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1 Zur Bedeutung von Biographien
Was bedeutet „Biographie“? Das Wort Biographie setzt sich zusammen aus den griechischen Wörtern bios (dt. Leben) und graphein (dt. malen, schreiben, zeichnen). Es meint daher alles, was über das Leben eines Menschen Auskunft gibt. Dabei variiert diese Auskunft sowohl in der Ausführung - eine Biographie kann beispielsweise schriftlich, fotographisch, künstlerisch oder audiovisuell dargeboten werden - als auch im Umfang. 1 Während man mit dem Adjektiv „biographisch“ alles bezeichnet, was vom Leben eines Individuums dokumentarisch belegt werden kann, bezeichnet das Substantiv „Biographie“ eine „künstlerisch-literarische und wissenschaftliche Darstellung eines individuellen Lebensverlaufs.“ 2 Eine besondere Form der Biographie stellt die Hagiographie dar, die sich dem Leben eines Heiligen widmet 3 und somit eine „genuin christliche Literaturgattung“ darstellt. 4 Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Biographien wird wiederum als „Biographik“ bezeichnet. Die Auseinandersetzung mit individuellen Lebensverläufen kann dabei von literatur-, geschichts- oder humanwissenschaftlicher Natur sein. 5
Biographien sind heutzutage aus der Literatur nicht wegzudenken. Es gibt „kaum eine Bestsellerliste, auf der sich keine Biographie findet.“ 6 So zeigt ein Blick auf die Bestsellerliste 51/2008, die www.buchreport.de im Auftrag des SPIEGEL erhob, dass sich in der Kategorie Taschenbuch elf, in der Kategorie Hardcover sogar achtzehn Biographien unter den fünfzig bestverkauften Büchern der letzten Wochen befinden. 7 Biographien stehen „hoch im Kurs“. 8 Gerade für Jugendliche können Biographien von großer Bedeutung sein, denn Jugendliche eifern Vorbildern und Idolen nach, mit deren Biographie sie sich sowohl bewusst als auch unbewusst auseinandersetzen. Dies war im 20. Jahrhundert jedoch nicht immer so. Studien zeigen auf, dass die Zahl der Jugendlichen, die sich an einem Vorbild orientieren, seit 1955 stetig abnahm. Erst in den letzten 12 Jahren stieg diese Zahl wieder an. 9
1 vgl. Lindner (2007), 41.
2 ebd., 42 f.
3 Nahmer (1994), 3.
4 Prinz (2002), 49.
5 vgl. Lindner (2007), 47-55.
6 ebd., 29.
7 http://www.buchreport.de/bestseller.htm
8 Lindner (2007), 30.
9 Mendl (2005), 13.
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Aus Biographien kann man lernen. Im Folgenden will sich diese Arbeit mit der Frage auseinandersetzen, wie sich biographisches Lernen entwickelte, was es heute bedeutet und wie es im Religionsunterricht umgesetzt werden kann. Dazu sollen zwei Konzepte vorgestellt werden: Der biographisch akzentuierte Zugang zu einem kirchengeschichtlichen Religionsunterricht von Konstantin Lindner und das Lernen an (außer-)gewöhnlichen Biographien von Hans Mendl.
2 Biographisches Lernen allgemein
2.1 Abriss der Geschichte biographischen Lernens
Michael Linke und Reinhard Zabel nennen biographisches Lernen im Zusammenhang mit dem Religionsunterricht zum ersten Mal 1982, ohne dies weiter zu konkretisieren. 1987 stellt Peter Biehl den biographischen Ansatz in den Kontext der Religionspädagogik. 10 Das biographische Lernen außerhalb der Religionspädagogik ist jedoch älterer Natur.
Biographisches Lernen anhand von Vorbildern oder Modellen ist eine Lernform, die man bereits in der Antike zu schätzen wusste. Hierbei ist die Unterscheidung beider Begriffe zu beachten: Ein Vorbild ist „eine Person, die wegen ihrer besonderen Eigenschaften oder moralischen Handlungen zum persönlichen Leitbild erwählt wird.“ 11 Der Begriff Modell grenzt sich „von der unreflektierten Nachahmung großer Vorbilder ab“, denn „die kritische
10 vgl. Lindner & Stögbauer (2005), 137.
11 Mendl (2005), 39.
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Auseinandersetzung mit Lebensentscheidungen des Modells [...] soll zum reflektierten eigenen Handeln befähigen.“ 12 Im Christentum wird vor allem Jesus Christus zum nachahmenswerten Vorbild, dem Christen ein Leben lang nachstreben. Mit der Aufklärung wendet sich das biographische Lernen zum ersten Mal von großen Vorbildern ab und richtet die Aufmerksamkeit auf das Vorbildpotenzial des Lehrenden. In der weiteren Entwicklung des biographischen Lernens werden jedoch auch andere Vorbilder für die Erziehung Lernender genutzt. 13
Nach dem Dritten Reich wird das „‚Lernen an Vorbildern‘ [...] mit einem blinden Nachahmungslernen gleichgesetzt und als solches selbstverständlich desavouiert.“ 14 Leitbilder werden im Rückblick auf das Dritte Reich äußerst negativ bewertet, zumal Vorbilder als „peinliche Überbautypen“ 15 angesehen werden. Die „kritische Leitbilddebatte aus den 60er und 70er Jahren“ 16 führt schließlich dazu, dass sowohl Vorbild-Thematik als auch das daraus resultierende Lernen immer weniger berücksichtigt werden. Noch „in neueren religionspädagogischen Standardwerken wird das Thema höchstens randständig behandelt.“ 17 Doch wie bereits anhand der oben gezeigten Grafik dargestellt, gibt es heute eine Renaissance der Vorbilder. 18 Das Vorbild- beziehungsweise das Modelllernen erfährt eine neue Bedeutung, die im weiteren Verlauf der Arbeit näher beleuchtet werden wird.
Darüber hinaus interessiert sich die Pädagogik seit den 1980er Jahren im Bereich der Erwachsenenbildung für das biographische Lernen. Hierbei steht „die persönliche Lebensgeschichte im Zentrum des Lerngeschehens." 19 Es entwickeln sich zwei große Hauptrichtungen: „biographisches Lernen als die Aufarbeitung der eigenen Lebensgeschichte [...] und als Reflexionsprozesse, die sich durch das Beziehen von Sachinhalten auf das eigene Leben ergeben.“ 20
Seit dieser Zeit wächst auch das Bewusstsein für den zunehmenden Individualisierungsprozess: Vorgegebene biographische Muster gelten nicht mehr. 21 „Die klassische Dreiteilung des Lebens in eine Lernphase der Jugend, eine Arbeitsphase im mittleren Lebens-
12 ebd.
13 vgl. Lindner (2007), 87f.
14 Mendl (2002), 268.
15 Lenz, (1973), 45.
16 Mendl (2002), 268.
17 ebd.
18 ebd.
19 Lindner & Stögbauer (2005), 136.
20 ebd., 136f.
21 vgl. Lindner (2007), 95.
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abschnitt und eine Ruhephase im Alter“ 22 ist nahezu aufgehoben. So ist zum Beispiel die Scholarisierung der Arbeitsphase im Erwachsenenalter ein Phänomen der heutigen Zeit. 23 Auch nach der Ausbildungsphase sind Erwachsene mehr als früher gezwungen, sich ständig zur Sicherung ihres Arbeitsplatzes weiterzubilden. Die individuelle Biographie wird durch die Pluralisierung zu einem „offenen Curriculum“. 24 Die Aufgabe des Einzelnen ist es daher, das Leben selbst zu gestalten und dadurch eine eigene Biographie zu formen, sich stets mit der eigenen Vergangenheit auseinander zu setzen und daraus Konsequenzen für zukünftiges Handeln zu ziehen. Problematisch kann die Lebensgestaltung dort werden, wo die Bedürfnisse des Individuums mit denen der Gesellschaft in Berührung geraten, denn die eigene Biographie befindet sich immer zwischen den Kraftfeldern des Individuums und denen der Gesellschaft. „Zwischen beiden ist ein Ausgleich zu finden (und zwar nicht einmalig, sondern immer wieder), sodass die individuellen Interessen zu ihrem Recht kommen und zugleich das Sozialgefüge in seinem Bestand gewahrt bleibt.“ 25 Biographisches Lernen bietet hier die Chance, im Rahmen der Beschäftigung mit Biographien „Handlungsmöglichkeiten zu erkennen und umzusetzen.“ 26
2.2 Biographisches Lernen - an welcher Biographie?
Mit welcher Biographie soll sich nun der Lernende auseinandersetzen? Es besteht zum einen die Möglichkeit der autobiographischen Reflexion, zum anderen die Möglichkeit des Lernens an fremden Biographien.
2.2.1 Autobiographisches Lernen als transitorisches Lernen
Das Lernen an der eigenen Biographie hat seine Bedeutung vor allem in der Erwachsenenbildung. Hermann Buschmeyer bezeichnet mit dieser Form des biographischen Lernens „die Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte als produktive Verarbeitung des eigenen Lebens und ihre bewußte Aneignung.“ 27 Die Lernenden sollen in einer rückblickenden Reflexion die eigene Vergangenheit deuten und daraus Chancen und Handlungsräume für den weiteren Lebensweg entwickeln. „Ziel derartig konzipierten Lernens ist es letztlich, Identi-
22 Ziebertz (2005), 351.
23 Hopmann & Künzli (1995), 40.
24 Ziebertz (2005), 351.
25 Ziebertz (2005), 352.
26 ebd.
27 Buschmeyer (1990), 18.
Arbeit zitieren:
Lisa Brand, 2008, Biographisches Lernen im Religionsunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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