2
1 Die Haltung der katholischen Kirche zu Homosexualität
Der Katechismus der Katholischen Kirche macht die Einstellung zu Homosexualität deutlich: Zwar haben homosexuelle Männer und Frauen „diese Veranlagung nicht selbst gewählt“, doch sind diese Menschen „zur Keuschheit“ berufen, um sich „entschieden der christlichen Vollkommenheit an(zu)nähern.“ 1 Auch die Verlautbarung des Apostolischen Stuhls „Erwägungen zu den Entwürfen einer rechtlichen Anerkennung der Lebensgemeinschaften zwischen homosexuellen Personen“ erklärt, dass Homosexualität mittlerweile zwar gebilligt wird, aber nur unter der Prämisse, dass homosexuelle Partnerschaften nicht mit Ehe und Familie gleichgestellt werden. Die Kongregation für die Glaubenslehre erklärt, dass die Ehe nicht nur eine „beliebige Gemeinschaft von menschlichen Personen“ 2 ist, sondern eine Vorrangstellung innerhalb der Schöpfungsordnung einnimmt. Diese Exklusivität zeigt sich auch in der Würde des Ehesakraments. Homosexuelle Beziehungen dagegen würden „gegen das natürliche Sittengesetz verstoßen.“ 3 Begründet wird dieser Verstoß durch die fehlende Möglichkeit der Fortpflanzung, die der eigentliche Zweck von sexuellen Handlungen sei.
Die Einstellung, dass homosexuelle Menschen zwar keine Schuld an ihrer Orientierung tragen, aber dennoch gegen die natürliche Ordnung verstoßen, ist das einmütige Urteil der katholischen Tradition. 4 Es stellt sich jedoch die Frage, ob gegenwärtig nicht auch andere Positionen und Lehrmeinungen vertreten werden. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich daher mit Texten in aktuellen Lehrbüchern und Sammelbänden und dem Artikel „Homosexualität“ im Lexikon für Theologie und Kirche, um festzustellen, welche Tendenzen in der Diskussion um eine ethische Bewertung von Homosexualität heute erkennbar sind. Das Prädikat ‚aktuell‘ meint hier, dass alle untersuchten Texte nach 2000 erschienen sind.
Nun sollen zunächst die Thesen in den Aufsätzen „Gelingendes Leben in Ehe und Familie. Grundlagen der Sexualmoral“ von Klaus Arntz 5 und „Die sittliche Beurteilung der Homosexualität. Moralhistorische Anmerkungen zum christlichen Standpunkt“ von Josef Spindelböck 6 betrachtet werden. Darauf folgt die Untersuchung des Artikels „Homosexualität“ im LThK, wobei ein Augenmerk auf der Entwicklung des Artikels in den verschiedenen Auflagen des Lexikons liegen soll. Den Abschluss der Arbeit bildet ein theologischer
1 Katechismus 2358.
2 Kongregation für die Glaubenslehre, 6.
3 ebd., 7.
4 vgl. ebd., 7.
5 Arntz, 61-126, v.a. das Kapitel „VIII. Homosexualität“ (109-126).
6 Spindelböck, 168-178.
3
Neuansatz von Martin Steinhäuser, der sich dem Thema Homosexualität von der Schöpfungstheologie ausgehend erfahrungstheoretisch nähert. 7
2 Stellungnahmen in aktueller Literatur
2.1 Gemeinsame Tendenzen
In nahezu allen untersuchten Texten, von denen die beiden genannten lediglich beispielhaft vorgestellt werden, wird ein ähnliches wissenschaftlich fundiertes Schema deutlich: Es findet sich eine mehr oder wenig explizite Definition des Begriffs „Homosexualität“, gelegentlich wird zusätzlich das Problem aufgezeigt, das die Konstruktion des Homosexualitätsbegriffs nach sich zieht. Meist folgt eine Ausführung über ältere und aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse über die Entstehung von Homosexualität. Ein zentrales Element in allen theologisch-ethischen Texten ist die Beschäftigung mit biblischen Aussagen über Homosexualität, wobei sich die Texte allerdings in der Wertung und im Umgang mit den Bibelstellen - größtenteils wird der Apostel Paulus in Röm 1,24-32; 1 Kor 6,9-10 und 1 Tim 1,8-11 zitiert - unterscheiden. In der theologisch-ethischen Reflexion fällt auf, dass eine Menge offener Fragen bleiben, deren Klärung ausbleibt.
Viele der untersuchten Texte bewegen sich von den bekannten lehramtlichen Aussagen zu Homosexualität weg. Gerade die Forderung des Lehramts, ein Leben in Keuschheit zu führen, um homosexuelle Triebe zu unterdrücken, stößt in der theologisch-ethischen Reflexion auf Kritik. Die vorliegenden Texte stellen hier zwar selten Lösungen vor, öffnen sich aber anderen drängenden Fragen moderner homosexueller Lebenswelten, wie zum Beispiel die Frage nach einer angemessenen Pastoral.
2.2 Homosexualität aus Sicht von Klaus Arntz
Der Moraltheologieprofessor Klaus Arntz verfasste 2008 einen ausführlichen Artikel über Sexualmoral in Ehe und Familie. Darin ist ein umfassendes Kapitel über Homosexualität enthalten. Auch er eröffnet seine Abhandlung über gleichgeschlechtliche Beziehungen mit der
7 Steinhäuser, 68-85.
4
Frage nach Aussagen zu Homosexualität in der Bibel. Doch gleich zu Beginn konstatiert er: „Für die gegenwärtige ethische Bewertung der Homosexualität aus moraltheologischer Sicht können biblische Belegstellen nur eine eingeschränkte Bedeutung haben.“ 8 Er begründet dies damit, dass die Verse der Heiligen Schrift nur von Homosexualität zwischen Männern sprechen und dass zwar homosexuelle Praktiken verurteilt werden, eine Bewertung von homosexueller Neigung aber ausbleibt. 9 Darüber hinaus können biblische Aussagen über Homosexualität nur in ihrem historischen Kontext verstanden werden. So stehe zum Beispiel Röm 1,18-32 „im Zusammenhang mit einer prophetischen Gerichtsrede [...], in der Paulus die Schuldverfallenheit aller Menschen aufdeckt [...]. Für eine ethische Bewertung der Homosexualität reichen die biblischen Fundstellen allein offensichtlich nicht aus, da ihre eigentlichen Intentionen nicht in der moralischen Unterweisung aufgehen.“ 10
Dass in der heutigen Zeit immer unbefangener über Homosexualität gesprochen werden kann, liegt, so Arntz, vor allem in der Dekonstruktion und der Entpathologisierung des Homosexualitätsbegriffs, was sich in der gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung widerspiegelt. 11 In der Diskussion um eine ethische Bewertung von Homosexualität stehen sich zwei Standpunkte gegenüber: die Äquivalenztheorie fordert, dass „eine partnerschaftlich ausgerichtete Homosexualität [...] als eine der Ehe äquivalente Lebensform zu gelten“ 12 habe, da sich die individuelle Ausgestaltung der Sexualität auf das personale Selbstbestimmungsrecht berufen muss. Dem gegenüber bezeichnet die Asymmetriethese Homosexualität als ein ontisches Übel oder zumindest als ontische Nebenordnung, wobei allerdings betont wird, dass ontisches Übel nicht mit moralischem Übel gleichgesetzt werden darf. 13
Im Folgenden stellt Arntz beispielhaft zwei extreme Standpunkte im Kontext der theologischethischen Reflexion über Homosexualität vor: Die Prämisse der Heilbarkeit, die von der Kirche bevorzugt werden soll und die Forderung nach einer Theologie der Befreiung von kulturell aufgezwungenen Stigmatisierungen und Diskriminierungen. 14 „Die beiden Positionen dokumentieren die Schärfe, mit der nicht selten Diskussionen im Bereich der Sexualethik geführt werden.“ 15 Möglicherweise führt Arntz hier diese Beispiele an, um
8 Arntz, 110.
9 vgl. Arntz, 110 f.
10 Arntz, 110 f.
11 vgl. Arntz, 111 ff.
12 Arntz, 114.
13 vgl. Arntz, 115.
14 ebd.
15 Arntz, 115.
5
aufzuzeigen, welch großer Raum zwischen solchen Extrempositionen für eine ethische Diskussion geöffnet bleibt.
Auffallend ist in dieser Debatte die Differenzierung zwischen sexueller Handlung und Neigung. So akzeptiert beispielsweise die ökumenische Arbeitsgruppe ‚Homosexuelle und Kirche‘ sowohl Praxis als auch Neigung, während die Konferenz Bekennender Gemeinschaften der Evangelischen Kirchen Deutschlands jegliche Homosexualität als ethisch verwerflich ablehnt. Das katholische Lehramt lehnt homosexuelle Praktiken ab, toleriert aber homosexuelle Neigungen. 16 Ungeachtet der zahlreichen Differenzierungsmöglichkeiten fordert Arntz, auch für den Bereich der Homosexualität „die allgemeinen ethischen Kriterien der Sexualmoral“ 17 geltend zu machen. Dies beinhaltet das Personenprinzip, die Formulierung des Kategorischen Imperativs, der die Nichtinstrumentalisierung des Partners, den Schutz der Intimsphäre und ein Höchstmaß an Treue und Verbindlichkeit einschließt. 18
Das letzte Kapitel bietet einen Überblick über kirchenamtliche Erklärungen zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Festzuhalten ist hierbei, dass Arntz diese Verlautbarungen wertfrei zusammenfasst und seine Meinung zurückhält.
In seinem Artikel bietet Klaus Arntz einen Überblick über aktuelle Lehrmeinungen zu Homosexualität. Hierbei beschränkt er sich nicht nur auf die Wiederholung lehramtlicher Aussagen, sondern stellt auch Positionen dar, die sich nicht mit der kirchlichen Meinung decken. Er postuliert außerdem Voraussetzungen für eine ethische Diskussion um Homosexualität. Der Artikel endet allerdings ohne eine ethische Bewertung von Homosexualität bzw. ohne eine Diskussion um seine solche Wertung. Stattdessen beschließt Klaus Arntz seine Ausführung mit der offenen Frage, ob die von der Kirche „vertretenen Positionen eine sowohl theologisch-ethisch wie menschlich-pastoral angemessene Antwort auf die Fragen und Probleme der Menschen von heute“ 19 biete.
2.3 Josef Spindelböcks „Moralhistorische Anmerkungen“
Bereits in der Einführung seines Beitrags über „Die sittliche Beurteilung der Homosexualität. Moralhistorische Anmerkungen zum christlichen Standpunkt“, den Josef Spindelböck 2001
16 vgl. ebd., 116.
17 Arntz, 116.
18 vgl. Arntz, 116 f.
19 Arntz, 122.
Arbeit zitieren:
Lisa Brand, 2009, Homosexualität in der Literatur katholischer Moraltheologen, München, GRIN Verlag GmbH
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