Inhalt
1. Einleitung 3
2. Arthur Schnitzlers Dialogzyklus Reigen 4
2.1. Motive und Themen im Reigen 5
3. Rezeptionsgeschichte 8
3.1. Erste Veröffentlichungen 8
3.2. Die ersten Bühnenaufführungen 9
3.3. Nach der Wiener Premiere des Reigen 10
3.4. Das Wiener Theaterpogrom
4. Politische und historische Hintergründe 11
4.1. Antisemitismus im Österreich der Jahrhundertwende 12
4.2. Erster Weltkrieg und Nachkriegszeit 13
4.3. Moral und Zensur 15
5. Schluss 16
6. Literatur 18
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Der Skandal um Arthur Schnitzlers Dialogzyklus Reigen
1. Einleitung
Als Arthur Schnitzler den Dialogzyklus Reigen 1897/98 verfasste, war er sich durchaus der Brisanz seines Dramas bewusst, welches tatsächlich vom ersten Erscheinen an für Aufsehen sorgte: „Etwas Unaufführbareres hat es noch nie gegeben“ 1 schrieb er 1897. Und bis zu den ersten offiziellen Aufführungen in Berlin und Wien vergingen in der Tat achtzehn Jahre. Diese Inszenierungen waren stets begleitet von Tumulten, Aufführungsverboten und Prozessen – der Reigen schrieb Zensurgeschichte. Am Ende verbot Schnitzler selbst weitere Aufführungen, und sein Sohn Heinrich Schnitzler hielt bis 1982 an diesem Verbot fest.
Die vorliegende Arbeit untersucht die Geschichte eines Dramas, in dem zehnfach intime Zusammenkünfte untersucht werden, ohne dass der Geschlechtsakt selbst im Text dargestellt werden würde: Er wird nicht gezeigt, die Dialoge führen nahe heran, die Gedankenstriche – ebenso das black oder ein Zwischenvorhang auf der Bühne – verhüllen jedoch stets die eigentlich anstößige Handlung. Um die dennoch existierende Brisanz des Reigen sichtbar machen zu können, ist es neben der Aufarbeitung der Prozessgeschichte auch notwendig, die politischen, gesellschaftlichen und moralischen Hintergründe zur Zeit seines Erscheinens zu analysieren, da ein Skandal wie jener um den Reigen monokausal nicht zu erklären ist.
Im folgenden wird die vorliegende Arbeit Schnitzlers Drama vorstellen und die darin enthaltene skandalösen Elemente erläutern. Zudem ist es unabdingbar, die Wiener Gesellschaft der Jahrhundertwende zu betrachten, um die Rezeptions- und Prozessgeschichte des Reigen darstellen und auslegen zu können.
1 zitiert nach: Pfoser, Alfred, Pfoser-Schewig, Kristina, Renner, Gerhard. Schnitzlers >Reigen<. Band 1: Der Skandal. 1993, Frankfurt a. M.: Fischer, S. 49
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2. Arthur Schnitzlers Dialogzyklus Reigen
Das Wort Reigen beschreibt ursprünglich einen höfischen Rundtanz. Nach dem 18. Jahrhundert verwendete man das Wort vorwiegend für einen Kindertanz im Kreise. In den zehn Szenen von Schnitzlers Drama Reigen treffen jeweils Frau und Mann aufeinander. Diese Begegnungen werden in Form von Dialogen vor und nach dem Geschlechtsverkehr dargestellt. In der jeweils folgenden trifft eine Person aus der vorherigen Szene auf eine/n neue/n Partner/in. In der zehnten Szene wird die Begegnung des Grafen aus der neunten mit der Dirne aus der ersten Szene beschrieben, so dass sich der Kreis der Begegnungen schließt. Damit bildet sich auch symbolisch die äußere Form eines Rundtanzes: Der Soldat und die Dirne beginnen den Reigen, die Dirne und der Graf stellen die letzte Zusammenkunft dar.
Skizze: Die zehn Personenkonstellationen des Reigen
Aus den einzelnen Gesprächen lassen sich allgemeine wiederkehrende Muster erkennen, obwohl sich die Art und der Umfang der Dialoge den jeweiligen Personen und ihrer Herkunft entsprechend ändert. Die Figuren werden im Personenverzeichnis von Schnitzler ohne Namen nur nach ihrer Schicht oder Stellung aufgeführt. Sie vermeiden in der
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Regel auch im weiteren Verlauf des Dramas ihre tatsächlichen Namen zu nennen. Die Figuren sind eine Mischung aus Personen und Typen der Wiener Gesellschaft um 1880. Sie besitzen typische Verhaltenszüge der Schicht oder der Position, die sie vertreten: Nicht jedes Stubenmädchen verhält sich wie das im Reigen geschilderte, aber ein Stubenmädchen könnte sich im Vergleich mit der Realität so verhalten. Zusammen bilden die verschiedenen Figuren einen Querschnitt der damaligen Wiener Gesellschaft mit Ausnahme der Arbeiter, die von Schnitzler ausgeklammert bleiben. Die Figuren nehmen im Reigen stets Rücksicht auf ihren schicht- beziehungsweise stellungsbezogenen Verhaltenskodex. Entsprechend wird beispielsweise das Kokettieren der Frauen von der Dirne bis zur bürgerlichen Frau vor dem Koitus immer komplexer, da die moralischen Erwartungen im Bürgertum in dieser Beziehung am stärksten ausgeprägt sind. Die Schauplätze des Dramas sind von Schnitzler entsprechend der jeweiligen Personenkonstellation gewählt worden: Das unterstützt zusammen mit der typgerechten Verwendung der jeweiligen Wiener Dialekte die Wirklichkeitsnähe des Stückes, die in der Frage der Anstößigkeit eine entscheidende Rolle spielt.
2.1. Motive und Themen im Reigen
Der Reigen ist ein detailliert konstruiertes Drama, in welchem sich ein „äußerst dicht gewobenes Verweisungsnetz“ 2 von Motiven, stereotypen Wendungen und deren Funktionen verfolgen lässt. An dieser Stelle sollen daher einige für den skandalösen Charakter des Reigen wesentliche Motive erläutert werden. Die Gesamtheit der Elemente, die auf die Betrachtern anstößig gewirkt haben mögen, lässt sich freilich nicht erfassen: In den Prozessen um die Aufführungen des Dialogzyklus fühlten sich Zeugen angeblich von Vorgängen oder gar von nicht stattgefundenen Handlungen auf der Bühne moralisch angegriffen, die im allgemeinen kaum als verwerflich gelten würden. So wurde es bereits als unsittlich angesehen, dass in den Szenen des Reigen alleine die „Anhäufung von
2 Pfoser, Alfred, Pfoser-Schewig, Kristina, Renner, Gerhard. Schnitzlers >Reigen<. Band
1: Der Skandal. 1993, S. 29
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Michael Kaiser, 2002, Der Skandal um Arthur Schnitzlers Dialogzyklus Reigen, Munich, GRIN Publishing GmbH
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