„Denn wir wissen, dass keine Freundschaft unter Männern Bestand hat und keine Gemeinschaft zwischen Staaten, wenn sie nicht gegenseitig von ihrer Redlichkeit überzeugt und auch sonst gleichartig sind […].“
Aus der Rede der Mytilener in Olympia, Thukydides III, 10.
Inhaltsverzeichnis
A Einleitung 6
B Hauptteil 7
I Der Attische Seebund 7
1.1 Die Entstehung des Attischen Seebundes 7
1.2 „Die Athener und ihre Bundesgenossen“ 7
II Der Abfall Mytilenes vom Attischen Seebund 8
2.1 Die Stellung Mytilenes im Attischen Seebund 8
2.2 Eine Rekonstruktion der Ereignisse nach Thukydides 9
2.2.1 Von langer Hand geplant 9
2.2.2 Die List der Athener scheitert 9
2.2.3 Der Krieg beginnt 10
2.2.4 Die mytilenische Gesandtschaft in Olympia 11
2.2.5 Kämpfe auf Lesbos 12
2.2.6 Der Fall von Mytilene 12
2.2.7 Die Mytilene-Debatte in Athen 13
a) Die Rede Kleons 14
b) Die Rede des Diodotos 15
c) „So nah war Mytilene der Gefahr “ 17
2.3 Der Abfall von Mytilene bei Diodor, Aristoteles und Strabon 17
III Rückschlüsse aus der Revolte von Mytilene 18
3.1 Zur Topographie Mytilenes 18
3.2 Verfassung, Bevölkerungsstruktur und politische Gesinnung in Mytilene 19
3.3 Zur Mytilene-Debatte bei Thukydides 21
3.4 Rückschlüsse auf Athens Herrschaft im Attischen Seebund 24
3.4.1 Direkte Herrschaftsmittel 24
a) Militärische Überlegenheit 24
b) Beamte 25
c) Rechtssprechung und Strafmaßnahmen 26
d) Die innere Struktur des Seebundes als Machtstütze Athens 26
e) Kolonien und Besatzungen 27
3.4.2 Indirekte Herrschaftsmittel 28
C Schluss 30
D Anhang 31
1. Abkürzungsverzeichnis 31
2. Quellen- und Literaturverzeichnis 32
Einleitung
Die griechische Polis Mytilene 1 auf der Insel Lesbos war im 6. Jahrhundert v. Chr. Schauplatz leidenschaftlicher Parteikämpfe, die den Kampf gegen die Tyrannis Einzelner (Penthilos, Melanchros, Myrsilos) oder ganzer Familien (Penthiliden, Kleanaktiden) zum Inhalt hatten. Weiterhin sah man sich dem Einfluss der persischen Großmacht gegenüber, die nach dem Scheitern des Ionischen Aufstandes Lesbos zwang auf ihrer Seite in der Seeschlacht von Salamis mitzukämpfen. 2
Nachdem die Perser endgültig abgewehrt werden konnten, fand sich Lesbos als wichtiges Mitglied innerhalb des Ersten Attischen Seebundes wieder. Im Laufe der Zeit gelang es aber Athen aus der anfänglichen Symmachie eine Alleinherrschaft zu formen, unter die sich alle anderen verbündeten Poleis zu fügen hatten. Die zunehmende Abneigung dem Hegemon gegenüber lies in Mytilene und anderen Poleis auf Lesbos den Wunsch aufkommen sich wieder aus dem Einflussbereich der Großmacht zu lösen. Die Gelegenheit dazu schien in den ersten Jahren des Peloponnesischen Krieges gekommen.
Die vorliegende Arbeit hat zum Ziel diesen Abfall nach den schriftlichen Überlieferungen zu rekonstruieren. Thukydides belässt es im dritten Buch seiner „Geschichte des Peloponnesischen Krieges“ aber nicht bei einer bloßen Ereignisgeschichte, sondern verlagert den Handlungsort auch nach Athen selbst. In der Diskussion um das Schicksal Mytilenes eröffnet sich damit ein Blick auf das athenische Volk und dessen Selbstverständnis. Hier liegt ein Erkenntnisgewinn für das allgemeine Verständnis von Demokratie verborgen, den es aufzuspüren und zu charakterisieren gilt.
Darüber hinaus soll die Frage nach der inneren Struktur Mytilenes aufgeworfen werden, die gerade vor dem Hintergrund des allgemeinen Kriegszustandes und den damit in Zusammenhang stehenden inneren Parteikämpfen der griechischen Welt im 5. Jahrhundert v. Chr. an Bedeutung gewinnt. Dass bei den Ereignissen von 428/427 über den Einzelfall hinaus generelle Phänomene der athenischen Herrschaft im Seebund zu Tage treten, soll abschließend mit einem Blick auf das Konstrukt des Ersten Attischen Seebundes vor dem Hintergrund des Abfalls von Mytilene nachgewiesen werden.
1 Vgl. zu Mytilene generell: Herbst, R., Art. Mytilene, in: RE, Bd. 16 (1988), Sp. 1411-1427, Meyer, Ernst, Art.
Mytilene, in: Andresen, Carl [Hrsg.], Lexikon der Alten Welt, Bd. 2, Augsburg 1994, Sp. 2050 und Ders., Art.
Mytilene, in: Ziegler, Konrat [Hrsg.], Der kleine Pauly, Bd. 3, München 1979, Sp. 1544-1546.
2 Bodenstedt, Friedrich, Die Elektronmünzen von Phokaia und Mytilene, Tübingen 1981, S. 8.
1. Der Attische Seebund
1.1 Die Entstehung des Attischen Seebundes
Die Auseinandersetzung mit den Persern zu Beginn des 5. Jahrhunderts 3 veranlassten 31 griechische Poleis im Jahr 481 eine Symmachie gegen die äußere Bedrohung ins Leben zu rufen. Dieses in moderner Zeit als „Hellenenbund“ bezeichnete Militärbündnis schloss auch Athen mit ein und stand formal unter der Führung Spartas. Nachdem die Abwehr der Perser durch die Siege von Salamis (480), Plataiai (479) und Mykale (479) geglückt war, verblieb der Schutz der kleinasiatischen Griechen als zentrale Herausforderung. Der Vorschlag Spartas, die bedrohten Ionier nach Westen zu evakuieren und ihnen das Land ehemals perserfreundlicher Poleis zuzuweisen, zeigt den Unwillen der Lakedaimonier den Krieg in Kleinasien fortzusetzen. 4 Es war daher an Athen mit einer neuen Symmachie deren Platz als führende Polis einzunehmen. Dies geschah als Folge der Anschlusskämpfe gegen Persien durch Herauslösung des Attischen Seebundes aus dem Hellenenbund im Jahr 478/477. 5
1.2 „Die Athener und ihre Bundesgenossen“
Wie jede Symmachie war also auch der Attische Seebund ein Bündnis mit primär militärischer Funktion. 6 Die Verbündeten hatten Landtruppen 7 und Kriegsschiffe oder Geldzahlungen beizusteuern, um das Ziel einer weiteren Bekämpfung des äußeren Feindes 8 erreichen zu können. Der Bund war auf unbegrenzte Zeit geschlossen worden und basierte auf Einzelverträgen aller beteiligten Poleis mit Athen. Die Hegemonie nach außen und innerhalb des Bündnisses war Athen anvertraut, was dadurch deutlich wird, dass die athenischen Strategen kraft ihres innerathenischen Amtes gleichzeitig auch Feldherren des Bundes waren. Darüber hinaus spricht Thukydides von der Durchführung der Bundesangelegenheiten durch Athen und erwähnt, dass es ausschließlich Athen ist, welches von Anfang an gegen säumige Bündnispartner vorging. 9
3 Alle Zeitangaben der vorliegenden Hausarbeit verstehen sich als v.Chr.
4 Welwei, K.-W., Das klassische Athen. Demokratie und Machtpolitik im 5. und 4. Jahrhundert, Darmstadt 1999,
S. 51-82.
5 Schuller, W., Die Stadt als Tyrann - Athens Herrschaft über seine Bundesgenossen (Konstanzer
Universitätsreden Bd. 101), Konstanz 1978, S. 5ff.
6 Schuller, W., Die Herrschaft der Athener im Ersten Attischen Seebund, Berlin 1974, S. 142 mit Anmerkung 13.
7 Bei der Gründung des Bundes nicht explizit erwähnt weil wohl als selbstverständlich vorausgesetzt vgl.
Schuller, W., Die Herrschaft der Athener im Ersten Attischen Seebund, Berlin 1974, S. 142 mit Anmerkung 14.
8 Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges, übersetzt und mit einer Einführung und Erläuterungen
versehen von Landmann, G. P., München 1991, S. 201 - im Folgenden angegeben als: Thuk. Buch, Kapitel
(Seite der Landmannübersetzung) - Hier: Thuk. 3,10 (201).
9 Schuller, W., Die Herrschaft der Athener im Ersten Attischen Seebund, Berlin 1974, S. 142-144.
Die konkreten Einzelleistungen und deren quantitativer Umfang, welche die einzelne Polis für ihre freiwillige Mitgliedschaft zu erbringen hatten, wurden jedoch nicht von Athen festgelegt, sondern beruhten anfangs auf individuellen Wünschen. Zwar wurde als Finanzverwaltung des Bundes die Instanz der zehn athenischen Hellenotamiai geschaffen, da diese Schatzmeister aber über keinerlei exekutive Befugnisse verfügten, kann in ihnen kein Instrument athenischer Herrschaftsausübung gesehen werden. 10
Dass zu Beginn des Attischen Seebundes Athen trotz seiner anerkannten hegemonialen Position nicht freie Hand gelassen wurde, zeigt sich in der Schaffung einer Gegeninstanzdes Synhedrions. Diese Bundesversammlung begrenzte die athenischen Befugnisse, da die Grundlinien der Politik und wesentliche Einzelfragen (Tributveranschlagung, Reaktion auf abtrünnige Poleis) durch die Gesamtheit der Bündner entschieden wurden, welche zu diesem Zweck auf Delos zusammenkamen. Welche Bedeutung dem Synhedrion gerade in der Anfangszeit des Bundes zugekommen sein muss beweist die Tatsache, dass dessen Zurückdrängung durch das politische und militärische Wirken Athens von Thukydides als entscheidender Wendepunkt in der Geschichte des Seebundes angesehen wird. 11 Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die 478 getroffenen Vereinbarungen einen Kampfbund auf unbegrenzte Zeit, in dem Athen aufgrund seiner militärischen und politischen Führungsrolle das Exekutivrecht zufiel, zum Inhalt hatten. Diese Hegemonialstellung wird auch aus der Originalbezeichnung des Bundes „Die Athener und ihre Bundesgenossen“ 12 deutlich. Trotz seiner allgemein akzeptierten Kompetenzen war Athen aber anfangs noch abhängig von der Bundesversammlung, die daher ständig und erfolgreich beeinflusst und schließlich zurückgedrängt wurde. 13
2. Der Abfall Mytilenes vom Attischen Seebund
2.1 Die Stellung Mytilenes im Attischen Seebund
Innerhalb des Attischen Seebundes gab es einen kleinen privilegierten Kreis von Poleis bzw. Inseln, die ihre Kriegsflotte behalten durften und als „Stützen“ der athenischen Herrschaft fungierten. 14
10 Schuller, W., Die Herrschaft der Athener im Ersten Attischen Seebund, Berlin 1974, S. 144-146 sowie 36-37.
11 Schuller, W., Die Herrschaft der Athener im Ersten Attischen Seebund, Berlin 1974, S. 146ff. sowie Thuk.
1,96 (81) und 1,97 (82).
12 12 Schuller, W., Die Stadt als Tyrann - Athens Herrschaft über seine Bundesgenossen (Konstanzer
Universitätsreden Bd. 101), Konstanz 1978, S. 10.
13 Schuller, W., Die Herrschaft der Athener im Ersten Attischen Seebund, Berlin 1974, S. 147-148.
14 Schuller, W., Die Herrschaft der Athener im Ersten Attischen Seebund, Berlin 1974, S. 54ff.
Zu diesen Bündnern erster Ordnung zählte auch die Insel Lesbos mit der wichtigsten Polis Mytilene. Trotz dieser Sonderstellung, die die Gesandtschaft von Mytilene in Olympia als „selbständig und frei“ 15 bezeichnete, wagte diese Stadt 428 den Abfall von Athen.
2.2 Rekonstruktion der Ereignisse nach Thukydides
2.2.1 Von langer Hand geplant
Thukydides berichtet im dritten Buch, dass die Absicht, von Athen abzufallen, schon vor dem Peloponnesischen Krieg existierte. Die Weigerung Spartas, die abtrünnigen lesbischen Poleis (außer Methymna) in den Peloponnesischen Bund aufzunehmen, verhinderte aber einen früheren Abfallversuch. Erst im Sommer des vierten Kriegsjahres wurde dieser dann umgesetzt. Dazu wurden eigens die Hafenmolen und Verteidigungsmauern errichtet und die Flotte sollte aufgestockt werden. Darüber hinaus hatte man geplant, Bogenschützen und Getreide vom Schwarzen Meer kommen zu lassen, um für die Revolte gut gerüstet zu sein. Für Athen sollte sich die Durchdringung der verbündeten Poleis mit den Proxenoi jedoch bezahlt machen, da es diese waren, die die Großmacht von dem geplanten Abfallversuch unterrichteten. Hier zeigt sich, dass die Loyalität zu Athen so weit gehen konnte, dass sie noch vor der zur eigenen Polis rangierte. Die Verräter kamen nicht nur aus dem athenfreundlichen und am Abfall nicht beteiligten Methymna sondern auch aus Mytilene selbst. So wurde in Athen berichtet, dass die Lesbier mit Gewalt gezwungen würden nach Mytilene zu ziehen und dass sich fast die ganze Insel mit Hilfe der Spartaner zum Abfall rüste. Durch diesen Verrat sah sich Mytilene früher als geplant der Intervention Athens gegenüber. 16
2.2.2 Die List der Athener scheitert
Die Proxenoi gaben Athen den Rat schnell einzugreifen und Mytilene zu besetzen, da sonst Lesbos verloren gehen würde. Nach einigem Zögern konnte sich das durch Seuche und Kriegslast geschwächte Athen schließlich dazu durchringen vierzig Schiffe auszusenden. Man hatte die Hoffnung, ein religiöses Fest ausnutzen zu können, bei dem sich die Bevölkerung Mytilenes außerhalb der Stadt aufhielt. 17
15 Thuk. 3,10 (202).
16 Thuk. 3,2 (197).
17 Thuk. 3,2 - 3,3 (197-198).
Die List scheiterte aber da die Nachricht von der herannahenden Flotte der Insel Lesbos durch einen namenlos bleibenden Mann noch vor dem Eintreffen der Streitmacht überbracht wurde. Als die Athener bemerkten, dass ihre List gescheitert war, weil die unfertigen Befestigungsanlagen hektisch zur Verteidigung hergerichtet wurden, übersandten sie ein Ultimatum an Mytilene. Dieses beinhaltete, dass die Stadt Krieg verhindern könne, wenn sie ihre Flotte ausliefern und ihre Mauern einreißen würde. 18
2.2.3 Der Krieg beginnt
Da die Lesbier nicht bereit waren sich kampflos zu ergeben, begann die Großmacht den Krieg, den sich Mytilene entgegen seiner Planungen weitgehend ungerüstet stellen musste. Nach einem kurzen Scharmützel der beiden Flottenverbände gelang es den Mytilenern jedoch durch einen Waffenstillstand Zeit zu gewinnen, da sich die athenischen Feldherren nicht sicher waren den Krieg gegen nahezu ganz Lesbos siegreich führen zu können. Die kurzzeitige Ruhe nutzte Mytilene dazu zwei Gesandtschaften auszusenden. Die erste sollte in Athen beruhigend einwirken und einen Abzug der Flotte erreichen. Diesen Boten gehörte auch ein Mann an, der noch kurz vorher die Abfallversuche Mytilenes verraten hatte und den jetzt das schlechte Gewissen plagte. Ein schönes Beispiel, wie schnell sich Positionen und Ansichten im Verlauf des Krieges ändern konnten. Da die Lesbier nicht wirklich an einen Erfolg der Gesandten in Athen glaubten, schickten sie gleichzeitig und unbemerkt von der attischen Flotte eine Triere mit Boten nach Sparta.
Die Vorahnung der Mytilener sollte sich bestätigen. Als die attische Gesandtschaft kurze Zeit darauf unverrichteter Dinge zurückkehrte begann der Krieg zu Lande. Die Lesbier (außer Methymna) wagten geschlossen einen Angriff auf das athenische Lager und konnten diesen auch erfolgreich gestalten. Aus Angst vor der eigenen Courage zogen sie sich aber danach wieder hinter die unfertigen Mauern Mytilenes zurück, um die in Auftrag gegebene spartanische Unterstützung abzuwarten. Thukydides erkennt darin einen taktischen Fehler, wenn er bemerkt, dass „die Athener aber an Stärke gewannen durch die Untätigkeit der Mytilener“. Athen und seine Verbündeten schlossen die Stadt durch zwei Lager ein, die es ihnen erlaubten, die beiden Häfen Mytilenes zu blockieren, wodurch der „Gebrauch des Meeres versperrt“ blieb. Das übrige Land beherrschten die Lesbier jedoch weiterhin, da aus den übrigen Poleis der Insel Verstärkung für Mytilene eingetroffen war. 19
18 Thuk. 3,3 (198).
19 Thuk. 3,4-3,6 (198-200).
Arbeit zitieren:
Martin Mehlhorn, 2011, Der Abfall Mytilenes vom Attischen Seebund 428/427 v. Chr. und dessen Darstellung bei Thukydides, München, GRIN Verlag GmbH
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