1. Johann Wolfgang von Goethe und die Kunstballade
Johann Wolfgang von Goethe beschäftigte sich schon recht früh mit dem Volkslied. Zwar waren die alten Volkslieder „in Goethes Jugend […] gerade unter den Gebildeten immer mehr in Vergessenheit geraten“ 1 , doch die Begegnung mit Herder 1770 in Straßburg hatte großen Einfluss auf ihn. „Herder öffnete Goethe die Augen für die Volkspoesie […]. Unter den Anregungen, die Herder ihm vermittelte, war die Idee des Volksliedes eine der folgenreichsten.“ 2 Goethe beginnt, Volkslieder so zu sammeln und aufzuzeichnen, wie er sie hörte.
Daß (sic!) Goethe besonders Balladen sammelte, war nicht nur begründet durch Percys Vorbild. Es hat anscheinend damals seiner eigenen Neigung entsprochen […]. Von der Volksballade ging Goethes
eigenes Balladenschaffen aus. 3
Der Höhepunkt des Balladenschaffens war das sog. „Balladenjahr“ 1797, als in wechselseitiger Anregung zahlreiche Balladen Goethes und Schillers entstanden. 4 Diese Balladen werden oft als „Werkstattarbeiten“ 5 bezeichnet. Die Volksballade hat sich damit zu einer Kunstform entwickelt. Goethe hat zweifellos zur Etablierung der Kunstballade beigetragen. Seine Bemühungen konzentrierten sich vor allem auf die Balladenproduktion. Glücklicherweise sind von Goethe jedoch nicht nur zahlreiche Balladen bekannt, sondern auch theoretische Überlegungen, an welchen seine Ansprüche und Forderungen an die Gattung der Ballade erkennbar werden. Ziel dieser Arbeit soll es sein, einzelne Forderungen Goethes an die Ballade auszuführen und in einem zweiten Schritt soll untersucht werden, inwieweit die Forderungen an diese Gattung in der eigenen Balladenproduktion zu finden sind.
2. Goethes Balladentheorie und deren Umsetzung in der Balladenproduktion Die Thesen im Aufsatz „Ballade. Betrachtung und Auslegung“ (MA, 505) 6 waren „nicht als selbstständige poetologische bzw. gattungstheoretische Äußerungen gedacht. Goethe verstand sie vielmehr als Kommentar zu seiner eigenen Ballade, die einfach nur den
1 Albert (1972), S. 8 f.
2 Ebd., S. 12.
3 Trunz (1958), S. 448 f.
4 Vgl. Träger (1977), S. 51.
5 Weißert, S. 78.
6 Im Folgenden beziehen sich in Klammer gesetzte Seitenzahlen, die mit MA gekennzeichnet sind, auf:
Johann Wolfgang von Goethe: Ballade. Betrachtung und Auslegung. In: Ders: Sämtliche Werke nach
Epochen seines Schaffens. Hg. von Gisela Schenkmann und Irmela Schneider. Bd. 13.1: Die Jahre
1820-1826. München: Hanser 1992, S. 505-507.
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Titel ‚Ballade‘ trägt.“ 7 Nun sollen einige dieser Thesen und Forderungen, die Goethe an die Ballade stellt, näher erläutert werden.
2.1. Goethes Forderungen an die Ballade
2.1.1. Lebendiges Ur-Ei
In der Betrachtung der Ballade hebt Goethe diese Gattung aus anderen hervor, „weil hier die Elemente noch nicht getrennt, sondern, wie in einem lebendigen Ur-Ei, zusammen sind“ (MA, 505) Er geht also davon aus, dass die Ballade eine Gattung ist, die in sich die drei großen Gattungen Epik, Lyrik und Dramatik vereinigt.
2.1.1.1. Metapher des Ur-Eis
Warum nutzt Goethe hier den Vergleich mit einem Ur-Ei? Im Ur-Ei scheinen Epik, Lyrik und Dramatik als Keimzellen angelegt zu sein. 8 Aus dieser Keimzelle entwickelt sich das Gedicht. Eine ebenso mögliche Antwort wäre ein Vergleich mit der Evolution, der „biologische(n) Entwicklung von Arten aus einer Urart.“ 9
Die genetische Frage, ob die Ballade eine nachträgliche Verschmelzung der vorher selbstständig vorhandenen drei Gattungen darstelle oder ob umgekehrt sich diese erst aus ihr entwickelt haben,
erscheint ebenso belanglos wie die Frage, ob zuerst das Samenkorn oder die Pflanze da war. 10
Für Goethe entstammt die Ballade also nicht aus einer einzigen Gattung, sondern sie vereint Epik, Lyrik und Dramatik gleichwertig in sich. Nur so ist es der Ballade möglich, „als herrlichstes Phänomen, auf Goldflügeln in die Lüfte zu steigen.“ (MA, 505)
2.1.1.2. Synthetische und analytische Gattungstheorie
Goethes Definition von der Ballade geht von „drei echte(n) Naturformen der Poesie“ 11 aus, „die klar erzählende, die enthusiastisch aufgeregt und die persönlich handelnde: Epos, Lyrik und Drama.“ 12 Die Ballade vereinigt in sich diese drei Naturformen, man kann also von einer integrativen und synthetischen Gattung sprechen. Braungart geht
7 Vgl. Braungart (1997) S. 6.
8 Vgl. Albert (2003), S. 308.
9 Komerell (1985), S. 314.
10 Albert (1972), S. 131.
11 Goethe (1976), S. 187.
12 Ebd.
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soweit zu sagen, dass die Ballade für Goethe offenbar das Potential zur völligen poetischen Synthese besitzt. 13 Darüber hinaus grenzt Goethe die einzelnen Gattungen voneinander ab. Ersichtlich wird dies zum Beispiel im Schluss seines Aufsatzes „Ballade. Betrachtung und Auslegung“, als Goethe erklärt, dass vielleicht ein anderer Schriftsteller seine Ballade aufgreift, „die lyrischen und dramatischen Punkte hervor(hebt) und […] die epischen in den Hintergrund“ drängt. (MA, 507) Gerade hier wird deutlich gemacht, dass zwar in der Ballade die drei Gattungen vereinigt werden, sie aber dennoch als drei voneinander abgegrenzte Elemente betrachtet werden müssen. So „entwickelt Goethe also sowohl eine analytische als auch eine synthetisierende“ 14 Definition dieser Gattung.
2.1.2. Mysteriöser Charakter
„Die Ballade hat etwas mysterioses (sic!) ohne mystisch zu sein; diese letzte Eigenschaft liegt im Stoff, jene in der Behandlung.“ (MA, 505)
2.1.2.1. Unterscheidung von mysteriös und mystisch
In diesem Zitat wird eine klare Abgrenzung getroffen zwischen dem Mysteriösen und dem Mystischen in der Ballade. Der Stoff der Ballade darf durchaus mystisch und somit übersinnlich sein. Nicht selten nutzt Goethe selbst übernatürliche Wesen in seinen balladesken Werken wie zum Beispiel „Die Braut von Corinth“, „die als Gespenst zu ihm (dem Jüngling, Anm. d. Verf.) kommt“ 15 oder die Wassernixe in „Der Fischer“. Die Ballade selbst darf jedoch nicht mystisch, sie muss mysteriös sein, das heißt, die Ballade muss geheimnisvoll sein. Es bedarf einiger Überlegungen, um zum Kern der jeweiligen Ballade zu vorzudringen.
2.1.2.2. Die Behandlung des Stoffes
„Auf die Behandlung des Stoffes kommt es […] an. Nur deshalb wirkt die Ballade noch ‚mysterios‘ (sic!), also geheimnisvoll, anziehend, vielleicht auch unheimlich, ohne es im Stofflichen noch wirklich zu sein.“ 16 Für Goethe muss der Stoff der Ballade so behandelt werden, dass der Leser in den Bann gezogen wird. Er soll angeregt werden, sich mit der Ballade zu beschäftigen. Nur so kann er zum Kern gelangen.
13 Vgl. Braungart (1997), S. 4.
14 Träger (1977) S. 53.
15 Herder (1984), S. 333.
16 Braungart (1997), S. 80.
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2.1.3. Intention und Vortragsabsicht
2.1.3.1. Wirkung auf den Leser
Die Ballade soll nicht nur unterhalten. Vielmehr soll sich der Leser mit der Thematik auseinandersetzen, um die Ballade in ihrer ganzheitlichen Aussage zu erfassen. Goethe selbst erkennt, dass diese Forderung häufig nicht umgesetzt werden kann. Seine „Ballade“ ist nur schwer verständlich, sodass er den Lesern bzw. den Zuhörern sogar „durch prosaische Darstellung zu Hülfe (sic!) […] kommen“ (MA, 506) muss. Goethe gesteht so ein, dass diese Forderung nur schwer umzusetzen ist. Zumindest hier scheitert er mit einer seiner Balladen, wie später noch näher erläutert werden wird.
2.1.3.2. Mündlichkeit der Ballade
Goethe stellt heraus, dass die Ballade eine Gattung darstellt, die Mündlichkeit fordert. Zum einen nennt er denjenigen, der die Ballade verfassen und vortragen soll, einen „Sänger“ (MA, 505) und setzt den Vortrag der Ballade in einen „sozialen Zusammenhang“ 17 , zum anderen deutet „der Refrain, das Wiederkehren ebendesselben (sic!) Schlußklanges (sic!)“ (ebd.) auf den mündlichen Vortrag hin, denn es geht Goethe „weniger um semantische Wiederholung, denn um eindringliche Wiederholung eines hörbaren Klanges.“ 18
„Wirken kann die Ballade nur im Vortrag […]. Nur in ihrer sozialen Realisierung wirkt sie.“ 19 Die Verbindung der Ballade zum Volkslied wird hier deutlich. Die Ballade soll vorgetragen werden, sie soll nicht im zurückgezogenen Privatbereich gelesen werden. „Der Zuhörer kann sich nicht absondern, oder er versteht es einfach nicht […]. Das gelesene Dichterwort macht dagegen den Leser frei, abzuschweifen, vor- und rückzublättern […] usw.“ 20 Die Forderung nach Mündlichkeit ist nicht weiter verwunderlich, denn Goethe entwickelte seine Kunstballade aus einer langen Beschäftigung mit dem Volkslied heraus. 21
17 Braungart (1997), S. 77.
18 Ebd., S. 79.
19 Ebd., S. 80.
20 Ebd., S. 77 f.
21 Vgl. Träger (1977), S. 51.
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Lisa Brand, 2007, Goethes Balladentheorie und deren Ansätze in der Balladenproduktion, München, GRIN Verlag GmbH
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