Okkulte Praktiken im muslimischen Afrika 08.10.07 Nadja Schloss
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
Einleitung 3
1. Verbreitung des Islam. 4
1.1 Vorislamische Praktiken. 5
2. Vorstellungen zu Hexerei in afrikansichen Gesellschaften 7
2.1 „soul-eating“ bei den Hausa in Niger. 8
2.2 Hexereivorstellung bei den Mayotte 9
2.3 Vergleich Mayotte-Hausa. 10
3. Geisterbesessenheit. 11
3.1 Beziehung zwischen Wirt und Geist 13
3.2 Geisterbesessenheit und Islam. 15
3.3 Beispiel: bori-Kult 16
3.3.1 Blitzeinschläge 18
3.3.2 Dodo-Geister 19
3.4 Zar-Kult 20
3.5 Vergleich bori- und zar-Kult 21
4. Konklusion 22
Literaturverzeichnis 24
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Okkulte Praktiken im muslimischen Afrika 08.10.07 Nadja Schloss
Einleitung
Vorstellungen zu Hexerei und Geisterbesessenheit sind heute noch in vielen Gesellschaften verbreitet und sind durch den Einfluss der Weltreligionen in den jeweiligen Gebieten nicht verschwunden, sondern haben sich laufend verändert und sich neu angepasst. Der Synkretismus, welcher zwischen einer dieser Weltreligionen, dem Islam, und den verschiedenen afrikanischen Religionen stattgefunden hat, soll die Grundlage meiner Arbeit bilden, und ich möchte aufzeigen, dass dieser sehr unterschiedlich verlaufen ist und man deshalb nicht von „dem Islam“ in Afrika sprechen kann.
Hexerei und Geisterbesessenheit können unter dem Begriff okkulte Ökonomien zusammengefasst werden, welcher von John and Jean Comaroff (1999) geprägt wurde. Er verweist auf die Einsetzung von magischen, okkulten Praktiken für materielle Zwecke. Es ist schwierig den Begriff inhaltlich zu definieren, da er je nach Kontext verschieden ist. Okkulte Ökonomien beruhen auf einheimischen Vorstellungen und stellen eine Vermischung aus Tradition und neuen Einflüssen dar. Sie sind langlebig, aber verändern sich immer wieder. Die sozialen, politischen, ökonomischen und rituellen Ungleichheiten, welche sich durch die unterschiedlichen Machtverhältnisse in den letzten Jahrzehnten ereignet haben, habe dazu geführt, dass die okkulten Ökonomien nicht an Bedeutung verloren und sich laufend verändert haben (Geschiere 2006).
Der Begriff Hexerei ruft im europäischen Kontext meist andere Kontonationen hervor als im afrikanischen. So werden Hexereivorstellung in Europa häufig mit mittelalterlichen Vorstellungen von Hexerei in Verbindung gebracht. In diesem Zusammenhang soll Hexerei jedoch als schädliche Wirkung zwischen Personen gesehen werden, welche ohne Anwendung natürlicher Hilfsmittel hervorgebracht wird. Hexen und ihre Opfer stehen oft in einer sozialen Nähe, müssen den Konflikt jedoch im verborgen Austragen, da die Gesellschaft ein offener Streit nicht zulässt (Strech 2000:100-103)
Häufig werden in der Literatur die zwei Phänomene, Hexerei und Geisterbesessenheit, getrennt betrachtet und es gibt wenig Texte, welche sich mit beiden Praktiken beschäftigen. Deshalb möchte ich in meiner Arbeit versuchen, die
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Beziehung zwischen diesen zwei Praktiken herzustellen und deren Bezug zum Islam aufzeigen.
Die verschiedenen Arten der okkulten Praktiken haben sich sehr unterschiedlich entwickelt und unterscheiden sich in der Art ihrer Ausführung und der Bedeutung in der Gesellschaft. Es ist deshalb unmöglich verallgemeinernde Aussagen über das gesamte muslimische Afrika zu machen, und ich werde mich aus diesem Grunde geografisch festlegen und einige Beispiele genauer aufzeigen. Da die Literatur, vor allem zu Hexereivorstellungen im muslimischen Afrika sehr begrenzt ist, beziehe ich mich auf zwei Gesellschaften, die Hausa im Niger und die Mayotte. Die Mayotte leben auf den Komoren, was geographisch gesehen relativ weit vom muslimischen Festland entfernt liegt. Die Ethnografie von Lambek (1993) über die Mayotte ist jedoch einer der wenigen Texte, welcher sich mit Vorstellungen zu Hexerei und Geisterbesessenheit beschäftigt und mir deshalb wichtig scheint für meine Arbeit. Die Literatur zur Geisterbesessenheit bezieht sich vor allem auf den bori- und den zar-Kult, welche beide von grosser Bedeutung sind im muslimischen Afrika und häufig in der Literatur verwendet werden, wenn von Geisterbesessenheit in Afrika gesprochen wird.
Ich werde meine Arbeit in vier Teile einteilen, und als Erstes auf die Verbreitung des Islams und danach auf Vorstellungen zur Hexerei und Geisterbesessenheit eingehen. Anhand von Beispielen aus verschiedenen Gesellschaften werde ich aufzeigen, wie die okkulten Praktiken zum Vorschein kommen, um sie dann auch miteinander vergleichen zu können. Auf eine dieser Praktiken, den bori-Kult, werde ich detaillierter eingehen, um den Bezug zum Islam genauer aufzuzeigen, ihn ins Verhältnis zu anderen okkulten Praktiken zu setzen, sowie die Geschichte dieser Region zu erläutern, um historische Aspekte einzubringen, welche den Übergang zum Islam aufzeigen. In einem letzen Teil werde ich schlussendlich Vorstellungen zur Geisterbesessenheit und Hexerei miteinander vergleichen und die wichtigen Punkte noch einmal zusammenfassen.
1. Verbreitung des Islam
Der Islam in Afrika stellt ein facettenreiches Gebilde dar, welches weder historisch noch gegenwärtig eine Einheit bildet. Bereits im 7. Jh. n. Chr. hat der Einfluss des
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Islams auf dem afrikanischen Kontinent begonnen und sich vom Norden her Richtung Süden ausgebreitet, wo er sich vermehrt mit lokalen afrikanischen Religionen vermischt hat (Loimeier 2003:1-2).
Um die unterschiedlichen Ausprägungen des Islams aufzuzeigen, können nicht nur regionalgeographische und historische Unterschiede in Betracht gezogen werden, sondern es müssen weitere Faktoren hinzugezogen werden. Gesellschaften, welche schon eine lange Tradition der Islamisierung aufweisen und solche, die erst seit Kurzem davon beeinflusst sind und sich der Islam nur in Teilen des Landes etablieren konnte, unterscheiden sich stark voneinander. Zusätzlich gibt es bedeutende Unterschiede zwischen Gebieten, wo Muslime die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen und anderen Regionen, wo sie nur als Minderheit vertreten sind. Diese könnten dann wieder in Gesellschaften unterteilt werden, die trotz ihrer Minderheit eine geachtete Rolle einnehmen und anerkannt werden und andere, die eher eine Ausserseitenrolle besitzen (Loimeier 2003:2). In Anbetracht dieser Vielfalt kann nicht von dem „Islam in Afrika“ gesprochen werden, sondern „vielmehr müssen wir, wie auch in den anderen Teilen der islamischen Ökumene, von einer Vielzahl lokaler muslimischer Gesellschafts- und Gemeinschaftsentwürfe ausgehen, die ihrerseits ein breites Spektrum von Interpretationen von „Islam“ repräsentieren.“ (Loimeier 2003:2).
1.1 Vorislamische Praktiken
In vielen Teilen Afrikas sind lokale afrikanische Religionen durch den Einfluss des Islams nicht verschwunden, sondern haben bis heute eine Bedeutung in den jeweiligen Gesellschaften (Masquelier 1994, Lambek 1993). Trotzdem ist es problematisch von vorislamischen Überbleibsel zu sprechen, denn die Praktiken haben sich im Laufe der Zeit immer wieder verändert und sich neu angepasst und häufig stammt das, was im kulturellen Kontext als vorislamisches Überbleibsel angesehen wird, aus der Zeit, in welcher der Islam schon Einzug gehalten hat (Lewis 1986:148).
Die Frage, wieso dass gewisse Praktiken aus vorislamischen Zeiten übernommen worden sind und welche Veränderungen durch den Einfluss des Islams in den verschiedenen Gesellschaften entstanden sind, lässt sich nur sehr schwer
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beantworten, und die Aussagen können häufig nur für eine spezifische Gesellschaft gemacht werden. Lewis (1986: 139-154) hat an diesem Punkt angesetzt und versucht zu begründen, was die verschiedenen Gruppen dazu bewegt hat zum Islam überzutreten und Erklärungen abgegeben, weshalb Vorstellungen zur Hexerei und Geisterbesessenheit auch heute noch in vielen Gesellschaften zu finden sind. Der Übertritt zum Islam hat oft nicht nur aus religiösen Gründen stattgefunden, sondern den Zugang zur reichen muslimischen Kultur geöffnet. Der Erfolg im Handel und das Zurechtkommen mit den vielen Veränderungen, welche die kapitalistische Geldwirtschaft mit sich gebracht hatte, sollten dadurch ermöglicht werden (Masquelier 1994:9). Weiter sind in einigen Gesellschaften neue Krankheiten aufgetreten, welche muslimischen Geistern zuschrieben wurden. Die einzige Möglichkeit davon geheilt zu werden, bestand in der Konversion zum Islam. In Westafrika bei den Mossi 1 wurde, in der Zeit der Islamisierung, die Unfruchtbarkeit der Frauen darauf zurückgeführt, dass die potentiellen Kinder sich weigerten auf die Welt zu kommen, wenn sie nicht als Muslime geboren wurden. Der Übertritt zum Islam wurde daher als einzige Lösung dieser Umstände angesehen und vielerorts schützte er zusätzlich gegen mystische Attacken, die durch den Glauben an Allah verschwanden (Lewis 1986:148). Eine weitere Veränderung durch den Einfluss des Islams sieht Lewis (1986:149) in der Stellung der Frau, welche sich durch die Konversion verändert haben soll, und der Mann noch mehr Macht gewonnen habe. Damit begründet er die Tatsache, dass häufig Frauen in Hexerei- und Geisterbesessenheits-Praktiken involviert sind. Er argumentiert, dass Frauen, in dem sie das Traditionelle in den Vordergrund stellen, versuchen einen Ausgleich zu schaffen, um das Ungleichgewicht der Machtpositionen zu verringern. Dieser Ansatz wird von vielen Autoren immer wieder aufgenommen, um zu erklären, weshalb häufig Frauen okkulte Praktiken ausüben. Er wird jedoch meistens sehr kritisch betrachtet und auch in Frage gestellt, denn es ist meiner Meinung nach fragwürdig, ob man diese Aussage auf die verschiedenen Gesellschaften im muslimischen Afrika übertragen kann.
1 bevölkerungsreichste Ethnie innerhalb des westafrikanischen Staates Burkina Faso.
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2. Vorstellungen zu Hexerei in afrikansichen
Gesellschaften
Hexereipraktiken werden in der Literatur über das muslimische Afrika nicht sehr oft behandelt, voraus zu Folgen ist, dass deren Vorkommnisse auch nicht so weit verbreitet sind. Es ist, wie im Kapitel 1.2 beschrieben ist, schwierig zu sagen, ob und wie sich die Vorstellungen zu okkulten Praktiken durch den Einfluss des Islams verändert haben und wie diese die Hexerei beeinflusst haben. Der Islam verbietet jedoch alle Formen des Glaubens, welche nicht durch ihn legitimiert sind und somit auch den Glauben an Hexerei und deren Praktiken (Lambek 1993:135). Daher erfolgt die Ausübung von Hexerei meist nicht öffentlich und wird immer als eine moralisch nicht vertretbare Handlung angesehen (Lambek 1993:240). Gründe, wieso dass Hexerei jedoch auch heutzutage bedeutend ist, sieht Peter Geschiere (2006) in den sozialen, politischen, ökonomischen und rituellen Ungleichheiten, welche sich durch die unterschiedlichen Machtverhältnisse herausgebildet haben. Devisch (2005:407) versucht anhand eines psychologischen Ansatzes, die Bedeutung von Hexerei wie folgt zu beschreiben: „There emerges from beliefs and rumors about witchcraft an important idiom that enables people to interrelate their social predicaments (such as those connected with abusive sate institutions, class inequalities, famine, sickness, and other afflictions) with the mindscapes of interpersonal intrigues (such as envy, jealousy, greed, hatred, and misogyny)”. Hexereianklagen stehen oft mit der Familie und der Verwandtschaft im Zusammenhang, welche aus Neid und Eifersucht hervorgerufen werden. Geschiere (2006:60-62) nennt Hexerei deshalb auch die Schattenseite oder auch die Umkehrung der Verwandtschaft. Denn die Wichtigkeit der Verwandtschaft liegt im Zusammenhalt der lokalen Gemeinschaft und der Familie, wohingegen die Hexerei das Gegenteil bewirken will. Dadurch, dass sie geheim ist, können Regeln verletzt werden und Verstösse begangen werden, die nicht ermittelt werden können. Hexerei versucht somit, im Gegensatz zu der Verwandtschaft, die Gemeinschaft zu spalten. Hexereivorstellungen stellen kein traditionelles Relikt dar, welches durch die Moderne an Bedeutung verliert, sondern ist vielmehr ein Produkt moderner Phänomene und passt sich immer wieder neu an.
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Arbeit zitieren:
Nadja Schloss, 2007, Okkulte Ökonomien im muslimischen Afrika, München, GRIN Verlag GmbH
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