Inhaltsverzeichnis Seiten
Vorwort
- 7
2. Zum Merz - 7 - 9
- 13
13 - 25
4.1 Frühe dadaistische Konstruktionen 14 - 19
- 17
4.1.2 Die plastisc- 19
4.2 Die Merzbau - Plastiken 19 - 22
4.3 Die späten Exil - Plastiken - 25
4.3.1 Einzelne Beispiele für das Schaffen im Zeichen - 24
- 37
39 / 40
- 3 - Vorwort
ner siebenundzwanzig Sinne, ich/ liebe dir! Du deiner dich dir, ich dir, du mir,/ -
Wir?/ Das gehört (beiläufig) nicht hierher./ Wer bist du, ungezähltes Frauenzimmer? Du bist/ - - bist du? Die Leute sagen, du wärest, - laß/ sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht./ Du trägst den Hut auf deinen Füßen und wanderst/ auf die Hände, auf den Händen wanderst du./ Hallo, deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt./ Rot liebe ich Anna Blume, rot liebe ich dir! Du/
deiner dich dir, ich dir, du mir, -Wir?/ Das gehört (beiläufig) in die kalte Glut./ Rote Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?/ Preisfrage: 1.) Anna Blume hat ein Vogel./ 2.) Anna Blume ist rot./ 3.) Welche Farbe hat der Vogel?/ Blau ist die Farbe deines gelben Haares./ Rot ist das Girren deines grünen Vogels./ Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid, du liebes/ grünes Tier, ich liebe dir! Du
deiner dich dir, ich/ dir, du mir.
Wir?/ Das gehört (beiläufig) in die Glutenkiste./ Anna Blume! Anna, a-n-n-a, ich träufle deinen/ Namen. Dein Name tropft wie weiches Rindertalg./ Weißt du es, Anna, weißt du es schon?/ Man kann dich auch von hinten lesen, und du,/ du/ Herrlichste von allen, du bist von hinten wie/ von/ vorne: <
Diese, mit Anna Blume betitelten Zeilen, sind die bekanntesten Worte eines Lyrikers, der in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts als herausragendes Multitalent, dessen vielfältige Tätigkeiten und Interessen sowie Kreativität, Phantasie und Produktivität in der
heutigen Zeit sicherlich nur annähernd einzuschätzen sind 2 , vor allem auch im Bereich der Bildenden Kunst hervortritt.
Die Rede ist selbstverständlich von Kurt Schwitters, der sich zuweilen auch als Kuwitter
bezeichnet 3 , dem wichtigsten hannoverschen Künstler des 20. Jahrhunderts, der als Innovator, Dadaist und großer Erfinder innerhalb der Kunst anzusehen ist, was sich auch für die internationale Ebene ausmachen lässt. Zeit seines Lebens erfährt er nicht nur die differenziertesten künstlerischen Phasen, sondern auch die verschiedensten Stadien der staatlichen Existenz, die sich vom Kaiserreich über die Republik, in die Diktatur und letztlich
ins Exil erstrecken. 4 Im Jahre 1878 in Hannover geboren, das sich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges zu einem Zentrum geistiger Auseinandersetzungen im allgemeineren Sinne entwickelt, ist Schwitters die herausragende Figur einer künstlerisch regsamen Zeit und seit 1920 die bestimmende Künstlerpersönlichkeit der Dada-Bewegung in seiner Heimatstadt, welcher er in den zwanziger Jahren zum Ansehen als ein Mittelpunkt der abstrakten Kunst in Deutschland verhilft. Schwitters besondere künstlerische Form ist dabei mit dem Begriff Merz benannt, der für ihn alle Bereiche des Gestaltens umfasst und sich so von der Merzkunst und der Merzdichtung, über den Merzbau, die Merzbühne, die Merzwerbe und eine eigene
Zeitschrift mit dem Titel Merz, bis hin zu der Erkenntnis erstreckt, dass er selbst Merz ist. 5
1 Kurt Schwitters, Anna Blume (1919), zitiert nach: Kusenberg, Kurt und Beate (Hg.): Kurt Schwitters in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Hamburg 1981, S. 37.
2 Vgl. Kurt Schwitters 1887- 1948. Aus der Sammlung Sprengel Museum Hannover. Begleitheft zur CD-Rom, bearb. von Norbert Nobis, Hannover 1996, S. 2.
3 Vgl. Kusenberg 1981 (wie Anm. 1), S. 33.
4 Vgl. Krempel, UlrichKurt Schwitters: Werke und Dokumente.
Verzeichnis der Bestände im Sprengel Museum Hannover, bearb. von Karin Orchard und Isabel Schulz, Hannover 1998, S. 7.
5 Vgl. Begleitheft zur CD-Rom. Hannover 1996 (wie Anm. 2), S. 2.
- 4 - Einleitung
Im Rahmen des Hauptseminars Plastik des 20. Jahrhunderts (1900-1945), das im Wintersemester 2009/2010 unter der Leitung von Prof. Dr. Erika Rödiger-Diruf am
Karlsruher Institut für Technologie (KIT) stattfand, soll diese Arbeit sich mit den plastischen Werken Kurt Schwitters beschäftigen, der, neben Marcel Duchamp, als die Vaterfigur der Moderne beziehungsweise in seiner Tätigkeit als Collagist, als der Vorläufer der Objektkunst
zu benennen ist 6 .
Im Folgenden soll nun, nach einer einleitenden Betrachtung hinsichtlich der biographischen Daten Kurt Schwitters, zunächst sein Merz-Kunstbegriff vorgestellt werden, dem er, ab 1918 und 1919, sein gesamtes künstlerisches Schaffen unterordnet. Im Anschluss daran, wird sich seinem monumentalsten Werk, dem so genannten Merzbau gewidmet werden, ein plastisch geformter Raum, gleichzeitig aber auch eine begehbare Plastik, eine Architektur-Skulptur mit allerlei eingebrachten Objekten und gegensätzlichen
Assoziationen, vor allem jenen von Kathedrale und Grotte. 7
Ausgehend davon, soll sich daraufhin einzelnen plastischen Arbeiten gewidmet werden, die allesamt im Kontext mit diesem architektonischen Gebilde zu betrachten sind. Zunächst sind es dabei seine frühen dadaistischen Konstruktionen mit der Thematik einer mechanischen Welt, die in Augenschein genommen werden müssen, da sie, vor dem Hintergrund der expressionistischen Architektur, als erste Modelle für den Merzbau zu verstehen sind. Hiernach sollen dann seine Merzbau-Plastiken einer genaueren Betrachtung unterzogen werden, die sich als Probearbeiten oder auch Elemente der Merzbaugestaltung darstellen sowie auch erstmals konstruktivistische und organoide Formen miteinander verschmelzen lassen, ein Aspekt, der sich dann vor allem auch für seine späten Exil-Plastiken festmachen lässt.
Mit einer Betrachtung dieser Plastiken aus Schwitters Spätwerk, die, neben Ölbildern, Collagen, kleinformatigen Merzzeichnungen, Assemblagen und Montagen, auch heute noch in der Sammlung des Sprengel Museums in Schwitters Heimatstadt Hannover zu besichtigen sind, wo er mit einem Umfang von 130 Werken unterschiedlichster Art einen
Sammlungsschwerpunkt bildet 8 und welche sich vereinzelt auch besonders hinsichtlich ihrer Verbindung zum Merzbau durch ihre sexuelle Konnotation als interessant darbieten sowie einem abrundenden Nachwort, soll diese Arbeit daraufhin beschlossen werden.
6 Vgl. Begleitheft zur CD-Rom. Hannover 1996 (wie Anm. 2), S. 4.
7 Vgl. ebd.
8 Vgl. ebd.
- 5 -
1. Biographisches zu Kurt Schwitters
Curt Hermann Eduard Carl Julius Schwitters wird am 20. Juni 1887 in Hannover geboren 9 , wo er sich, nach seinem Abitur im Jahre 1908 an der Kunstgewerbeschule einschreibt, an der er seine grundlegenden künstlerischen Fähigkeiten und Fertigkeiten erlernt. Im Jahre 1909 wechselt er an die Königlich Sächsische Akademie der Künste in Dresden, die ihm ein Studium der freien Kunst ermöglicht und ihn in den klassischen akademischen Fächern
Portrait, Anatomie, Tiermalerei und Genre ausbildet. 10 Zwei Jahre später kann er sich daraufhin mit einigen naturalistischen Arbeiten erstmals an einer Ausstellung im Hannoverschen Kunstverein beteiligen. 11 Ganz nach dem Motto:
Körperlichkeit auf eine zweidimensionale Fläche. Das kann man lernen, wenn man gesund ist
und nicht farbenblind 12 , löst Schwitters sich, nach seinem Studienabschluss in Dresden im Kriegsausbruchsjahr 1914, vom realistisch-akademischen Schema und durchläuft die künstlerischen Tendenzen seiner Zeit, die sich vom Spätexpressionismus mit seinen locker gemalten Landschaftsstücken, über den Fauvismus und den Kubo-Futurismus, bis hin zum Expressionismus erstrecken, der sich durch stark farbige Portraits und Landschaften auszeichnet. 13
Zurück in seiner Heimatstadt, zieht er 1915 mit seiner Frau Helma Fischer in die gemeinsame
Wohnung im Elternhaus, die sich in der Waldhausenstraße 5 befindet 14 , jenen Ort, an dem sein hannoverscher Merzbau entstehen soll.
Im Jahre 1917 trifft er erstmals mit Christof Spengemann zusammen, einem Publizisten und Werbefachmann, der ihn in die literarischen Kreise in Hannover einführt. Im gleichen Jahr beginnt für Schwitters jedoch auch ein Hilfsdienst als Werkstattzeichner im Eisenwerk Wülfel sowie eine Einschreibung in der Abteilung I für Architektur an der Königlichen Technischen
Hochschule für ein Semester. 15
Ein Jahr später kommt es zur ersten Ausstellung abstrakter Bilder in der Galerie Der Sturm in
Berlin 16 und um 1918 und 1919, mit der so genannten
17 , zum großen Umbruch, denn unter dem Begriff Merz gründet Schwitters, mit dem Zentralsitz in Hannover, seine Ein-Mann-Kunstbewegung, die nicht nur als künstlerischer
9 Vgl. Kurt Schwitters. MERZ - ein Gesamtweltbild. Ausst.-Kat. Basel (Museum Tinguely), hg. vom Museum Tinguely Basel, Basel 2004, S. 220.
10 -Kat. Hannover 1998 (wie Anm. 3), S. 35.
11 Vgl. Kusenberg 1981 (wie Anm. 1), S. 143.
12 Kurt Schwitters in Der Ararat, II, Nr. 2 (1921), zitiert nach: Orchard 1998 (wie Anm. 10), S. 35.
13 Vgl. ebd., S. 36.
14 Vgl. Ausst.-Kat. Basel 2004 (wie Anm. 9), S. 220.
15 Vgl. ebd.
16 Vgl. Kusenberg 1981 (wie Anm. 1), S. 143. 17 Orchard 1998 (wie Anm. 10), S. 36.
- 6 -
Stil, sondern als Revolution des gesamten Kunstwollens von Kurt Schwitters zu verstehen ist. 18 heißt es dazu in Karin Orchards Aufsatz über sein Leben und Werk. 19
Schwitters wirkt dabei nicht nur als Vertreter der traditionellen Kunstgattungen von Malerei, Zeichnung, Skulptur und Grafik sowie aller erdenklichen Mischformen, insbesondere der
Collage, sondern zugleich auch als Dichter 20 , Schriftsteller, Architekt und Typograf. Desweiteren beweist er sich aber auch als Vortragender und Entertainer bei seinen Merz-Abenden, Organisator von Kongressen, Veranstaltungen und Festen sowie als hervorragender
Aktivist und Kommunikator im Versammeln seiner Künstlerkollegen. 21 Auf diese Weise kommt es 1921 zu einer Vortragsreise nach Prag, die er zusammen mit Raoul Hausmann, Hannah Höch und Helma Schwitters unternimmt sowie 1922 zur Teilnahme an Dada-Veranstaltungen in Weimar, Jena und Hannover und einer Dada-Tournee durch Holland, die in Begleitung von Nelly und Theo van Doesburg sowie Vilmos Huszar
zwischen den Jahren 1922 und 1923 erfolgt. 22 Desweiteren gründet er im Jahre 1927, zusammen mit den hannoverschen Künstlern Carl Buchheister, Rudolf Jahns, Hans Nitzschke und Friedrich Vordemberge-Gildewart, die Künstlervereinigung die abstrakten hannover. Im Bereich der Typografie und Werbegestaltung konstituiert sich durch ihn im gleichen Jahr aber zudem auch der ring neuer werbegestalter, der auf Mitglieder wie Willi Baumeister, Walter Dexel, Cesar Domela, Robert Michel und Ella Bergmann-Michel, wie auch László Moholy-Nagy und Jan Tschichold stolz sein kann. Zudem ist Schwitters aber auch Angehöriger der New Yorker Société Anonyme sowie der aus Paris stammenden Gruppen Cercle et Carré und
Abstraction-Création. 23
Nach einigen längeren Aufenthalten in Norwegen, vor allem auf der Insel Hjertoy im Molde-Fjord, wo Schwitters 1934 eine Schmiede mietet, emigriert er am 2. Januar 1937 nach Lysaker bei Oslo, wo er sich drei Jahre aufhält.
Am 9. April 1940 muss Schwitters vor den deutschen Truppen fliehen, die seine Arbeiten zur sogenannten Entarteten Kunst zählen. Über Schottland kommt er dabei ein Jahr später und zusammen mit seinem Sohn Ernst nach London und 1945, durch einen Schlaganfall
gesundheitlich schon stark angeschlagen, in das Lake District in Ambleside. 24
18 Orchard 1998 (wie Anm. 10), S. 37.
19 Vgl. ebd., S. 36f.
20 Besondere Berühmtheit erlangen in diesem Zusammenhang Kurt Schwitters erstes Merzgedicht An Anna Blume (1919) und seine Sonate in Urlauten (1932).
21 Vgl. Orchard 1998 (wie Anm. 10), S. 37.
22 Vgl. Kusenberg 1981 (wie Anm. 1), S. 143f.
23 Vgl. Orchard 1998 (wie Anm. 10), S. 46f.
24 Vgl. Kusenberg 1981 (wie Anm. 1), S. 144f.
- 7 -
Am 8. Januar 1948 verstirbt Kurt Schwitters schließlich, mit nur sechzig Jahren, im
Krankenhaus von Kendal an einem Herzversagen. 25 Im Zeichen des Merz-Kunstbegriffes hinterlässt er ein unglaublich umfangreiches und variationsreiches Werk, das die nachfolgenden Künstlergenerationen, sprich die Neo-Dadaisten, Nouveaux Réalistes,
Vertreter der Pop Art und die Objektkünstler in grundlegender Weise beeinflussen wird 26 .
2. Zum Merz - Kunstbegriff
Kurt Schwitters gesamtes Schaffen ist der Merz-Idee untergeordnet, die sich in allen erdenklichen Materialien und Medien realisiert, denn 27 , wie er im Jahre 1924 erklärt. 28
Der Begriff Merz geht dabei, wie auch das Wort Dada, auf einen Zufallsfund zurück, genauergesagt auf den Ausdruck Kommerz- und Privatbank. In seiner, für sein gesamtes
Schaffen namensgebenden Assemblage Das Merzbild 29 (Abb. 1) aus den Jahren 1918 und 1919, die später von den Nationalsozialisten als entartet aus der Dresdner Kunstsammlung entfernt wird und seitdem als verschollen gilt, lässt sich mittig die Silbe Merz auffinden, die er
aus einer Anzeige der genannten Bank geschnitten und geklebt hat. 30 Eine detaillierte Erläuterung zur Entstehung dieses Begriffes gibt Schwitters jedoch darüber hinaus in seinem MERZ 20 Katalog, wo es heißt:
prinzipiell jedem Material MERZ. Das ist die 2te Silbe von
Kommerz. Es entstand beim Merz-Bild, einem Bilde, auf dem unter abstrakten Formen das Wort MERZ, aufgeklebt und ausgeschnitten aus einer Anzeige der KOMMERZ- UND PRIVATBANK, zu lesen war. Dieses Wort MERZ war durch Abstimmen gegen die anderen Bildteile selbst Bildteil geworden, und so mußte es dort stehen. Sie können es verstehen, daß ich ein Bild mit dem Worte MERZ das MERZ-Bild nannte, wie ich ein Bild mit <
Und auch wenn das Wort Merz Schwitters zufolge 32 , so veranlasst es, entsprechend seinem offenen Kunstbegriff, trotzdem zu den verschiedensten Deutungen und Assoziationen. 33 assoziiert Schmerz, Kommerz, erinnert an den Monatsnamen März mit dessen Assoziationen Merzhausen in der Nähe von
25 Vgl. Ausst.-Kat. Basel 2004 (wie Anm. 9), S. 230.
26 Vgl. Begleitheft zur CD-Rom. Hannover 1996 (wie Anm. 2), S. 4. 27 Kurt Schwitters im Jahre 1924, zitiert nach: Orchard 1998 (wie Anm. 10), S. 37.
28 Vgl. ebd.
29 Kurt Schwitters, Das Merzbild (um 1919), Materialbild, verschollen.
30 Vgl. Orchard 1998 (wie Anm. 10), S. 37.
31 Kurt Schwitters in Merz Nr. 20 (4. März 1927), zitiert nach: Kusenberg 1981 (wie Anm. 1), S. 21ff. 32 Kurt Schwitters, zitiert nach: Orchard 1998 (wie Anm. 10), S. 37.
33 Vgl. ebd., S. 37f.
- 8 -Willingshausen in Hessen, wo er [Schwitters] sich während seiner Studienzeit häufiger
34
Bei all dem geht es Schwitters nun nicht um die Formulierung eines inhaltlichen Ausdrucks,
Realismus des Materials zu propagieren, das Leben, Fundstücke aus der Wirklichkeit in die
Kunst hineinzuholen und mit ihr abzustimmen, die Realität 35 Indem er die, von Zerfall und Zerstörung zeugenden Abfälle, wie Schokoladenpapiere, Fahrscheine oder Briefumschläge in seine Kompositionen integriert, verlieren sie gewissermaßen ihre einstige Bedeutung und gehen, durch ihre Kombination miteinander,
neue Sinnzusammenhänge beziehungsweise Ordnungen ein. 36 In dieser Verwandlung beziehungsweise Verfremdung von Dingmaterial, die er selbst als Entmaterialisierung bezeichnet sowie das dabei gleichzeitige fragmentarische Andeuten des ursprünglichen Wirklichkeitsstückes, ist nun auch Kurt Schwitters besonderer Beitrag zur Kunstgeschichte zu
sehen. 37 Desweiteren spricht Karin Orchard in diesem Kontext aber auch von Schwitters Ziel 38 eine künstlerische
Verwendung zugutekommt. 39 Aber auch Schwitters selbst gesteht sich diesen konstruktiven Moment in seinem Schaffen ein, wenn er Aussagen trifft wie
es galt, aus den Scherben Neues zu bauen. Das aber ist Merz. 40
An diesem Aspekt verdeutlicht sich dann auch schon Schwitters differente Position zu jener der Dadaisten, denen er sich zwar angehörig fühlt und die ebenfalls gegen die wilhelminische Kultur, den Irrsinn des Krieges und die bürgerliche Ordnung antreten, jedoch lediglich das Prinzip der Destruktion verfolgen und eben nicht jenen konstruktiven Gedanken, wie ihn sich
41
Merz Gegensätze durch Wertung innerhalb eines Kunstwerkes aus. Der reine Merz ist Kunst,
43
Bezüglich der Ausdehnung des Merz-Begriffes auf sein gesamtes künstlerisches Werken, lässt
34 Orchard 1998 (wie Anm. 10), S. 37f.
35 Ebd., S. 38.
36 Vgl. ebd., S. 38.
37 Vgl. Kusenberg 1981 (wie Anm. 1), S. 24ff. 38 Orchard 1998 (wie Anm. 10), S. 38.
39 Vgl. ebd.
40 Kurt Schwitters, zitiert nach: ebd., S. 39. 41 Ebd.
42 Vgl. ebd., S. 38f.
43 Kurt Schwitters in Merz Nr. 4 (Juli 1923), zitiert nach: Kusenberg 1981 (wie Anm. 1), S. 34.
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Nadine Schnorr, 2010, Kurt Schwitters - Das plastische Werk, München, GRIN Verlag GmbH
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