1. Einleitung
Dem Apostel der Deutschen wurde 2004 in ganz Deutschland gedacht, Anlass war der 1250. Todestag. Wie bei so einem Jubiläumsjahr üblich, erschien eine Vielzahl von Veröffentlichungen, die sich mit der Biografie, aber auch dem theologischen Erbe des Bonifatius auseinandersetzten. 1
Mit der Gestalt des Bonifatius befasst sich auch die vorliegende Arbeit. In einem ersten Punkt wird es um die Quellenlage gehen, die für das achte Jahrhundert von den Forschern als sehr glücklich bezeichnet wird.
Die Reichhaltigkeit der Überlieferung ist wohl ebenso wie die Faszination einer […] Widerspruch herausfordernden Persönlichkeit dafür verantwortlich, dass Bonifatius zu allen Zeiten das Interesse der Geschichtswissenschaften […] gefunden hat. 2 Dennoch gilt es bei der Auswertung der Quellen einige wichtige Punkte zu beachten, da nicht alle Quellen als gleichwertig qualitativ betrachtet werden können. 3 So gibt es politische Texte und auch der zeitliche Abstand zwischen dem Leben des Bonifatius und den Niederschriften ist zu beachten.
Danach begleitet diese Arbeit den Lebensweg des Bonifatius chronologisch, insofern die Quellen das zulassen. Seiner Kindheit und seiner Ausbildung in verschiedenen Klöstern Englands folgen - stets in strenger Abstimmung mit der römischen Kirchenleitung - seine Missionsreisen, auf denen der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt. Wie sieht ein Missionsalltag im achten Jahrhundert aus? Welchen Problemen und Schwierigkeiten begegnet ein Missionar? Das heute noch sehr bekannte Beispiel für Missionsarbeit des Bonifatius, die Fällung der Donareiche wird ebenso dargestellt wie seine einzelnen Karriereschritte innerhalb der Kirche vom einfachen puer oblatus beim Eintritt ins Kloster, bis hin zum päpstlichen Legaten für Germanien.
Auf die Reform der fränkischen Landeskirche, die Bonifatius in seinen letzten Lebensjahren angestrebt hat, wird in dieser Arbeit nicht näher eingegangen, auch sein Tod und das Nachleben des Bonifatius werden nur marginal im Rahmen des Schlussworts gestreift.
1 So zum Beispiel: Odenthal, Andreas/ Goebel, Bernd u.a. (Hgg.): Verspielen wir das Erbe des hl. Bonifatius? Theologische Betrachtungen aus Anlass seines 1250. Todestags (= Fuldaer Hochschulschriften 47), Frankfurt am Main 2005.
2 Wagner, S. 4.
3 Vgl. Ebd., S. 5.
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2. Quellenlage
Die erste Biografie des Bonifatius liegt uns laut Padberg schätzungsweise aus dem Jahr 768/778 vor. Die Biografie war eine Auftragsarbeit der Bischöfe Megingoz von Würzburg und Lul aus Mainz. Lul war geistiger Schüler des Bonifatius, dementsprechend war der uns als Willibald bekannte Autor abhängig von Informationen des Lul. Dieser zeichnete jedoch ein bestimmtes Bild des Bonifatius, aus Pietätgründen und vor allem, um seinen Machtanspruch als Mainzer Bischof durchzusetzen. Die Karolinger entfalteten immer stärker ihre Macht- um dem entgegenzuarbeiten, zeichnete Lul Bonifatius als Heiligen und damit auch ihn selbst in der Nachfolge des Bischof als Hüter dieses Erbes. 4 Bonifatius´ Lebensgeschichte des Williald wurde also von Anbeginn an als Hagiographie verfasst und dieser Gattung entsprechend vom Tode her konzipiert. 5
Einem Schüler von Bonifatius namens Sturmius widmet der vierte Abt des Kloster Fuldas eine Biografie. Hierin wird die enge Bindung, die Bonifatius an das Kloster empfand, beschrieben. Im 11. Jahrhundert entstand eine „Passio sancti Bonifatii“, die wohl auf älteren Quellen beruht. Neben der Akzentuierung der missionarischen Leistungen des Bonifatius stand hier die Vormachtstellung des Erzbistum Mainz in der Reichskirche im Zentrum der Schilderungen. 6
In der Reformationszeit wird Bonifatius nochmals für die unterschiedlichen kirchenpolitischen Vorstellungen instrumentalisiert. Protestantische Vertreter kritisieren seine Romhörigkeit, während die germanische Kirche zuvor aus ihrer Perspektive unabhängig war. Die katholische Kirche reagierte scharf mit Worten des Jesuiten Petrus Canisius: Luther wird als „Pest des Vaterlands“ proklamiert, mit ihm würden sich die Deutschen von ihrem Apostel Bonifatius abwenden. 7
Neben diesen ersten und weiteren späteren Biografien sind von und an Bonifatius um die 100 Briefe überliefert, die laut Wagner durch direkte und indirekte Charakterisierung viel über die Persönlichkeit des Bonifatius aussagen. 8 Für das Werk und Leben des Angelsachsen sind sie sicherlich die wichtigste Quelle. Mit Daniel von Winchester hielt Bonifatius einen regen freundschaftlichen Briefkontakt. Der Inhalt der großen Schreiben an die Päpste Gregor II., Gregor III. und Zacharias lässt sich nur noch über erhaltene Antworten der Päpste
4 Vgl. Padberg 2004, S. 34f.
5 Vgl. Padberg 2003, S. 19.
6 Vgl. Heiler, S. 52.
7 Vgl. Ebd., S. 52.
8 Vgl. Wagner, S. 4.
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rekonstruieren. 9 Padberg weist darauf hin, dass auch die Sammlung der Briefe unter der Kontrolle Luls stand und aus diesem Grund davon auszugehen ist, dass das „eine oder andere Schreiben anstößigen Inhalts unter den Tisch gefallen ist.“ 10
3. Kindheit, Erziehung
Geboren wurde Bonifatius laut Padberg um die Jahre 672 bis 675 vermutlich in der Nähe von Exeter im Südwesten Englands. Im Gegensatz zu seinem Geburtstag ist sein Todestag genau bekannt, denn dieser war für die mittelalterlichen Menschen wichtiger: der sogenannte „dies natalis“ stand für den erhofften Eintritt in die himmlische Welt. Seine Aussage, aus eher schlichten Verhältnissen zu stammen, ist vermutlich eine demütige Feststellung, die so nicht der Wahrheit entsprach. Seine Eltern verfügten über einigen Grundbesitz, in der näheren Verwandtschaft gab es zudem edles Blut. Seine Familie gehörte nicht zum Hochadel, aber immerhin zum niederen Adel der großbäuerlichen coerls, die über sich keinen höheren Herrn als den König hatten. 11
Sein Geburtsname Wynfreth - neben Wynfreth existieren vielerlei andere Schreibweisen wie beispielsweise Winfrith - ist etymologisch betrachtet ein typischer altenglischer zweisilbiger Name von Wyn (Freude) und freth (Friede). Bei der Namensgebung wurden vermutlich von seinen Eltern jeweils Elemente des Namens übernommen. 12
Cum enim primaevo puerilis aetatis decore multa ut solet maternae sollicitudinis cura ablactatus atque enutritus esset, magna nimirum dilectatione ceterorum postposita amore filorum adfectatus est a patre. Sed quia iam labentia cuncta animo subiecerat et aeterna magis quam praesentia cogitare disposuerat, cum esset annorum circiter quattuor seu quinque, Dei se servitio subiugare studivit multoque mentis conamine de monasteriali iguiter vita insudare et ad eam mentis cottidie nisibus anhelare. 13
Nachdem er also im frühesten Kindesalter, wie es zu geschehen pflegt, mit großer mütterlicher Sorge und Mühe entwöhnt und aufgezogen war, wurde er vom Vater in großem Wohlgefallen vor den anderen Söhnen ungemein bevorzugt. Weil er jedoch bereits von allem Vergänglichen seinen Geist abgewandt und mehr über Himmlisches als über Gegenwärtiges nachzudenken begonnen hatte, bemühte er sich, als er ungefähr vier oder fünf Jahre alt war, sich dem Dienste Gottes zu weihen und in starkem Geistesstreben angelegentlich nach dem Klosterleben zu trachten und dieses täglich mit allen Kräften seines Herzens zu erstreben. 14
9 Vgl. Heiler, S. 53.
10 Padberg 2004.
11 Vgl. Padberg 2003, S. 16.
12 Vgl. Ebd., S. 16.
13 Willibald nach Rau, S. 460.
14 Ebd., S. 461.
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So beschreibt Willibald in seiner Biografie das Streben des Jungen in das Klosterlebengleichzeitig dient diese Quellenangabe als Beispiel für die Gattung Hagiographie (s. 2.1.), denn es ist doch eher unwahrscheinlich, dass ein vierjähriger Junge von ganzem Herzen unbedingt in ein Kloster möchte und diesem Ziel alles Weitere hinten anstellt. Laut Padberg tritt Wynfreth vermutlich mit sieben Jahren als puer oblatus in das Kloster Exeter im westlichen Wessex ein. Seine Lebensgeschichte ist damit als diejenige eines Geistlichen vorherbestimmt. 15 Die Praxis, das Eltern ihre Kinder ins Kloster geben, war noch bis ins zwölfte Jahrhundert hinein üblich und stellte manche angehende Mönche vor einen Konflikt, denn die Oblation galt als unwiderruflich. Bonifatius jedoch bereitete die Oblation weniger Probleme, sein Lebensziel war das Leben eines Mönches. 16 Wahrscheinlich noch vor 700 wechselt Wynfreth mit Erlaubnis seines Abts nach einer gründlichen Prüfung der örtlichen Klöster in das Kloster Nursling, wo er von Abt Wynberht erzogen wird. 17
4. Karriere
4.1 Lehrer, Diplomat, Abt
Rund 35 Jahre hat Wynfreth im Kloster gelebt und dabei vielerlei Fertigkeiten erlernt: Mit der Bibel und den Werken der Kirchenväter machte er sich umfassend vertraut, lernte sie sogar teilweise auswendig, er verkündigte das Evangelium in seinen Predigten, erlangte kirchenrechtlichte Kenntnisse, wurde auf dem diplomatischen Parkett immer sicherer, lernte es, gehorsam zu sein und „nicht zuletzt das lebendige Bewusstsein des christlichen Absolutheitsanspruches, bestimmt von der universalkirchlichen Verbundenheit mit den römischen Päpsten als den Leitern der einen Christenheit.“ 18 All diese Fähigkeiten leitet Padberg aus Briefzeugnissen und weiteren, noch folgenden Lebensstationen des Bonifatius ab - so zitiert Bonifatius in seinen Briefen die Bibel beispielsweise oftmals aus dem Gedächtnis. 19 Wynfreth wurde aufgrund seiner Begabungen Leiter der Klosterschule in Nursling. Noch heute sind Lehrbücher von ihm erhalten, so unter anderem eine lateinische Grammatik, welche während des kompletten Mittelalters als Lehrbuch diente und eine Metrik, die sich mit Isidor von Sevillas Werk auseinandersetzte. 20 Seine Weihe zum Priester erfolgte
15 Vgl. Padberg 2003, S. 19f.
16 Vgl. Heinemeyer, S. 67f.
17 Vgl. Padberg 2003, S. 19f.
18 Padberg 2004, S. 37.
19 Vgl. Ebd., S. 37f.
20 Vgl. Heinemeyer, S. 68.
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Arbeit zitieren:
Anton Band, 2009, Die Missionierungsarbeit des Bonifatius, München, GRIN Verlag GmbH
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