Hausarbeit
zu dem Hauptseminar ,,Nietzsche und der Expressionismus" bei Frau Obermann
Thema:
Der Umgang mit Nietzsche
von
Soeren Neuperti
Inhalt
I) Einleitung
II) Nietzsche und der Nationalsozialismus
1. Die Rezeption Nietzsches im dritten Reich
2. Stellungnahmen zu Nietzsche und dem Nationalsozialismus nach ´45.
III) Die Gefahr der Philosophie Nietzsches am Beispiel des populär-philosophischen ,,Werkes" ,,Nietzsche in 90 Minuten"
IV) Schlußwort
I) Einleitung
In meiner Hausarbeit möchte ich das Verhältnis zwischen Nietzsche und dem Nationalsozialismus erarbeiten und die Mißverständnisse aufzeigen, die zu einer Nazifizierung des Philosophen führten. Als Teil meiner Arbeit wähle ich noch die Interpretation eines populär-philosophischen Werkes, um aufzuzeigen, daß die Mißdeutungen Nietzsches auch heute noch eher in einem Verschulden der mangelhaften und fahrlässigen Rezeption als in der Mehrdeutigkeit seinen Schriften selbst zu finden ist.
II) Nietzsche und der Nationalsozialismus
1. Die Rezeption Nietzsches im dritten Reich
Im nationalsozialistischen Deutschland gab es unterschiedliche Strömungen, die sich mit Nietzsche ,,auseinandersetzten". Auf der einen Seite standen die Befürworter seiner Philosophie, die in Nietzsches Schriften Ansätze für Faschismus, Antisemitismus und Legitimation der Gewalt des Stärkeren sahen. Auf der anderen Seite standen aber auch faschistische Kritiker seiner Philosophie, die diese nicht in Einklang mit der ,,Philosophie" des Nationalsozialismus sahen. Das weit verbreitete Vorurteil, daß Nietzsche ein Modephilosoph des dritten Reiches war, ist also nur sehr schwer haltbar und schon gar nicht beweisbar, da selbst unter den Nationalsozialisten keine Übereinstimmung in der Nietzsche Rezeption bestand.
Unter den Befürwortern Nietzsches, die versuchten den Philosophen an das dritte Reich anzunähern und mit ihm einen akzeptablen Denker der nationalsozialistischen Idee zu präsentieren1 befanden sich Bäumler, Oehler und Härtle.
Bäumler entdeckte als erster die Verwendbarkeit der Philosophie Nietzsches für das Regime, und deutete dessen Schriften in für den Nationalsozialismus verwendbare Mythen um. Oehler, der versuchte Nietzsche und den Nationalsozialismus zu parallelisieren, befand sich mit seinen Schriften unter einem kritikwürdigem Niveau. Am deutlichsten wird dies bei Oehlers These, daß Nietzsche und Wagner keine Gegensätze mehr seien. Oehler ,,schloß" dies aus der Tatsache, daß Hitler an einem Tag sowohl im Nietzsche Archiv in Weimar, als auch bei der Eröffnung der Bayreuther-Festspiele war. Was hier durch Oehler geschieht, ist meiner Meinung nach eine Ebenenverschiebung. Oehler geht nicht mehr von den Anschauungen Nietzsches und Wagners aus, sondern nur noch von den Vorlieben Hitlers. Dies ist eine enorme Überschätzung des Kunstkonsumenten. Tatsachen, wie die, daß sich Nietzsche und Wagner nach anfänglicher geistiger Zuneigung zerstritten und nie mehr zueinander fanden werden schlicht auf Grund von Zuneigungen eines Kunstkonsumenten umgedeutet. Zudem zeigt es, daß es Oehler allein um die Verwendbarkeit beider Denker und Künstler ging, nicht aber um deren inhaltliche Aussagen. Er versuchte jeweils die Elemente die auf beiden Seiten den Nationalsozialismus befürworten könnten, herauszuziehen, um diese ,,Zitate" dann als ,,Freunde" zusammenzufügen.2
Es gab aber wie schon erwähnt auch andere Stimmen im dritten Reich, die sich gegen Nietzsche aussprachen. Unter ihnen befand sich unter anderen Westernhagen, der in Nietzsche einen Prosemiten sah. „In diesem Waffengang zwischen Judentum und Deutschtum stand Nietzsche in den Reihen des Judentums ... mit Herz und Kopf ... er hat den jüdischen Geist über den deutschen Geist gestellt.“3 und Steding, der in seinem Buch „Das Reich und die Krankheit der europäischen Kultur“ Nietzsche als Staats- und Reichsfeind bezeichnete. Doch beide nationalsozialistischen Entnazifizierer Nietzsches kamen anscheinend zu spät. Denn das Gesamtbild Nietzsches, das durch Bäumler erfolgreich propagiert wurde, war schon dermaßen gefestigt, daß es durch die Schrift Westernhagens nicht mehr ins Wanken geraten konnte. Und auch Stedings Ablehnung gegenüber Nietzsche wurde durch seinen Gönner Walter Frank, dem Leiter des Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschland weitgehend neutralisiert. 4
[...]
1 Interessant ist anzumerken, daß auch schon Platons Philosophie mißbraucht wurde, um die Macht einer Bewegung zu vergrößern. Damals waren es die Vertreter des Christentums, die durch ihre Interpretation der platonischen Philosophie versuchten, einen großen Denker auf ihre Seite zu ziehen und somit auch die Intellektuellen mit ihrer Bewegung anzusprechen.
2 Hitler selbst erwähnte in seiner Schrift ,,Mein Kampf" Nietzsche nicht ein einziges mal. Auch seine Reden, in denen er nur unbedeutende Zitate Nietzsches verwendete, lassen keinen Rückschluß auf sein Verhältnis zu Nietzsche zu.
3 Sung-Hyun Jang „Nietzsche-Rezeption im Lichte des Faschismus: Thomas Mann und Menno ter Braak“ / Olms-Weidemann 1994 / Seite 64
4 Es liegt nicht fern, die Hypothese aufzustellen, daß das Nietzsche Bild im dritten Reich anders hätte aussehen können, wenn nicht Bäumler zuerst auf die Verwendbarkeit der Schriften Nietzsches gestoßen wäre, sondern Westernhagen oder Steding auf deren Gefahr für das Regime. Darin zeigt sich auch zum wiederholten male, die Beliebigkeit, mit der zu dieser Zeit mit Nietzsches Schriften umgegangen wurde.
Arbeit zitieren:
Soeren Neuperti, 1997, Der Umgang mit Nietzsche, München, GRIN Verlag GmbH
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