Inhalt
1 EINFÜHRENDES ZU DEN BILDERWELTEN. 1
2 LEBENDE BILDER: DER VERSUCH EINER PERFEKTEN ILLUSION
2.1 Von Pygmalions Elfenbeinstatue zu den Lebenden Bildern 2
2.2 Lucianes Tableaux vivants - belebte Kunst oder erotische Bühnenshow? 5
3 SCHRIFTBILDER: DER VERSUCH, DIE ZEICHEN ZU BEHERRSCHEN
3.1 Schrift - Schriftbild - Bild: Briefe und das chemische Gleichnis 14
3.2 E - O: Verliebt in (s)ein Schriftbild
3.2.1 Eduard - Otto 18
3.2.2 Eduard - Ottilie 21
4 LANDSCHAFTSMALEREI: DER VERSUCH, IN DER BILDERWELT ZU LEBEN
4.1 Arkadiensehnsucht 29
4.2 Leben und Sterben in der Bilderwelt
4.2.1 Kirchhofästhetik: Sterben in der Idylle 35
4.2.2 Sehnsucht - Bild - Tod in der Romansymbolik: die Wassermühle. 40
4.2.3 Ein „Versuch“ über die Malerei: das Leben in der Idylle 45
5 OTTILIE: LEBENDES BILD UND WANDELNDE TOTE
5.1 Melancholie - Mimesis - Lebensferne: Ottilies Wesensdilemma 50
5.2 Ein „zweites Leben im Bilde“: die Marienikone
5.2.1 Heiligenbilder: der rettende Einfall? 59
5.2.2 Fehlversuche: „das himmlische Kind“ 64
6 FAZIT UND SCHLUSSBEMERKUNGEN. 71
LITERATUR. 73
ABBILDUNGEN 79
1 Einführendes zu den Bilderwelten
Das einzige Produkt von größerem Umfang, wo ich mir bewußt bin, nach Darstellung einer durchgreifenden Idee gehandelt zu haben, wären etwa meine Wahlver-wandtschaften, 1
verriet Goethe am 6. Mai 1827 einer Reihe von Gästen, zu denen sein Vertrauter Johann Peter Eckermann zählte. Aber von welchem einheitlichen Gedanken spricht der Verfasser dieses Romans, der schon formal in zwei Teile zerfällt? Immerhin stellt er im ersten ein Figurenensemble in den Vordergrund, zentriert jedoch den zweiten um eine einzelne Figur - um Ottilie. Den ersten Hinweis bietet das Tagebuch der jungen Frau, über das
Goethe den Leser wissen lässt, dass „ein roter Faden“ 2 es durchziehe, denn die Frage nach einem Raster wird dadurch auf die Metaebene überführt: Eine Idee durchzieht das Tagebuch, das Tagebuch den Roman. Nach dieser Annahme muss der Schlüssel zum Entziffern der Wahlverwandtschaften im Diarium zu finden sein. Schon im ersten Eintrag kommt für ein so auffallendes Motiv nur die Idee des Bildes in Frage. Durch seine
Bilderwelten also soll der Roman „für den Verstand faßlich“ 3 werden. Tatsächlich finden sich Bilder im weiteren Sinne in einer schier unüberschaubaren Fülle im Roman, teilweise in Form von Schriftlichkeit, Symbolik oder rituellen Feiern. Im scheinbaren Durcheinander jenen Faden zu entdecken, der wiederum jede dieser Bilderwelten durchzieht, das ist die Aufgabe, die es zu lösen gilt. Einführend werden dazu Lucianes Lebende Bilder hinterfragt, die auf ein die Bildprozesse aktivierendes Moment verweisen. Mit der Analyse der Bildqualitäten der Lese- oder Schreibsequenzen werden dann Tendenzen, Chancen, Probleme und Gefahren dieser Prozesse erörtert. Die Figur Eduard wird dazu in den Vordergrund treten. Nach dem Vertiefen der neuen Ergebnisse mittels der Landschaftsästhetisierungen, die Charlotte sehr intensiv betreibt, wird zuletzt eine Dreierkonstellation ermittelt, die nicht nur Ursache und Auswirkungen der Verbildlichungsprozesse miteinander verbindet, sondern die Augen für ein Paradoxon öffnet: Dieses ist erstens im Bilderwesen selbst verborgen, zweitens unterminiert es jeden Versuch, die Bilderwelt zu erschließen, drittens löst es den fatalen Antagonismus von „Malen“ und „Leben“ (394) aus, der die Wahlverwandtschaften mit jener einheitlichen Bild-Idee ausstattet, wie Ottilies Heiligenbilder schlussendlich belegen.
1 Goethe/ Eckermann, Johann Peter, Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, Sämtliche Werke, Münchner Ausg., Bd. 19, hrsg. von Heinz Schlaffer, München 1986, S. 572.
2 Goethe, Die Wahlverwandtschaften; in: Sämtliche Werke, Münchner Ausg., Bd. 9, hrsg. von Christoph Siegrist u. a., München 1987, S. 283-529, hier S. 410. Nachstehend im Text mit der Angabe der Seitenzahl in Klammern zitiert.
3 Goethe/ Eckermann, Gespräche mit Goethe, S. 572.
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Lebende Bilder: der Versuch einer perfekten Illusion 2
2.1 Von Pygmalions Elfenbeinstatue zu den Lebenden Bildern
Im zehnten Buch der Metamorphosen schrieb Ovid die Geschichte des zyprischen Bild-
hauers Pygmalion nieder. 4 Von den aus Gewinnsucht Prostitution betreibenden und von Venus verstoßenen Propoetiden zutiefst enttäuscht, lebt Pygmalion ausschließlich für seine Kunst, kreiert aber schließlich unbewusst sein persönliches Frauenideal in Form einer Elfenbeinstatue. Diese erweist sich als derart realitätsnah, dass sich Pygmalion in sein eigenes Kunstwerk verliebt und es durch die Göttin Venus zum Leben erwecken lässt.
Birgit Jooss leitet aus dieser Episode zwei Grundsätze für ihre Arbeit über Lebende Bilder als Kunstform des 19. Jahrhunderts ab:
Zum einen die Liebe Pygmalions, des Erschaffers, zu seinem die Wirklichkeit vortäuschenden Werk und zum anderen die Belebung einer Elfenbeinstatue, also der toten Materie. Die Kunst steht dabei für das Leben, Pygmalion für den genialen Künstler, und die weibliche Statue wird zum Symbol der Beziehung zwischen der toten Wirklichkeit des Materials und der belebten ideellen Wirklichkeit der Kunst, zur Personifikation ästhetischer Prinzipien. Der Glaube an die Macht der Kunst, die nicht nur nachahmen, sondern auch erschaffen kann, kommt anschaulich zum Ausdruck. 5
In der Zeit intensiver „Diskussion um Kunst um Leben, um Subjekt und Objekt sowie
um Illusion und Wirklichkeit“ 6 zur beginnenden Neuzeit musste Ovids Parabel freilich eine besondere Rolle spielen. Zu jenen Intellektuellen, die die Idee verfolgten, Kunstwerke durch das exakte Kopieren der Natur zu beleben, zählte der französische Aufklä-rer Denis Diderot 7 . Seine These sieht vor, die Grenzen zwischen Kunst und Realität durch die vollkommene Illusion der Natur verwischen zu lassen, um so beim Betrachter den Eindruck zu erwecken, das Kunstwerk sei real:
Diderot [...] forderte von den Künstlern ein suggestives statt deskriptives Bild, denn seiner Ansicht nach war ein Kunstwerk nur dann wirklich erfolgreich, wenn
4 Vgl. Ovid, Metamorphosen. Das Buch der Mythen und Verwandlungen. Nach der ersten deutschen Prosaübersetzung durch August von Rode, neu übersetzt u. hrsg. von Gerhard Fink, 2. Aufl., Zürich/ München 1990, S. 243-245.
5 Jooss, Birgit, Lebende Bilder. Körperliche Nachahmung von Kunstwerken in der Goethezeit, Berlin 1999, zugl. Münchner Dissertation 1998, S. 84 f.
6 Jooss, Lebende Bilder als Charakterbeschreibungen in Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften; in: Brandstetter, Gabriele (Hrsg.), Erzählen und Wissen. Paradigmen und Aporien ihrer Inszenierung in Goethes Wahlverwandtschaften, Freiburg im Breisgau 2003, S. 111-136, hier S. 112.
7 Zu Diderots Theorie der Ästhetik und Kunstrezeption vgl. Borek, Johanna, Sensualismus und Sensation. Zum Verhältnis von Natur, Moral und Ästhetik in der Spätaufklärung und im Fin de Siècle, Wien 1983, S. 53-73. Vgl. zudem Kohle, Hubertus, Ut pictura poesis non erit. Denis Diderots Kunstbegriff, mit einem Exkurs zu J. B. S. Chardin, Hildesheim 1989, S. 106-121.
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Kunst und Künstler vom Betrachter vergessen wurden. In diesem Zustand existierte ein Kunstwerk nicht mehr als ein bloßes Stück Leinwand oder Marmor, sondern wurde selbst zur Natur. 8
Dieser schöpferische Anspruch an die Kunst scheint nur die Konsequenz des Kunstverständnisses zu sein, das sich aus Ovids Parabel ableiten lässt, beinhaltet aber einen folgenschweren Unterschied: Bedurfte es bei Ovid zum Verwischen der Grenzen zwischen Schein und Sein noch der Intervention einer Gottheit, fällt es jetzt dem Künstler selbst zu, seinem Werk durch die vollkommene Illusion sowie durch die „subjektive Einbil-dungskraft des Betrachters“ 9 Leben einzuhauchen. Künstler und Betrachter werden zusammen zum Schöpfer, indem sie die „Unterscheidung von Lebendem und Totem“ 10 sowie jene von Kunst und Natur auflösen. Die göttliche Intervention entfällt. Um dieses Zentrum kreiste die Faszination von der vollkommenen Illusion ebenso wie der Streit zwischen den Intellektuellen der Goethezeit, den dieser kühne Anspruch hervorrufen
musste 11 .
Für Amateurkünstler schien das Nachstellen von bekannten Gemälden jedenfalls die Chance zu bieten, selbst zum Lebenserwecker zu werden. Wurden diese Lebenden Bilder, auf Französisch Tableaux vivants, zunächst nur im Rahmen von Theatervorführungen von Schauspielern dargestellt, hielten sie bald Einzug in reiche Gesellschaftskreise, vor allem in die des Adels. Birgit Jooss untermauerte in ihrer Dissertation eindrucksvoll, dass es der zunehmende Perfektionsanspruch an die Inszenierungen rasch erforderte, teure Elemente wie Dekoration, Kostüme, Requisiten und Beleuchtung mit einzube-
ziehen, und schließlich die Szene sogar mit Musik und Duft passend zu untermalen 12 . So wurden die Tableaux vivants zu einer eigenständigen Kunstform der Privilegierten, die mit hohem Kosten- und Zeitaufwand verbunden war und nicht selten zur Installation
fester Bühnen in Privathäusern führte. 13
Goethe kam erstmals auf seiner zweiten Italienreise in Neapel mit den Lebenden Bildern in Kontakt. Emma Hamilton posierte dort in Attitüden, die antike, auf Vasen abgebilde-
te Statuen nachempfinden sollten 14 und in Zuschauerberichten als derart emotionales Erlebnis empfunden wurden, dass die Betrachter „bisweilen nicht mehr zwischen der Dar-
8 Jooss,Lebende Bilder, S. 88.
9 Ebd., S. 89.
10 Ebd.
11 Auch Goethe kritisierte Diderots Kunsttheorie: Goethe, Johann Wolfgang, Diderots Versuch über die Malerei, Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens, Münchner Ausg., hrsg. von Karl Richter u. a.; Bd. 7, hrsg. von Norbert Miller u. John Neubauer, München 1991, S. 517-565. Näher untersucht wird Goethes Position hierzu in 4.2.3.
12 Vgl. Jooss, Lebende Bilder, S. 136 ff.
13 Vgl. ebd., S. 154.
14 Vgl. Friedenthal, Richard, Goethe. Sein Leben und seine Zeit, München 1965, S. 301.
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stellerin und der dargestellten Figur unterscheiden“ 15 konnten. Freilich war es das Ziel, mit Attitüden „Gefühle auszulösen“ 16 , um das Kunstwerk nicht nur zu betrachten, sondern zu erfahren, aber mit der Kunst, die nachempfunden werden sollte, war diese Reaktion eben nicht verknüpft. Vielmehr lenkten die Reize der Darstellerin und ihrer Posen vom Thema der Attitüden - den antiken Kunstwerken - so sehr ab, dass „der Zuschauer bald erschüttert, bald gerührt, bald zum Mitleid, zur Mitfreude, zum Abscheu, zur Liebe
hingerissen“ 17 wurde. Es sind insbesondere die Grenzen zwischen Kunst und Erotik, die bei dieser Version der Lebenden Bilder ineinanderfließen. Ziemlich ausführlich kritisierte Goethe am 27. Mai 1787 in Neapel deshalb den zwar unterhaltend reizvollen aber dilettantischen Charakter der Darbietungen der Lady Hamilton:
Auffallend war mir ein aufrechtstehender, an der Vorderseite offener, inwendig schwarz angestrichener Kasten, von dem prächtigsten goldenen Rahmen eingefaßt. Der Raum groß genug um eine stehende menschliche Figur aufzunehmen, und demgemäß erfuhren wir auch die Absicht. Der Kunst- und Mädchenfreund, nicht zufrieden das schöne Gebild als bewegliche Statue zu sehen, wollte sich auch an ihr als an einem bunten, unnachahmbaren Gemälde ergötzen und so hatte sie manchmal innerhalb dieses goldenen Rahmens, auf schwarzem Grund vielfarbig gekleidet, die antiken Gemälde von Pompeji und selbst neuere Meisterwerke nachgeahmt. [...]
Darf ich mir eine Bemerkung erlauben, die freilich ein wohlbehandelter Gast nicht wagen sollte, so muß ich gestehen, daß mir unsere schöne Unterhaltende doch eigentlich als ein geistloses Wesen vorkommt, die wohl mit ihrer Gestalt bezahlen, aber durch keinen seelenvollen Ausdruck der Stimme, der Sprache sich geltend machen kann. Schon ihr Gesang ist nicht von zusagender Fülle. Und so mag es sich auch am Ende mit jenen starren Bildern verhalten. Schöne Personen gibt’s überall, tiefempfindende zugleich mit günstigem Sprachorgan versehene viel seltener, am allerseltensten solche wo zu allem diesen noch eine einnehmende Gestalt hinzutritt. 18
Trotz seiner aus künstlerischer Sicht vernichtenden Kritik an den Erlebnissen in Sir
Hamiltons „geheime[m] Kunst- und Gerümpelgewölbe“ 19 konnte sich Goethe dem Reiz der Tableaux vivants aber nicht entziehen. Jooss wies nach, dass er sie als Direktor des Weimarer Hoftheaters seit 1791 selbst plante und inszenierte, mit dem Weimarer Adel
als Darsteller 20 , 1803 setzte er sich sogar dafür ein, die Theaterbühne als ein „figurenlo-
15 Jooss,Lebende Bilder, S. 106.
16 Ebd.
17 Meyer, Friedrich Johann Lorenz, Lady Emma Hamilton; in: Ders., Skizzen zu einem Gemälde von Hamburg, Drittes Heft, Hamburg 1801, S. 228-252, hier S. 236; zitiert nach Jooss, Lebende Bilder, 106.
18 Goethe, Johann Wolfgang, Italienische Reise, zweiter Teil, Neapel, den 27. Mai 1787, Sämtliche Werke, Münchner Ausg., Bd. 15, hrsg. von Andreas Beyer u. a., München 1992, S. 399-404, hier S. 403 f.
19 Ebd.
20 Vgl. Jooss, Lebende Bilder, S. 131 f.; zu den Nachweisen dort vgl. S. 314 ff., 349 ff., 365 ff.
4
ses Tableau“ 21 zu betrachten. Als Förderer „privater Liebhaberbühnen“ sowie durch die Aufnahme dieser Kunstform in die Wahlverwandtschaften verhalf er ihr letztlich sogar
zu ihrer enormen Popularität im deutschsprachigen Raum. 22 Für Goethe blieben die Bilder vor allem ein „Zwitterwesen“ zwischen „Mahlerey“ und „Theater“ 23 , aber sie sind auch eine „Mischform“ zwischen einer Kunstpräsentation sowie „der realen Gegenwart attraktiver Personen“, die sich zwischen dem Ideal des wahren Schönen und dem profa-
nen Interesse am sinnlich reizenden Körper“ 24 bewegt.
Im fünften Kapitel des zweiten Romanteils der Wahlverwandtschaften wird die Idee des Grafen, „wirkliche bekannte Gemälde vorzustellen“ (433), vom anwesenden Adel als Gesellschaftsspiel realisiert. Mit Hilfe des bisher erarbeiteten Vorwissens ist nun zu untersuchen, inwieweit in Goethes Roman körperliche Reize die Kunstrezeption stören, oder ob im Roman die perfekte, das Kunstwerk belebende Illusion gelingt.
2.2 Lucianes Tableaux vivants - belebte Kunst oder erotische Büh-
nenshow?
Nachgestellt werden drei Gemälde: der „Belisar nach van Dyck“, Poussins „Ahasverus und Esther“ sowie „die sogenannte väterliche Ermahnung von Terburg“. (433 f.) Jooss untersuchte die beliebtesten Kunstwerke, die im 19. Jahrhundert als Tableaux vivants inszeniert wurden, aber zumeist nur als Reproduktionsstiche oder in der Form anderer
Kopien verfügbar waren. 25 Weil solche Kupferstiche durch das Übertragen zumeist seitenverkehrt zum Original waren 26 und im Detail natürlich zahlreiche Fehler aufwiesen, ließe sich das Nachstellen dieser Kopien schon im Voraus als Kunstform anfechten. Im Rahmen eines Gesellschaftsspiels ist noch mehr zu bezweifeln, dass ein Kunstwerk als Lebendes Bild exakt imitiert werden kann.
Poussins Ahasverus und Esther zählte zwar ebenso zu den durch Imitate überall bekann-
ten und beliebten Motiven wie der Belisar oder die Instruction Paternelle 27 , aber diesem dritten Bild wohnt bereits eine gewisse Ironie bei: Während der in der Goethezeit ver- 21 Goethe,Regeln für Schauspieler, Sämtliche Werke, Münchner Ausg., Bd. 6.2, hrsg. von Victor Lange u. a., München 1988, S. 703-745, hier S. 705; vgl. ferner Frenzel, Herbert Alfred, Geschichte des Theaters, Daten und Dokumente, 1470-1890, 2., erweiterte Aufl., München 1984, S. 347-359.
22 Jooss, Lebende Bilder, S. 131.
23 Goethe an Heinrich Meyer, 9. Februar 1813; in: Goethes Briefwechsel mit Heinrich Meyer, hrsg. von Max Hecker, Bd. 2, Juni 1797 bis December 1820, Weimar 1919, S. 323 f.
24 Jooss, Lebende Bilder, S. 142.
25 Vgl. ebd., S. 177 ff. Mit den einzelnen Nachstichen befasst sich Trunz, Erich, Die Kupferstiche zu den Lebenden Bildern in den Wahlverwandtschaften; in: Ders., Weimarer Goethe-Studien, 2. Aufl., Weimar 1984, S. 203-217.
26 Vgl. Jooss, Lebende Bilder, S. 182.
27 Vgl. ebd., S. 182 f. und 213.
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breitete Nachstich von Johann Georg Wille zwei ältere, sitzende Personen - nach Wille die beiden Elternteile - und eine jüngere, stehende Frau - die ermahnte Tochter - zeigt, sind auf Terborchs Original die sitzenden Figuren jünger und können deshalb nicht die Eltern der jungen Frau sein. Tatsächlich ist Terborchs Motiv in der Moderne als Bordellszene anerkannt, in der eine Kupplerin eine Prostituierte - die stehende Figur - an
einen Freier vermittelt. 28
Ob Goethe „den Irrtum seiner Figuren teilt“ 29 , wovon Bernd Seiler ohne einen Grund zu nennen ausgeht, Birgit Jooss aber bestreitet, 30 ist nicht nachvollziehbar, denn der Romantext liefert keine klaren Indizien. Zumindest verdeutlicht dieser Irrtum aber, dass jede Imitation auch als eine Interpretation des Gemäldes zu verstehen ist. Und weil es sich daher mit den Tableaux vivants ebenso verhält, ist trotz der einwandfrei berechtigten Zweifel zu klären, ob die in den Wahlverwandtschaften inszenierten Bilder als eine legitime Interpretation durch die Darsteller und die Zuschauer trotz der berechtigten Einwände zum Leben erweckt werden.
Zumindest die Voraussetzungen für eine gute Inszenierung scheinen nicht schlecht. Die Wahl der drei überaus bekannten Motive stellt sicher, dass Darsteller und Zuschauer die erforderlichen Kenntnisse besitzen, um eine exakte Imitation zu erstellen und diese kritisch zu würdigen. Über Luciane, deren Mitwirken an den drei Bildern mit jedem weiteren zunimmt, verrät der Erzähler außerdem, dass „ihr schöner Wuchs, ihre volle Gestalt, ihr regelmäßiges und doch bedeutendes Gesicht, ihre lichtbraunen Haarflechten, ihr schlanker Hals [...] schon wie aufs Gemälde berechnet“ (433) seien. Selbst eine „bedeutende“ (434), die Erwartungen anspannende Musik ist in die Präsentation mit einbezogen. Ferner begründet Michael Fried in seinem Aufsatz über „Malerei und Betrachter“, weshalb die Bildauswahl die kunstwissenschaftlichen Ansprüche an ein Tableau vivant
28 Vgl. Seiler, Bernd W., Die leidigen Tatsachen. Von den Grenzen der Wahrscheinlichkeit in der deutschen Literatur seit dem 18. Jahrhundert, Sprache und Geschichte, hrsg. von Reinhart Koselleck u. a., Bd. 6, Stuttgart 1983, S. 279-285, hier S. 280 ff; vgl. zudem Jooss, Lebende Bilder, S. 183; Lebende Bilder als Charakterbeschreibungen, S. 115 f. Nils Reschke erläutert das Aufeinandertreffen einer erotischen und einer bürgerlichen Komponente durch diese zweifache Interpretation: vgl. Reschke, Nils, Die Wirklichkeit als Bild. Die Tableaux vivants der Wahlverwandtschaften; in: Brandstetter, Erzählen und Wissen, S. 137-167, hier S. 150 f. Wolf Kittler unterstellt dieses Bild dem Inzesttabu: vgl. Kittler, Wolf, Goethes Wahlverwandtschaften: Sociale Verhältnisse symbolisch dargestellt; in: Bolz, Norbert (Hrsg.), Goethes Wahlverwandtschaften. Kritische Modelle und Diskursanalysen zum Mythos Literatur, Hildesheim 1981, S. 230-259, hier S. 244 f. Dagegen wies schon 1944 der Kunsthistoriker Eduard Plietzsch darauf hin, dass Terboch keine moralischen Absichten ausdrücken wolle, sondern seine Bilder stets neutral betitelt habe. Erst später sei versucht worden, das Gemälde literarisch auszudeuten, zum Beispiel als Instruction Paternelle durch Johann Georg Wille: vgl. Plietzsch, Eduard, Gerard ter Borch, mit 112 Abbildungen und 2 Farbtafeln, Wien 1944, S.28 f. H. G. Barnes übernahm diese Ansicht in die Literaturwissenschaft: vgl. Barnes, H. G., Bildhafte Darstellung in den Wahlverwandtschaften (mit 1 Abbildung); in: DVjs 30, 1956, S. 41-70, hier S. 19, Anm. 57.
29 Seiler, S. 283.
30 Vgl. Jooss, Lebende Bilder als Charakterbeschreibungen, S. 130.
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vollkommen erfüllt: Diderots positives Urteil über Jacques Louis Davids Belisarius, den Goethes Zeitgenossen in einem weiteren Irrtum dem flämischen Maler Anthonis van
Dyck zuschrieben, 31 beruhe auf dem am Bildrand dargestellten Soldaten, in dem der Aufklärer die moralische Schlüsselfigur des Gemäldes erkenne. Die besondere „Komposition“ des Belisar veranlasse „den tatsächlichen Betrachter, in diesem Falle Diderot, sich in die Position des Soldaten zu versetzen“, um ihm dadurch „einen besonders inti-men Zugang zur Welt des Bildes“ zu ermöglichen. 32 Indem der Betrachter die Perspektive des Soldaten einnimmt, der dem blinden General einen mitleidvollen Blick schenkt, ist er in das Gemälde unmittelbar integriert. Daher erreiche David mit dem Belisar die perfekte Illusion, so Diderot.
Abb.1: Luciano Borzone, Der blinde Belisarius, Kupferstich von Gérard Jean-Baptiste Scotin (Ausschnitt) aus dem 18. Jh.
31 Vgl. Seiler, S. 280 und Jooss, Lebende Bilder, S. 207.
32 Fried, Michael, Malerei und Betrachter. Jacques Louis Davids Blinder Belisarius; in: Kemp, Wolfgang (Hrsg.), Der Betrachter ist im Bild. Kunstwissenschaft, Berlin/ Hamburg 1992, S. 208-236, hier S. 216. Vgl. zudem Lennartz, Rita, „Von Angesicht zu Angesicht“. Lebende Bilder und tote Buchstaben in Goethes Die Wahlverwandtschaften; in: Schneider, Helmut J. (Hrsg.) u. a., Bildersturm und Bilderflut um 1800. Zur schwierigen Anschaulichkeit der Moderne, Bielefeld 2001, S. 145-183, hier S. 149.
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Abb. 2: Nicolas Poussin, Esther und Ahasverus, Kupferstich von Jean Pesne (Ausschnitt) aus dem 17. Jh.
Trotz der guten Voraussetzungen misslingt die perfekte Imitation in den Wahlverwandtschaften. Der Betrachter verlässt die reale Welt nicht, sondern meint nur, in die „Welt des Bildes“ einzutreten, und der Erzähler lässt das Kartenhaus zusammenstürzen:
Die Gestalten waren so passend, die Farben so glücklich ausgeteilt, die Beleuchtung so kunstreich, daß man fürwahr in einer andern Welt zu sein glaubte; nur daß die Gegenwart des Wirklichen statt des Scheins eine Art von ängstlicher Empfindung hervorbrachte. (434)
Die Suche nach Gründen für dieses Scheitern führt uns zunächst auf den Soldaten als Diderots Schlüsselfigur zurück. Im Roman soll „der Architekt den vor ihm teilnehmend traurig stehenden Krieger nachbilden, dem er wirklich etwas ähnlich sah“ (433). Die mangelhafte Ähnlichkeit zwischen Darsteller und Figur ist für die Lebenden Bilder zwar
unerheblich, 33 aber der Architekt wird zuvor als ein „Dilettant“ enttarnt, der durch das „Ausmalen“ der Kapelle seine berufsspezifischen Kompetenzen überschreitet, weil er als Maler tätig wird. (vgl. 412) Wenn aber der Dilettant die moralische Schlüsselrolle übernimmt, wird der Sinn der Lebenden Bilder im Roman fragwürdig: Ist es wirklich das Ziel der Figuren, Kunst zu präsentieren oder diese kritisch zu rezipieren? Schon be-vor die Tableaux inszeniert werden, weist der Erzähler darauf hin, dass solche Bilder „einen unglaublichen Reiz“ (433) ausüben. Dass dieser Reiz auch hier nicht künstleri-
33 Vgl.Jooss, Lebende Bilder, S. 143.
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scher, sondern körperlicher Natur ist, beweist ein kurzer Blick auf den Initiator des Gesellschaftsspiels, den Grafen:
Ich finde, sagte er, hier so manche wohlgestaltete Personen, denen es gewiß nicht fehlt, malerische Bewegungen und Stellungen nachzuahmen. Sollten sie es noch nicht versucht haben, wirkliche bekannte Gemälde vorzustellen? (433)
Indem der Graf die körperlichen Attribute als für das Posieren in einem Lebenden Bild besonders relevant herausstellt, erinnert er an die Gesellschaft in Neapel, die die durch
Goethe kritisierten Attitüden der Lady Hamilton bewunderte. 34 Der Romantext bietet weitere Anspielungen auf jenen Abend im Mai 1787, wobei Luciane in die Rolle der Lady schlüpft. Entsprechend kommentiert der Erzähler auch ihren „Gesang zur Guitarre“ (433):
Das Instrument spielte sie nicht ungeschickt, ihre Stimme war angenehm; was aber ihre Worte betraf, so verstand man sie so wenig als wenn sonst eine deutsche Schöne zur Guitarre singt. (432)
Trotz Lucianes Talentbankrott ist die Gesellschaft im Schloss unangemessen beeindruckt, denn Luciane erntet wie die Lady in Neapel Lob und „lauten Beifall“ (433). Nur der Graf, von dem sich Luciane an diesem Abend mehr erhofft als nur „höflich[es]“ (433) Verhalten, erweist sich als ehrlicher Kritiker: „Ich habe nichts als Vokale gehört und die nicht einmal alle“. (433) Weil der Graf, „ein einsichtsvoller Mann“ (434), sicher vermutet, dass Luciane bei den Tableaux vivants vollkommen „in ihrem Fach sein würde“ (433), nimmt er die sich bietende Chance wahr, die unerwünschte Verehrerin loszuwerden, indem er ihr unermüdliches Streben nach Aufmerksamkeit zu erfüllen versucht - mit Erfolg: Während Luciane beim Belisar, „halb bescheiden, das junge Weibchen im Hintergrund“ mimt, entwickelt sie im zweiten Bild,
in der ohnmächtig hingesunkenen Königin alle ihre Reize, und hatte sich kluger Weise zu den umgebenden unterstützenden Mädchen lauter hübsche wohlgebildete Figuren ausgesucht, worunter sich jedoch keine mit ihr auch nur im mindesten messen konnte. (434)
Die Lebenden Bilder sind eine Show, in welcher Luciane als erotische „Entertainerin“ ihre körperliche Schönheit zur Schau stellt. Ein Symbol für diese Aufmerksamkeitssucht ist der Affe, den sie sonst überall mit sich führt, der aber auf dieser Reise zurückbleiben musste. Charlotte tröstet ihre verzweifelte Tochter, indem sie das Fehlen des realen Affen mit einem „Bildband der wunderlichsten Affenbilder“ (424) kompensiert. Überhaupt ist das „Bildnis“ des Tiers, das Luciane nicht ohne Grund „malen lassen“
34 Vgl. Goethes Reisebericht vom 27. Mai 1787, 2.1.
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will, ein adäquater Stellvertreter des realen Affen (423 f.). Ein Bild tritt an die Stelle des ersehnten aber unerreichbaren Objekts.
Mittels der Tableaux vivants wird Luciane jetzt selbst zur Attraktion - zum Affen in ihrem persönlichen Bilderzoo. Nicht das Kunstwerk sondern ihre Reize versucht sie zu inszenieren, um als erotische Allegorie von den Zuschauern bewundert und verehrt zu werden. Im dritten Bild schließlich
sollte Luciane in ihrem höchsten Glanze erscheinen. Ihre Zöpfe, die Form ihres Kopfes, Hals und Nacken, waren über alle Begriffe schön, und die Taille, von der bei den modernen antikisierenden Bekleidungen der Frauenzimmer wenig sichtbar wird, höchst zierlich, schlank und leicht zeigte sich an ihr in dem älteren Kostüm äußerst vorteilhaft [...]. (435)
Abb. 3: Gerard Terborch, „Die väterliche Ermahnung“, Kupferstich von Johann Georg Wille (Ausschnitt) von 1765.
Wenn der Erzähler die Schönheit der Zöpfe, Kopfform, Hals, Nacken und Taille her-vorhebt, beschreibt er nicht die belebte Szene des Gemäldes, sondern eine attraktive Frau. Auch keiner der Zuschauer nimmt das Werk Terborchs wahr, das imitiert werden sollte, und die Kunstform Tableaux vivants verkommt darüber zur Farce. Lucianes kör-
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perliche Attribute absorbieren den moralischen Gehalt der Instruction Paternelle förmlich und zu betrachten ist die junge Frau, nicht Poussins Malerei:
Man konnte mit dem Wiederverlangen nicht endigen, und der ganz natürliche Wunsch, einem so schönen Wesen, das man genugsam von der Rückseite gesehen, auch ins Angesicht zu schauen, [...] dergestalt überhand, daß ein lustiger, ungeduldiger Vogel die Worte, die man manchmal an das Ende einer Seite zu schreiben pflegt: tournez s’il vous plaît laut ausrief und eine allgemeine Beistimmung erregte. (435)
Wie sehr die erotische Komponente die Attitüden und Lebenden Bilder dominiert, verdeutlichte 1817 auch die Gräfin, Malerin und Darstellerin Julie von Egloffstein, indem sie ihr „fühlbares Herzklopfen“ schildert, als ihr bewusst wurde,
daß nun alle Blicke auf mir ruhten - ja, daß ich einzig und allein deshalb dasäße, um mich beäugeln zu lassen. All das Lob, das ich von allen Seiten aus der dunkeln Menhe draußen in meine Halle herein vernahm, die einzelnen schmeichelhaften Äußerungen, die halblaut von fürstlichen Lippen flossen, waren wahrhaftig nicht geeignet, meine Herzschläge zu mindern - im Gegenteil trieben sie mir erst recht das Blut ins Gesicht und straften die Schminke Lügen, die fingersdick mir auf den Backen lag. 35
Ob vom Verfasser intendiert oder nicht, als Lebendes Bild erinnert die Instruction Paternelle im Roman vielmehr an die Bordell- als an die Familienszene. Motiv wie Resultat der Aufführung ist nicht das künstlerische, sondern das erotische Moment, das ihnen beiwohnt. Daher bleiben Kunst und Realität auch in den Wahlverwandtschaften zwei separate Welten und Lucianes Bilder unbelebt.
Zuletzt ist der rein imaginäre Charakter dieser Erotik „mittels Einbildungskraft des Bet-rachters“ 36 zu betonen, wodurch sich der Bogen zurück zur Parabel schlagen lässt: Pygmalion verliebt sich nicht nur in sein Elfenbeinkunstwerk, er „küßt es und vermeint wiedergeküßt zu werden, spricht es an, umarmt es und glaubt, den Druck der Finger auf
den berührten Gliedern zu bemerken“ 37 . Er behandelt die Statue bereits wie eine reale Geliebte, bevor sie durch die Göttin der Liebe, Sinnlichkeit und Schönheit zum Leben erweckt wird. Weil eben diese Intervention eines höheren Wesens im Roman fehlt und die Anwesenden mit dem Versuch, ihre Bilder selbst zu beleben, scheitern, lässt sich
das Begehren dort nur imaginär erfüllen, nämlich durch den „Akt des Betrachtens“ 38 . Selbst abseits der Bühne umgibt eine Bilderwelt die Figur der Luciane, deren Aufmerksamkeitssucht ihr alles abverlangt, um im Mittelpunkt der Ereignisse zu stehen. Ein Bild
35 Zitiert nach Jooss, Lebende Bilder, S. 143.
36 Ebd., S. 91.
37 Ovid, Metamorphosen, S. 244.
38 Fried, 214; Brandstädter, Heike E., Der Einfall des Bildes. Ottilie in den Wahlverwandtschaften, Würzburg 2000, S. 187.
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Arbeit zitieren:
Andreas Schlindwein, 2010, "Malen" und "Leben" - Bilderwelten als Realitätsersatz in den "Wahlverwandtschaften", München, GRIN Verlag GmbH
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