Gliederung:
1. Einleitung 2
2. Quelle und Denkmal 3
3. „Die Bürger von Calais“ als Ideendrama 5
3.1 Die Wandlung vom alten zum neuen Menschen 5
3.2 Opfer- und Selbstmordthematik im Drama 8
3.3 Die Rolle der „Masse“ 9
4. Charakteristika der Hauptpersonen 11
4.1 Figurenkonstellation der Hauptpersonen 11
4.2 Duguesclins 11
4.3 Eustache de Saint-Pierre 12
5. Die Sprache in „Die Bürger von Calais“ 13
6. Schluss 15
7. Literaturverzeichnis 16
1
1. Einleitung
„Er ist kein Neuling, obgleich die Bühnen sich vor ihm verschlossen halten, der fern vom Markt in Strenge seiner Arbeit lebt“. Mit diesen Worten wird Georg Kaiser im Frühjahr 1917 in „S. Fischers Mitteilungen über neuere Literatur“ vorgestellt und die Uraufführung seines Werkes „Die Bürger von Calais“ angekündigt. Bereits vier Jahre zuvor erschien sein Drama in schriftlicher Form und erreichte bis zum Jahre 1932/33 eine, für damalige Verhältnisse, sehr hohe Auflage von 17.000 Exemplaren. 1 Dies war die endgültige Etablierung Kaisers in die Gilde der am meisten geachteten Schriftsteller im Expressionismus.
Der damalige Kritiker der „Frankfurter Zeitung“, Bernhard Diebold, beschrieb Kaiser aufgrund seines spielerischen Intellekts als den „Gedankenspieler“. Dieser Ausdruck war sehr zutreffend auf Kaisers Schreibstil, da die Wirkung seiner Werke auf ihrer Dialektik und der Stärke ihrer Begrifflichkeit basieren. 2 Im Gegensatz zu seinen bisherigen Werken setzt sich Kaiser bei diesem Drama mit einer wahren historischen Begebenheit auseinander, die er im Folgenden in einigen Punkten abgeändert hat, um eine stärkere Dramatik erzeugen zu können. Die Belagerung der Stadt Calais im Hundertjährigen Krieg ging vor allem durch Forderung des englischen Königs Edward III. nach sechs Hinrichtungsopfern in die Geschichte ein. Als Gegenleistung wollte er auf die Vernichtung der Stadt verzichten. Die Abgrenzung Kaisers vom naturalistischen Drama ist dabei nur eines der Themen, welches in die „Die Bürger von Calais“ behandelt wird. Im Vordergrund steht vielmehr der Wunsch nach einer neuen Generation Mensch, welcher die gesellschaftlichen Ketten abwirft und sich zu einem eigenständigeren Individuum mit eigenen Gedanken und Gefühlen weiterentwickelt.
Die Literatur zu diesem Thema ist dabei sehr vielseitig. Wer sich näher mit diesem Drama beschäftigen möchte, dem würde ich vor allem die Bücher von Kurt Behrsing und Dr. Edgar Neis empfehlen. Hier bekommt man einen sehr guten Einblick auf die Intentionen des Autors und Hintergrundinformationen zu dem Werk selber. In meiner Arbeit möchte ich nun versuchen das Drama von Georg Kaiser zu analysieren und dabei den Fokus vor allem auf die Sehnsucht nach dem neuen Menschen legen.
1 Horst Denkler: Die Bürger von Calais. Drama und Dramaturgie, R. Oldenbourg Verlag, München 1967, S. 13.
2 Edgar Neis: Erläuterungen zu Georg Kaiser: Die Bürger von Calais. In: Königs Erläuterungen und Materialien
(Band 289). C. Bange Verlag, Hollfeld 1897, S. 6. 2
2. Quelle und Denkmal
Die Anregung für seine Fabel erhielt Georg Kaiser durch das Denkmal des französischen Bildhauers Auguste Rodin (1840-1918), welches auf dem Markplatz vor dem Rathaus in Calais aufgestellt wurde. 3 Rodin hat für seine Plastik dabei den wohl grausamsten Moment gewählt, als die sechs Freiwilligen ihren Opfergang antreten. 4
Das Werk, „Die Bürger von Calais“, von Georg Kaiser ist dabei kein rein fiktionaler Text, sondern orientiert sich an einer historischen Begebenheit des Hundertjährigen Krieges: Die Belagerung der französischen Stadt Calais durch die Truppen des englischen Königs Edward III. im Jahre 1346.
Kaiser bediente sich dabei der Chronik des Dichters Froissart (1337-ca.1404), welcher den Kampf zwischen König Edward III. und seinem französischen Pendant Philipp VI. von Valois als Zeitgenosse miterlebte und änderte den Inhalt seiner Fabel in einigen Aspekten inhaltlich ab. 5
Der Umstand dass sich Kaiser eines historischen Ereignisses bediente, ist dabei nicht ohne jegliche Ironie, war es doch Kaiser der sich geschichtlichen Überlieferungen gegenüber in seinem Aufsatz „Historientreue“ durchaus kritisch äußerte: „ […] nicht, was sich kalendermäßig ereignet ist wichtig-, sondern was geistig funktioniert gilt“. 6 Denkler sieht in dieser Widersprüchlichkeit den „erhobenen Anspruch“ Kaisers, sich mit vorhandenem Quellenwerk auseinanderzusetzen und es zu einem stimmigen Gesamtkunstwerk umzuformen. 7
Der Belagerung Calais geht die Niederlage der französischen Truppen am 26.8.1346 bei Crecy voraus, welche die Voraussetzung für einen bis 1351 andauernden Waffenstillstand bildete. Die Verteidigung von Stadt und Hafen Calais war somit nur noch ein Nachspiel des eigentlichen Krieges. 8 Die Bewohner wehrten sich über ein Jahr tapfer gegen die Belagerung, mussten sich allerdings ihre Aussichtslosigkeit eingestehen, als ihre Lebensmittelvorräte zu Neige gingen. Der Gouverneur der Stadt bat dem englischen König deshalb die Kapitulation an. Eduard III. willigte ein, stellte aber eine Bedingung: Sechs der vornehmsten Bürger der Stadt sollten
3 Neis: Erläuterungen, S. 11.
4 Hermann Glaser: Georg Kaiser. Die Bürger von Calais. In: Ludwig Büttner (Hg.): Europäische Dramen von Ibsen
bis Zuckermayer. Moritz Diesterweg Verlag, Frankfurt am Main 1959, S. 176.
5 Ebd. S. 175.
6 Georg Kaiser: Historientreue. Am Beispiel „Flucht nach Venedig“. In: Berliner Tageblatt und Handels-‐Zeitung.
Abendausgabe 52 (4.9.1923), Nr. 414, S. 2.
7 Denkler: Bürger von Calais, S. 16.
8 Ebd. S. 21.
3
barfüßig und nur mit einem Hemd bekleidet, den Schlüssel der Stadt überbringen, während sie einen Strick um den Hals tragen für die folgende Exekution. 9 Der Bürgermeister der Stadt, Jehans de Viane, versammelte daraufhin alle Bürger der Stadt und erklärte es gäbe keinen anderen Ausweg, als auf die Forderung einzugehen, wenn sie nicht alle sterben wollen. Auf diese Ansprache sollen, laut Froissart, alle Bürger angefangen haben zu weinen und Ustasse de Saint-Pierre, der reichste Bürger der Stadt, meldete sich als erster Freiwilliger. Er machte sich dabei Hoffnungen auf die Gnade Gottes, wenn er sich opferte. Ihm folgte der ebenso ehrenwerte und reiche Jehans d’Aire als zweiter Freiwilliger, welcher der Vater von zwei Töchtern war. Als nächstes meldeten sich die Brüder Jakemes und Pierre de Vissant sowie zwei weitere, von denen man die Namen allerdings nicht erfährt. 10 Die Tatsache dass nur vier der sechs Opfer namentlich kannte, lässt darauf schließen, dass Kaiser nur die zweite Fassung der Chroniken Froissarts gekannt haben muss, da in der vierten Fassung jener Chronik alle sechs Namen genannt werden. 11
Nach der Auswahlprozedur kamen die sechs Auserwählten der Forderung des englischen Königs nach und überbrachten ihm, wie vereinbart, den Schlüssel der Stadt. Als sie vor ihm ankamen, appellierten sie an seine Gnade und flehten um ihr Leben. Der Monarch zeigte sich allerdings unnachgiebig und hielt eisern an seiner grauenvollen Bedingung fest. Erst als sich ihm seine hochschwangere Frau vor die Füße warf und um Verschonung der Bürger flehte, hatte Edward III. Erbarmen und verzichtete auf die Vollstreckung der Todesstrafe. Er schenkte ihnen die Freiheit, besetzte die Stadt und vertrieb die gesamte Bewohnerschaft. 12 Kaiser hält sich bei seinem Drama größtenteils an die Chronik von Froissart, jedoch hat er die Geschichte insoweit abgeändert dass sich nicht sechs der Bürger freiwillig melden, sondern sieben um die Dramaturgie noch zu verstärken. Bei der Charakterisierung der einzelnen Personen, wurde er hingegen durch das Denkmal von Rodins stark beeinflusst. 13
Von dem Drama „Die Bürger von Calais“ existieren drei Fassungen, welche Kaiser zugeschrieben werden. Den meisten Ausgaben liegt dabei die zweite Fassung zugrunde, deren Handschrift jedoch fehlt. Walther Huder weist dabei darauf hin, dass
9 Glaser: Georg Kaiser, S. 176.
10 Neis: Erläuterungen, S. 11ff.
11 Ebd. S. 13.
12 Denkler: Bürger von Calais, S. 24.
13 Glaser: Georg Kaiser, S. 176. 4
Arbeit zitieren:
Andreas Zehentbauer, 2011, Die Idee des „neuen Menschen“ in Georg Kaisers "Die Bürger von Calais", München, GRIN Verlag GmbH
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