1. Einleitung
Inhalt
1. Einleitung 2
2. Begriffsabgrenzung 5
2.1 Macht 5
2.2 Herrschaft 6
2.3 Gewalt 7
3. „Wallenstein“ 9
3.1 Zur Bedeutung von Schillers „Wallenstein“ 9
3.2 Wallensteins Ziele 10
3.3 Macht durch Belohnung 15
3.4 Macht durch Charisma 20
3.5 Macht durch Aufmerksamkeit 26
3.6 Machtstreben weiterer Charaktere in „Wallenstein“ 29
3.6.1 Gräfin Terzky 29
3.6.2 Octavio Piccolomini 30
3.6.3 Max Piccolomini 31
3.6.4 Buttler 31
4. „Maria Stuart“ 33
4.1 Zur Bedeutung von Schillers „Maria Stuart“ 33
4.2 Maria Stuarts Ziele 34
4.3 Macht durch Religion 35
4.4 Macht durch Schönheit 41
4.5 Machtstreben weiterer Charaktere in „Maria Stuart“ 46
4.5.1 Elisabeth 46
4.5.2 Mortimer 47
4.5.3 Leicester 48
5. Fazit 49
Literaturverzeichnis 51
Prim ärliteratur 51
Sekund ärliteratur 51
Quellen aus dem Internet 57
Abk ürzungsverzeichnis 58
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1. Einleitung
1. Einleitung
Georg Wilhelm Friedrich Hegel schrieb um 1800 über Schillers Drama „Wallenstein“: „Wenn dies Ganze ein Roman wäre, so könnte man fordern, das Bestimmte erklärt zu sehen, - nämlich dasjenige, was Wallenstein zu dieser Herrschaft über die Menschen gebracht hat.“ 1 Hegel greift hier einen interessanten Aspekt des Stücks heraus, denn Wallensteins Vermögen, Menschen zu beeinflussen, ist einer der wesentlichen Faktoren, die den Handlungsverlauf des Dramas bestimmen. Dieses Vermögen ist ein Aspekt, der bei einem weiteren Stück von Schiller ins Auge sticht, nämlich bei „Maria Stuart“. Dessen Hauptfigur Maria scheint selbst als Gefangene Elisabeths oft mächtiger zu sein, als ihre Kontrahentin.
Mit diesen beiden kontrovers diskutierten literarischen Figuren setzt sich die folgende Arbeit auseinander und nimmt dabei Bezug auf postmoderne Theorien über Macht und Michel Foucaults Aussage, dass Macht innerhalb menschlicher Interaktion, vor allem bei Gesprächen, konstruiert wird. 2 Dies wurde in ähnlicher Form bereits in der Antike konstatiert: So schrieb Aristoteles, dass Macht sich erstens über Sprache artikuliert und zweitens mit jeder sprachlichen Äußerung manifestiert wird. 3 Im Folgenden werde ich Handlungen und Aussagen untersuchen, die innerhalb der Dramen Macht herstellen. Da das Drama als eine Erzählform gilt, in der „ein Konflikt […] durch die beteiligten Personen in Dialogen oder Monologen […] dargestellt wird“, 4 es also im Wesentlichen aus Sprechakten besteht, ist es eine Textform, die sich stark anbietet, um zu analysieren, wie Macht konstruiert wird.
Welche literarische Figur käme besser in Frage, um die Konstruktion von Macht zu verdeutlichen, als Wallenstein, der sich vom einfachen Pagen zum mächtigen Feldherren und Herzog hochgearbeitet hat? Ein Gegenmodell hierzu bilden die Königinnen Maria und Elisabeth, denn sie besitzen im Grunde von Geburt an Macht. Jedoch üben die beiden Regentinnen einen unterschiedlichen Umgang mit ihr aus und haben sie bereits in ihrer Kindheit auf verschiedene Weise erfahren. Maria wurde schon in der Wie- 1 Hegel,Georg Wilhelm Friedrich: Über Wallenstein. In: Schillers Wallenstein. Hrsg. von Fritz Heuer und Werner Keller. Darmstadt 1977, S. 16.
2 Vgl. Foucault, Michel: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin 1978, S. 26.
3 Vgl. Hetzel, Andreas: Figuren der Selbstantizipation. Zur Performativität der Macht. In: Macht. Begriff und Wirkung in der politischen Philosophie der Gegenwart. Hrsg. von Ralf Krause und Marc Rölli. Bielefeld 2008, S. 135.
4 [Art.] Drama. In: Der Brockhaus Literatur. Schriftsteller, Werke, Epochen, Sachbegriffe. Redaktion: Eva B. Bode, Christa Jordan, Rainer Klähn u. a. 2., völlig neu bearbeitete Auflage. Mannheim 2004, S. 192.
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1. Einleitung
ge gekrönt, 5 wohingegen Elisabeth einen steinigen Weg zur Herrschaft zurücklegen musste. Die Königinnen haben eine ambivalente Beziehung zu Macht und Herrschaft, denn beide mussten deswegen in Gefangenschaft leben. Elisabeth wurde in ihrer Jugend von ihrer Halbschwester, die ebenfalls Maria hieß, in einem Turm festgehalten, da diese Angst hatte, die Schwester könne die englische Krone erlangen. 6 Als Schillers Elisabeth-Figur schließlich an der Macht ist, nimmt sie Maria Stuart mit einer rechtlich zweifelhaften Begründung gefangen und lässt sie unter anderem wegen ihres möglichen Anspruchs auf die Herrschaft in England hinrichten.
Schillers Perspektive auf Macht und Herrschaft war wesentlich geprägt durch seine Betätigung als Historiker. Der Geschichtsprofessor verfasste unter anderem von 1791 bis 1793 die „Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs“, wobei er besonders religionspolitische Aspekte betonte. 7 Bei seiner langjährigen Beschäftigung mit Themen, die mit Macht und Herrschaft verknüpft waren, wurde er sich der Verführbarkeit des Individuums durch Macht bewusst. 8 Diese Erkenntnis schlug sich in den Dramen „Wallenstein“ und „Maria Stuart“ nieder.
So ist nicht nur die Beziehung der beiden Königinnen zu Macht ambivalent, auch Wallensteins Umgang mit ihr hat Schattenseiten. Ob der Feldherr stetig darauf hinarbeitet, seinen Einfluss zu vergrößern, um einen europäischen Frieden herzustellen, ist fraglich. Bei einer näheren Betrachtung des Charakters stellt sich eher die Frage, ob er nicht vielmehr ihrer selbst willen nach Macht strebt und eine Art Sklave der Macht ist. Konflikte wie dieser plagten nicht nur Persönlichkeiten zu Wallensteins Zeiten, sondern stellen seit jeher ein Problem dar, das nie seine Aktualität eingebüßt hat. Dass der Besitz von Macht sich im Laufe der Zeit zur Besessenheit ausweiten kann, zeigt sich nicht nur in der Literatur, etwa in Dramen wie William Shakespeares „Macbeth“ (1606), sondern ist auch immer wieder Thema der politischen Philosophie. Propagierte Thomas Hobbes mit dem Leviathan noch ein Alleinherrscher-Modell, erlangte im Laufe der Zeit die Begrenzung und Einschränkung von Macht zunehmend an Wichtigkeit. John Locke forderte im 17. Jahrhundert die Staatsgewalt in Legislative und Exekutive zu trennen, welche zur Aufgabe haben sollten, die Freiheit und Gleichheit jedes Bürgers zu schützen. Charles-Louis de Montesquieu (1689-1755) plädierte schließlich für die Unterteilung in
5 [Art.] Maria Stuart. In: Brockhaus Enzyklopädie. Redaktionelle Leitung: Annette Zhwar. Band 17. Mannheim 2006, S. 675.
6 Vgl. Popp, Hansjürgen: Friedrich Schiller. Maria Stuart. 5. Auflage. Stuttgart 2008, S. 68.
7 Vgl. Meise, Helga: „Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs“ (1791-1793). In: Schiller-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Hrsg. von Matthias Luserke-Jaqui. Stuttgart 2005, S. 331.
8 Vgl. Kommerell, Max: Schiller als Psychologe. In: Geist und Buchstabe der Dichtung. Goethe - Kleist -Hölderlin. Hrsg. von Max Kommerell. Tübingen 1940, S. 122.
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1. Einleitung
Exekutive, Legislative und Judikative, da der Mensch grundsätzlich zu Machtmissbrauch neige.
Auch in „Maria Stuart“ spielen der Erhalt von Macht und ihr Missbrauch für persönliche Ziele eine Rolle, am ehesten verdeutlichen dies Graf Leicester und Elisabeth. Das Stück über die beiden Regentinnen verdeutlicht außerdem, dass Macht und Herrschaft im elisabethanischen Zeitalter nicht besonders konstant waren und ihr Besitzer aktiv darauf hinwirken musste, sie zu bewahren. Der Versuch, Macht und Herrschaft aktiv zu erhalten, ist einer, der nicht an Aktualität verloren hat und auch in einer Demokratie das Handeln vieler Politiker beherrscht.
Die vorliegende Arbeit ist ein Versuch, Hegels indirekter Frage nachzugehen und durch eine genaue Textarbeit „das Bestimmte erklärt zu sehen“. So lauten die Fragen, denen ich nachgehen möchte: Wie konstruieren die Hauptfiguren in diesen beiden bedeutsamen Dramen ihre Macht? Welche Faktoren sind hierbei ausschlaggebend? Im Folgenden werde ich zunächst die für meine Arbeit zugrunde gelegten Begriffe von Macht, Herrschaft und Gewalt definieren und voneinander abgrenzen. Anschließend möchte ich textanalytisch vorgehen und untersuchen, mit Hilfe welcher Faktoren die Protagonisten beider Dramen, Wallenstein und Maria Stuart, Macht konstruieren. Außerdem werde ich in zwei Kapiteln den Umgang mit Macht anderer wichtiger Charaktere analysieren. Schlussendlich möchte ich die die theoretischen Einlassungen über Macht, welche in den beiden Stücken gemacht werden und einer differenzierten Betrachtung unterziehen.
2. Begriffsabgrenzung
2. Begriffsabgrenzung
2.1 Macht
Das Wort „Macht“ ist eine Verbalabstraktion des gotischen „magan“, was so viel wie „können“ oder „vermögen“ bedeutet. 9 Die heute vorherrschende Definition von „Macht“ stammt von Max Weber und lautet wie folgt: „Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichwohl worauf diese Chance beruht.“ 10 Bei meinen Betrachtungen möchte ich mich vor allem auf den Aspekt „Chance innerhalb einer sozialen Beziehung“ konzentrieren und zeigen, dass Macht etwas ist, das bei menschlicher Interaktion entsteht.
Wie bereits in der Einleitung erwähnt, geht Aristoteles davon aus, dass Macht bei Sprechakten hergestellt wird. 11 Michel Foucault benennt später die „sich aus dem Spiel der Aussagen ergebenden Machtwirkungen“. 12 Heike Käpf schreibt unter Bezugnahme auf Foucault von „Macht als wandelbare[m] und erfinderische[m] Konstruktionsprinzip“. 13 Foucault betrachtet Macht als etwas, das sich nicht nur repressiv auswirkt, 14 sondern auch eine produktive Dimension hat. 15 Sie ist ein Netz, das alles durchzieht und keineswegs nur an vereinzelten Orten vorhanden ist. 16 Dabei sind Machtbeziehungen nicht nur einseitig, sondern in der Regel umkehrbar. 17 Zudem verbreitet sich Macht laut Foucault aufgrund von Zielsetzungen und Absichten. 18 Ihm zufolge ist es stets auch Bestandteil von Macht, dass es Widerstand gegen sie gibt. 19 Wesentliche Grundlagen bei der Entwicklung von Macht sind dem amerikanischen Sozialwissenschaftler Bertram H. Raven zufolge Macht durch Belohnung und Macht
9 Vgl. Faber, Karl-Georg: Macht, Gewalt. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hrsg. von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck. Band 3. Stuttgart 1982, S. 836.
10 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. 5., rev. Auflage. Tübingen 1972, S. 28.
11 Vgl. Hetzel, Andreas: Figuren der Selbstantizipation. Zur Performativität der Macht. In: Macht. Begriff und Wirkung in der politischen Philosophie der Gegenwart. Hrsg. von Ralf Krause und Marc Rölli. Bielefeld 2008, S. 135.
12 Foucault, Michel: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin 1978, S. 26.
13 Käpf, Heike: Die gesellschaftskonstruierende Dimension der Macht. Zum Verhältnis von Wissen, Macht und Recht in Foucaults Genealogie der modernen Gesellschaft. In: Macht. Begriff und Wirkung in der politischen Philosophie der Gegenwart. Hrsg. von Ralf Krause und Marc Rölli. Bielefeld 2008, S. 87.
14 Vgl. Foucault, Michel: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin 1978, S. 35.
15 Vgl. ebd., S. 34.
16 Vgl. ebd., S. 35.
17 Vgl. Ruffing, Reiner: Michel Foucault. Paderborn 2008, S. 57.
18 Vgl. Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt am Main 1983, S. 116.
19 Vgl. ebd.
5
2. Begriffsabgrenzung
durch Zwang. 20 Weitere Mittel, mit deren Hilfe Macht konstruiert werden kann und auf die im Rahmen dieser Arbeit eingegangen wird, sind Charisma, Aufmerksamkeit, demonstrative Religionsausübung und Schönheit.
2.2 Herrschaft
„Herrschaft“ bezeichnet eine institutionalisierte Art (und Weise) der Machtausübung beziehungsweise der sozialen Über- und Unterordnung. 21 Der Begriff stammt von dem althochdeutschen Adjektiv „hehr“, das unter anderem „erhaben“, „herrlich“, „grauhaarig“ und „ehrwürdig“ bedeutet. 22 Außerdem lehnt es sich an das Wort „hêrro“ aus dem siebten Jahrhundert an, was den Hoch- oder Höchstgestellten bezeichnete. 23 Die etymologische Provenienz zeigt auf, dass mit dem Begriff Charaktereigenschaften einhergehen, dass es sich aber auch um eine Position handelt, die eine Person in die Lage versetzt, auf eine Gruppe Einfluss auszuüben. Im Mittelalter bezog sich Herrschaft stets auf einen bestimmten Herrn, etwa den Dorfherrn, Gerichtsherrn oder Landesherrn. 24 Ab dem 18. Jahrhundert wurde der Begriff depersonalisiert und bekam eine metaphorische Dimension. Der Ausdruck „Herrschaft“ wurde ab dem 19. Jahrhundert zunehmend negativ belegt und durch „gesetzmäßige Verwaltung“ oder „verfassungsmäßige Regierung“ ersetzt. 25 Heute wird der Herrschafts-Definition von Max Weber am meisten Beachtung geschenkt: 26 „Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden“. 27 Dadurch, dass sich Herrschaft in ausgeführten Befehlen äußert, ist ihr Bestehen leichter erkennbar, als das Vorhandensein von Macht.
20 Vgl. Raven, Bertram H.: Social Influence and Power. In: Current Studies in Social Psychology. Hrsg. von Ivan D. Steiner und Martin Fishbein. New York 1965, S. 373.
21 Vgl. [Art.] Herrschaft. In: Brockhaus Enzyklopädie. Redaktionelle Leitung: Annette Zhwar. Band 12. Mannheim 2006, S. 364.
22 Vgl. [Art.] Herrschaft. In: Duden. Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. Hrsg. von Matthias Wermke, Kathrin Kunzel-Razum und Werner Scholze-Stubenrecht. 4., neu bearbeitete Auflage. Mannheim 2007, S. 336.
23 Vgl. [Art] Herrschaft. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hrsg. von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck. Band 3. Stuttgart 1982, S. 6.
24 Vgl. ebd., S. 2.
25 Vgl. ebd., S. 3.
26 Vgl. [Art.] Herrschaft. In: Brockhaus Enzyklopädie. Redaktionelle Leitung: Annette Zhwar. Band 12. Mannheim 2006, S. 364.
27 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. 5., rev. Auflage. Tübingen 1972, S. 28.
6
2. Begriffsabgrenzung
Weber unterscheidet des Weiteren rationale, traditionelle und charismatische Herrschaft, wobei diese drei Typen jeweils in Übergangs- und Mischformen vorkommen können. 28 Die rationale Herrschaft ist eine legitime Herrschaftsform und basiert auf einer Satzung, einer Ordnung oder einem Recht, an dem sich die Anweisungen des Herrschenden orientieren und dem er sich unterwirft. 29 Hingegen beruht die traditionelle Herrschaft auf dem Glauben an Traditionen, auf den sich die Legitimität der jeweiligen Autorität gründet. Die charismatische Herrschaft wird einer Person zuteil, die besondere Eigenschaften verkörpert und deswegen als Herrscher anerkannt wird. 30 Abschließend kann zum Unterschied zwischen Macht und Herrschaft gesagt werden, dass Herrschaft eine institutionalisierte Form von Macht ist. Die Ausführung von Befehlen beruht auf internalisierten Werten, wohingegen Macht in sozialen Interaktionsprozessen stetig neu konstruiert werden muss.
2.3 Gewalt
Die Begriffe „Macht“ und „Gewalt“ sind sinnverwandt, was unter anderem darin begründet liegt, dass Luther sie bei seiner Bibelübersetzung teilweise synonym verwendete, wobei Macht stärker den Aspekt von Kraft und Vermögen betonte. 31 Das Substantiv „Gewalt“ ist vom althochdeutschen Verb „waltan“ abgeleitet, das „über etwas verfügen“, „Kraft haben“ und „herrschen“ bedeutet. 32 Gewalt bezeichnet im heutigen Sprachgebrauch in erster Linie die Anwendung von Zwang. 33 Unter den vielfältigen Definitionen ist einerseits eine Art und Weise der Einwirkung auf Personen hervorzuheben, die gegen Recht und Sitte verstößt, andererseits das Vermögen, sich in Macht-und Herrschaftsbeziehungen durchzusetzen. 34 In der politischen Sphäre dient Gewalt der Durchsetzung außenpolitischer Ziele, aber auch dem Erhalt oder der Etablierung
28 Vgl. Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. 5., rev. Auflage. Tübingen 1972., S. 124.
29 Vgl. ebd., S. 124 f.
30 Vgl. ebd. Eine nähere Erläuterung der charismatischen Herrschaft findet sich unten auf S. 20.
31 Vgl. Faber, Karl-Georg: Macht, Gewalt. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hrsg. von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck. Band 3. Stuttgart 1982, S. 836.
32 Vgl. ebd., S. 835.
33 Vgl. [Art.] Gewalt. In: Brockhaus Enzyklopädie. Redaktionelle Leitung: Annette Zhwar. Band 10. Mannheim 2006, S. 676.
34 Vgl. ebd.
7
2. Begriffsabgrenzung
gesellschaftlicher Systeme beziehungsweise der Sicherung oder Umverteilung von Macht. 35
Gewalt ist eine Form von Zwang und kann Macht untergeordnet werden. Schließlich ist Macht, also „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen“, 36 die Vorraussetzung, um überhaupt Gewalt ausüben zu können. Gewalt kann als eine Manifestation und effektive Durchsetzung von Macht betrachtet werden, die oft gegen Recht und Sitte verstößt. Sie kann ebenfalls eine Manifestation von Herrschaft sein, die einzelne Menschen oder eine Gruppe schädigt. 37
35 Vgl. Faber, Karl-Georg: Macht, Gewalt. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hrsg. von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck. Band 3. Stuttgart 1982, S. 819.
36 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. 5., rev. Auflage. Tübingen 1972, S. 28.
37 Vgl. [Art.] Gewalt. In: Brockhaus Enzyklopädie. Redaktionelle Leitung: Annette Zhwar. Band 10. Mannheim 2006, S. 676.
8
3. „Wallenstein“
3. „Wallenstein“
3.1 Zur Bedeutung von Schillers „Wallenstein“
Die Trilogie aus „Wallensteins Lager“, „Die Piccolomi“ und „Wallensteins Tod“ wurde in den Jahren 1798 und 1799 uraufgeführt und läutete die klassische Schaffensphase Friedrich von Schillers ein. 38 Das Stück wird oft als sein „dramatisches Hauptwerk“ 39 bezeichnet.
Schiller hat sich intensiv mit dem Herzog Wallenstein (1583-1634) und den damaligen Verhältnissen beschäftigt, was sich unter anderem in seiner „Geschichte des Dreißigjährigen Kriegs“ niederschlug. 40 Das historische Geschehen war jedoch nicht in jeder Hinsicht dramengerecht, weswegen Schiller die Bedeutung einiger Aspekte im Stück gegenüber der Geschichtsschreibung verstärkte. 41 So erfand er die Figur des Max Piccolomini, welche innerhalb des Dramas eine Spiegelfunktion hat und die Persönlichkeit darstellt, die Wallenstein gerne wäre. 42 Außerdem verlieh Schiller der Astrologie eine höhere Bedeutung. 43
Die Sprache des Dramas wird im Blankvers rhythmisiert, wobei die Figuren zu Sentenzen neigen. 44 Es besteht eine Dichotomie zwischen der idealistisch-idyllischen Dimension in Inhalt und Sprache, die durch Max und Thekla ausgedrückt wird, und der strategisch-rationalen Dimension, die Terzky verkörpert. 45 Insgesamt stellt die kunstvoll und heiter stilisierte Verssprache einen Gegensatz zu dem ernsten kriegerischen Geschehen des Stücks dar. 46
Eines der wesentlichen Themen des Stücks ist das Streben nach Macht und deren Konstruktion. Der Charakter, der hier am geschicktesten vorgeht, ist die Hauptfigur selbst, weswegen sich die folgende Untersuchung auf den Herzog Wallenstein konzentriert und das Machtstreben weiterer wichtiger Figuren hingegen nur knapp in einem Kapitel erörtert wird.
38 Vgl. Sautermeister, Gert: Wallenstein. In: Kindlers Literaturlexikon. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. Band 14. Dritte, völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart 2009, S. 517.
39 Oellers, Norbert: Wallenstein. In: Schiller-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Hrsg. von Matthias Luserke-Jaqui. Stuttgart 2005, S. 113.
40 Vgl. Müller, Udo: Wallenstein. 7. Auflage. Stuttgart 2000, S. 41.
41 Vgl. Sautermeister, Gert: Wallenstein. In: Kindlers Literaturlexikon. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. Band 14. Dritte, völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart 2009, S. 518.
42 Vgl. Borchmeyer, Dieter: Macht und Melancholie. Schillers Wallenstein. Frankfurt am Main 1988, S. 95.
43 Vgl. Sautermeister, Gert: Wallenstein. In: Kindlers Literaturlexikon. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. Band 14. Dritte, völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart 2009, S. 518.
44 Vgl. Hofmann, Michael und Thomas Edelmann: Friedrich Schiller. Wallenstein. München 1998, S. 76.
45 Vgl. ebd., S. 70.
46 Vgl. ebd., S. 53.
9
3. „Wallenstein“
3.2 Wallensteins Ziele
Innerhalb der Sekundärliteratur zu Schillers „dramatische[m] Hauptwerk“ 47 lässt sich eine Kontroverse erkennen: Ist die Wallenstein-Figur ein Held oder nicht? 48 Diese Frage steht im Zusammenhang mit Wallensteins Zielen. Doch welche sind das? Sind seine Ziele von Moral geprägt oder von Egoismus? Als edler Held wird Wallenstein unter anderem in einem Aufsatz von Walter Müller-Seidel dargestellt: „Das Ziel seiner Pläne ist bestimmt von einer Idee des Friedens, von der Vorstellung eines neuen Reiches, das er sich - wie zu den Zeiten Vergils - als ein Friedensreich erträumt.“ 49 Eine der Aussagen im Drama, die Wallenstein als Held erscheinen lassen, sind die Worte Gordons: „Er hat das Glück von Tausenden gegründet,/ Denn königlich war sein Gemüt“ (Tod IV, 2, V. 2517 f.). Jedoch findet sich auch die Vorstellung, dass Wallenstein eine Figur ist, die egoistisch ist und sich nicht an Werten orientiert. So sagt Octavio über den Herzog: „Pflicht- und gesetzlos steht er gegenüber/ Dem Staat gelagert, den er schützen soll“ (Picc. V, 1, V. 2351). Wallenstein selbst relativiert seine durch fehlende Grenzen zu-stande kommenden „Freveltaten“ (Tod I, 7, V. 612) durch die Aussage:
Was tu ich Schlimmres,
Als jener Cäsar tat, des Name noch
Bis heut’ das Höchste in der Welt benennet? (Tod II, 2, V. 835 ff.)
Die Tatsache, dass Wallenstein sein Handeln dadurch rechtfertigt, dass ein anderer berühmter Feldherr sich ebenfalls moralisch zweifelhaft verhalten hat, verdeutlicht erneut, dass er nicht nach moralischen Normen lebt. Weiter zeigt der Vergleich mit Cäsar, dem noch heute eine hohe Bedeutung beigemessen wird, dass er den posthumen Ruhm anstrebt.
Innerhalb des Dramas äußert sich Wallenstein selten konkret zu seinen Zielen und Plänen. Wenn er etwas dazu sagt, dann stets in Anwesenheit von strategisch wichtigen Charakteren, weswegen ihm taktische Überlegungen unterstellt werden können. Dass Wallenstein nur in geringem Maße politisch motiviert ist, wird durch die Tatsache ver- 47 Oellers,Norbert: Wallenstein. In: Schiller-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Hrsg. von Matthias Luserke-Jaqui. Stuttgart 2005, S. 113.
48 Der Ausdruck „Held“ ist hier nicht im Sinne eines Romanhelden zu verstehen. Es geht um die Frage, ob Wallenstein eine edelmütige Natur ist, die ungewöhnliche Taten vollbringt, also ein Held im Sinne des Heroismus.
49 Müller-Seidel, Walter: Die Idee des neuen Lebens. Eine Betrachtung über Schillers Wallenstein. In: Schillers Wallenstein. Hrsg. von Werner Keller und Fritz Heuer. Darmstadt 1977, S. 371.
10
3. „Wallenstein“
deutlicht, dass im bedeutsamen „Achsenmonolog“ 50 (Tod I, 4) jede politische Zielvorstellung außen vor bleibt. 51
Da der Wallenstein-Charakter in Dialogen oft eine „Maske“ 52 trägt und seine wahren Absichten nicht enthüllt, ist es schwer, diese zu erkennen. Er weiß, dass er mächtig ist, 53 definiert aber nur selten, was er mit seiner Macht erreichen will. Eine der wenigen Stellen, an denen Wallenstein sich dazu äußert, ist die folgende:
Vom Kaiser freilich hab’ ich diesen Stab,
Doch führ’ ich jetzt ihn als des Reiches Feldherr, Zur Wohlfahrt aller, zu des Ganzen Heil,
Und nicht mehr zur Vergrößerung des Einen! (Picc. II, 7, V. 1180 ff.)
Hier sagt er aus, dass er sich nicht mehr nach den Vorgaben des Kaisers richtet, sondern auf einen europäischen Frieden hinarbeitet. Allerdings versucht Wallenstein, während er sich von dem Kaiser und Questenberg abwendet (vgl. Picc. II, 7, V. 1258 ff.), die übrigen Anwesenden (Max und Octavio Piccolomini, Isolani, Buttler, Maradas sowie drei andere Generäle) weiterhin für sich zu gewinnen (vgl. Picc. II, 7, V. 1261 ff.). Der Feldherr handelt hier erneut strategisch, weswegen es fraglich ist, wie ernst man diese Zielvorstellungen nehmen kann.
Auch wenn Wallenstein angeblich ganz Europa und die Herstellung von Frieden im Blick hat, 54 was für seine Zeit revolutionär gewesen sein mag, scheint er doch in erster Linie für seinen persönlichen Ruhm zu kämpfen. So äußert er gegenüber Terzky in Bezug auf die Verhandlungen mit den Schweden:
Mich soll das Reich als seinen Schirmer ehren,
Reichsfürstlich mich erweisend will ich würdig Mich bei des Reiches Fürsten niedersetzen. (Picc. II, 5, V. 835 ff.)
Hier offenbart Wallenstein, dass er eher für seine persönlichen Ziele kämpft, als für den länderübergreifenden Frieden. Walter Hinderer schreibt gar über Wallensteins „Abnei- 50 HartmutReinhardt bezeichnet diese Szene auch als Wallensteins „Rechenschaftsmonolog“ (Reinhardt, Hartmut: Wallenstein. In: Schiller-Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. Hamburg 1998, S. 403.).
51 Vgl. Borchmeyer, Dieter: Macht und Melancholie. Schillers Wallenstein. Frankfurt am Main 1988, S. 100.
52 Ebd.
53 Gegenüber Terzky sagt Wallenstein: „Es macht mir Freude, meine Macht zu kennen.“ (Picc. II, 5, V. 868).
54 In Wallensteins Umfeld gibt es Stimmen, die bezweifeln, dass er in der Lage ist, Frieden herzustellen. So drückt der Kapuziner in „Wallensteins Lager“ seine Skepsis in einem Wortspiel aus: „Und so lang’ der Kaiser diesen Friedeland/ Läßt walten, so wird nicht Fried im Land.“ (Lager, 8, V. 623). Hier muss beachtet werden, dass der Mönch Wallenstein generell skeptisch gegenübersteht, was unter anderem dadurch begründet ist, dass Wallenstein sich nicht klar zum Christentum bekennt (vgl. Lager, 8, V. 592 ff.).
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