.
47 Vgl. Statistisches Bundesamt (2009), S. 6.
48 Statistisches Bundesamt (2009), S. 16.
Arbeit zitieren:
Guido Rübhausen, 2011, Darstellung und Beurteilung der Altersvorsorgemöglichkeiten zur Erhaltung des Lebensstandards im Hinblick auf die demographische Entwicklung, München, GRIN Verlag GmbH
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