I.
Zwei Schritte vor und einen zurück. Und wieder zwei Schritte nach vorn. Der zyklische Wachstumsprozess der Marktwirtschaft begleitet die industrialisierte Gesellschaft Europas und des Nordatlantiks seit dem 18./19. Jahrhundert und sorgt mit regelmäßigen Konjunktureinbrüchen, ausgelöst durch sogenannte Krisen, für temporär steigende Arbeitslosigkeit und Armut. Diese auftretenden, kurz- oder langlebigen sozialen Verwerfungen führen immer wieder zu heftigen Erschütterungen der politischen Systeme. Nun könnte man annehmen, dass diese zyklischen Schwankungen ein Phänomen sind, welche dem marktwirtschaftlichen Prinzipien innewohnen und jeder externe politische Eingriff würde einem Duell von Gut gegen Böse 1 gleichkommen. Nun ist der Markt aber kein einköpfiges Wesen und die Politik trägt kein Schwert in der Hand, mit dem sie versucht den Markt zu enthaupten. Der Markt ist als ein Tummelplatz von freien Akteuren zu verstehen, die in erster Linie den Anreiz haben, ihre eigenen egoistischen Bedürfnisse zu befrieden. Eine weitgreifende Handlungsfreiheit 2 ist eine Grundvoraussetzung für das Funktionieren der Marktwirtschaft und die Politik gibt mit einer Rahmenordnung vor, wie weit unter anderem diese Handlungsfreiheit reichen kann. Die den Markt umgebenden gesetzlichen und ökonomischen Bedingungen 3 , sollen hier der kritischen Bearbeitung nicht zur Disposition stehen. Vielmehr müssen sie als gegeben angesehen werden. Nicht die Freiheiten an sich sollen diskutiert werden, sondern was die Akteure des Marktes mit diesen Freiheiten angestellt haben. Um eine moralische Beurteilung der Handlungen der Marktteilnehmer durchführen zu können, welche zur zurück- und gleichzeitig noch vor uns liegenden Krise 4 führten, soll hier das Moralverständnis nach Platon und Aristoteles heran gezogen werden. Demnach ist jedes Handel von moralischer Relevanz und "die moralische Qualität einer Handlung [hängt] von der in ihr enthaltenen Erkenntnis ab" 5 . Unter Berücksichtigung gegebener Umstände - also institutioneller Art - kann gezeigt werden, was die falsche 6 Wertegrundlage der Bedürfnisbefriedigung zu dieser Krise beitragen konnten. Es geht nicht um die Schuld einzelner Personen oder Gruppen, die aus falschen Handlungen aus der Vergangenheit her rühren könnte, was zu Beurteilen sich in einem durch Freiheiten geprägten Raum ohnehin nicht rechtfertigen ließe, zumindest da, wo geltende Gesetze nicht übergangen wurden. Viel notwendiger scheint eine Sensibilisierung dahingehend, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen und die möglichen Auswirkungen getroffener Entscheidungen sich im Bewusstsein auf die Qualität der menschlicher Gemeinschaft zu übertragen. Um auf den Titel dieses Aufsatzes zurück zu kommen, nicht Sie, sondern Wir sind für unsere Zukunft verantwortlich.
1 das Gute als die korrigierende politische Macht und das Böse als die destruktive Kraft des Marktes
2 sowohl positiv als auch negativ gemeint
3 allgemein gesprochen: der institutionelle Rahmen
4 Die zurückliegende Krise verweist auf die Finanz-, Hypothekenkrise. Wirtschaftsweise prognostizieren, dass die Wirtschaft und besonders der Arbeitsmarkt seine Krise noch erleben wird.
5 Schmitt, Arbogast: Über die Prinzipien moralisch richtigen und falschen Handelns bei Platon und Aristoteles. In: Marburger Forum -Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7, (2006), Heft 4, S. 6
6 Die Wertung als falsche Handlungsweise soll unterstellen, das alternative Handlungsoptionen gegeben waren, die mit dem "echte[m]
menschliche[m] Leben" (Goeudevert; S. 78) mehr im Einklang stehen, als die getroffenen Entscheidungen und vollzogenen Handlungen
es tun.
II.
Am Finanzmarkt tummeln sich eine ganze Reihe verschiedener Gruppen von Akteuren, die ich kurz vorstellen möchte. An oberster Spitze haben wir die Manager von Finanzunternehmen, die sich auch als "Finanzingenieure" 1 verstanden und mit mathematischen Kenntnissen ausgestattet, die Finanzströme lenkten und riskante Kreditverpflichtungen zu scheinbar sicheren Anleihen bündelten. Sie nehmen eine Schlüsselposition ein, zwischen jenen die Geld investieren wollen und sich eine saftige Rendite versprechen und jenen die Geld benötigen, um ihre Unternehmung zu finanzieren. Wenn sie die Unternehmung ordentlich geführt haben, also möglichst gewinnbringend, dann erhalten sie Bonuszahlungen, die sich im sieben- oder achtstelligen Bereich bewegen. Zu den Finanzunternehmen, deren Gestalt sehr vielfältig ist, gehören auch die Makler und Broker. Das sind diejenigen, die sich auf dem Marktplatz herumtreiben und Finanzprodukte ihres Unternehmens verkaufen und Finanzprodukte von anderen Unternehmen einkaufen. Für jedes Geschäft das sie tätigen, wiederum mit dem Ziel im Auge einen möglichst hohen Gewinn zu erwirtschaften, erhalten sie ebenfalls einen ordentlichen Bonus. Wobei die Freiheiten der Broker und Makler sehr groß sind und die Verantwortung ein gutes Geschäft zu tätigen, auf ihren Schultern ruht. Daneben gibt es noch große und kleine Investoren die, angelockt von saftigen Renditeversprechen und scheinbarem geringen Risiko, sich ordentlich mit verbrieften Finanzprodukten der Finanzmarktunternehmen eindeckten. Dazu gehören Privatanleger, die ein paar Tausend Euro für das höhere Alter zurücklegen wollten, aber auch andere Banken, Finanzinstitute, Versicherungsunternehmen und Pensionskassen. Kurz gesagt, alle Investoren die jetzt feststellen, dass sie ihre Depots mit faulen Wertpapieren, sogenannten "toxic-waste" 2 gefüllt hatten. Die kleinsten Teilnehmer am Finanzkarussell sind die Kreditnehmer, dazu zählen Eigenheimbesitzer und Immobilienspekulanten, auf die ich auch das Hauptaugenmerk meiner Analyse richten möchte. Die Gründe warum ich alle anderen Marktteilnehmer von meiner Kritik ausspare, möchte ich kurz darlegen. Erstens zählt die Vergabe von Eigenheimhypotheken zu den Schlüsselkomponenten, die eine Kreditblase entstehen ließen und so den Nährboden für den großen Kollaps schuf. Der explosionsartige Anstieg bei der Vergabe von Eigenheimhypotheken lässt sich an ein paar Zahlen festmachen: Bis 1995 wurden in den USA jährlich rund 200 Milliarden US-Dollar für Eigenheimkredite gewährt. Im Jahr 2000 waren es schon rund 400 Milliarden und 2005 erreichte die Nachfrage nach Hypotheken ihren Höhepunkt bei rund 1.100 Milliarden US-Dollar 3 . Zweitens sehe ich in den Hypothekennehmern die einzigen Akteure, die nahezu Handlungsfreiheit besaßen und weder Sachzwängen unterlagen, noch ihr Unternehmen im Wettbewerb verteidigen und auf dem internationalen Markt behaupten mussten. Ohne Zweifel wäre eine Betrachtung der (Finanz-)Unternehmen im Hinblick auf ihre Tätigkeit am freien Markt aufschlussreich. Doch spielen hier eine Unzahl von beeinflussenden Faktoren eine Rolle, die auf
1 Sommer, Rainer: Die Subprime-Krise und ihre Folgen. Von faulen US-Krediten bis zur Kernschmelze des internationalen Finanzsystems. 2. Aufl. Hannover 2009, S. 2
2 Ebd., S. 46; Die Attraktivität dieser Finanzprodukte führte zu einer internationalen Streuung des toxic-waste, weshalb auch in Europa so viele Unternehmen davon betroffen sind.
3 Vgl.: Ebd., S. 13
wenigen Seiten weder zu überschauen sind, noch lassen sie sich klar von den moralischen Fehltritten der Akteure trennen. Um der kaum fassbaren Komplexität des Finanzsystems zu entgehen, werde ich mich daher auf eine relativ einfach strukturierte Akteursgruppe konzentrieren. Die polemische Schilderung der Finanzmarktsituation vor der Krise dient dazu, die Hauptprobleme hervorzuheben und die verschiedenen Störfaktoren auszublenden, welche eine methodische Betrachtung im Detail benötigen.
III.
Jedes menschliche Handeln, jede Unternehmung die der Mensch angeht, strebt nach einem höheren Ziel, wie Boethius zu beginn seines Dritten Buches von der Trost der Philosophie bemerkt:
"Alle Sorge der Menschen, wie vielfältig auch die Mühe ihrer Bestrebungen sein mag, schlägt zwar verschiedene Wege ein, trachtet aber doch doch nur nach einem Ziel, der Glückseligkeit." 1 Hierin stimmt er mit Aristoteles überein, der dieses höchste Gut in der Nikomanischen Ethik als Eudaimonie bezeichnet, also das höchste, vollkommene Wohlbefinden und Glück 2 . Wenn die Eudaimonie, die Glückseligkeit nun das höchste Ziel ist, können alle menschlichen Aktivitäten doch nur Mittel zu diesem Ziel sein. Wenn sich Menschen ein Haus bauen, dann weil sie ihrer Familie Geborgenheit bieten möchten, sie wollen Sicherheit vor steigenden Mietpreisen, sie wollen sich einen Hort schaffen, an dem sie sich auch im höheren Alter noch wohl fühlen. Ohne Zweifel streben auch Immobilienspekulanten nach diesem höchsten Gut, indem sie investieren, verkaufen und Gewinne erzielen. Mit dem Geld werden sicher nicht nur existentiell notwendige Güter erworben, sondern auch Reisen unternommen und Autos gekauft. Mit Geld kann der Mensch sich und seiner Familie ein lustvolles und aktives Leben ermöglichen. Es ist dieses Streben nach dem höchsten Gut, das alle Menschen zu Gleichen subsumiert und eine anthropologische Grundkonstante bildet. Die "Kraft der Natur" 3 ist es, so sagt Boethius gleich an mehreren Stellen, die uns nach diesem Gut streben lässt. In dieser Hinsicht sind sich die philosophischen Denker der Antike weitgehend einig. Der Naturtrieb für sich allein ist aber noch kein Garant, dass der Mensch dieses höchste Gut der Glückseligkeit in sich vereinnahmen kann, denn "der mißleitete Irrtum verführt sie zum Falschen" 4 . Mit der Behauptung dass der Mensch das höchste Glück nicht erreicht, weil ihm sein eigenes Handeln davon abhält, wird gleichzeitig das Tor zum wahren Glück aufgestoßen. Denn wenn der Mensch in der Lage, ist seine Fehler und Irrtümer zu erkennen, dann ist es auch möglich, dass der Mensch das wahre Gut erkennt. Auch Boethius musste diesen Weg
1 Boethius: Der Trost der Philosophie. Übers. und hrsg. von E. Gegenschatz und O. Gigon, Artemis & Winkler, Darmstadt, 1990, 3. Buch, 2. Prosa, S. 93
2 Vgl.: Schupp, Franz: Geschichte der Philosophie im Überblick. Antike (Band 1). Meiner Verlag, Hamburg, 2003, S. 309
3 Boethius: Der Trost der Philosophie. Übers. und hrsg. von E. Gegenschatz und O. Gigon, Artemis & Winkler, Darmstadt, 1990, 3. Buch, 2. Prosa, S. 97
4 Ebd.: S. 93
Arbeit zitieren:
Tobias Döring, 2010, Warum nicht nur die Manager die Schuld tragen, München, GRIN Verlag GmbH
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