1. Hans Jonas’ Beschäftigung mit der Theologie nach Auschwitz
„Wer Hans Jonas von seinen natur- und technikphilosophischen bzw. ethischen Arbeiten her kannte, vermutete bei ihm nicht ohne weiteres ein theologisches und religions-historisches Interesse.“ 1
Hans Jonas ist vor allem bekannt für seine Tätigkeit als Philosoph. Er wuchs in Deutschland auf, emigrierte jedoch 1933 nach der Machtübernahme Hitlers. Er war also ein deutscher Jude, der direkt vom Dritten Reich betroffen war. Mit der Theodizeeproblematik beschäftigte er sich erst sehr spät, kurz vor seinem Tod. In der Einleitung einer Festrede anlässlich der Verleihung des Leopold-Lucas-Preises der Evangelisch-Theologischen Fakultät Tübingen 1984 erklärte er, warum er sich dazu entschlossen hatte, seinen Vortrag unter das Thema „Der Gottesbegriff nach Auschwitz. Eine jüdische Stimme“ zu stellen: Dorothea Lucas, die Frau Leopold Lucas’, wurde „nach Auschwitz weiterverschickt […], wo sie das Schicksal auch meiner Mutter teilte, da drängte sich mir unwiderstehlich dies Thema auf“ (7) 2 . Hans Jonas bekam sehr spät Kenntnis vom Tod seiner Mutter, erst nach dem Krieg kehrte er als Mitglied der britischen Armee für einen kurzen Aufenthalt nach Deutschland zurück. Zu diesem Zeitpunkt erfuhr er, dass auch seine Mutter nach Auschwitz deportiert und dort ermordet worden war. 3
Zwar sieht man einen biographischen Bezug zu Auschwitz, doch eigentlich wird „Auschwitz“ stets als Metapher angesehen werden. „Der zunächst geographisch einzu-ordnende Begriff tritt nun in […] den Zusammenhang einer welthistorischen Katastrophe. Die Metapher ‚Auschwitz’ steht für mehr als ein isoliertes Vernichtungslager.“ 4 „Auschwitz“ steht für das heutige Verständnis von „Schoah“, er umfasst die ganze Leidensgeschichte, die das jüdische Volk im nationalsozialistischen Deutschland ertragen musste.
2. Hans Jonas’ Gottesbegriff nach Auschwitz
In der oben genannten Festrede erklärt Hans Jonas, nicht an den „alten“ Gott glauben zu können. Er erhebt schwere Vorwürfe an ihn: „Kein rettendes Wunder geschah; durch
1 Henrix, 95.
2 Im Folgenden beziehen sich nachgestellte Seitenangaben auf: Hans Jonas: Der Gottesbegriff nach
Auschwitz. Eine jüdische Stimme. Frankfurt/Main 1987.
3 Vgl. Baum, 15.
4 Ammicht-Quinn, 197.
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die Jahre des Auschwitz-Wütens schwieg Gott.“ (41) „Und Gott ließ es geschehen. Was für ein Gott konnte es geschehen lassen?“ (13)
2.1. Jüdische Theodizee
Warum gibt es eigentlich Leid? Warum lässt Gott all das Leid, das in der Welt geschieht, zu? Diese Fragen scheint sich Hans Jonas nicht direkt zu stellen. Er reflektiert vor allem darüber, warum gerade Juden so viel Leid erdulden müssen. Seine Rede stellt Auschwitz in das Zentrum der Theodizee. Die Überlegungen können aber auf das ganze Problem der Theodizee ausgeweitet werden.
2.1.1. Das Leid der Juden
Der Holocaust stellt kein Einzelereignis dar, sondern bildet den Höhepunkt „tausendjähriger Leidensgeschichte“ (10), auf welche das Judentum vor allem in Europa zurückblicken muss. „Es [Auschwitz, Anm. d. Verf.] fügt in der Tat […] der jüdischen Geschichtserfahrung ein Niedagewesenes [sic!] hinzu.“ (14) Jonas erwähnt hier zudem, dass Juden im nationalsozialistischen Deutschland nicht wegen ihres Glaubens verfolgt wurden, sondern dass sie auf Grund der „Dehumanisierung“ (12) der Nationalsozialisten nicht als Menschen anerkannt waren. Warum waren gerade Juden, das auserwählte Volk Gottes, das große Ziel der Nationalsozialisten? Jonas sagt hier:
„Und doch - Paradox der Paradoxe - war es das alte Volk des Bundes, an den fast keiner der Beteiligten, Töter oder selbst Opfer mehr glaubte, aber eben gerade dieses und kein anderes, das unter der Fiktion der Rasse zu dieser Gesamtvernichtung ausersehen war: die gräßlichste [sic!] Umkehrung der Erwählung in den Fluch, der jeder Sinngebung spottete. Also besteht doch ein Zusammenhang - perversester Art - mit den Gottsuchern und Propheten von einst.“ (13)
Auf zynische Weise wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen der Auserwählung Gottes und dem Entschluss der Nationalsozialisten, alle Juden Europas zu töten.
2.1.2. Die Problematik der jüdischen Theodizee
Vor Auschwitz wurde das Theodizeeproblem mit verschiedenen Ansätzen zu lösen versucht, die für Jonas jedoch keine zufrieden stellende Antwort mehr liefern. Oftmals wurde früher das Leid mit der Untreue des Volkes Israel gegenüber Gott erklärt (vgl. 11). Der Frage nach dem Leid der Welt kann man jedoch nach Auschwitz so nicht mehr gerecht werden.
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Ein weiterer Lösungsversuch ist das jüdische Märtyertum, „Kiddusch-haschēm (Heiligung des Namens).“ (13) Im Märtyrertod konnte gezeigt werden, wie treu man zu Gott steht. „So gingen im Mittelalter ganze Gemeinden mit dem Sch’ma Jisrael, dem Bekenntnis der Einheit Gottes auf den Lippen, in den Schwert- oder Flammentod.“ (11) Das Erdulden von Leid war zwar auf der einen Seite Schmerz, auf der anderen Seite jedoch die Möglichkeit, seinen Glauben und seine Treue zu Gott zu bekennen. Weiterhin stellt die Theodizee für das Judentum ein größeres Problem dar als für Christen. „Denn für den Christen, der das wahre Heil vom Jenseits erwartet, ist diese Welt ohnehin weitgehend des Teufels und immer Gegenstand des Mißtrauens [sic!].“ (13 f.) Im Christentum kann also, so Jonas, selbst im Leid Trost erfahren werden, der Christ kann sich der Erlösung im jenseitigen Reich Gottes sicher sein. Für das Judentum aber ist „das Diesseits Ort göttlicher Schöpfung, Offenbarung und Erlösung“ 5 , es ist kaum vereinbar mit dem Leid der Juden im Dritten Reich.
Das Theodizeeproblem muss nach Auschwitz neu erörtert werden. Es greifen weder alte Lösungsversuche, noch scheint es für das Judentum möglich, die von Gott geschaffene Welt mit solchem Leid zu vereinbaren, es ist „mit den alten Kategorien nicht zu meistern.“ (14) Hans Jonas kommt zu folgendem Schluss: „Wer aber vom Gottesbegriff nicht ablassen will […], der muß [sic!] ihn neu überdenken und auf die alte Hiobsfrage eine neue Antwort suchen.“ (ebd.) Er entschließt sich, sein Gottesbild zu hinterfragen und findet für sich durch einen „selbsterdachten Mythos“ (15) zu einem neuen Gottesbegriff. Im Folgenden sollen der Mythos näher dargestellt werden, die Rolle Gottes und die des Menschen erläutert werden, und schließlich sollen im Abschluss dieser Arbeit kritische Fragen an Jonas’ Gottesbegriff gestellt werden.
2.2. Der selbsterdachte Mythos
Hans Jonas weiß selbst, dass sein „Gestammel“ (48) lediglich „ein Stück unverhüllt spekulativer Theologie“ (7) bietet. Er selbst kommt mit den alten jüdischen Glaubens-grundsätzen zu keiner Erklärung der Theodizee und entwickelt daher ein neues Konzept. Er will den Gottesbegriff zu verändern. Gott, „der Herr der Geschichte“ (14), muss neu gedacht werden. Das „heißt für ihn, bereits Gott den Schöpfer anders zu denken.“ 6
5 Henrix, 97.
6 Henrix, 97.
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Arbeit zitieren:
Lisa Brand, 2008, Theologie nach Auschwitz, München, GRIN Verlag GmbH
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