Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG 3
1. DIE SÄKULARISIERUNGSTHEORIE VON NORRIS UND INGLEHART 4
1.1 Die These der existentiellen Sicherheit 5
1.2 USA: Erklärungsversuche anhand der existentiellen Sicherheit 6
1.3 Datenkollektion 7
2. THEORETISCHE KRITIK 8
2.1 Definition von Religiosität durch existentielle Sicherheit 8
2.2 Fehlender Einbezug von neuen Technologien 9
2.3 Erklärungsversuche anhand eines westlichen Konzepts 10
3. METHODOLOGISCHE KRITIK 12
3.1 Messung von existentieller Sicherheit 12
3.2 Ergebnisse auf der Mikro- und Makro-Ebene 13
4. EMPIRISCHE KRITIK 14
4.1 Der „Sonderfall“ USA 14
4.1.1 Vergleich zu anderen Ländern 14
4.1.2 Zuwanderung in die USA 15
4.1.3 Das Gesundheitssystem in den USA 16
4.2 Geburtenrückgang am Beispiel von Deutschland 16
5. ANTWORT AUF DIE KRITIK 19
5.1 Definition von Religiosität durch existentielle Sicherheit 19
5.2 Messbarkeit von existentieller Sicherheit 19
6. KONKLUSION 21
7. LITERATURLISTE 23
2
Einleitung
Die religionssoziologischen Überlegungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte haben vielfältige Thesen hervorgebracht, um das religiöse Feld und deren Veränderungen weltweit erklären zu können (Raiser 2010: 11). Eine der wichtigen Theorien, die in diesem Zusammenhang entstanden ist, geht davon aus, dass Religion in postindustrialisierten Nationen immer mehr an Bedeutung verliert und so langfristig gesehen aussterben wird (Schäuble 2010: 18). Diese Entwicklung, die unter dem Begriff der Säkularisierung zusammengefasst wird, ist in den vergangenen Jahren immer mehr in Kritik geraten. Säkularisierungsprozesse lassen sich beispielsweise in Europa am Rückgang der Mitglieder in grossen Kirchen beobachten, dennoch hat man auch festgestellt, dass Religion keineswegs am Aussterben ist. Es kann zum Teil sogar von einer Rückkehr von Religion in den öffentlichen und politischen Raum gesprochen werden (Raiser 2010: 11). Norris und Inglehart (2004) gehen davon aus, dass das Konzept der Säkularisierung auch die aktuellen Entwicklungen in der heutigen Zeit erklären kann. Ihrer Ansicht nach muss die traditionelle Säkularisierungstheorie jedoch überarbeitet werden und anhand der Erkenntnisse aus den letzen Jahren und Jahrzehnten ergänzt werden.
Das Ziel der hier vorliegenden Arbeit ist, die überarbeitete Säkularisierungstheorie von Norris und Inglehart (2004) zusammenfassend darzustellen und kritisch zu hinterfragen. Im Zentrum der Arbeit steht dabei die Frage, ob die überarbeitete Säkularisierungstheorie die unterschiedliche Bedeutung von Religion weltweit erklären kann. Die für die Arbeit verwendete Literatur bezieht sich einerseits auf das Buch von Pippa Norris und Ronald Inglehart (2004) Sacred and Secular: Religion and Politics Worldwide und anderseits auf verschiedene Buchbesprechungen und Kritiken, welche die Theorie überprüft und hinterfragt haben.
Die Arbeit ist in sechs Teile eingeteilt. In einem ersten Kapitel werden die Thesen von Norris und Inglehart (2004) zusammenfassend dargestellt, um danach in je einem Kapitel auf theoretische, methodologische und empirische Kritikpunkte einzugehen. Im fünften Kapitel nehme ich noch einmal die Argumente von Norris
und Inglehart auf und erläutere, wie sie auf diese Kritik reagiert haben. In der Konklusion werden die wichtigsten Argumente zusammengefasst und die Fragestellung wird beantwortet
1. Die Säkularisierungstheorie von Norris und Inglehart
Die Autoren Pippa Norris 1 und Ronald Inglehart 2 haben in ihrem Buch Sacred and Secular: Religion and Politics Worldwide die Säkularisierungstheorie überarbeitet und aufgezeigt, dass sich die Prozesse der Säkularisierung auch in der heutigen Zeit noch beobachten lassen. Im Gegensatz zu den Auffassungen von Auguste Comte, Herbert Spencer, Emile Durkheim, Max Weber oder Sigmund Freud, die alle davon ausgingen, dass Religion durch die Industrialisierung immer mehr an Bedeutung verliert und schlussendlich ausstirbt, haben Norris und Inglehart aufgezeigt, dass Religion auch heute noch eine zentrale Rolle einnimmt und in den nächsten Jahrzehnten nicht verschwinden wird. Dennoch sind sie der Ansicht, dass das Konzept der Säkularisierung die heutigen Entwicklungen erklären kann, da die Bedeutung von Religion in armen Ländern viel wichtiger ist als in postindustrialisierten Nationen. Trotz den säkularen Orientierungen, die sich in den letzten 50 Jahren beispielsweise in Skandinavien oder Westeuropa, aber auch in Australien, Neuseeland, Japan oder Kanada beobachten liessen, gibt es auf der Welt als Ganzes immer mehr Menschen mit traditionellen religiösen Auffassungen. Diese kontrovers erscheinende Aussage lässt sich dadurch erklären, dass die Säkularisierung und die menschliche Entwicklung (human development) einen negativen Einfluss auf die Geburtenrate haben. Der Bedeutungsverlust von Religiosität, so vermuten Norris und Inglehart, führt somit zu niedrigen Geburtenraten in diesen Nationen. Länder mit traditionellen religiösen Auffassungen verzeichnen eine zwei- bis dreimal so hohe Geburtenrate und deshalb gibt es weltweit auch immer mehr Menschen mit religiösen Auffassungen.
1 Pippa Norris (*1953) arbeitet an der Harvard Universität für vergleichende Politikwissenschaft. Ihre Arbeit fokussiert auf Demokratie, Wahlen, politische Kommunikation und Gender-Politik.
2 Ronald Inglehart (*1934) ist seit 1978 Professor der Politologie an der Universität in Michigan. Bekannt wurde Inglehart in den 1970er Jahren durch seine Theorie des Wertewandels. Er hat bei der Ausarbeitung der Euro-Baramter Surveys mitgearbeitet und leitet die World Values Surveys.
1.1 Die These der existentiellen Sicherheit
Die verschiedenen Länder auf der ganzen Welt unterscheiden sich in ihrem Grad der sozialen Modernisierung, der ökonomischen Entwicklung oder auch der menschlichen Sicherheit. 3 Das Konzept der menschlichen Sicherheit ist komplex, aber die Hauptidee zielt darauf ab, dass die Bevölkerung frei von Risiken und Gefahren ist. Dies beinhaltet, dass ein Menschen nicht unter Armut zu leiden hat, Zugang zu medizinischer Infrastruktur erhält, Menschenrechte eingehalten werden, aber auch von Naturkatastrophen wie Dürren, Tornados oder Erdbeben beschützt oder verschont bleiben. Durch den Prozess der Industrialisierung und der menschlichen Entwicklung wird die Armut in einem Land reduziert und die Risiken im Alltag werden durch bedeutende Errungenschaften in der Medizin, der Mathematik oder der Ingenieurwissenschaft vermindert. Persönliche Schicksalsschläge und Krankheiten oder Umweltkatastrophen, die einst unerklärlich waren und nur durch Glauben oder Magie einen Sinn bekamen, wurden durch die Wissenschaft vorhersehbar oder zum Teil auch vermeidbar (ebd.: 8). Menschen, die in reicheren Ländern leben, sind somit immer weniger sozialen und persönlichen Risiken ausgesetzt. Dies führt zu einer Verminderung von Angst und Stress und fördert das Gefühl von existentieller Sicherheit. Im Gegensatz dazu sind Menschen in ärmeren Ländern diesen Gefahren weiterhin ausgesetzt und sie müssen sich vor unvorhersehbaren Risiken wie Naturkatastrophen, Hunger oder Krankheit fürchten. Der Glaube an einen Gott kann diesen Personen helfen, die unerklärlichen oder unvorhersehbaren Ereignisse zu akzeptieren oder besser zu verstehen (ebd.:4). Norris und Inglehart gehen aus diesem Grund von der These aus, dass Gefühle der Verletzbarkeit zu physikalischen, soziologischen und persönlichen Risiken die Religiosität der einzelnen Personen beeinflusst (ebd.: 5).
3 Das Konzept der menschlichen Sicherheit, das auf den Lebensstandart und den damit verbunden Risiken sowie der Verwundbarkeit der Menschen fokussiert, hat in den vergangenen Jahren vor allem im Entwicklungssektor eine immer wichtigere Bedeutung eingenommen.
1.2 USA: Erklärungsversuche anhand der existentiellen Sicherheit
Eine der grössten Herausforderungen, Religiosität anhand der Säkularisierungstheorie zu erklären, stellen die USA dar. Dieses Land galt lange als Sonderfall, da sich viele Menschen trotz der Modernisierung und der ökonomischen Entwicklung weiterhin als religiös einschätzten. Im Jahr 2001 gaben 94% der Amerikaner an, dass sie an einen Gott glauben (dies ist vergleichbar mit Zahlen aus Brasilien oder Indien). Im Gegensatz dazu antworteten in Schweden nur 46% der Bevölkerung auf die gleiche Frage mit ja. Norris und Inglehart argumentieren anhand der existentiellen Sicherheit, dass die USA keinen Sonderfall darstellen, sondern dass sich die Religiosität in diesem Land durch ihre These erklären lässt. Obwohl die USA ein postindustrialisiertes Land sind, gelten sie als sehr unausgeglichen und viele Sektoren der amerikanischen Gesellschaft sind von einer ökonomischen Unsicherheit betroffen. Die USA geben gemessen am Bruttoinlandprodukt sehr wenig Geld für soziale Leistungen aus und nehmen in der Datenbank der OECD 4 , welche die sozialen Ausgaben in über 30 Ländern verglich, einer der tiefsten Ränge ein. Nur Irland, Korea und Mexiko geben weniger Geld für soziale Dienste aus. In den USA sind mehr als 80 Millionen Menschen nicht versichert oder unterversichert und fast 50 Millionen Menschen leben unter der nationalen Armutsgrenze (Daly 2005 135). Diese Informationen zeigen auf, dass es innerhalb des Landes grosse Unterschiede zwischen Armen und Reichen gibt. Die USA verzeichnen zudem den höchsten GINI-Koeffizient 5 von vierzehn untersuchten OECD-Ländern und gleichzeitig auch den höchsten Anteil an Menschen, die regelmässig beten (Irland verzeichnet die zweit höchste Rate an einer regelmässig betenden Bevölkerung
4 Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Organisation for Economic Co-operation and Development, OECD) ist eine internationale Organisation mit 34 Mitgliedstaaten, die sich der Demokratie und Marktwirtschaft verpflichtet fühlen. Die meisten OECD-Mitglieder gehören zu den Ländern mit hohem Pro-Kopf-Einkommen. Mehr Informationen dazu unter: www.oecd.org.
5 Der GINI-Koeffizient ist ein gebräuchliches Mass dafür, wie gleichmässig Einkommen (oder Vermögen) zwischen einzelnen Haushalten verteilt sind. Der GINI-Koeffizient kann Werte zwischen 0 und 1 annehmen, wobei höhere Werte mehr Ungleichheit bedeuten. Ein Wert von 0 würde bedeuten, dass alle Haushalte ein gleich hohes Einkommen hätten (perfekte Gleichheit). Ein Wert von 1 würde dann erreicht, wenn nur ein Haushalt ein Einkommen erzielte, alle andern aber leer ausgingen (maximal Ungleichheit).
Quelle: http://www.statistik.zh.ch/themenportal/anhang/files/2752/Definition%20Gini-Koeffizient%20und%20Lorenz-Kurve.pdf.
Arbeit zitieren:
Nadja Schloss, 2011, Religiosität weltweit, München, GRIN Verlag GmbH
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