1. Der gute Hirte - ein vielgebrauchtes Bild
Der Herr ist mein Hirte, / nichts wird mir fehlen. Er lässt mich lagern auf grünen Auen / und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Er stillt mein Verlangen; / er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen. […] Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang / und im Haus des Herrn darf ich wohnen für lange Zeit. (Ps 23,1-6)
Dieser vielzitierte Psalm wirft viele Fragen auf. Was ist das für einer, der mein Verlangen stillen kann und dem ich mich scheinbar blind hingeben kann? Ist das Bild des Guten Hirten nicht auch ein gefährliches, welches großes Machtpotential entwickeln und dementsprechend auch missbraucht werden kann?
Das Bild eines Herrschers als Hirten ist vermutlich ebenso alt wie der Beruf an sich. Bildliche Darstellungen des Hirtenmotivs reichen bis ca. 3.000 vor Christus, was mesopotamische und nur geringfügig jüngere ägyptische Zeugnisse belegen. 1 Die Verbindung des Berufs Hirte mit dem Herrschertitel lässt sich in dieselbe Zeit datieren, denn in literarischen Zeugnissen wird Königen dieser Titel zugesprochen, von Zeit zu Zeit bezeichnen sie sich auch selbst als Hirte. 2 Der Primatsbegriff des Papstes „wurde 251 n. Chr. durch Cyprian von Karthago zur Abwehr des novatianischen Schismas gebildet und aus dem […] Weideauftrag in Joh 21,17 abgeleitet.“ 3 Die Reformatoren lehnen den auch aus Joh 10,16 legitimierten gefundenen Primatsanspruch des Papstes ab, für sie wird „anstelle der römisch-katholischen Ämterhierarchie nun das Predigtamt zum eigentlichen Amt.“ 4 Protestantische Geistliche führen noch heute die Amtsbezeichnung „Pastor“, der Begriff wurde bereits im Frühneuhochdeutschen aus dem Lateinischen entlehnt. Die Kaiserin Maria Theresia führte 1777 die Pastoraltheologie als Lehrfach an den katholischen Fakultäten ein. Das Bild des Hirten bleibt somit auch hier präsent. Das Leitbild des Hirten für die pastorale Praxis wurde in jüngster Zeit jedoch immer wieder problematisiert. 5
Die Autoren des Alten und Neuen Testaments haben das Bild selbstverständlich ebenfalls verwendet. Der Exegese des Hirtenmotivs wird in dieser Arbeit ein größerer Stellwert eingeräumt. Viele Künstler haben sich von den zahlreichen Darstellungen inspirieren lassen, sodass ein weiterer Augenmerk auf der Geschichte der Ikonographie liegen wird.
Im Zentrum dieser Arbeit soll die Plastik „Der Gute Hirte“ des Bildhauers Heinrich Kirchner stehen, welche vor der Bonifatius-Kirche in Erlangen im Original zu begutachten ist. Nach einer Bildbeschreibung wird zu erörtern versucht, in welcher Tradition sich die Figur befindet beziehungsweise an welcher Stelle sie damit bricht, welche theologischen Aussagen sie verkörpert und wie diese zu interpretieren sind.
1 Vgl. Kügler, S. 12ff.
2 Vgl. Engemann, S. 578.
3 Heckel, S. 43.
4 Ebd., S. 46.
5 Vgl. Ebd., S. 47f.
1
2. Ikonographie
Das metaphorische Bild des Guten Hirten ist heute allgemein bekannt. Davon zeugen nicht nur diverse Vertonungen des Psalm 23. 6 Bilder und Plastiken mit dem Hirtenmotiv sind weit verbreitet, Darstellungen mit dem Schaf auf den Schultern finden sich vor allem „in der Nähe von Taufdarstellungen oder an Kanzeln“ 7 als Sinnbild dafür, dass Christus die Getauften schützt und trägt. 8 Diese Assoziation als Christus und seinen Beschützten, die wir heute häufig herstellen, ist keinesfalls schon immer mit dem Hirtenbild verbunden, sondern eher relativ jung, wie sich noch zeigen wird.
2.1 Frühe Gute-Hirten-Darstellungen
Die erste Schafrasse des Alten Ägyptens wurde von Vorderasien her bereits im 4. Jahrtausend vor Christus eingeführt. Dieses Schaf hat mit dem heutigen wenig gemeinsam, es wies korkenziehartig gedrehte Hörner auf und schien noch Stehohren gehabt zu haben. Die Schafe dienten vor allem der Gewinnung von Wolle, als später Schweine geächtet wurden, waren sie die wohl wichtigste Fettquelle. 9 Die Tiere wurden nicht sonderlich hoch geschätzt und eigneten sich daher auch nicht als Opfertiere, „wir erfahren von diesen Schraubenhornschafen nur, daß [sic!] Hirten die Herden zum Eintreten der Saat über die Felder und gelegentlich zum Dreschen über die Tenne trieben.“ 10 Bereits im dritten und vierten Jahrhundert nach Christus ist das Bild des schaftragenden Hirten weit verbreitet, so finden sich zahlreiche Darstellungen auf Sarkophagen oder in der Katakombenmalerei. 11 Allerdings kann das Bild des schaftragenden Hirten zunächst nicht genau zugeordnet werden: Steht es im christlichen Kontext oder zeigt es einen heidnischen Inhalt? Erst der programmatische Zusammenhang zeigt es an, ob der Hirte als Personifikation der heidnischrömischen Tugend der Philanthropia, als Figur einer bukolischen Idylle oder als christliches Erlösungsgleichnis im Sinne von Joh 10,1-16 zu verstehen sei. Erstmals eindeutig dem christlichen Kontext zuordnungsfähig wird das Bild demnach in Taufräumen, wie es zum Beispiel auf dem Fresko in Dura Europos um 232/ 256 zu sehen ist. 12
Der Bildtypus des guten Hirten inmitten seiner weidenden Herde wird auf den Lehr- und Verkündigungsauftrag bezogen: „Jesus sagte zu ihm: Weide meine Lämmer!“ (Joh 21,15). Uralte
6 bspw. die Motette von Heinrich Schütz
7 Neubauer, S. 342.
8 Vgl. Ebd., S. 342.
9 Vgl. Boessneck, S. 72f.
10 Ebd., S. 73.
11 Vgl. Nitz, S. 256.
12 Vgl. Nitz.
2
Vorstellungen von der hohen Würde assimiliere laut Nitz der königliche Gute Hirte im Mausoleum der Galla Placidia in Ravenna. 13
Die Weide ist paradiesisch angelegt, Christus trägt statt des Hirtenstabes einen Kreuzstab, der die höchste Position des Bildes einnimmt. Sämtliche Köpfe der Schafe sind dem im Zentrum stehenden Hirten zugewandt. 14 „Die Königsidee von Christus hat sich in diesem Bilde mit der alten Vorstellung vom Königshirten, der Gleichung weiden = regieren, verbunden.“ 15
Früher dachten Menschen vor allem typologisch, sie gingen davon aus, dass ein Jeder seinen Platz in der Welt hat, welcher oftmals in Verbindung sowohl zur Vergangenheit als auch zur Zukunft steht. In Anbetracht dessen ist es nicht weiter verwunderlich, dass Darstellungen des Orpheus oder des David analog an Christusdarstellungen angelegt sind. Dem musischen Spiel des Orpheus wohnt eine Macht inne, welche an die des Christus erinnert. Beide haben die Möglichkeit, das Reich des Todes zu überwinden. Natürlich geht Jesu Macht über die des Orpheus hinaus: Wo Orpheus wilde Tiere zähmt und Steine in Bewegung bringt, schafft der menschliche Hirte Menschen aus Steinen oder Tieren. Als weiteren Vergleich lässt sich David nennen, der sich wie Orpheus der Musik bedient, um den bösen Geist Sauls zu bezwingen. 16
Eine andere typologische Deutung verbindet die Passion mit dem Hirtenmotiv - der Dornenkrone Tragende hält das Schaf auf seinen Schultern. Teilweise sind durch den offenen Mantel die Wundmale erkennbar. Dieses Motiv war zu spätgotischer Zeit durchaus populär, die damals neu erworbene Drucktechnik ermöglichte die überregionale Verbreitung. Im 16. Jahrhundert gab es noch Künstler, für die diese Kombination durchaus attraktiv schien, so fertigte beispielsweise Hieronymus Wierix, der von 1553-1619 lebte, noch sechs Kupferstiche mit diesem Motiv an.
2.2 Neuzeitliche Gute-Hirten-Darstellungen
Ab dem Mittelalter engt sich die semantische Vielfalt der Hirteninterpretationen ein, das Gute-Hirten-Bild wird jedoch mit unterschiedlichen Bezügen (Bible moralisée, Speculum humanae salvationis, Concordantia caritatis) weiter tradiert. 17
Der Gute-Hirte erlebt in der Neuzeit eine Wiederbelebung, Themen sind nun Sündenvergebung und Erlösung (Jesus trägt nun Wunden, Dornenkrone und das Schaf) oder Lehrauftrag und Hirtenamt (s.u.: Schlüsselübertragung an Petrus unter anderem bei Raffael und Rubens; an barocken Kanzeln
13 Vgl. Ebd.
14 Vgl. Ebd., S. 257.
15 Legner, S. 17.
16 Vgl. Nitz, S. 257.
17 Vgl. Nitz.
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Arbeit zitieren:
Anton Band, 2011, Der "gute Hirte" Heinrich Kirchners, München, GRIN Verlag GmbH
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