Inhalt
Einleitung 3
Die Konflikttheorie Ralf Dahrendorfs 5
Die doppelte Transition Lateinamerikas: Entpolitisierung
und gesellschaftliche Erstarrung. 9
Was kann die Konflikttheorie Dahrendorfs über die
soziopolitischen Ordnungen Lateinamerikas aussagen? 14
Fazit : Vorteile einer soziologischen Analyse der
soziopolitischen Realität Lateinamerikas 16
2
Einleitung
Die sozialwissenschaftlichen Disziplinen legten in den letzten drei Jahrzehnten ein bemerkenswertes Interesse für politische Übergänge von autoritären Regierungssystemen zu demokratischen Ordnungen an den Tag, so dass sich mit der sog. Transitionsforschung ein eigenes wissenschaftliches Feld entwickeln konnte. 1 Ausgehend von der Annahme, dass Transitionsgesellschaften bestimmte präskriptive Etappen 2 durchlaufen, in denen Institutionen gebildet werden und diese Schritt für Schritte das Verhalten der Akteure determinieren und strukturieren, befasst sich diese Forschungsrichtung mit den Chancen und Schwierigkeiten politischer Transitionen im Zuge der „Dritten Welle der Demokratisierung“ in der Dritten Welt. Auch die Erfolge und Misserfolge demokratischer Transitionen in Lateinamerika ab Mitte der 70er Jahre wurden von den Sozialwissenschaften ausgiebig analysiert.
Trotz der beachtlichen Stabilität der formalen demokratischen Systeme, deren Kontinuität nur selten durch Verfassungskrisen wie Staatsstreiche unterbrochen wurde, gerieten die im Zuge der Transitionen neu entstandenen Demokratien bald in Kritik. Waren die Erwartungen, welche nicht nur politische Eliten, sondern auch Wissenschaftler und Journalisten in die politische und wirtschaftliche Entfaltungskraft diese Wandlungsprozesse in Lateinamerika setzten, zu Beginn sehr groß, machte dieser Euphorie bald Ernüchterung Platz. Die neuen demokratischen Ordnungen versagten nicht nur dabei, die Institutionen in politische Verhaltenspraktiken und Normen zu übersetzen, sondern vermochten es auch nicht, autoritäre Legate und typische Elemente der politischen Kultur Lateinamerikas wie Personalismus, Partikularismus, Klientelismus oder Korruption, die in liberalen Diskursen über Demokratie keinen Platz haben, aus dem politischen Leben zu verbannen. Doch woran liegen die Gründe für die Defizite der demokratischen Ordnungen in Lateinamerika? Oft werden als Erklärungen die fehlende Ausweitung der politischen Partizipation und die sozioökonomische Ungleichheit herangezogen, welche der Konstruktion einer Bürgerschaft nach liberalen Vorstellungen in ihrer politischen und sozialen Dimension im Weg steht. Als Reaktion auf diese Interpretation sind eine Vielzahl von Publikationen erschienen, welche für die lateinamerikanischen Staaten und Gesellschaften eine „democracia de ciudadanos“ 3 fordern. Die soziale und politische Inklusion ist auch zu einem zentralen Element linkspopulistischer Diskurse
1 Vgl. Schmidt, Manfred G. (2010): Demokratietheorien. Eine Einführung, Bonn: Bundeszentrale für politische
Bildung, S. 431.
2 Vgl. Ortiz Sandoval, Luis (2006): „Democracia sin ciudadanos: crítica de la teoría de transición”, in: Perfiles
Latinoamericanos 28, S. 264.
3 Vgl. zum Beispiel ein im Jahr 2004 erschienener Bericht des UNDP, der den Stand der Konsolidierung der
Demokratie in den Ländern Lateinamerikas evaluiert. Im Bericht wird davon ausgegangen, dass Demokratie
nicht nur die Wahl der Autoritäten durch das Volk, sondern vor allem die Konstruktion „eines Staates aus
Bürgern und Bürgerinnen, in dem alle die gleichen zivilen, politischen und sozialen Rechten verfügen. Auch
wird im Bericht für eine „Ausweitung der Politik“ als Erhöhung der menschlichen Entwicklung in der
öffentlichen Sphäre. plädiert. Vgl. PROGRAMA DE LAS NACIONES UNIDAS PARA EL DESARROLLO
(PNUD) (2004): Informe sobre la democracia en América Latina: hacia una democracia de ciudadanas y
dciduciudadanos, Buenos Aires.
3
geworden, was in Verbindung mit der Deinistituionalisierung und Personalisierung der Politik durch charismatische Führer, die sich in den Kampf gegen die Exklusion auf ihre Fahnen schrieben, als Rückkehr des Populismus oder Neopopulismus nach der Transition interpretiert wurde. In der vorliegenden Arbeit sollen die Gründe für die Defizite der Demokratisierungsprozesse und der aktuellen politischen Ordnungen Lateinamerikas aus der Perspektive der Konflikttheorie von Ralf Dahrendorf analysiert werden. Im Rahmen einer Verallgemeinerung der Marxschen Klassentheorie vertritt Dahrendorf die Annahme, dass soziale Konflikte zwischen positiven und negativen Herrschaftsrollen die Triebfeder gesellschaftlicher Entwicklung darstellen. 4 Die normative Dimension der Theorie Dahrendorfs besteht in der Forderung, Gesellschaften für solche Konflikte auch offen zu halten und diese in einer „Verfassung der Freiheit“ zu institutionalisieren. 5 Kommt es nicht zu der Institutionalisierung von latenten Herrschaftskonflikten und stattdessen zu harmonistischen politischen Konstellationen, hinter denen sich deutliche Anzeichen einer Bürokratisierung und Erstarrung der Gesellschaft verbergen, können sich diese Strukturen der Theorie zufolge in für die Integrität einer Gesellschaft gefährliche Konflikte entladen. In Lateinamerika brachte die sog. „doppelte Transition“ Entwicklungen hervor, die stark an die von Dahrendorf - eigentlich für die Bundesrepublik der Nachkriegszeit- aufgezeigten Gefahren einer Gesellschaft, die Konflikte mehr und mehr als Merkmale einer archaischen und vormodernen politischen Ordnung interpretierte und diese aus dem öffentlichen Leben verbannen will, erinnern. Der Begriff der „doppelten Transition“ verweist einerseits auf die politische Liberalisierung durch die Einführung liberaler Demokratiemodelle und andererseits auf die wirtschaftliche Öffnung durch die Übernahme neoliberaler Strukturanpassungen, welche den Staat aus der Wirtschaft zurückdrängen. In der Arbeit wird die These vertreten, dass Entpolitisierung- d.h. die Reduzierung der Politik durch die Übertragung ökonomischer und sozialer Fragen auf den Markt und auf eine technokratische Bürokratie- und soziale und wirtschaftliche Exklusion zu Situationen gesellschaftlicher Erstarrung führten. Diese Prozesse mündeten schließlich über Krisen der „gobernabilidad“ (Regierbarkeit) und diversen „rupturas presidenciales“ (Unterbrechungen von Präsidentschaften) in neopopulistische Regime. Die neuen linkspopulistischen Regierungen Lateinamerikas zeichnen sich durch autoritäre Regierungspraktiken, die Rückkehr zu staatszentrierten Regierungsmodellen und demagogische und polarisierende Diskurse aus - also durch politische Phänomene, welche die Eliten der demokratischen Transitionen um jeden Preis verhindern wollten.
Zunächst wird in der Arbeit eine theoretische Grundlage geschaffen, indem die konflikttheoretischen Überlegungen Ralf Dahrendorfs skizziert werden. Im zweiten Teil sollen sodann die demokratischen Transitionen aus der Perspektive der sozialwissenschaftlichen Beschäftigung mit den Demokratien in Lateinamerika beleuchtet werden. Im dritten Teil, soll der Frage nachgegangen
4 Vgl. Lamla, Jörn (2005): „Die Konflikttheorie als Gesellschaftstheorie“, in Bonacker, Thorsten (Hg.):
Sozialwissenschaftliche Konflikttheorien. Eine Einführung, Bonn: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, S. 207.
5 Vgl. Ibid., S. 219.
4
werden, welche Erkenntnisse die Konflikttheorie Dahrendorfs über die Defizite der Demokratisierung in Lateinamerika eröffnen kann. Schließlich wird der vierte Teil der Frage gewidmet, wo die Vorteile einer soziologischen Analyse der demokratischen Ordnungen Lateinamerikas nach Dahrendorfs Vorbild im Unterschied zu traditionellen politikwissenschaftlichen Terminologien und Analyseinstrumenten liegen. Häufig analysieren politikwissenschaftliche Studien die neuen linkspopulistischen Regierungen ausschließlich mit liberalen Parametern und verschreiben konsensorientierte und institutionalistische Modelle als Allheilmittel für diese politischen Systeme. Doch die Oktroyierung dieser Modelle während der Transitionen auf die Gesellschaften Lateinamerikas hat gezeigt, dass sie im Kontext starker sozialer Ungleichgewichte in Verbindung mit einer spezifischen politischen Kultur schnell zu Pulverfässern werden können.
Die Konflikttheorie Ralf Dahrendorfs
In der Sozialanalyse Ralf Dahrendorfs spielen die Begriffe des sozialen Wandels und des sozialen Konflikts zentrale Rollen. Will man seine sozialtheoretischen Überlegungen, die im Laufe einer Jahrzehnte langen Arbeit und einer beindruckende Anzahl von Publikationen gereift sind, auf einen gemeinsamen Nenner bringen, so lässt sich dies mit folgender Hypothese tun: Soziale Konflikte fördern nicht nur gesellschaftliche Integration, sondern bedingen Prozesse des sozialen Wandels. Scheint diese Einsicht aus der Sicht des heutigen Standes der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung nicht außergewöhnlich, war die soziologische Arbeit Dahrendorf im Kontext der vorherrschenden sozialwissenschaftlichen Theorien der 50er Jahre durchaus ein Grund für kontroverse Debatten. Explizit grenzte Dahrendorf seine Sozialanalyse vor allem gegen die strukturell-funktionale Systemtheorie Parsons ab. 6 Der grundlegende Unterschied zwischen der strukturell-funktionalen Systemtheorie und der Sozialtheorie Dahrendorfs besteht darin, dass erstere die Stabilität und Kontinuität sozialer System durch das systembezogene Verhalten der Einzelteile erklären will, während es der Anspruch der letzteren ist, den Wandel sozialer Systeme durch Konflikte über die Prinzipien und Strukturen einer bestehenden Gesellschaft zu erklären. 7 Neben der Kritik an dieser soziologischen Schule ist vor allem eine kritische Rezeption und Verallgemeinerung der Klassentheorie von Karl Marx Grundlage der Sozialtheorie Dahrendorfs. Die Triebfedern der Geschichte sind bei Marx Revolutionen. In seiner Revision der Klassentheorie identifiziert Dahrendorf bei Marx einen soziopolitische und einen sozioökonomischen Gedankenstrang, in denen er die
6 Vgl. Ibid., S. 207.
7 Vgl. Ibid., S. 211.
5
Arbeit zitieren:
Christian Wimberger, 2011, Die „doppelte Transition“ Lateinamerikas aus der Sicht der Konflikttheorie Ralf Dahrendorfs: Gesellschaftliche Erstarrung und Entpolitisierung als Pulverfässer, München, GRIN Verlag GmbH
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