Saftpressen, nimmt sich eine Geliebte, „nicht, weil andere im Geschäft auch eine hatten, das Geschäft hatte damit nichts zu tun, sondern, weil er auch gern einmal ein Mensch gewesen wäre mit allem, was dazugehört“ (S. 70). Mit minimalem Aufwand an Energie und Zeit widmet er sich diesem Verhältnis, in das er keine Gefühle investieren, für das er keine Ver-antwortung übernehmen will. Die Bedürftigkeit seiner Geliebten, ihr Hunger nach Liebe überfordert ihn. Abgespalten von seinem Leben konsumiert er ihre Liebe, die durch ihn hindurch fließt, ohne etwas in ihm zu verändern. Eingeordnet in eine Reihe von anderen Statussymbolen, wird diese Frau zu seinem persönlichen Besitz degradiert, ist sie für ihn weniger als ein Liebesobjekt. Als ihre Liebe für ihn zur Gewohnheit wird, lässt er sie fallen.
Die Liebesbeziehungen von Muschgs Figuren laufen ins Leere. Dies trifft vor allem für die frühe Phase seines Schaffens zu. Sie sind Fremdkörper in der Umgebung, in der sie leben, und scheitern an der inneren Unfähigkeit, sich selbst und dem Anderen ihre Bedürfnisse mitzuteilen. In der Erzählung Der blaue Mann, die als weiterer herausragender Text der achtundsechziger Jahre zu nennen ist, liegt diesem Scheitern eine psychische Verwundung in der Kindheit zugrunde. Der namenlose Protagonist dieser Ich-Erzählung hat in seiner Kindheit Geldmangel als traumatische Erfahrung internalisiert. Not und Armut bestimmen das Leben in seinem Elternhaus. Der existenzielle Zusammenbruch steht als permanente Bedrohung hinter einer mit wenig Frohsinn ausgestatteten Kindheit, so dass der Junge bereits bei der geringsten Unregelmäßigkeit ein Unglück erwartet, das „das bisschen Kinderhelle“ (S. 98) seines Lebens endgültig auslöschen würde. Angst und Ungewissheit dominieren die Realität seiner Kinderzeit, werden leiblich als Schmerz und Druck in der Brust erfahren und manifestieren sich in seinen Träumen von einstürzenden Wänden. Die so immer schon gedachte Katastrophe lässt ihn zu einem Menschen heranwachsen, der sich duckt, anpasst an seine Umgebung, damit das Unglück ihn nicht findet. Dennoch vermag er seinem Schicksal nicht zu entrinnen, als es ihm gegenüber tritt in Gestalt eines ärmlichen Straßenmusikanten. Die erneute Begegnung mit Armut und Elend triggert die alten Wunden und führt zum Verlust der Realitätsebene. Der Buchhalter steigert sich in paranoide Phantasien. Der Musikant, eine devote und schwache Gestalt, verwandelt sich für das erlebende Ich der Erzählung in einen Racheengel, dem die Macht zugestanden wird, das als unverdient empfundene Glück, Liebe und Ehe, die gesamte bürgerliche Existenz als Opfer zu fordern.
Muschg enttäuscht seine Leser, indem er täuscht, sich Eindeutigem entzieht, unterschiedliche Lesarten für seine Geschichten anbietet. Damit fügt er sich ein in die Szene
moderner Erzählliteratur. In der Fiktionalität seiner Erzählungen lässt er eine Welt entstehen, die mit der Realität, in der wir leben, meist nicht kompatibel ist. Vor allem Muschgs späte Erzählungen bilden Spielformen des Lebens ab, in denen die Protagonisten ungewöhnlichen Handlungsanweisungen folgen. Die anerzogenen psychischen Muster von Rückzug und Restriktion werden überwunden. Liebeserfüllung, statt Liebesverzicht, steht im Vordergrund der späten Prosa Muschgs. Dabei finden seine Protagonisten originelle Lösungsstrategien, um ihr Recht auf Leben, ihren Anspruch auf Liebe zu verwirklichen. Die Verfehlungen an den Partner sind nur vorübergehende und werden in Hingabe umgewandelt, die oftmals obsessiven Charakter hat: Ein Soldat erlebt die Erfüllung seines Lebens in einer einzigen Nacht mit seiner behinderten Lehrerin, als er sich von dem als Fetisch libidinös besetzten Ersatzteil ihres Körpers, ihrer Beinprothese, löst und in ihren Augen ihre Seele sucht (Abschiedsbrief an einen Lebensretter); Annemarie, die Frau eines Psychiaters, nimmt sich nach dreißig Jahren Trennung ihren Jugendfreund als Geliebten und erklärt sich nach seinem Tod als seine Witwe (Duende). Die entscheidende Zäsur, die zu einer ästhetischen Wende in Muschgs Werk führt, zeichnet sich Mitte der achtziger Jahre ab, markiert durch seinen Vortrag Psychoanalyse und
Manipulation 2 , den er im Jahre 1985 vor dem Psychoanalytiker-Kongress in Zürich hielt. In diesem Aufsatz, der wesentliche Aspekte von Muschgs Ästhetik freilegt, setzt sich der Autor mit der griechischen Mythologie auseinander. Mythen sind für ihn, ebenso wie für Freud, Darstellungsprinzipien für menschliches Handeln. Das Freud’sche Modell jedoch, das den Ödipus-Komplex als Grundmuster der menschlichen Sexualentwicklung postuliert, hält er für überholt. Die Psychoanalyse sei im Geist der Aufklärung geboren, ihr fehle die Körperlichkeit, die als kathartische Kraft Änderungen im menschlichen Verhalten bewirken könne. Muschg fordert daher einen Paradigmenwechsel der Mythen. Im Mythos des Orpheus, „der die Kunst [...], das schöpferische, das Bewusstsein verändernde Ausdrucksvermögen
zum Thema hat“ 3 , sieht er die Erfordernisse unserer postmodernen Gesellschaft abgebildet. Als unterscheidendes Kriterium beider Mythen stellt Muschg die Sinnlichkeit heraus, das lustvolle Vertrauen auf die Kräfte des Unbewussten, das den Mythos des Orpheus prägt, gegenüber den Kontrollinstanzen eines mit der Schuld des Inzests beladenen, körperfeindlichen Ichs, für das Ödipus steht. Orpheus vereine das Gegensätzliche in sich, seine Gestalt öffne sich für viele Deutungen.
2 Muschg, Adolf: Psychoanalyse und Manipulation - oder warum ich mit diesem Thema nicht fertig wurde. In: Manfred Dierks: Adolf Muschg. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1989. S. 293-318.
3 Muschg: Psychoanalyse und Manipulation. S. 305.
Arbeit zitieren:
Doktor der Philosophie Anne Dr. Meinberg, 2008, Liebesdiskurs in der Erzählprosa von Muschg, München, GRIN Verlag GmbH
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