Am 3. Februar 1602 starb Vater Ruland im Alter von 70 Jahren. Durch Zufall sind Bruchstücke seines Lauinger Grabsteines erhalten geblieben, wie es der Lokalhistoriker Mayer in seiner Stadtchronik festhielt: „Als im Jahre 1862 eine Restauration des Pfarrkirchenthurmes Statt hatte, und von dem obersten Gesimse des Thurmes unterhalb des Kranzes die schadhaften Steine herabgeworfen wurden, fanden sich unter diesen auch drei Bruchstücke aus schönem rothen Marmor. Auf denselben ließen sich deutlich eingemeißelte Figuren und Worte sehen und zwar auf einem dieser Steine ein vollkommen gut erhaltenes Wappen mit einem stehenden Löwen, der ein Beil hält, links von demselben ein gebarteter Mann, um dessen Arm sich eine Schlange windet. (…) Von der Um-und Inschrift war noch zu lesen:
Lauingen war für den Sitz einer Landesschule gut geeignet, da es an der Donau, einer wichtigen Verkehrsader, lag. Bereits Mitte des 16. Jahrhunderts bestanden in Lauingen eine Lateinische sowie eine Deutsche Schule. Die drei lateinischen und deutschen Schuldiener wurden vom Rat der Stadt besoldet. Aus den vorliegenden Quellen kann man als Gründungsjahr des ‚Gymnasium illustre’, dem heutigen Albertus-Gymnasium, das Jahr 1561 annehmen, der Unterrichtsbeginn lag wahrscheinlich ein Jahr später 1562 6 . „Sicherlich haben alle die Menschen, die damals der Fürstlichen Schule dienten, sich redlich bemüht, ihr Bestes zu geben. Dies mag umso mehr der Fall gewesen sein, als seit 1563/64 die Universität der Nachbarstadt Dillingen der Gesellschaft Jesu anvertraut worden war. So ergab sich ganz von selbst ein Wettbewerb, in den die Protestanten des Fürstentums Neuburg mit den geistigen Wortführern des Hochstifts Augsburg traten.“ 7
Martin Ruland der Jüngere wurde am 11. November 1569 in Lauingen geboren. Seine Mutter Anna war eine Tochter des Lauinger Ratsherrn Simon Mair, wie sich den Angaben von Ruland d. Ä. entnehmen lässt 8 . Martin Ruland und seine vier Brüder studierten alle Medizin. Sein nachgeborener Bruder Andreas 9 war ab 1604 als Stadtphysikus in Regensburg tätig, der jüngere Bruder Johann 10 in derselben Stellung zu Pressburg, dem heutigen Bratislava in Slowakei. Von Otto Heinrich, der ebenfalls die medizinische Laufbahn einschlug, ist lediglich das Todesjahr überliefert 11 . Der jüngste Valentin war Leibarzt des Pfalzgrafen zu Neuburg und stand mit seinem älteren Bruder Martin in
5 Mayer, Bernhard (1866) Geschichte der Stadt Lauingen. mit einer lithographirten Ansicht der Stadt und zwei Kupferabdrücken: das Schloss und die Pfarrkirche im Jahre 1604, Selbstverlag, Lauingen. S.310f. 6 Vgl. Ludwig, Geschichte der Fürstlichen Schule, S.34f. 7 Ludwig, Geschichte der Fürstlichen Schule, S.39
8 Prudentißimi, uiri et senatoris Lauingani, Simonis Mair, soceri mei charißimi uxor relicta uidua annos sexaginta quatuor nata cum esset, febri ardentißima corripiebatur... (Rulandus, Martinus (1595) Curationum empiricarum et historicarum in certis locis et notis Hominibus optimè retique probaratum et expertarum Centuria X., Basilea (Basel), S.124f., Curatio 76 (fälschlich als 77 numeriert) 9 1575 - 1638 10 1585 - 1648
11 Vgl. Hirsch, August (1932) Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker, 2. Aufl., 4. Band, Berlin/Wien.
2
engem Kontakt mit dem größten deutschen Wundarzt seiner Zeit, Wilhelm Fabry von Hilden 12 .
Nach dem Besuch des Gymnasium illustre, an welchem Ruland der Jüngere
13
sich durch hervorragende schulische Leistungen hervortat, wurde er im Alter von 14 Jahren am 13. September 1583 an der Universität Tübingen immatrikuliert. Die Epigramme des Michael Fendius
14
auf das ‚Collegium Lauinganum’ erwähnen Ruland als einen der besten Schüler
15
. Nach weiteren Studien in Jena (1590) und Basel promovierte Ruland dort am 14. November 1592 zum Dr. med. In den 1590er Jahren wirkte er als
Stadtphysikus unterstützte in dieser Zeit seinen Vater bei der Herausgabe einiger Bände von dessen Schrift ‚Curationum Centuriae 16 ’. 1594 heiratete er Benigna, die Tochter des Johann Diemer 17 , einem Advokat und Ratsherrn in Regensburg. Aus dieser Ehe gingen 13 Kinder hervor, von denen 1611 noch acht am Leben waren. Einer seiner Söhne Johann David 18 wurde später Medikus in Namslau, dem heutigen Namyslów in Oberschlesien. Ein für die frühneuzeitliche epileptologische Literatur wichtiges Werk veröffentlichte
Martin Ruland im Jahr 1597. In diesem
berichtet er von einem „zehnjährigen Jungen, der an kurz dauernden Halbseitenanfällen mit Beteiligung des Gesichts und mit einer Sprechhemmung litt. Sie traten vorerst sowohl während des Tages als auch in der Nacht auf, sind aber dann nach kurzer Zeit völlig verschwunden, ohne in eine schwerere Form von Epilepsie zu übergehen.“ 19 Es handelt sich hier um eine der frühesten Beschreibungen benigner Kinderepilepsie.
Als Alchemist propagierte Ruland wie Kepler und Paracelsus die Heilwirkung der spagyrischen Medizin, damit gehörte er zur ‚secta chymicorum’, welcher die Naturwissenschaft einen Teil der chemischen Grundlagen verdankt. Die in Regensburg nach dem Vorbild seines Vaters angewandten chemiatrischen Heilverfahren, über welche er seit 1595 in einigen Veröffentlichungen in teilweise polemischer Weise schrieb 20 , führten um 1606 zum Vorwurf gegen ihn, er verwende giftige Medikamente. Gleichzeitig brachten sie dem Medikus auch die Gunst des Erzherzogs Matthias 21 ein, welchen Ruland d. J. während des Reichstags 1603 zu Regensburg auf diese Weise behandelte. Wahrscheinlich dank dieser Verbindung wurde er nach Prag an die Habsburgische
12 1560 - 1634, Begründer der wissenschaftlichen Chirurgie; Vgl. Henschel, August Wilhelm Eduard Theodor (Hg.) (1848) Janus. Zeitschrift für Geschichte u. Litteratur der Medicin in Verbindung mit mehreren Gelehrten des In- und Auslandes, Band 3, Heft 2, Verlag Trewendt, Breslau. S.240f. 13 auch Martinus Rulandus oder Martin Rulandt 14 1553 - 1625, Professor zu Lauingen
15 Fendius, Michael (1587) Collegium Lauinganum, Epigrammaton Liber, Lavingae, S.36 16 Basel 1578 - 1596 17 1538 - 1613 18 1605 - 1648 19 Fröscher, Walter/Vassella, Franco/Hufnagel, Andreas (Hg.) (2004) Die Epilepsien: Grundlagen, Klinik, Behandlung, 2. Aufl., Verlag Schattauer, Stuttgart. S.3
20 In seinem ‚Propugnaculum’ betonte Ruland, dass Feuer das wichtigste Werkzeug des Chemikers sei, da es die Prozesse der Natur künstlich und rasch imitieren könne.
21 1557 - 1619, Kaiser des Heil. Röm. Reiches (1612 - 1619) und Erzherzog von Österreich
3
Residenz von Kaiser Rudolf II. 22 berufen, wo er ab 1607 als Hofmedikus und seit Ende 1608 als Leibarzt in dessen Dienste trat. Hier unterzeichnete er als „Phil[osophiae] et Med[icinae] D[octor] & Caesar[eae] Maiest[atis] Personae S[uae] Sac[ratissimae] Medicus et a cubiculo chymiatrus“ 23 . Mit Rudolph II., einem der wichtigsten Förderer der höfischen Alchemie, erreichte das alchemistische Treiben im Heil. Röm. Reich seinen Höhepunkt. Es zeichnete sich durch eine intensive, persönliche Teilnahme des Kaisers aus, weswegen dieser von seinen Zeitgenossen auch der deutsche „Hermes
Trismegistos“
24
genannt wurde
25
. Im Jahre 1607 hat Martin Ruland eine Arbeit in drei Teilen veröffentlicht, welche sich chemischen Problemen widmete und dem wahren Weg zum Stein der Weisen. Dieses Werk wurde manchmal irrtümlich seinem Vater, Martin Ruland dem Älteren, zugeschrieben. Dessen Widmung, in Regensburg auf den 10. Mai 1606 datiert, ist mit ‚Martinus Rulandt’ unterzeichnet. Von den drei Teilen behandelt der erste 64 Krankheiten und deren Behandlung mit chemischen Heilmitteln. Der zweite Teil beschäftigt sich mit der
Behandlungsmöglichkeiten, der von 65 bis 91 nummerierten Leiden. Teil drei enthält zwei Abhandlungen über den Stein der Weisen, von jeweils zwanzig beziehungsweise zwölf Kapiteln.
Von den Mitteln, die Ruland verschrieb, wurden einige Ende des 18. Jahrhunderts in der medizinischen Wochenschrift von Unzer eingehend beschrieben: Den Schmerz hohler Zähne kurierte Martin Ruland „mit ein wenig Kampheröle auf Baumwolle, die er in den hoheln Zahn applicieren ließ, eine vornehme Dame deren Zahnweh von keinem andern Hülfsmitteln hatte weichen wollen.“ 26 Um äußere Blutungen zu stillen, verwandte Ruland folgendes Remedium: „(Ein) warmer Beutel zu Umschlägen, die aus rohem Tuche und gestampften Eicheln, oder in starkem Eßige scharf gekochten Eichenblättern zubereitet waren.“ 27 Bei Blähungen des Unterleibes habe der Physikus „einem Kranken grosse Erleichterung verschafft, da er ihm zween Tage nacheinander, sobald er ins Bad gestiegen, eine Purganz in Wolken eingegeben.“ 28 Und zur Behebung der Plagen einer Entzündungskolik empfahl Ruland „ein Clystier von einem halben Pfunde Leinöl, mit anderthalb Quentlein Coloquintenküchlein (Trochisci Alhandal) ein wenig aufgekocht, das er theils einspritzen, theils auf den Nabel streichen lassen, glücklich gehoben“ 29 . Gegen Koliken griff Ruland gar zu außergewöhnlichen Maßnahmen, die unter Standesgenossen Unverständnis hervorriefen: „(…) oder wohl gar dem Rathe des Rulands folgen, der sich unterstanden, einen Herzog mit einem warmen Breyumschlage von frischem Schweinskothe zu curiren, ob ich gleich gestehe, daß ich
22 1552 - 1612, Kaiser des Heil. Röm. Reiches (1576 - 1612) und Erzherzog von Österreich 23 Die meisten Leibärzte des Herrschers waren gleichzeitig Alchemisten, wie Michael Maier aus Rendsburg (1569 -1622), Anselmus Boetius de Boodt aus Brügge (1550 - 1632), der Prager Thaddaeus Hagecius ab Hayek (1525 -1600) und eben Martin Ruland.
24 Verschmelzung des griech. Gottes Hermes und des ägypt. Gottes Thot
25 Vgl. Bauer, Alexander (1893) Die Adelsdocumente oesterreichischer Alchemisten und Abbildungen einiger Medaillen alchemistischen Ursprungs, Verlag Hölder, Wien. S.15f.
26 Unzer, Johann August (1778) Der Arzt. Eine medicinische Wochenschrift, Sechster Band, Verlag Grässer, Wien / Leipzig. S.67 27 Unzer, Der Arzt, S.253 28 Unzer, Der Arzt, S.374 29 Unzer, Der Arzt, S.396
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Felicitas Söhner, 2011, Vom Lauinger Stadtphysikus zum kaiserlichen Leibarzt, München, GRIN Verlag GmbH
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