Der politische Dokumentarfilm als postmodernes
Guerilla-Marketing: Michael Moores "Roger & Me"
von Clemens Grün
Inhalt
0. Einführung
1. Theoretischer Teil
1.1. Modi des Dokumentarfilms
1.2. Thesen zum Dokumentarfilm Michael Moores
1.3. Politische Bewegungen im Medienzeitalter
1.4. Von Che Guevara zum Guerilla-Marketing
2. Empirischer Teil
2.1. Story, Plot, Dramaturgie
2.1.1. Erzählweise
2.1.2. Exposition
2.1.3. Erster Paradigmenwechsel
2.1.4. Konfrontation
2.1.5. Zweiter Paradigmenwechsel
2.1.6. Auflösung
3. Analytischer Teil
3.1. Figuren, Rollen, Funktionen
3.1.1. Konstruktion des Helden
3.1.2. Humor
3.1.3. Parodie und Selbstironie
3.1.4. Moores Antipoden
3.2. Filmische Mittel
3.2.1. Kamera
3.2.2. fiktionale Elemente
3.2.3. Tiermetapher
3.2.4. Filmmusik
3.2.5. Parallelmontagen
4. Bibliographie
0. Einführung
Spätestens seit dem von ihm provozierten Eklat auf der Oskarverleihung 2003 ist Michael Moore einer breiten Medienöffentlichkeit bekannt. Dies gilt umso mehr, als dass von seinem Status als erfolgreichem Filmemacher und Bestsellerautor zwar auf einen großen, aber, zumindest in den USA, nicht zwingend auf einen breiten Bekanntheitsgrad zu schließen ist. Als ein "Land aus Inseln der Gleichheit und Happiness" charakterisierte schon Wolf Wagner das sprichwörtlich pluralistische Amerika, in dessen urbanen Räumen nicht nur Schwarzen-Ghettos und Chinatowns gedeihen, sondern auch Siedlungen der weißen Mittelklasse, in denen Gleiche unter Gleichen leben und jeglicher Auseinandersetzung mit kultureller, sozialer und politischer Unterschiedlichkeit zeitlebens entrückt bleiben: Provinzialismus als Alltagsideologie (vgl. W. Wagner im Leviathan 1/1977).
So kommt es, dass in einem Land, das das Recht auf happiness in seiner Verfassung festgeschrieben hat, eine Öffentlichkeit existiert, deren Konsumenten von Meldungen über Antikriegsdemonstrationen, diplomatische Affronts oder Zweifel an der Integrität ihres Präsidenten weitgehend verschont bleiben - zumindest solange wie niemand es wagt, in deren heile Welt des Hedonismus einzubrechen. Wer sich eines kulturelle und soziale Grenzen überschreitenden, also eigentlich der Integration und Identitätsstiftung dienenden Rituals wie der Oskarverleihung bedient, um politische Botschaften zu verkünden, die dem common sense der Glückseligen zuwiderlaufen, gehört von der Bühne gepfiffen und als unpatriotisch beschimpft. Dem amerikanischen Humor wird eine Tendenz zum Infantilen nachgesagt. Der Slapstick etwa Mack Sennets Knockabout-Farcen oder Harold Lloyds Screwball Comedys ließ seine Zuschauer eine komische Katharsis durchleben, ermöglichte ihnen, um mit Freud zu sprechen, eine Abfuhr von Affekten - und untergrub damit zugleich das kritische, anarchische und innovative Potential des Genres (zur amerikanischen Filmfarce vgl. A. Nowak, 1991). Hans Ulrich Gumbrecht macht als eine der wirkungsmächtigsten Modi des amerikanischen Humors das Bonanza-Lachen aus, ein zwischen (scheinbarer) Ungezwungenheit und (tatsächlicher) Aufgezwungenheit oszillierendes Kollektivgrinsen, das als cliff hanger mancher Fernsehserien dient (vgl. H. U. Gumbrecht im Merkur, September/Oktober 2002). Als konsensfähige Zielscheibe politischer Satire scheint hingegen allenfalls die political correctness linker Gutmenschen geeignet, wie es der antijüdische Ressentiments reproduzierende (jüdische) Radiosprecher Howard Stern oder die Zeichentrickserie Southpark in Vollendung zelebrieren.
Das Phänomen Michael Moores ist ein vielschichtiges: Es führt von der urzeitlichen Figur des Tricksters, des Grenzgängers und gesellschaftlichen Außenseiters, über literarische Verkörperungen des Scheiterns wie Don Quijote zur Pionierzeit des Dokumentarfilms, deren schillerndster und einflussreichster Vertreter John Grierson einst subversives politisches Potential in der Regenbogenpresse wähnte. Vom Freiheitskämpfer Che Guevara gelangen wir schließlich zu einer Anthropologie der politischen Bewegungen im Zeitalter der Medien. Wodurch zeichnen sich der Humor und politische Aktionismus eines Michael Moore aus? Worin liegt seine Sonderstellung in der amerikanischen Medienöffentlichkeit begründet, in einem Land, von dem der Politaktivist und Satiriker selbst sagt, die politische Satire sei dort "praktisch tot"? Diesen Fragen soll im folgenden anhand einer Analyse von Moores "Roger & Me" (USA 1989) nachgegangen werden.
1. Theoretischer Teil
1.1. Modi des Dokumentarfilms (nach B. Nichols)
[...]
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Clemens Grün, 2003, Der politische Dokumentarfilm als postmodernes Guerilla-Marketing: Michael Moores "Roger & Me", Munich, GRIN Publishing GmbH
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