Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Der Inhalt des Stücks. 3
3. Die Figuren zwischen Sein und Schein 4
3.1. Harpagon 4
3.2. Cléante. 7
3.3. Elise 10
3.4. Anselme. 12
3.5. Valère 13
3.6. Mariane. 15
4. Fazit 17
Literaturverzeichnis. 18
2
1. Einleitung
Die Prosakomödie L’Avare, am 9. September 1668 uraufgeführt, ist eines der letzten Stücke Molières. Es entstand im „fruchtbarsten Produktionsjahr Molières“ 1 , in dem er auch Amphitryon und Georges Dandin verfasst hatte. Der Erfolg war allerdings mäßig, das Stück entsprach nicht dem damaligen Geschmacksideal. Die Verwendung der Prosa, die fehlende Einheit der Handlung und die romantische Auflösung störten das Publikum. 2 Heute ist „der Geizige“ jedoch ein beliebtes Theaterstück und seit 1680 „la comédie de Molière la plus représentée à la Comédie-Francaise après Le Tartuffe“ 3 .
Mit „L’Avare“ hat Molière ein Stück geschrieben, dessen zentrale Themen „der Streit zwischen Schein und Sein, Wahrheit und Täuschung“ 4 sind. Gegenstand dieser Arbeit ist deshalb die textnahe Analyse der Hauptfiguren. Dabei soll der Schwerpunkt auf der Frage liegen, ob und wenn ja aus welchem Grund sich die Protagonisten verstellen, auf welche Mittel sie dafür zurückgreifen und inwiefern sie mit ihrem Vorgehen Erfolg haben. Zunächst wird unter Punkt 2 ein kurzer Überblick über den Inhalt des Stücks gegeben um dann unter Punkt 3 die Figuren Harpagon, Cléante, Elise sowie Anselme, Valère und Mariane ausführlich zu betrachten. Abschließend werden in einem Fazit die Ergebnisse zusammengetragen.
2. Der Inhalt des Stücks
Der vermögende Bürger Harpagon wird durch seinen Geiz bestimmt. Deshalb plant er, seine Kinder Cléante und Elise möglichst gewinnbringend zu verheiraten. Für seinen Sohn hat er eine reiche Witwe auserkoren, die ihm eine ordentliche Mitgift einbringt, für seine Tochter hat er den verwitweten reichen Adeligen Anselme vorgesehen, der Elise ohne Mitgift nehmen würde.
Bereits in der Exposition wird allerdings offenbart, dass Cléante und Elise ihrerseits einen Partner gefunden haben, den sie lieben. Elise ist dabei so weit gegangen, dass sie sich ihrem Geliebten Valère versprochen hat. Um das Wohlwollen des zukünftigen Schwiegervaters zu erlangen, hat Valère in dessen Haushalt eine Stelle als Diener angenommen. Cléante möchte die mittellose Mariane heiraten, in die sich aber auch sein Vater verliebt hat.
1 Stackelberg, Jürgen von: Molière. Eine Einführung. München 1986, S. 23.
2 Vgl. Jauß, Hans Robert: Molière. L’Avare. In: Jürgen von Stackelberg (Hrsg.): Das französische Theater vom Barock bis zur Gegenwart. Band 1. Düsseldorf 1968, S. 302.
3 Vgl. Molière: L’Avare, présentée, annotée et commentée par Évelyne Amon. Éditions Larousse 2007, S. 17.
4 Zilly, Berthold : Molières « L’Avare ». Die Struktur der Konflikte. Zur Kritik der bürgerlichen Gesellschaft im 17. Jahrhundert. Bensberg 1979, S. 88.
3
Über den, durch einen Diener ausgeübten Diebstahl einer Kassette mit 10.000 écu, bekommt Cléante ein Mittel in die Hand, seine Geliebte durch Erpressung seines Vaters doch noch zu erlangen. Da zunächst Valère als Dieb beschuldigt wird und dies fälschlicherweise auch zugibt, verschärft sich der Konflikt, bis Valère seine wahre Identität offenbart: Er gesteht, dass er sich in den Haushalt eingeschlichen hat und Elise heiraten will, aber keine schlechte Partie sei, da er adliger Abstammung ist. Über die Schilderung seiner Herkunft, stellt zunächst Mariane fest, dass sie Geschwister sind, was Anselme bestätigt. Er ist der Vater Valères und Marianes, der vor 16 Jahren seine Frau und seine Kinder bei einem Schiffsunglück verloren glaubte. Harpagon bekommt in Aussicht gestellt, seine gestohlene Schatulle zurückzuerhalten und durch Anselmes Verzicht auf Elise und das Begleichen aller anfallenden Kosten ist eine Zusammenführung der Liebenden möglich.
3. Die Figuren zwischen Sein und Schein
3.1. Harpagon
Harpagon, ist ein vermögender Bürger und verwitwetes Familienoberhaupt seiner beiden Kinder Cléante und Elise. Sein Leben ist durch seinen Geiz bestimmt, der sich auf verschiedenen Ebenen manifestiert: Da ist einerseits die manische Angst, Geld durch unnötige Ausgaben zu verlieren oder gar bestohlen zu werden (was in der Sorge um seine Kassette kulminiert) und andererseits das Bestreben, sein Vermögen durch horrende Kredite und die möglichst gewinnbringende Verheiratung seiner Kinder zu vergrößern. Die Sorge, jemand könnte es auf sein Geld abgesehen haben, führt dazu, dass er niemandem vertraut, vor allem nicht seinen Kindern und Angestellten und überall Verschwörungen wittert: „Je crois qu’ils [Cléante et Elise] se font signe l’un à l’autre de me voler ma bourse“ (S. 76) 5 . Er hat nicht unrecht mit seinem Gefühl, hintergangen zu werden. Jedoch erkennt er nicht, dass es den Kindern und Bediensteten nicht primär um sein Geld geht (dieses spielt als Erbe für Cléante nämlich doch eine Rolle), sondern um die Liebe. Er selbst versucht sich als armen Mann darzustellen und tut so, als ob er kein Vermögen besäße, um den Ansprüchen all derer, die von ihm finanziell abhängig sind, keinen Raum zu geben: „Plût à Dieu que je les eusse, dix mille écus! […] J’en aurois bon besoin. […] Et je ne me plaindrois pas, comme je fais, que le temps est misérable.“ (S. 72f.). Alle die etwas Anderes sagen bezichtigt er als Lügner: „Comment? j’ai assez de bien! Ceux qui le disent en
5 Die Zitate der Primärliteratur stammen aus: Oeuvres de Molière. Nouvelle Edition. […] von Eugène Despois und Paul Mesnard. Band 7. Paris 1873. Im Folgenden beziehen sich alle Seitenangaben im Text auf diese Ausgabe.
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ont menti. Il n’y a rien de plus faux; et ce sont des coquins qui font courir tous ces bruits-là.“ (S. 73).
In seinem Wahn ist Harpagon selbst allerdings die größte Gefahr für seinen „Schatz“; er ist es, der die Existenz der Kassette publik macht (vgl. S. 71) und durch sein übertriebenes Bedürfnis, zu überprüfen, ob diese noch nicht gestohlen wurde, erst das Versteck preisgibt (vgl. S. 86).
Dass er einem großen Haushalt vorsteht (vgl. S. 82), auch wenn dieser eine enorme Ausgabe bedeutet, versteht sich aufgrund der Verpflichtung durch seinen sozialen Rang. 6 Den damit verbundenen Repräsentationspflichten kommt er soweit nach, wie es sein Geiz zulässt. Den Ehrenkodex der honnêteté erkennt er jedoch nicht an, weil dadurch seine wirtschaftlichen Interessen empfindlich beeinträchtigt würden. 7 Er scheut sich nicht, seine Kinder und Bediensteten übertrieben zu Sparmaßnahmen anzuhalten: Die Kleidung der Diener ist löchrig und schmutzig (vgl. S. 84), die Pferde sind fast am verhungern (vgl. S. 92), der Wein wird gestreckt (vgl. S. 82) etc., wobei in seinem Wahnsinn die Realität, nämlich, dass er sein eigenes Hab und Gut schädigt und sich dadurch selbst bestiehlt, verschwimmt. Dieser Realitätsverlust geht so weit, dass er als „gespaltene Persönlichkeit“ sich selbst als Dieb bezichtigt, nachdem er den Diebstahl der Kassette bemerkt: „Au voleur! […] Qui est-ce? Arrête. Rends-moi mon argent, coquin… (Il se prend lui même le bras.) Ah! C’est moi. Mon esprit est troublé, et j’ignore où je suis, qui je suis, et ce que je fais.“ (S. 174). Die Kassette ist für ihn wichtiger als alle realen sozialen Kontakte. Er personifiziert sie und ist in der Lage, für sie Empathie zu empfinden, was ihm gegenüber seinen Mitmenschen nicht gelingt: „mon cher ami, j’ai perdu mon support, ma consolation, ma joie“ (ebd.). Mit seiner Schatulle steht und fällt Harpagons raison d’être: Ohne sie verliert er die Kontrolle über sich selbst, ist nicht mehr fähig an etwas Anderes als an seinen Verlust zu denken. Bis zum Ende des Stücks kreisen seine Gedanken um diesen „Freund“, von dem Leben und Tod abhängen: „on m’a privé de toi; et puisque tu m’es enlevé, j’ai perdu mon support, ma consolation, ma joie; tout est fini pour moi et je n’ai plus que faire au monde: sans toi, il m’est impossible de vivre.“ (ebd.).
Da sein Ziel die Vermehrung seines Besitzes ist, kann er „von seinem Standpunkt bürgerlicher Erwerbstätigkeit aus nicht das geringste Verständnis für die sozialen Aufstiegsbestrebungen seines Sohnes“ 8 aufbringen, in denen er sogar einen „Klassenverrat“ 9
6 Vgl. Molière: L’Avare, übersetzt und herausgegeben von Hartmut Stenzel. Stuttgart 1984, S. 196.
7 Vgl. Zilly, Molières « L’Avare », S. 25.
8 Molière: L’Avare, hg. v. Hartmut Stenzel, S. 238f.
9 Zilly, Molières « L’Avare », S. 15.
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Arbeit zitieren:
Rebecca Kaldenbach, 2009, Sein und Schein der Hauptfiguren in Molières "L'Avare", München, GRIN Verlag GmbH
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