Graf Hermann Keyserling bereiste die Welt vom Oktober 1911 an bis zu seiner Rückkehr im Oktober 1912. Sieben Jahre später erschien sein „Reisetagebuch eines Philosophen“ 1 . Stationen seiner Weltreise waren Ceylon, Indien, China, Japan und Amerika. Laut Ute Gahlings war dies die gängige Reisestrecke um die Welt, absolvierbar in 60 Tagen. Keyserling, durch das Erbe seines Vaters Graf Leo Keyserling zu diesem Zeitpunkt noch finanziell unabhängig, lässt sich mehr Zeit, verweilt nach Geschmack an einigen Stationen länger. 2 Diese Hausarbeit richtet ihr Hauptaugenmerk neben dem Start- und Zielort Rayküll vor allem auf das Japan-, noch stärker auf das Indienkapitel. Der ferne und nahe Osten waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts beliebte Reiseziele unter deutschen Schriftstellern. Peter Brenner weist darauf hin, dass vor allem Indien zum erklärten Wunschziel des expressionistischen und neuromantischen Exotismus geworden sei. 3 Dementsprechend erschien eine Vielzahl von Reiseberichten zur damaligen Zeit, als Beispiele seien nur Hermann Hesses Aus Indien (1913) und Waldemar Bonsels` (1916) Indienfahrt genannt. Diese Werke erreichten eine breite Masse, von Bonsels‘ Indienfahrt wurde bis 1922 trotz Inflation bereits 278 000 Exemplare verkauft. Brenner sieht in dieser Sehnsucht nach einem aus europäischer Sicht von spiritueller, okkulter und ursprünglicher Natur geprägtem Land das Bedürfnis des Europäers nach neuer Ganzheit, Religiosität. Europa war durch die fortschreitende Industrialisierung und Technisierung immer mehr von der Natur abgeriegelt. 4 Brenner stellt fest, dass für viele der vor dem ersten Weltkrieg veröffentlichen Werke gilt, dass die Reisebeschreibung vielmehr Ausdruck einer exotischen Sehnsucht als Reflexion von Erfahrenem ist. 5 Keyserling versucht mittels einer neuartigen Methode, die diese Arbeit näher untersucht, dem entgegenzuarbeiten. Die Untersuchung, ob ihm das immer gelingt, wird ebenfalls Bestandteil dieser Arbeit sein.
Keyserling führt seine Weltreise 1911 bis 1912 durch. Laut Ute Gahling versucht er sich während dieser Zeit jeglicher Intellektualisierung zu entsagen und notiert nur skizzenartige Eindrücke und Einfälle. Diese sind auf mehr als 1000 beschriebenen Tagebuchseiten festgehalten. 6 DRTP entsteht in den folgenden Jahren, hauptsächlich 1913 und 1914. Der erste Weltkrieg verhindert ein vorheriges Erscheinen, welches bereits in der
1 Die Sigle ‚DRTP‘ steht für „Das Reisetagebuch eines Philosophen. Zitiert wird nach der Ausgabe: Graf Hermann Keyserling (1922): Das Reisetagebuch eines Philosophen. Band I und Band II. Darmstadt.
2 Vgl. Gahlings, Ute (1996): Hermann Graf Keyserling. Ein Lebensbild. Darmstadt, S. 69.
3 Vgl. Reif, Wolfgang (1989): Exotismus im Reisebericht des frühen 20. Jahrhunderts. In: Brenner, Peter J. (Hg.): Der Reisebericht. Die Entwicklung einer Gattung in der deutschsprachigen Literatur. Frankfurt/M. 1989, S. 448.
4 Vgl. Ebd., S. 448f.
5 Vgl. Ebd., S. 448.
6 Vgl. Gahlings: Hermann Graf Keyserling. Ein Lebensbild, a.a.O., S. 68f. 2
Österreichischen Monatsschrift für den Orient für den Herbst 1914 angekündigt gewesen war. 7
Der Titel DRTP legt die Form eines Tagebuches nahe. Die Form des Tagebuchs ermöglicht es dem Autor, in lockerer Reihenfolge Impressionen, Reflexionen und sachliche Informationen gemischt anzugeben. Dieser Formenbestimmung widerspricht allerdings der zeitliche Abstand von bis zu sieben Jahren, in welchem das Werk geschrieben wurde. Ferner fehlt eine genaue Datierung der einzelnen Stationen, wie sie in einem klassischen Tagebuch üblich wäre. Der Aufbau folgt vielmehr geographischen Leitmustern: Mehrere Kapitel, mittels Ortsüberschriften („CONJEEVĀRĀM“ 8 ) gegliedert, werden kontinental („V. CHINA“ 9 ) oder als Zwischenreisen („VII. NACH DER NEUEN WELT“ 10 ) zusammengefasst. Einige Kapitel werden vermutlich aufgrund ihrer Länge in mehrere Abschnitte unterteilt. Bereits in seiner Vorbemerkung bittet Keyserling den Leser, DRTP „zu lesen wie einen Roman.“ 11 Das Werk stelle eine „innerlich zusammenhängende Dichtung dar.“ 12 . Allerdings fehlen für einen Roman und auch für eine Reisebeschreibung überzeugende Momente der Beschreibung und der Stimmung, wie Brenner feststellt. 13 Der Darstellung, bei dem DRTP handele es sich um einen objektiven Reisebericht, widerspricht Keyserling während seines Indienaufenthaltes selbst: „Ist es richtig, was ich hier niederschreibe? - Betrachtungen dieser Art sind niemals ‚richtig‘, aber sie können wahr sein dem Sinne nach, und das ist mehr.“ 14 Zudem hat Keyserling seinem Werk ein sehr ausführliches Register angefügt. Diese zweiten Überschriften geben einen inhaltlichen Überblick. Die einzelnen Essays haben sehr vielfältige Topoi. Das entspricht der Formenbeschreibung Brenners als essayistisch-darlegend. 15
Innerhalb eines Kapitels folgt der Aufbau oftmals dem Muster, konkrete Sinneseindrücke kurz darzustellen, um über philosophische Reflexion zu einem allgemein umfassenden Sinn zu kommen. Als Beispiel kann Keyserlings Betrachtung des indischen Tanzes in Tanjore herangenommen werden: Er betrachtet mehrere Stunden lang Tänzerinnen des Tempels vor Ort. Nach zwei Sätzen, die ins Kapitel einführend den Tanz beschreiben, wird er sofort abstrakt, abstrahiert indem er auf eine Erzählung eines anderen Zuschauers verweist, der es viele Stunden lang aushielt zuzusehen. Seine weiter führende Beschreibung geht nicht ins Detail. Es folgt der Vergleich des indischen Tanzes mit dem der Europäer, und schnell
7 Vgl. Gahlings: Hermann Graf Keyserling. Ein Lebensbild, a.a.O., S. 104f.
8 DRTP I, S. 123.
9 DRTP II, S. 429.
10 Ebd., S. 691.
11 DRTP I, S. XXX.
12 Ebd., S. XXX.
13 Vgl. Reif: Exotismus im Reisebericht des frühen 20. Jahrhunderts, a.a.O., S. 450 f.
14 DRTP I S. 63.
15 Vgl. Reif: Exotismus im Reisebericht des frühen 20. Jahrhunderts, a.a.O., S. 450. 3
kommt er gar auf den „Sinn des indischen Tanzes, […] der aller indischen Gestaltung überhaupt zugrunde liegt.“ 16 Es besteht zwischen den Themen Keyserlings und dem von ihm beschriebenen geographischen Raum höchstens eine lockere Verbindung. 17 Im Vorwort erklärt Keyserling, „daß (sic) das Faktische mir nirgends Selbstzweck, sondern überall nur Ausdrucksmittel ist für einen Sinn; welcher unabhängig von ihm besteht.“ 18 Das Faktische, also etwa Landschaftsbeschreibungen oder Reiseverkehrsmittel, spielen bei Keyserling nur eine marginale Rolle.
In dem Vorwort zur achten Auflage des DRTP stellt Keyserling klar, dass „der Osten nur Weg, niemals Ziel“ 19 war. Er ärgert sich darüber, dass das Nachkriegsdeutschland ihn zeitweise als Propheten des Ostens betitelte. Zu dieser Äußerung passt auch der Untertitel des Werkes: „Der kürzeste Weg zu sich selbst führt um die Welt herum.“ 20 Dass der Weg ihn durch den Orient geführt habe, sei indes reiner Zufall. Keyserling bezweckt mit der Reise ein Weiterentwickeln des eigenen Ichs. Das gegenwärtige Europa langweilt ihn regelrecht, es bietet ihm keinerlei Möglichkeiten mehr auf, sich selbst zu verwirklichen. 21 So ist seine Motivation für die Weltreise weder Forschungstrieb noch Neugierde, sondern vielmehr „die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung.“ 22 Seine Methode ist es, zu versuchen, die jeweils anderen Sichtweisen nicht nur zu beschreiben, sondern sie gleichzeitig zu adaptieren um so neue Wirklichkeitsdimensionen des eigenen Ichs kennen zu lernen. Er vergleicht das mit der Unbedarftheit eines Kindes, welches jeden Tag etwas Neues lernen kann. Diese Methode hatte zuvor kein anderer Reiseschriftsteller so explizit angewendet. Sie ermöglicht es, innerhalb des kulturvergleichenden Modells weniger Unverständlichkeit oder Arroganz der europäischen auf die fernöstliche Sicht zu hegen. Keyserling versucht sich in die ihm bis dato fremde Kultur einzufühlen und anzuverwandeln:
„Wie sehr ich bereits Japaner bin! Ihre Sinne sind die meinigen geworden; wie selbstverständlich wende ich die Kategorien ihrer Ästhetik an, bemerke und beachte ich tausenderlei, was mir sonst niemals auffällt; vom Denker scheine ich mich ganz und gar zum Augenmenschen verwandelt zu haben.“ 23
Keyserling will also nicht nur beobachten, sondern er möchte sich die ihm auf der Reise bietenden Wahrnehmungsmöglichkeiten vielmehr aneignen, um seine Erfahrung weiter
16 DRTP I, S. 122.
17 Vgl. Ganeshan, Vridhagiri (1975): Graf Hermann Keyserling. In: Ders.: Das Indienbild deutscher Dichter um 1900. Dauthendy, Bonsels, Mauthner, Gjellerup, Hermann Keyserling und Stefan Zweig. Bonn 1975, S. 245.
18 DRTP I, S. XXX.
19 Hermann Graf Keyserling (1980): Das Tagebuch eines Philosophen. München, Wien, S.7.
20 Ebd. S. 5.
21 Vgl. DRTP I, S. 3ff.
22 Ebd., S. 5.
23 DRTP II, S. 632f. 4
auszubauen. Laut Kerstin Gernig werden Keyserling die Grenzen seines Ansatzes jedoch durch die vorgegebene kulturelle Individualität aufgezeigt. Dennoch stehe er oftmals über den damals üblichen rassenspezifischen Zuordnungen seiner Zeit. Beispielsweise sehe er in jedem Menschen die Möglichkeit zum Japanertum als eine unter vielen. 24 Allerdings hütet er sich gleichzeitig davor, mit der ihm nicht heimischen Kultur identisch zu werden. Er beschreibt sich selbst als Metaphysiker. Der Metaphysiker interessiert sich nicht für die Welt, wie sie ist, sondern vielmehr für die Möglichkeiten, die die Welt hergibt. Diese Erkenntniswege bleiben ihm in seinem Heimatort Rayküll vor der Reise verschlossen.
JAPAN
Hermann Graf Keyserling macht auf seiner Weltreise im Mai 1912 25 auch in Japan Station. Kerstin Gernig weist darauf hin, dass insbesondere die über zweihundertjährige Politik der Selbstabschließung Japans zu einem Kulturtransfer ganz eigener Art geführt habe. Der amerikanische Commodore Perry hatte Japan machtpolitisch in den Jahren 1853/1843 geöffnet und damit erst die Reisemöglichkeit in den „Fernen Osten“ erschlossen. Zuvor gab es nur wenige Veröffentlichungen über das Land, so dass die Fantasie über den Fernen Osten zusätzlich angestachelt wurde. Bereits in den 40er und 50er Jahren gab es eine große Orientbegeisterung, der im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts die Japanmode in ganz Europa folgen sollte. So wurden japanische Architektur, Gartenkunst, Druckgraphiken zu einer primär ästhetischen Strömung in Europa, unter dem Begriff Japonismus verallgemeinert zusammengefasst. Als Inspirationsquelle dienten den Künstlern Kunst und Reiseberichte, die europäische Japanreisende mitgebracht beziehungsweise verfasst hatten. 26 Eine Ausgangsposition für eine Reise, wie sie Keyserling gänzlich entspricht, da er sicherlich davon ausgehen kann, trotz des Studiums Facetten an sich selbst zu entdecken, welche ihm in Rayküll nicht zugänglich gewesen wäre.
Wie fremd er in Japan ist, zeigt sich daran, wie er von den Einheimischen wahrgenommen wird: Allein durch seine für okzidentale Verhältnisse enorme Körpergröße fällt Keyserling extrem auf. Zwei Mädchen durchbrechen die Andersheit des Fremden: sie schieben ihn an, um festzustellen, wie schwer er denn sei. 27 Eine interessante Konstellation: DRTP ist durchgehend aus der Ich- Perspektive beschrieben. An dieser Stelle beschreibt Keyserling nicht, wie er selbst die Fremde wahrnimmt, sondern wie die Fremde ihn selbst als Fremden wahrnimmt. Auf diese wechselseitige Beziehung des Reisenden wird an anderen Stellen
24 Vgl. Gernig, Kerstin (2003): Die Eingeweihten des Unbegreiflichen. Zur Topik in deutschen Japanreiseberichten. In: Schlesier, Renate und Ulrike Zellmann (Hrsg.:): Reisen über Grenzen. Kontakt und Konfrontation, Maskerade und Mimikry. Münster 2003, S.69.
25 Vgl. Gahlings: Hermann Graf Keyserling. Ein Lebensbild, a.a.O., S. 91.
26 Vgl. Gernig: Die Eingeweihten des Unbegreiflichen, a.a.O., S. 61f.
27 Vgl. DRTP II, S. 580. 5
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Anton Band, 2009, Verwandlung zum Zweck der Selbstfindung, München, GRIN Verlag GmbH
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