Remerciements:
En préambule à ce mémoire, je souhaite adresser mes remerciements les plus sincères à Madame Myriam Geiser, en tant que directrice de mémoire, pour sa disponibilité, sa patience, et générosité ainsi que ses nombreux conseils et suggestions qui ont considérablement contribué à la réalisation de ce travail.
J'exprime ma gratitude également envers Madame Elodie Vargas, en tant que directrice de ce mémoire, pour son aide ainsi que la confiance et compréhension qu'elle témoigne à mon égard depuis quelques années maintenant.
Enfin, j'ai une reconnaissance toute particulière vis-à-vis de mon fils et mon mari, qui m'ont permis de mener le présent travail ainsi que cette année universitaire jusqu'à terme. Den größten Dank schenke ich jedoch meinen Eltern, die mich so aufwachsen ließen, dass ich heute im Stande bin mir gewisse Fragen zu stellen, Dinge zu hinterblicken versuche und mit
Inhalt
1. Einleitung
2. Einführung in die Thematik
2.1. Kurze Geschichte der türkischen Einwanderung in Deutschland
2.2. Die bisherige Literatur deutsch-türkischer Autoren
2.3. Integration, Multikulturalität, Migration im Spiegel aktueller Debatten in der deutschen
Öffentlichkeit
3. Textkorpus
3.1. Vorstellung der Autoren: Biografischer Hintergrund und öffentliches Engagement
3.1.1. Feridun Zaimoglu
3.1.2. Güner Yasemin Balci
3.1.3. Cem Gülay
3.2. Abschaum von Feridun Zaimoglu (1997)
3.2.1. „Die wahre Geschichte von Ertan Ongun“
3.2.2. Authentische Stories „behutsam eingerichtet“
3.3. Arabboy von Güner Yasemin Balci (2008)
3.3.1. „Die Geschichte von Rachid und seinen Freunden“
3.3.2. Autobiografischer Stoff als Romanbasis
3.4. Türken-Sam von Cem Gülay (2009)
3.4.1. „Die Geschichte von Türken-Sam“
3.4.2. Ein journalistischer Schreibstil im Dienste sozio-politischer Kritik
4. Thematische Textanalyse
4.1. (Gescheiterte) Integration, Perspektivlosigkeit und mögliche „Auswege“
4.2. Das Leben in Parallelgesellschaften
4.3. Psychologisches Portrait der Protagonisten
5. Rezeption
5.1. Legitimität trotz/durch Migranten-Identität und das Gewicht des Paratextes
5.2. Eingesetzte Mittel, angestrebte Wirkung und Zielgruppen
6. Definitionsversuch
7. Schlussbetrachtung und Forschungsperspektiven
Bibliographie und Anhang
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1. Einleitung
Auf die Frage, warum die deutsch-türkischen Geschichten in Literatur, wie auch im Film zur Zeit so äußerst beliebt seien, antwortete der deutsche Germanist Dr. Michael Hofmann, dass dies „sicherlich nicht deshalb [der Fall sei], weil die Deutschen immer noch das Gefühl haben, sie müssten diese türkischen Texte oder Filme anschauen, um eine Schuld zu büßen, weil sie die Türken schlecht behandeln.“ Er erläutert die Rezeptionsgeschichte wie folgt:
Es gab ein erste Phase der deutsch-türkischen Literatur, die man noch als Gastarbeiterliteratur bezeichnet hat, wo es eigentlich darum ging, nur die negative Behandlung der Ausländer in Deutschland darzustellen. Man hat von einer Art Sozialarbeiterattitüde der deutschen Leser gesprochen. Das existiert so nicht mehr. Heute interessiert uns an der deutsch-türkischen Literatur und dem Kino, dass wir einen ganz ungewohnten Blick auf unsere Realität bekommen. 1
Vor allem dieser letzte Satz, scheint die folgende Arbeit passend einzuleiten. Hier soll es darum gehen, einerseits diese sehr aktuelle, „deutsch-türkische Literatur“, zu benennen, zu
charakterisieren. Dies soll anhand der Analyse dreier Bücher versucht werden. Drei Autorennamen, die die deutsche Kultur-und vor allem auch Medienlandschaft in den letzten Jahren nicht unbeeindruckt gelassen, und öfter auch einmal für Polemiken gesorgt haben. Drei Bücher die sich in ihrer Originalaufmachung stark ähneln, mit ihrem schwarzen, tristen, fast Kälte und Wut kommunizierenden Einband 2 . Drei Bücher, deren Titel und Klappentext sich in dem Wunsch Authentizität und Wahrhaftigkeit zu vermitteln stark ähneln: „Abschaum-die wahre Geschichte von Ertan Ongun“ 3 , „Arabboy-eine Jugend in Deutschland -ein intensiver, harter Bericht aus der oft zitierten, aber bislang doch unbekannten Parallelgesellschaft, die für viele Jugendliche in Deutschland die bittere Realität ist.“ 4 , „Türken-Sam-eine deutsche Gangsterkarriere- der erste biografische Bericht aus der Lebenswelt der jungen männlichen Migranten in Deutschland.“ 5 . Und nicht zuletzt der Ausgangspunkt, nämlich autobiografisches Material und der soziale Kontext, der allen drei -männlichen- Protagonisten anzuhaften scheint, bilden aus diesen drei Büchern ein eher einheitliches und kohärentes Textkorpus. Die Auswahl der Texte soll eine Antwort auf die Frage ermöglichen, ob man tatsächlich von einer Tendenz, einem sehr homogenen Phänomen sprechen kann. In den Medien und der Literaturkritik werden ähnliche (literarische) Texte meist in dieselble Schublade „Migrantenliteratur“ und „Belletristik“ gesteckt, mit der Begründung, dass dem Leser
1 STRUPEIT N., „Deutsch-türkische Literatur“ Gespräch mit Prof. Dr. Michael Hofmann, ARTE, 2005, 17/06/11, http://www.arte.tv/de/811486,CmC=811240.html.
2 Vgl.: Abbildung der Buchtitel im Anhang.
3 ZAIMOGLU Feridun, Abschaum-die wahre Geschichte von Ertan Ongun, ROTBUCH, Hamburg, 2003(fünfte Auflage), Erstauflage:1997.
4 BALCI Güner Yasemin, Arabboy-eine Jugend in Deutschland oder das kurze Leben des Rachid A., S.FISCHER, Frankfurt am Main, 2008.
5 GÜLAY Cem, Helmut Kuhn (Coautor), Türken-Sam, Eine deutsche Gangsterkarriere, dtv premium, München, 2010 (aktualisierte Ausgabe), Originalausgabe: 2009.
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immer wieder dieselben Geschichten dargelegt würden, und, dass diese Autoren eher als Sozialarbeiter, oder Soziologen vorgestellt werden, um ihnen eine gewisse literarische Relevanz abzusprechen. Inwiefern ähneln sich diese drei Bücher, in ihrer Herangehensweise, ihrem Stoff, ihrer Verarbeitung, in den Zielen die sie anstreben, und welche Unterschiede können wir festmachen, beziehungsweise welche Merkmale können uns zu einer möglichen Definition und Charakterisierung dieses sehr aktuellen Phänomens führen? Diese Arbeit bietet einen Herangehensversuch an diesen Stoff an, einen globalen Überblick, und nicht zuletzt eine erste Grundlage für weitere ausführlichere und weiter ausgreifende spätere Forschungen zum Thema. Um einen Zugang zu diesen Werken zu ermöglichen, soll vorerst dargestellt werden in welchem politischen und sozialem Umfeld, „welchem Deutschland“ diese Werke entstehen und erscheinen und in welche historische und literarische Kontinuität sie sich einreihen. Anschließend werden die drei Autoren, dann die ausgewählten Werke getrennt voneinander vorgestellt, und die Herangehensweise sowie der Stil der Autoren näher erkundet. Daraufhin soll eine thematische Analyse vorgenommen werden, die alle drei Bücher unter Berücksichtigung gewisser, in allen drei Werken auftretender Themen vergleicht und sich näher mit den Protagonisten beschäftigt. In einem weiteren Punkt werden die Werke in Hinsicht auf ihre Rezeption wie auch die Absichten der Autoren analysiert. Am Ende der Arbeit soll schließlich versucht werden eine Definition und Zusammenfassung über dieses aktuelle Phänomen abzugeben.
2. Kurze Einführung in die Thematik
2.1.Historische Einleitung
Der französischen Soziologin Isabelle Rigoni zufolge, kann man der türkischen Immigration, vor allem in Deutschland, einen fortlaufenden, dynamischen, sowie zeitgenössichen Charakter zuschreiben. 6
Im Jahre 1961 wurden im Rahmen des Anwerbeabkommens zwischen der BRD und der Türkei die ersten türkischen Arbeitskräfte in die Bundesrepublik geholt. Verschiedene Abkommen wurden außerdem zu Anfang der 60er Jahre zwischen deutschen und türkischen Unternehmen getroffen. Und auch das Assoziierungsabkommen -EWG-Türkei (Ankara-Abkommen) von 1963 sollte das Einwandern türkischer Arbeitskräfte in die Bundesrepublik einleiten und erleichtern. 7 Zuvor waren
6 RIGONI Isabelle, „Migrants de Turquie : un demi-siècle de présence en Europe occidentale“ ,Outre-Terre, 2005/1 no 10, S. 325-337 Originalzitat (französisch): „L’immigration de Turquie revêt donc un caractère continu, dynamique et contemporain.“.
7 REISSLANDT, Carlin: „Von der Gastarbeiter-Anwerbung zum Zuwanderungsgesetz“, 2005, Bundeszentrale für politische Bildung, 17/06/11,
http://www.bpb.de/themen/6XDUPY,0,0,Von_der_GastarbeiterAnwerbung_zum_Zuwanderungsgesetz.html.
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im Übrigen bereits Gastarbeiter aus Italien, Spanien und Griechenland angeworben wurden, und im Laufe der 60er Jahre kamen auch marokkanische, portugiesische, tunesische und jugoslawische Gastarbeiter nach Deutschland. 8
Vorerst war für die türkischen Gastarbeiter in diesem Zusammenhang nie davon die Rede für längere Zeit, oder gar für immer in der BRD zu bleiben. Zumal es zuerst ausschließlich die jungen Männer und Familienväter waren, die weit weg von der Familie auf deutschem Boden ihr Geld verdienten, um es sogleich in die Heimat, zu ihrer Familie zu schicken. Ab dem Jahre 1973 wurden, vor allem auf Grund der Ölkrise und der damit zusammenhängenden Ölpreiserhöhung, keine neuen Arbeiter mehr angeworben. Man hatte Angst, dass eine hohe Arbeitslosigkeitsrate unter den Gastarbeitern auftreten, und dies zu teuer für das Sozialversicherungssystem werden könnte. 9 Und die Grenzen wurden Anfangs der 70er Jahre allmählich geschlossen. Dies stoppte aber nicht wirklich die Einwanderung, zumal 1974 das Familienzusammenführungsgesetz in Kraft trat, welches ermöglichte Kinder (unter 17 Jahren) (und Frauen) aus der Türkei nachzuhohlen. Ausweisfälschungen, um das Alter der Kinder herunterzusetzen, waren keine Ausnahme. Oft waren es also die älteren Kinder die zu diesem Zeitpunkt nachgehohlt wurden. Da sich die Eltern ja als Gastarbeiter seit Jahren in Deutschland befanden, wurden viele Kinder bereits dort geboren. Mittlerweile sind wir bereits bei der vierten Generation angelangt. Jedoch muss man wohl zu den verschiedenen Generationen einige Verdeutlichungen angeben. Es gab im Grunde vor allem zwei größere Wellen von Gastarbeitern die sich in Deutschland ansiedelten. Bei den ersten handelte es sich noch um wahre Facharbeiter oder Männer, die bereits etwas in der Türkei gelernt hatten, und nun zu Facharbeitern in deutschen Betrieben ausgebildet wurden. Die Menschen brachten oft bereits gewisse Kompetenzen oder fachliche Fähigkeiten mit und wurden dementsprechend in Deutschland in großen Betrieben eingestellt und gefördert. Dann wurden jedoch mit der Zeit immer kostengeringere Arbeitskräfte aus der Türkei geholt. Oft kamen diese Erwachsenen aus sehr ärmlichen, bäuerlichen Verhältnissen, aus dem tiefsten Anatolien. Diese Leute waren bereit in Deutschland große Opfer zu bringen, und für wenig Geld viele Stunden am Tag oft hart zu arbeiten. Repräsentativ für diese Arbeiter ist gewiss Günther Wallraffs Buch Ganz Unten (1985), in welchem die schlechten und oft auch erniedrigenden Arbeitsverhältnisse dieser Art Gastarbeiter recherchiert wurden 10 . Die Kinder der ersten Arbeiterwellen wurden zumeist bereits in Deutschland geboren, und haben nicht selten eine quasi deutsche Erziehung erfahren, sind unter Deutschen aufgewachsen. Die Kinder der später angeworbenen Arbeiter, die oft nur noch Billigkräfte darstellten, waren oft
8 WIKIPEDIA, „Gastarbeiter“, 17/06/11, http://de.wikipedia.org/wiki/Gastarbeiter.
9 DGDB, „Dokumente-die Herausforderungen der Immigration, der Anwerbestopp nach der Ölkrise“, 17/06/11, http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/sub_document.cfm?document_id=848&language=german.
10 WALLRAFF Günter, Ganz unten, Kiepenheuer & Witsch, Köln, Erstauflage 1985.
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Nachgezogene, die erst im Jugendalter nach Deutschland kamen, und Jahre lang weit weg von den Eltern von anderen Familienangehörigen in der Türkei aufgezogen wurden, und keinen wirklichen Bezug zu den Eltern aubauen konnten 11 . Diese Präzisionen sind wichtig, da sich beide zweiten Generationen sozusagen oft nicht gleich entwickelten. Im übrigen stellen wir fest, dass die zweite Generation der späteren Gastarbeiter selbst sehr früh eigene Kinder bekommen, die nicht selten gar kein Deutsch sprechen und vor allem in der eigenen Kultur aufgewachsen sind und anachronistische, traditionelle Modelle aus dieser in die heutige Zeit herüberretten. Diese dritte Generation sind die heutigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die manchmal selbst schon wieder Kinder haben (deshalb können wir bereits von der vierten Generation sprechen). Die Nachkommen der Kinder der frühen Gastarbeiter, sind eher noch jung oder noch „ungeboren“ 12 , denn oft, und so verhält es sich auch für unsere drei Autoren, gründen diese Erwachsenen erst spät Familien.
1983 ermöglichte das Rückförderungsgesetz den türkischstämmigen Familien in Deutschland mit Hilfe finanzieller Unterstützungen seitens der BRD unter anderem in ihre Heimat zurückzukehren. 13 Nur wenige Familien jedoch nahmen dies in Anspruch. Seit 2005 hat diese Zahl jedoch leicht zugenommen. Seit diesem Zeitpunkt wird im übrigen durch das Zuwanderungsgesetz die Migrationspolitik der Bundesrepublik „von der arbeitsmarktorientierten, über die humanitär begründete Zuwanderung bis hin zu einer Integrationspolitik durch den Bund geregelt.“ 14 Im Jahr 2000 wurde die Aufenthaltsdauer die einen Einbürgerungsanspruch ermöglicht von fünfzehn auf acht Jahre gesenkt. Parallel wird seit diesem Zeitpunkt von den Ausländern die Anspruch auf die deutsche Staatsbürgerschaft erheben, verlangt, gewisse Deutschkenntnisse vorzuweisen und sich zu den Werten und Prinzipien des deutschen Grundgesetzes zu bekennen. 15 Heute leben rund 3 Millionen Menschen in Deutschland die ihre Wurzeln in der Türkei haben, das sind rund 30% der in Deutschland lebenden 7 Millionen Ausländern. Zu denen zählen in der Bundesrepublik vor allem auch italienisch-, polnisch-, griechisch-, kroatisch- und russischstämmige Einwohner.(Statistik vom 31. Dezember 2009) 16
11 Vgl.: GÜLAY Cem, Türken-Sam, dtv premium, Hamburg, 2009, S. 81.
12 Vgl.: Cem Gülay, ibid., S. 38.
13 DENECKEAnnette, KERN Snjezana, Beratung in multikuturellen Kontexten, 2006 , 17/06/2011(pdf-Datei zum Herunterladen:http://www.efh-darmstadt.de/fuw/download/sysbertexte/11_Beratung_in_multikulturellen_Kontexten1.pdf ).
14 REISSLANDT, Carlin: „Von der Gastarbeiter-Anwerbung zum Zuwanderungsgesetz“, 2005, Bundeszentrale für politische Bildung, 17/06/11,
http://www.bpb.de/themen/6XDUPY,0,0,Von_der_GastarbeiterAnwerbung_zum_Zuwanderungsgesetz.html.
15 STAHL Silvester, „Deutschland: Anstieg der Einbürgerungen im Jahr 2000“, Migration-Info.de, Januar 2002, 17/06/11, http://www.migration-info.de/mub_artikel.php?Id=020102.
16 Statista, „Anzahl der Ausländer in Deutschland nach Herkunftsland“, Stand 31.Dezember 2009, 17/06/11, http://de.statista.com/statistik/daten/studie/1221/umfrage/anzahl-der-auslaender-in-deutschland-nach-herkunftsland/.
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2.2.Die bisherige Literatur deutsch-türkischer Autoren
Bereits Anfang der 70er Jahre entstanden die ersten Texte in Deutschland lebender, türkischstämmiger Autoren. In diesen wurde vor allem über die Arbeitswelt und den Alltag der Gastarbeiter refklektiert. Oft kam es hier noch vor, dass der Betroffene und der Beobachtende, also Schreibende, ein und dieselbe Person waren. So zum Beispiel BekirYildiz 17 und Fethi Savasci 18 , die beide parallel zu ihrer Beschäftigung in der Industriebranche als Gastarbeiter, auf sehr subjektive Art und Weise, ein Dokument und eine Berichterstattung über ihre eigenen Erfahrungen, ihren Bezug (wie auch Bezugslosigkeit) zu Deutschland und zur fernen Heimat, darlegten. Aber auch Schriftsteller (Yüksel Pazarkaya, Aras Ören, Güney Dal zum Beispiel), beschäftigten sich von Anfang an mit dem Stoff der Gastarbeiter, und sahen in ihrer Tätigkeit nicht zuletzt auch eine Art Vermittlerrolle zwischen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und den türkischen Gastarbeitern. Oft wurden diese ersten Publikationen noch in türkischer Muttersprache verfasst, und schließlich übersetzt. Diese Autoren befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch in einem ihnen völlig fremden Land, und die deutsche Sprache war eine Fremdsprache. Man blickte auf dieses „Fremde“ herab, manchmal auf negative Art und Weise (Yildiz) manchmal mit Neugier. Vor allem aber beschrieben diese Autoren den anatolischen Bauern in dieser neuen, modernen deutschen Industriegesellschaft. Die Distanz zum deutschen, und dieses Leben zwischen zwei sich völlig fremden Welten waren in diesen Publikationen oft ausschlaggebend. Die Literatur türkischstämmiger Autoren war also von Anfang an eine realitätsbezogene und zeitgenössiche Literatur, in der man sich mit der eigenen Realität aktuell auseinandersetzte. Diese eher geschlossene Welt der anatolischen Arbeiter in Deutschland, zogen auch deutsche Autoren, wie den Schriftsteller Heinrich Böll und Journalisten Günter Wallraff an, die sich vor allem mit der Arbeiterwelt, und ihren Bedingungen beschäftigten. Letzter beschreibt in seinem Buch Ganz unten wie er als Türke verkleidet unterschiedliche Stellen auf dem deutschen Arbeitsmarkt annimmt, und Misssstände und Diskriminierung erfährt. 19 Die türkischen Arbeiter bildeten eine Art Randgesellschaft, die man nun neugierig erkundete. In den
17 YILDIZ Bekir,
Türkler Almanyada
(dt.: Die Türken in Deutschland ), Istanbul, 1966
Topkapi-Harran einfach, Erzählung.
Übersetzt von Gisela Kraft, Harran Verlag, 1983.
18 Fethi Savasci, Bei laufenden Maschinen : Erzählungen ; dt./türk. = Makinalar Çalışırken / Fethi Savaşçı. Aus d. Türk. von Helga Dağyeli-Bohne, Frankfurt a.M., 1. Aufl. 1983.
19 WALLRAFF Günther, Ganz unten, Kiepenheuer & Witsch; Köln, Auflage: Erw. Neuaufl. (1992) Erstauf1age: 1985. Ausschnitt aus dem Vorwort S.7: „Sicher, ich war nicht wirklich ein Türke. Aber man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden. Ich weiß immer noch nicht, wie ein Ausländer die täglichen Demütigungen, die Feindseligkeiten und den Hass verarbeitet. Aber ich weiß jetzt, was er zu ertragen hat und wie weit die Menschenverachtung in diesem Land gehen kann.
Ein Stück Apartheid findet mitten unter uns statt - in unserer „Demokratie“.
Die Erlebnisse haben alle meine Erwartungen übertroffen. In negativer Hinsicht. Ich habe mitten in der Bundesrepublik Zustände erlebt, wie sie eigentlich sonst nur in den Geschichtsbüchern über das 19. Jahrhundert beschrieben werden.“
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80er Jahren schließlich waren es vor allem relativ junge Autoren, oft bereits in Deutschland geboren, oder in Deutschland aufgewachsen und sozialisiert, die versuchten, mit Hilfe der Literatur den Weg zur eigenen Identität zu finden. Das ständige, wenn auch nicht physische aber ebenfalls mentale „Unterwegssein“ zwischen zwei Welten, zwei Kulturen spielte in der Literatur der 80er Jahre eine wesentliche Rolle. Eine Autorin wie Alev Tekinay 20 scheint diese Problematiken in ihren Gedichten sehr passend zu artikulieren. Die Lyrik schien das ideale Genre für diese Autoren, um ihre innere Zerissenheit und Heimatlosigkeit zum Ausdruck zu bringen. Der deutsch-türkische Literaturwissenschaftler Sargut Sölcun spricht von einer „bilderreichen Verbindung von Realitätbezogenheit und Sensibilität“ 21 . In den 90er Jahren wählen immer mehr türkischstämmige Autoren die Form der Prosa und schreiben über indivudelle Schicksale, die nicht zuletzt auch Bezug zur deutschen Wiedervereinigung und dem neuen Leben in einem vereinten Deutschland nehmen. Dieses Thema wurde auch noch Anfang des 21.Jahrhunderts aufgegriffen, so zum Beispiel in Yade Karas Roman Selam Berlin(2003) 22 . Die Geschichten, die immer individueller werden, stellten nun ganz persönliche Lebensläufe dar, die sich nicht mehr wirklich verallgemeinern lassen mochten und sollten, und auch nur sehr selten autobiographisch sind. Heute gibt es eine neue Wage literarischer Erscheinung, die sich auf eher komische und unbeschwerte Art und Weise vor allem mit dem Thema Multikulturalität beschäftigen. Hier können zum Beispiel die Bücher von der Journalistin und Schriftstellerin Dilek Güngör 23 oder auch die Biographie der Jugendlichen Melda Akbas 24 zitiert werden.
2.3.Integration, Multikulturalität, Migration im Spiegel aktueller Debatten in der deutschen Öffentlichkeit
Hier soll die Frage gestellt werden in welchem politischen und sozialem Umfeld diese Bücher in der deutschen Öffentlichkeit erscheinen. In Frankreich sprach man in den letzten Monaten von der nationalen Identität. Und in Deutschland ist die Debatte um die deutsche Leitkultur eine vergleichbare. Es scheint sich hier jedoch immer wieder vor allem verstärkt um die Anwesenheit türkisch-oder arabischstämmiger, muslimischer Einwohner in Bezug auf die deutsche (beziehungsweise französische) Gesellschaft zu handeln. Und die Debatte um den Islam in Deutschland ist in diesem Kontext stets präsent und problematisch. Der Bundespräsident hat in
20 TEKINAY Alev, Die Deutschprüfung-Erzählungen, Brandes und Apsel, Frankfurt am Main, Erstauflage: 1989.
21 CHIELLINO Carmile (Hrsg.), Interkulturelle Literatur in Deutschland, Verlag J.B.Metzler, Stuttgart, 2000, S.
22 KARA Yade, Selam Berlin, Diogenes, Zürich, 2003.
23 GÜNGÖR Dilek, Ganz schön deutsch-meine türkische Familie und ich, PIPER, München, 2007 idem , Unter uns, Edition Ebersbach, 2004.
24 AKBAS Melda, So wie ich will-mein Leben zwischen Moschee und Minirock, Bertelsmann Verlag, München, 2010.
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diesem Sinne seine Ansprache am 3.Oktober 2010 zum 20 Jahrestag der Wiedervereinigung hauptsächlich der Integration, und wiederum dem Islam gewidmet. Seine Worte,der Islam gehört zu Deutschland 25 , haben daraufhin eine sehr rege Polemik in der deutschen Öffentlichkeit hervorgerufen. Mehrere Abendsendungen des öffentlichen deutschen Fernsehens haben sich, daraufhin mit dem Thema aufs Neue beschäftigt und auch die Bevölkerung wurde öfters zum Thema befragt. „Gehört der Islam zu Deutschland?“ fragt zum Beispiel die Moderatorin und Journalistin Sandra Maischberger Straßenpassenten. 26 Die befragten deutschen Staatsbürger antworten auf diese Frage zum überwiegenden Teil mit einer klaren Ablehnung und einige sprechen in Hinsicht auf die türkischstämmigen deutschen Einwohner, die nun seit vier Generationen in Deutschland Fuß gefasst haben, noch immer von Gastarbeitern. Die Tendenz der letzten Monate oder sogar Jahre hat gezeigt, dass die Situation sich verschlechtert und, dass die Gesellschaft regelrecht auseinanderdriftet 25 . Jede der beiden Seiten gewinnt außerdem an Selbstbewusstsein und scheut nicht mehr davor zurück, sich gegen den „anderen“ öffentlich auszusprechen, diesen offen zu kritisieren, Ablehnung zu artikulieren. Auf der einen Seite die türkischstämmigen Migranten, größtenteils in Deutschland geboren und auf der anderen „der deutsche Bürger“, oder im schlimmsten Fall der Ausländerfeind, oder Skinhead, denn seit den 90er Jahren beobachtet man in Deutschland, vor allem auch in den neuen Bundesländern, wo man auf Grund der ökonomischen Schwierigkeiten, nicht viele Ausländer vorfindet, organisierte rechtsradikale Gruppen deren Diskriminierung von Ausländern zu tödlichen Anschlägen führen kann. Fährt man während der Wahlkampagne durch die Oberlausitzer Gegend (Sachsen), muss man erkennen, dass die Landschaft mit ausländerfeindlichen Wahlplakaten der NPD versehrt ist. 27 Geschichten wo ein dunkelhäutiger, türkischer oder arabischer Bürger von Skinheadhorden niedergeschlagen wird gibt es bereits zu genüge.
Es gibt aber auch wieder, wie dies schon einmal in den sechziger Jahren der Fall war, Schulklassen in denen türkisch-und arabische Kinder und Jugendliche, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, kein richtiges Deutsch mehr sprechen, (wobei hier bemerkt werden sollte, dass nicht die türkischen, sondern italienischstämmigen Einwohner die größten linguistischen und schulischen Schwierigkeiten aufweisen 28 , dieses Thema jedoch seltener in der deutschen
25 Online Focus, „Der Islam gehört zu Deutschland“, Oktober 2010, 17/06/11, http://www.focus.de/politik/deutschland/20-jahre-wende/christian-wulff-der-islam-gehoert-zu-deutschland_aid_558481.html.
26 Menschen bei Maischberger, „Gehört der Islam zu Deutschland“, 2010, 17/06/11,
http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/311210_menschen-bei-maischberger/5597326_schleier-und-scharia—gehrt-der-islam-zu-deutschla.
27 NPD Sachsen, Wahlplakate: „Arbeit für Deutsche“, „Gute Heimreise“(türkische Frauen abgebildet), „der Osten wählt deutsch“, „Touristen willkommen, Asylbetrüger raus“.
28 BOLDT Gregor, „Italienische Schüler sind am schlechtesten“, der Westen, September 2010, 17/06/2011, http://www.derwesten.de/nachrichten/Italienische-Schueler-sind-am-schlechtesten-id3685063.html.
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Öffentlichkeit angesprochen wird.). Sie wachsen in einem geschlossenen Kulturkreis auf. Oft ist von Integrationsverweigerung die Rede, darauf deutet sogar der türkische Europaminister Bagis hin, wenn er die Türken (und türkischstämmigen) in Deutschland zu mehr Anpassung und Integration auffordert. 29 Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat festgestellt: „Multikulti ist absolut gescheitert“. 30 Merkel sieht die Schuld dafür jedoch nicht nur bei den Migranten selbst sondern ebenfalls bei der deutschen Politik die die Migranten massiver „fördern“ und „fordern“ sollte. Viel radikalere Ansichten drückt der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer in dieser langwehrigen Integrationsdebatte aus. Ihm zufolge sollte man vorerst die Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen stoppen. Deutsche Leitkultur, ist seiner Meinung nach auf christlicher Kultur und dem deutschen Grundgesetz anstatt Multikulti aufgebaut. Seehofer zufolge ist ein Nebeneinanderleben nicht möglich. Lediglich das Zusammenleben unter dem Leitfaden der deutschen Leitkultur zieht er als mögliches Erfolgsmodell einer Gesellschaft in Erwägung. 16 Die Zuspitzung der Debatte fand schließlich vor einigen Monaten durch Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab-wie wir unser Land aufs Spiel setzen(2010) 31 statt. Die Zuwanderung aus muslimischen Kulturkreisen sei Schuld daran, dass Deutschland immer „kleiner und dümmer“ würde. Er spricht sogar von einer realen Tendenz zur Bildung von Parallelgesellschaften im Bezug auf die muslimischen Bürger in Deutschland, die vor allem die Vorteile des Sozialstaates in Anspruch nehmen und ausnehmen würden anstatt die Chancen der Bildungsmöglichkeit zu nutzen. Aber auch auf der anderen Seite schirmt sich die türkisch-muslimische Unterschicht (wie sie Sarrazin nennt) immer mehr von der deutschen Allgemeingesellschaft ab. Viele Schulen werden zu 90% von ausländischstämmigen (arabisch und türkischen vor allem) Schülern besucht (wie dies in Neukölln zum Beispiel oft der Fall ist), und die wenigen deutschen Schüler werden zur Minderheit, schlimmer noch, sie werden ausgegrenzt oder zum Opfer gemacht, und deutsche Eltern, aber auch ausländische aus höheren sozialen Schichten, ziehen es vor ihre Kinder auf andere Schulen zu schicken. Die Parallelgesellschaften entstehen somit bereits schon im Klassenzimmer. Türkische nationalistische Gruppierungen, wie die „grauen Wölfe“ 32 in Nordrhein Westpfalen zum Beispiel lehnen jegliche
29 Online Focus, „türkischer Europaminister appelliert zur Anpassung“, Oktober 2010, 17/06/2011, http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/integration-tuerkischer-europaminister-appelliert-zur-anpassung_aid_561410.html.
30 Spiegel Online, „Einwanderungspolitik in Deutschland-Merkel erklärt Multikulti für gescheitert, Oktober 2010, 17/06/11, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,723532,00.html.
31 SARRAZIN Thilo, Deutschland schafft sich ab-wie wir unser Land aufs Spiel setzen, Deutsche Verlags Anstalt, München, 2010.
32 Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland, rechtsradikale, nationalitisch- und antisemtischorientiere Gruppierung, die einen türkischen Patriotismus in Deutschland promoviert und den deutschen
Flügel der türkischen Partei der Nationalistischen Bewegung ist. Nähere Definition:
http://de.wikipedia.org/wiki/Graue_W%C3%B6lfe.
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Integration ab und predigen auf sehr gefährliche Art und Weise, einen türkischen Patriotismus auf deutschem Boden. Nährstoff für derartige radikale Ideologien, wie auch einen islamistischen Fundamentalismus und Radikalismus, gibt es unter den türkisch-und arabischstämmigen sozial schwachen Einwohnern zu genüge, auch in Schulen mit hohem Migrantenanteil. Die Armut vor allem, und die damit oft zusammenhängende Perspektivlosigkeit und eine schwache Bildung, treiben immer mehr Jugendliche in den Bann solcher integrationsverweigernder Organisationen, oder in das Netz von Gewalt oder Beschaffungskriminalität. „Während jeder vierte deutsche Schüler die Schullaufbahn mit dem Abitur abschließt, gilt dies nur für jeden zehnten ausländischen Jugendlichen. (Statistiken der Bundeszentrale für politische Bildung Schuljahr 2003/04)“. 33 Heute leben dem Spiegel zufolge rund 2,5 Millionen bis 3 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland. 34 Es soll an dieser Stelle betont werden, dass nicht der Eindruck entstehen darf, dass die hier angeführten Misssstände im Hinblick auf die Deutschtürken die gesamte türkischstämmige Diaspora in Deutschland betrifft und beschreibt. In dieser Arbeit konzentrieren wir uns lediglich auf eine marginalisierte Randgesellschaft Deutschlands, die jedoch keineswegs repräsentativ für alle türkisch-muslimischen oder gar ausländischen Einwohner ist.
3. Textkorpus
3.1. Vorstellung der Autoren: Biografischer Hintergrund und öffentliches Engagement
3.1.1. Feridun Zaimoglu 35
Feridun Zaimoglu kam am 4.Dezember 1964 in Bolu, einer Kleinstadt in der gleichnamigen Provinz Bolu im Nordosten der Türkei zur Welt. Der Vater war bereits 1963 im Rahmen der ersten Gastarbeitermigrationen nach Deutschland gekommen, und hatte dort eine Stelle bei der BASF
33 Bundeszentrale für politische Bildung, Migration, Bildergalerie, 17/06/11, http://www.bpb.de/themen/8T2L6Z,0,Migration.html.
34 Der Spiegel online, „Türken in Deutschland“, 17/06/11, http://www.spiegel.de/thema/tuerken_in_deutschland/.
35 Vgl.:
GÜVERCIN Eren, Grenzgängerbeatz', Feridun Zaimoglu), 17/06/11,http://erenguevercin.wordpress.com/interviews/. EBBINGHAUS Uwe, „Das Internet ist für mich völlig ungeeignet“Interview mit Feridun Zaimoglu, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2000, 17/06/11, http://www.faz.net/artikel/C30833/im-gespraech-feridun-zaimoglu-das-internet-ist-fuer-mich-voellig-ungeeignet-30081193.html.
Buchhandlung LUDWIG, Hauptbahnhof Köln, Lesung und Gespräch mit Feridun Zaimoglu, 2010, 17/06/11, http://www.youtube.com/watch?v=Ey4xVAGhGHo.
WEDMANN Thomas, 3Sat Bericht„Portraitvorstellung von Feridun Zaimoglu, 2008, 17/06/11, http://www.youtube.com/watch?v=h56xPN6hjMo.
N3 Talkshow 3nach9, mit Feridun Zaimoglu, 2008, 17/06/11, http://www.youtube.com/watch?v=wrV7adgbcMc. Übersetzerwerkstatt mit Feridun Zaimoglu, 2007, 17/06/11, http://www.youtube.com/watch?v=_BSXrWMYRz8. WICKERT Ulrich, im Gespräch mit Feridun Zaimoglu, 2008,17/06/11, http://www.youtube.com/watch? v=mnc0nXtpxfg.
THADEUSZ Jörg, Interview mit Feridun Zaimoglu, 2008, 17/06/11; http://www.youtube.com/watch?v=j2Od5yniz4c. litcolony.de (offline seit Ende 2008), durchlesene Nächte mit Feridun Zaimoglu, 17/06/11 http://www.youtube.com/watch?v=ou8pCEm4QG8.
BIOLECK Alfred, Boulevard Bio MDR, Gespräch mit Feridun Zaimoglu, 2008, 17/06/11, http://www.youtube.com/watch?v=AfewEpvyATQ.
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gefunden. Erst zweieinhalb Jahre später, 1965, fand die Familienzusammenführung statt, Feridun Zaimoglu war damals gerade einmal sieben Monate alt. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er mit seinen Eltern und seiner zwei Jahre jüngeren Schwester in Berlin in einem nach Geschlechtern getrennten Gastarbeiterheim. Die Mutter, tschetschenischer Herkunft, fand eine Beschäftigung als Putzfrau in einem ähnlichen Gastarbeiterheim. Wie sein Vater war auch die Mutter in eher armen Verhältnissen aufgewachsen, hatte jedoch bereits als junges Mädchen sehr viel Ehrgeiz und Stärke bewiesen und es als Mädchen in der Türkei bis zu einem Wirtschaftsgymnasialabschluss gebracht. Auch Feriduns Vater, der BASF-Gastarbeiter schaffte es später zum Übersetzungsjournalisten. Natürlich wollten die Eltern, die Feridun und seine jüngere Schwester streng osmanisch erzogen und sich zum Beispiel von ihnen siezen ließen, dass diese es einmal weit bringen. Ihnen zuliebe, wie Zaimoglu es immer wieder in verschiedenen Interviews betont, hat er dann in Kiel, nachdem er als Klassenbester in München das Abitur abgeschlossen hatte, angefangen Medizin und schließlich nebenbei Kunst zu studieren. Beides hat er dann nach einigen Semestern abgebrochen. Seitdem lebt er in Kiel, „seiner Stadt“ wie er gern betont. Dort fühlt er sich wohl, dort findet er Inspiration. Und dort begann er vor nun 17 Jahren auch zu schreiben. Die Lust zum Schreiben war bereits lange Jahre in ihm gereift, die Liebe zu Büchern hatte er früh gewonnen, erst mit den berühmten Groschenheften, dann Dank Psychothriller- und Kriminalromanen. Und der Auslöser zum ersten großen Werk, so Zaimoglu war dann eine gewisse Wut, die er immer stärker in sich spürte, wenn er um sich blickte und die Missstände in der Situation der türkischstämmigen Menschen in Deutschland wahrnahm. Deshalb, um seinem Schreibtrieb Nahrung geben zu können, bediente er sich authentischer Geschichten junger Einwanderernachkommen und schrieb diese auf. Er gibt diesen Menschen auch einen Namen: „Kanakstas“ und bezeichnet sich schließlich nach der Erscheinung seines ersten Buches Kanaksprak (1995) und seinem ersten in Koproduktion erarbeiteten Film Deutschland im Winter - Kanakistan (1997) selbst als „educated Kanaksta“ 36 . Für diesen Kurzfilm erlangte Zaimoglu seine erste relevante Auszeichnung, den Civis-Medienpreis für Integration. Doch die eigentliche öffentliche Anerkennung kam erst später. 2002 krönte man ihn mit dem Friedrich-Hebbel-Preis, und für seine Erzählung Häute aus dem Buch Zwölf Gramm Glück(2005) zeichnete ihn die Jury des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbes mit dem Jury-Preis aus. 2006 wurde er dann als, wohlbemerkt „einer der wichtigsten jüngeren deutschsprachigen Autoren der Gegenwart“ mit dem Kunstpreis des Landes Schlesweg-Holstein ausgezeichnet. Immer wieder kam es in den Fernsehsendungen und Talkshows, zu denen Zaimoglu eingeladen war, zu polemischen Auseinandersetzungen, Beleidigungen und Unstimmigkeiten im Gespräch mit den anderen Gästen, und auch das Publikum stand nicht immer hinter ihm. Vielen war diese neue, wüste
36 N3 Talkshow 3nach9, mit Feridun Zaimoglu, 2008, 17/06/11, http://www.youtube.com/watch?v=wrV7adgbcMc.
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Sprache, in der er schrieb, zu hart, unanständig oder sogar menschenverachtend. Immer wieder musste er sich rechtfertigen, und er, den die Polemik schon immer reizte, ließ sich dann auch von seinen Figuren und deren Geschichten sozusagen mitreißen und setzte sich für diese ein, bis aus ihm ein echter Kanaksta wurde. Seine langen Haare, sein leichter „Gangstalook“ und die eher raue Sprache machten ihn zum Sprachrohr und zur Identifikationsfigur für eine ganze Generation. Seine „Kanaksprak“ fand man auch im zweiten Buch Abschaum (1997) wieder, und erneut war die Polemik um ihn sehr intensiv. Heute nimmt Zaimoglu seine jungen Schriftstellerjahre betreffend eine eher distanzierte Haltung ein, und schmunzelt auch gern einmal darüber. Von dem ehemaligen Look ist nichts mehr übrig, die Sprache ist auch sanfter geworden, und seine letzten Werke, die Liebesromane Liebesbrand (2008) oder Hinterland (2009) scheinen seine Verwandlung oder, besser gesagt, seine Entwicklung zu besiegeln. Er zögert nicht, sich als modernen Romantiker auszugeben, und wenn er auch zehn Jahre zuvor noch die schwarze Wirklichkeit seiner „Kanaksta“ in wüster Sprache wiedergab, so versucht er heute eher die manchmal graue Wirklichkeit etwas zu transformieren und zu verschönern. Feridun Zaimoglu ist mittlerweile zu einem anerkannten Schriftsteller aufgestiegen. Und es spielt, wie er es in einem Interview bei Arte mitteilt, mittlerweile auch keine Rolle mehr, ob er Deutscher, Türke oder Deutschtürke ist 37 . Als Türke bezeichnet zu werden macht ihn immer wieder etwas wütend, denn er sieht sich als deutschen Autoren mit türkischen Eltern an. Seine Wurzeln pflegt er dennoch, auch seine Kultur und seinen Bezug zur Religion. Man lädt ihn nun auch zu Lesungen in Buchhandlungen ein, was nicht immer der Fall war, denn seine ersten Bücher, in denen er in seiner aussagekräftigen, gewaltvollen Kanaksprak jungen Menschen eine Möglichkeit gab zu existieren, stellte er damals, oft ohne Honorar, in Jugendzentren, Schulen, sogar Billardbars und nicht zuletzt auf sogenannten „Kümmelpartys“ vor. Zaimoglu musste sich seine literarische Relevanz, um die es ihm, wie er es immer wieder äußert, von Anfang an eigentlich ging, hart erarbeiten, erreden und erschreiben. Das im Rahmen dieser Arbeit untersuchte Buch Zaimoglus ist seine zweite Veröffentlichung Abschaum, welches also in die Periode fällt, in der er noch als „Malcom X der Türken“ oder „Rudi Dutschke der Deutschländer“ bezeichnet wurde. In einer Periode, als er in den Interviews und Fernsehsendungen mehr über seine Herkunft, über soziale und politische Hintergründe als über seine Literatur reden sollte, die, wenn damals von den Beteiligten überhaupt als Literatur anerkannt, ständig von ihm rechtfertigt und verteidigt werden musste. Inzwischen geht es in der öffentlichen Rezeption vor allem um die Literatur, seinen literarischen Stil, der sich auch verändert hat, und Zaimoglu stellt sich auch nicht mehr als „Kanaksta“ vor, sondern versucht perfekt einen Nachfolger der deutschen Romantik zu
37 Rohwolt Theater Verlag, „Feridun Zaimoglu“, 17/06/11, http://www.rowohlt-theaterverlag.de/autor/Feridun_Zaimoglu.72078.html, http://de.wikipedia.org/wiki/Feridun_Zaimoglu.
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inkarnieren. Dennoch, auch wenn ihm gewisse Dinge heutzutage peinlich sind, und er - wie er es öfter in Interviews betont - an Reife und Abstand gewonnen hat 38 , verleugnet er diese erste Zeit des Schreibens, in die also auch Abschaum fällt, keineswegs. Seine politischen Ideen haben sich auch nicht wirklich verändert, und er antwortet auch heute noch auf sehr enthusiastische, direkte Art und Weise auf Fragen, die die türkische Diaspora oder die Deutsch-Türken betreffen. Relevant für seine Teilnahme an öffentlichen Debatten und den Wunsch an Lösungsansätzen zum Thema Integration ist zum Beispiel seine Teilnahme an der ersten deutschen Islamkonferenz, welche vom Bundesinnenministerium für den Dialog mit den muslimischen Einwohnern Deutschlands eingeführt worden war. Inzwischen nimmt Zaimoglu an dieser Konferenz nicht mehr teil, denn er bemängelt und bedauert, dass keine „junge, selbstbewusste, gläubige Muslimin [zu diesen Treffen]eingeladen wird“ und somit Stellung zum Thema ergreifen könnte. 39
3.1.2. Güner Yasemin Balci 40
Balcis Eltern sind kurdisch-alevitischer (genau genommen der „Zaza“-Kultur angehörenden) Herkunft und stammen aus einem kleinen ostanatolischen Dorf. Sie sind, wie auch Zaimoglus und Gülays Eltern, im Rahmen der ersten Gastarbeitergenerationen nach Deutschland gekommen. Der Vater war wie in den meisten Fällen damals, vorausgegangen, und die Mutter folgte ein Jahr später mit Güner Balcis größerer Schwester. Ihre zwei größeren Brüder kamen dann bereits auf deutschem Boden zur Welt. Erst in Bayern als Fabrik-Gastarbeiter tätig, zogen die Eltern schließlich nach Berlin Neukölln, in eine sehr einfach gehaltene Gartenlaube. Und dort kam im Jahre 1975, also mehr als 10 Jahre nach der Einwanderung, auch Güner zur Welt. Der Vater übte den Beruf eines Krankenwagenfahrers aus und die Mutter war Raumpflegerin. An die Rückkehr in die Türkei wurde zum Zeitpunkt von Güners Geburt in der Familie bereits nicht mehr gedacht. Man hatte, trotz ab und zu auftretender Sehnsucht an die alte Heimat, das Gefühl in Deutschland „angekommen“ zu sein 41 . Die Kinder wurden sehr liberal, fast nach westlichem, zumindest deutschem Vorbild erzogen,
38 Lesung und Gespräch mit Feridun Zaimoglu, Februar 2010, Buchhandlung LUDWIG. Hauptbahnhof Köln, 17/06/11, http://www.youtube.com/watch?v=Ey4xVAGhGHo.
39 Islamische Zeitung, „Wünsche mir größeres Selbstbewusstsein der Moslems" Interview mit Feridun Zaimoglu“17/06/11, http://www.islamische-zeitung.de/?id=8669.
40 BALCI Güner, Arabboy, S.FISCHER, Frankfurt am Main, 2008. Küchenradio mit Güner Balci, 2010, 17/06/11, http://www.kuechenradio.org/wp/?p=394. Schooltalks mit Güner Balci, 2008, 17/06/11, http://www.youtube.com/watch?v=CXOZQLTgbis. BALCI Güner, „Inländerdiskriminierung“, ZDF Panorama die Reporter, 2010, 17/06/11, http://www.dailymotion.com/video/xc3scv_inlanderdiskriminierung-in-berlin_news.
MAISCHBERGER Sandra, „Gehört der Islam zu Deutschland „, Menschen bei Maischberger mit Güner Balci, 2010, 17/06/11, http://www.youtube.com/watch?v=wgAboEp0umo.
litcolony.de (offline seit Ende 2008), Werkstattgespräch mit Güner Balci, 17/06/11, http://www.youtube.com/watch? v=LWXzl_nLU6Y.
41 Küchenradio, Interview mit Güner Balci zum Herunterladen: http://www.podcast.at/episoden/kr215-g%C3%BCner-
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sprachen zu Hause deutsch und der Vater verlangte von ihnen, dass sie den Kontakt zu den Deutschen pflegen und mit ihnen zusammen leben. Ende der siebziger Jahre zog die Familie dann in das Berlin-Neuköllner Rollbergviertel, welches Anfangs noch ein eher ruhiges, unauffälliges Viertel mit oft neuen Wohnungen war, sich binnen weniger Jahre jedoch zum sozialen Brennpunkt und zur Problemgegend entwickelt hat. Heute trifft man dort nur noch sehr wenige deutsche Bewohner an. Güner Balcis Vater schickte seine Kinder in einen katholischen Kindergarten. In der Schule war Güner vorersts nicht die Beste, die Noten auf dem Gymnasium waren dann mehr als mangelhaft, sie wurde auf die Realschule versetzt. Dort kämpfte sie aber, denn sie wollte ihrer Schwester nachstreben, die das Abitur bereits absolviert hatte. Sie setzte alles auf eine Karte und schaffte es, dank ihres Ehrgeizes und Durchsetzungsvermögens, schließlich wieder auf das Gymnasium, diesmal im Berliner Wedding, wo sie dann auch ihr Abitur abgelegt hat. Danach studierte sie, vorerst Religionswissenschaften, da sie sich immer sehr für dieses Thema interessiert hat, schließlich belegte sie auch verschiedene Studiengänge in Philosophie, Psychologie und entschied sich dann für ein Literatur- und Erziehungswissenschaftsstudium. Nebenbei arbeitete Güner unter anderem in Jugendzentren des Rollbergviertels und für ein soziales Projekt gegen Gewalt und Kriminalität. Sie war dort vor allem mit arabischen Jugendlichen tätig, die auch ihre Bücher inspirierten und prägen. Als für Güner der Zeitpunkt gekommen war, ihre Magisterarbeit zu schreiben, entschied sie das Studium abzubrechen. Sie wollte nichts Theoretisches verfassen. Sie sehnte sich nach Konkretem und dachte sich, wenn sie schon 150 Seiten schreiben sollte, dann doch lieber in Form eines Buches. Und so entstand dann Arabboy (2008), ihr Debütroman, der hier untersucht werden soll. All ihre Erfahrungen aus ihrem bisherigen Leben und ihr Erlebtes aus den Jugendeinrichtungen sollte ihrer Absicht nach in dieses Buch einfließen. Güner ist heute noch für den Jugendtreff „Madonna“ in Berlin Neukölln mittätig, wenn auch nur hinter den Kulissen, und nicht mehr als Sozialarbeitererin. Sie ist seit zwei Jahren Journalistin für die Zeit und den Spiegel sowie Redakteurin und Reporterin für das ZDF-Fernsehen. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht die Leute aufzuklären und Wahrheiten ans Licht zu bringen, auch wenn ihr dies immer wieder Streitigkeiten und Drohungen aus ihrem eigenen Kulturkreis einbringt, den sie oft kritisch darstellt und verurteilt. In ihrem letzten Kurzfilm Kampf im Klassenzimmer 42 deckt sie die Diskrimierung deutscher Mitschüler seitens der Araber und Türken auf, und in einer anderen ZDF-Reportage recherchiert sie über türkische Nationalisten in Deutschland 43 . Güner Balci ist zu einem gerngesehenen und oft geladenen Gast in deutschen Fernsehsendungen und Talkshows und auch
42 ARD TV-Reportage einer 10.Klasse in Essen, Autor: BALCI Güner Yasemin, Erstausstrahlung Juli 2010, Video: http://www.youtube.com/watch?v=Gprze67PeA4 (17/07/11).
43 ZDF Frontal 21, „Nationalisten leugnen Völkermord“ (Fernsehreportage), Autorin: BALCI Güner Yasemin, 2006.
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politischen Meetings geworden. Ihr sozio-politisches Engagement nimmt sie sehr in Anspruch. Seit Arabboy hat sie in ihrem Buch ArabQueen (2010) auch über den Alltag arabisch-türkischer Mädchen geschrieben, wieder aus eigenen Erfahrungen. Dieses Buch wurde vom Berliner Off-Theater im Rahmen einer Trilogie über den Alltag muslimischer Mädchen in Deutschland unter der Regie von Nicole Oder auch als Theaterstück inszeniert. 44 Güner Balci lebt heut eher distanziert von ihrer ehemaligen Kultur und Religion. Während eines FDP-Kongresses zum Thema „Chancen für Morgen“ erwähnte sie sogar, dass sie in diesem, ihrem ehemaligen Milieu, nicht mehr leben wird. 45 Balci setzt sich vor allem immer wieder für Themen wie geschlechtliche Gleichberechtigung und Selbstbestimmung sowie gegen jegliche Gewalt auch gegenüber deutschen Frauen und gegenüber Minderheiten ein. Ihre alevitische Herkunft und ihr Werdegang lassen sie immer öfter einen sehr kritischen Blick auf den Islam werfen und in ihren Texten ausdrücken. Sie steht ganz und gar hinter ihrer deutschen Identität und hat ihrer eigenen Aussage zufolge bei sich zu Hause sogar die schwarz-rot-goldene Flagge hängen 46 .
3.1.3. Cem Gülay 47
Cem Gülay kam 1970 in Hamburg zur Welt. Seine Eltern stammen aus einer kleinen Provinz, Malatya, in Ostanatolien. Der Vater kam als einer der ersten in den 60er Jahre als Gastarbeiter nach Deutschland. Dort wurde er von Siemens zum Facharbeiter und Elektriker ausgebildet. Erst lebte er in München, dann zog er nach Hamburg. Dahin kam dann auch die schwangere Mutter nach, und Cem Gülay kam dort 1970 zur Welt. Die Mutter fand eine Stelle als Küchenhilfe in einem Kindertagesheim. Mit sieben Jahren zogen Gülay und seine Familie in eine Hochhaussiedlung in Hamburg Lockstedt, Eimsbüttel, dort lebte er schließlich bis zu seinem 16. Lebensjahr, ging zur Schule und hatte deutsche Freunde. Der Vater achtete von vornherein darauf, den Kindern das Wort Integration in der Praxis beizubringen. Sie durften zu Hause kein Türkisch sprechen, übernahmen jedoch das eher gebrochene Deutsch der Eltern, und standen dann in der Grundschule doch wieder
44 PETER Anne, „ArabQueen - Das Berliner Off-Theater schaut auf den Alltag muslimischer Mädchen Ein Tag bei mir, und du bist tot!“, nachtkritik.de, 17/06/11, http://www.nachtkritik.de/index.php? option=com_content&view=article&id=4898%3Aarabqueen-das-berliner-off-theater-schaut-auf-den-alltag-muslimischer-maedchen&catid=586%3Aheimathafen-neukoelln-berlin&Itemid=1.
45 Freiheitskongress Berlin 2010, Auftakt zum Thema der Debatte zum neuen Grundsatzprogramm der FDP mit Güner Balci, 17/06/11 http://www.youtube.com/watch?v=B3yKHNR98MA.
46 Dok Zentrum ansTageslicht.de, „Portrait einer integrierten "Deutschen"Güner BALCI - Eine moderne Deutsche aus Neukölln“, 17/06/11,
http://www.anstageslicht.de/index.php?UP_ID=2&NAVZU_ID=24&STORY_ID=27&M_STORY_ID=189.
47 GÜLAY Cem, Türken-Sam, dtv premium, 2009.
Deutscher Taschenbuchverlag, Portraitvorstellung Cem Gülay, 2009, 17/06/11, http://www.youtube.com/watch? v=_bR0yDj3tNk.
ZDF Fernsehen, Kurzinterview mit Cem Gülay, 2010, 17/06/11 http://www.youtube.com/watch?v=84BDzovWzrw.
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als Exoten da. Sie lebten in eher armen Verhältnissen, der Vater sparte alles für die geträumte, jedoch nie eingetretene Rückkehr in die Türkei. Als Gülay 16 wurde, zog die ganze Familie in ein Reihenhaus einer Siedlung in Hamburg-Neuallermöhe. Wieder lebten sie unter Deutschen, vor allem aber wurden sie dort mit der Skinheadszene konfrontiert. Vor der Gymnasialabschlussklasse ging er mit seinem deutschen Freund Roby für ein Jahr zum Schüleraustausch nach Amerika. Dann erlangte er das deutsche Abitur im Eimsbütteler Gymnasium. Eigentlich wollte er Jura studieren. Doch es kam anders, Gülay wurde ein „Gangster“, wie er selbst sagt, und gehörte der sehr mächtigen und einflussreichen türkischen „Gangsterorganisation“ an, die in den 90er Jahren den Hamburger Raum regierte. Betrug, Kriminalität, Gewalt, Drogen waren Teil seines neuen Lebens. Das Urteil lautete schließlich fünf Jahre auf Bewährung und eine Geldstrafe in Höhe von 50.000 Mark. Gülays Bewährung lief im März 2009 ab. Seine Autobiografie Türken-Sam, die hier analysiert werden soll, kam im selbem Jahr auf den Markt. Was hat Cem Gülay dazu gebracht diese während seiner Ausstiegszeit zu schreiben? Seiner eigenen Einschätzung nach, hat er „die Kurve gekriegt“ und scheint nun seine Geschichte erzählen zu wollen, damit sie anderen als Beispiel dient, und damit sie diejenigen die von seiner Vergangenheit nie etwas mitbekommen haben, aber auch denen, die alles von dieser Parallelwelt ignorieren, darüber aufklären kann und Dinge ändern kann 48 . 2007 besuchte er eine Party des Literaturagenten Alexander Simons, teilte ihm mit, wie stark sein Wunsch sei, seine Geschichte zu Papier zu bringen. Simons entschied, das Buch auf den Markt zu bringen und Helmut Kuhn, Journalist für die Süddeutsche Zeitung, die Zeit, die Neue Zürcher Zeitung und den Stern bot Gülay dafür seine Hilfe an. Er war bereits Autor des Romans Nordstern (2002) sowie der kritischen Gesellschaftsanalyse Arm, reich - und dazwischen nichts? (2007), die starkes Aufsehen erregt hatte. Außerdem hatte er gemeinsam mit dem Deutschtürken Murat Kurnaz dessen Erfahrungen aus dem amerikanischen Gefangenenlager Guantanamo Bay in Buchform gebracht (Fünf Jahre Meines Lebens: Ein Bericht Aus Guantanamo - 2007). Seit dem Erscheinen seines Buches, das für großes Aufsehen in der deutschen Öffentlichkeit gesorgt hat, besucht Cem Gülay Schulen, berichtet von seinem Leben, er tritt in Radio-und Fernsehsendungen auf und warnt dort die Regierenden und die Entscheidungsträger vor den Ausmaßen, die die Folgen einer falsch angesetzte Integrationspolitik annehmen können.
3.2. Abschaum von Feridun Zaimoglu (1997)
3.2.1. „Die wahre Geschichte von Ertan Ongun“
Hier soll der Inhalt des Buches Abschaum wiedergegeben werden, in dem Zaimoglu die Geschichte
48 GÜLAY Cem, Türken-Sam, dtv premium, Hamburg, 2009, S. 271.
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des jungen Deutschtürken Ertan Ongun erzählt.
Die Geschichte von Ertan ist die eines jungen Mannes Anfang zwanzig, mit dem es steil abwärts geht. Die geschilderte Stimmung wird im Laufe der verschiedenen Kapitel, die im Roman „Stories“ genannt werden, immer schlechter, dunkler, hoffnungsloser. Bereits zu Beginn der Erzählung lebt Ertan in einer Art Parallelwelt. Er und seine Freunde haben ihre eigenen Codes, ihren eigenen Lebensrhythmus und teilen vor allem dieselbe Routine. In den ersten sieben Kapiteln wird uns dieser Lebensstil näher vorgeführt. Er setzt sich aus der Konfrontation mit Ausländerfeindlichkeit und Schlägereien gegen Skinheads, mit Prostituierten, die man im Bordell aufsucht, zusammen und aus Momenten, in denen man gelangweilt auf dem Flohmarkt verweilt, oder anderen in den man aus Geldnot kriminell agiert. Hier wird uns vor allem die extreme Langeweile, die Routine im Leben dieser jungen Männer, die Eintönigkeit und Tristesse ihrer Tage beigebracht. Außerdem wird Gewalt und der Tod in diesen Kreisen banalisiert, immer wieder kommt es zu Todesfällen unter den Freunden Ertans. Ab dem achten Kapitel wird dann eine drastische Verschlimmerung seiner Lage geschildert. Ertan greift zum ersten Mal zu Drogen (zuerst Haschisch, dann Kokain, dann Heroin). Er wird mit der Zeit stark abhängig und sein Leben nimmt von da an unkontrollierte Züge an, gewisse seiner Taten scheinen fast absurd und surrealistisch. Ertan überfällt am hellichsten Tag ein Spielcasino. Er verfällt der Beschaffungskriminalität um sich immer wieder neuen Stoff zu besorgen, und bekommt erste ernste Probleme mit der Justiz. Er plant und führt ebenfalls einen Überfall auf ein Steakhouse aus und zieht mit seinem Freund durch Deutschland um Spielautomaten zu knacken. Ertan weist eine immer größere Gewaltbereitschaft auf, wird immer krimineller, psychisch labiler und abhängiger von den Drogen, denn nun spritzt er auch Heroin. Er wird immer unzurechnungsfähiger und die Episode, in der er seinem Hamster Heroin spritzt (S.142) 49 oder eine Obdachlose abschleppt (S.137) zeugen von einer immer absurderen Stimmung. Schließlich kommt er wegen Drogenhandels ins Gefängnis. Dort arbeitet er in einer Tischlerei. Aber auch hinter Gittern beschafft er sich weiterhin Drogen, benutzt Menschen (vor allem auch Frauen) für seine Zwecke und wird mit harter Brutalität und Ausländerfeindlichkeit vor allem von Seiten der Polizisten konfrontiert. Schließlich erfahren wir in der letzten „Story“, dass er aus dem Gefängnis entlassen wurde und nun versucht ein halbwegs normales Leben zu führen. Doch das ist ihm fast unmöglich. Innerlich fühlt er sich krank und am falschen Platz. Er kommt mit der Außenwelt und seinen inneren Gedanken nicht klar. Dem Autor Zaimoglu zufolge tut ihm das Reden mit dem Schriftsteller gut. Zur Zeit der Fertigstellung des Buches Abschaum (1997), so Zaimoglu, ist Ertan 25 Jahre alt, lebt immer noch in Kiel (wie Zaimoglu selbst auch) und ist angeblich wieder clean.
49 ZAIMOGLU Feridun, Abschaum-die wahre Geschichte von Ertan Ongun, ROTBUCH, München, 5.Auflage, 2003 (alle weiteren Seitenangaben zum Buch Abschaum beziehen sich auf diese Ausgabe).
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3.2.2. Authentische Stories „behutsam eingerichtet“
Feridun Zaimoglus erstes Buch
Kanaksprak
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, in dem türkischstämmige Jugendliche „vom Rande der Gesellschaft“, wie er sie nennt, ihre Erfahrungen schildern, ist ähnlich angelegt und erarbeitet wie der hier behandelte Roman
Abschaum.
Die Jugendlichen werden mit Hilfe eines Diktaphons aufgenommen und laut Aussagen des Autors Zaimoglu nutzt er diese Aufnahmen dann, um sein Buch zu verfassen. In den Gesprächen mit Zaimoglu drücken sich die Jugendlich
50 ZAIMOGLU Feridun, Kanaksprak, Rotbuch Verlag; Hamburg, 6.Auflage: 2004, Erstauflage: 1995.
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ist, dass dieses Ereignis stattfindet, während Ertan bereits mit Zaimoglu zusammenarbeit, also sich bereits in einem Überlegunsprozess befindet und sich die Frage über sein bisheriges und zukünftiges Leben stellt. Zuerst dient dieses Kapitel jedoch als eine Art Einführung in das Buch. Auch das vierte Kapitel ist chronologisch gesehen eines der letzten. Dies erkennen wir am Adverb „neulich“ und daran, dass Ertan die Möglichkeit erwähnt sich einen „Druck [zu] setzen“, also zu den Drogen zurückzukehren, dies jedoch nicht tut. (S.30) Wir können also davon ausgehen, dass wir uns bereits während seiner Entzugszeit befinden, also ebenfalls während der angeblichen Arbeit mit dem Autor.
Hier kann sich wieder die Frage stellen, warum der Autor das Risiko eingeht, gewisse Dinge zu diesem Zeitpunkt der Lektüre für den Leser unverständlich zu lassen (die Drogen kommen ins Spiel, obwohl er dem Verlauf der Erzählung nach zu diesem Zeitpunkt noch gar keine nimmt). Es gibt hierfür zwei mögliche Erklärungen: Entweder möchte Zaimoglu den Eindruck verschaffen er hätte in das Buch so wenig wie möglich eingeriffen, und die Stories in der Reihenfolge gelassen wie sie Ertan zwar nicht erlebt, jedoch erzählt hat. Oder er möchte zu diesem Zeitpunkt eine psychologische Dimension ins Spiel bringen, die uns zeigt wie sich Ertan in Wirklichkeit fühlt, und dass diese Verfassung Grund für seinen Lebensstil sein kann, den er in den zwei vorigen Kapiteln und den vier folgenden schildert. Die nächsten Kapitel geben uns noch mehr über seinen Lebensstil preis. Hier kommt vor allem die extreme Gewalt, die er oft erfährt, die Bezugslosigkeit zum anderen Geschlecht, die Abwesenheit von jeglichen Gefühlen und die Konfrontation mit Ausländerfeindlichkeit zur Sprache. Das Kapitel „Die Anfang-vom-Ende-Story“ wirkt dann schließlich wie eine Art Reaktion auf dieses Leben, das Ertan so nicht mehr aushält. Das Gefühl ständig allein zu sein, die Routine und Langeweile scheinen Auslöser dafür zu sein, zu Drogen greifen zu müssen. Und noch etwas anderes fällt auf: Sowohl das Kapitel „Anfang vom Ende“ wie auch die Kapitel „Die Wir-kriegen-euch-Kanaken-Story“ „ und „Die Story vom ersten Schuss“, in dem Ertan dem Heroin verfällt, beginnen ähnlich, nämlich mit der Tatsache, dass der Protagonist sich in der Türkei befindet, wenn auch zu verschiedenen Zeitpunkten. Trotzdem sind diese Kapitel nacheinander angereiht, und zwar zu dem Augenblick, in dem sich Ertans Verfassung verschlechtert und sein Umgang mit Drogen intensiviert. Was können wir daraus schließen? Ist das Hin- und Hergerissensein zwischen zwei Welten und die Bezugslosigkeit zu den Eltern, die oft Zeit in der Türkei verbringen, während der Sohn in Deutschland verweilt, auch ein Grund für diese schlechte psychische Verfassung und nicht zuletzt den Drogenmissbrauch? Genau wie die Ausländerfeindlichkeit, die er auf Grund seiner türkischen Identität erfährt (das Kapitel „Die Wir-kriegen-euch-Kanaken-Story“ ist genau zwischen den beiden Kapiteln, in denen Ertan den Drogen verfällt, angelegt). Seine Nichtzugehörigkeit zu einem Land, zu einer Identität wird uns bereits
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dadurch nahegelegt, dass Ertan sich in beiden Sprachen im Buch ausdrückt, jedoch keine der beiden Sprachen fehlerfrei spricht, und oft sogar beide miteinander vermischt. Diese eigene Art vieler deutsch-türkischer Jugendlicher, sich in beiden Sprachen auszudrücken, die Zaimoglu hier beibehält, wirkt sehr authentisch, und ist gewiss absichtlich vom Autor so gestaltet worden, um uns eine gewisse Einstellung nahezubringen. Zaimoglu scheint in der Tat den Leser hier dazu anregen zu wollen, eine metalinguistische Betrachtung des Ganzen zu unternehmen. Inwiefern kann die hier benutzte Sprache, die man zuvor so noch nie in der deutschen Literatur lesen konnte, Auskunft über diese Jugendlichen geben? Sie scheint auf Identität und Identitätslosigkeit hinzuweisen. Keine der beiden Sprachen wird fehlerfrei verwendet, man ist hin- und hergerissen zwischen dem Deutschen und dem Türkischen, aber hier ist die Sprache ein Synonym von Identität, denn Ertan fühlt sich in der Geschichte ebenfalls weder wirklich deutsch noch türkisch. Zwischen beiden Ländern und Kulturen schafft der Protagonist sich seine ganz eigene Kultur und dieses Phänomen spiegelt sich in der Sprache wider. Diese Jugendlichen scheinen sich von der Mehrheitsgesellschaft außerdem durch diese Art Sprache abheben, differenzieren zu können. Darüberhinaus handelt es sich um eine sehr körperbetonte und vulgäre Sprache, die repräsentativ für den Umgang dieser Jugendlichen mit Anderen ist (die systematisch wiederkehrende Redewendung „amina koyim“ 51 illustriert dies wohl am besten). Deshalb hat Zaimoglu diese Art der Sprache wohl auch in seinem Buch kultiviert, weil sie den Leser zum Nachdenken über diese Jugendlichen und über die Sprache und ihre soziologische Bedeutung anregen kann. Die Sprache allein gibt also bereits Auskunft über die Identitätsprobleme und die Verfassung der Protagonisten. Auch das Kapitel „Die Vater-Story“ ist psychologisch betrachtet sehr subtil angeordnet, denn es folgt unmittelbar auf das Kapitel, in dem Ertan erklärt, dass er durch die Kriminalität und Gewaltbereitschaft an Anerkennung und Identität gewinnt und dadurch endlich jemand sein kann (S.90). Daraufhin ist von seiner Beziehung zum Vater die Rede. Dies gibt uns wiederum, wie in den vorangegangenen Kapiteln, eine Art Lösungsansatz. Denn auch der Vater erkennt ihn nicht an für das, was er ist, sondern nutzt ihn lediglich aus. Am Beispiel Turans (S.62-66) wird gezeigt wie es Ertan durchaus auch hätte ergehen können. Aber wie es am Ende (S.66) heißt: „das war Turans Story, nicht seine Story“ .Der Platz den das Kapitel hier einnimmt zeigt uns allerdings, dass es auch für ihn so schnell hätte gehen können. Es handelt sich hier vielleicht um eine Art Vorwarnung zum Thema Drogenmissbrauch, denn interessant ist festzustellen, dass das Kapitel zwei Titel besitzt. Einerseits geht es um die schrecklichen Folgen einer Überdosis, wie sie auch Ertan schnell hätte erfahren können,
51 Amina“ ist ein vulgärer Begriff für das weibliche Geschlechtsorgan, Begriff den man im übrigen in der Türkei weder
benutzt noch wirklich kennt, der aber von deutsch-türkischen Jugendlichen sehr häufig benutzt wird und inzwischen
banalisiert ist, und „koyim“ heißt soviel wie „ich stecke es dir“.
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andererseits geht es um Turan, und nicht um Ertan. Hier wird außerdem gezeigt, wie man sich durch die Drogen verändert. Es entstehen Drogenfreundschaften. Und immer wieder ist von der allgegenwärtigen Gewalt die Rede, die diese Jugendlichen irgendwie aushalten müssen, überleben müssen. Hier wird gezeigt, was die Gründe für diese Gewalt sind. Die psychologischen, soziologischen Aspekte und die Tatsache, dass all dies in dieser Drogenproblematik seinen Platz findet, zeigt uns, dass die Drogen vielleicht ein Weg sind, mit der Gewalt und persönlichen Problemen fertig zu werden. Aber dies zeigt uns auch wieder den Teufelskreis, denn die Drogen machen nur noch gewalttätiger. Außerdem unterstützen und erfordern sie die Beschaffungskriminalität. Und wieder ist im Bezug auf die Drogen auch von der Ausländerfeindlichkeit die Rede, die also ebenfalls als Grund für die Verzweiflung angesehen werden könnte.
Es kann also anhand mehrerer Beispiele gezeigt werden, inwiefern Zaimoglu in die ihm zufolge stattgefundenen Erzählungen Ertans eingreift. Es handelt sich also vor allem um das Anlegen der verschiedenen Stories. Jedoch kann der Leser nicht wirklich überprüfen inwiefern Zaimoglu hier eingreift. Viel wichtiger scheint jedoch, dass er eben gerade das Wichtigste beibehältt, nämlich das Vulgäre an der Sprache, die türkischen Elemente, das syntaktisch und linguistisch Unkorekkte, denn diese Kennzeichen der Sprache sind es, die den Leser überraschen und zum Nachdenken anregen können. Der Ansatz an sich ist es also, unzensiert Gedanken und Aussagen dieser Jugendlichen vom Rande der Gesellschaft darzubringen, der hier vor allem soziologisch aber auch literarisch gesehen interessant scheint. Zaimoglu schafft es, uns eine gewisse Stimmung zu vermitteln. Vor allem die starke Routine und Langeweile, die die Jugendlichen verspüren, wird eindrücklich vermittelt. Dies gelingt dem Autoren vor allem, indem er die Kapitelanfänge oft parallel anlegt, so dass sich gewisse „Stories“ stark ähneln, und gewisse Redewendungen stets wieder auftreten. Außerdem wird die Wiederholung manchmal explizit ausgesprochen („eines Tages, wir sind wieder im Flohmarkt, immer Flohmarkt, mein halbes Leben Flohmarkt...“ S.12). Der Leser verfällt also beim Voranschreiten seiner Lektüre selbst in eine Art Routine, Langeweile und wird der Erzählung überdrüssig. Aber genau das ermöglicht ihm, in das Leben dieser Jugendlichen tiefer einzudringen und zu fühlen, was sie vielleicht selbst empfinden könnten.
3.3 Arabboy. Güner Yasemin Balci.
3.3.1. „Die Geschichte von Rachid und seinen Freunden“
Hier soll der Inhalt des Buches Arabboy kurz aufgegriffen werden. Die Geschichte ist die der Romanfigur Rachid, wie sie, mit Hilfe authentischen Materiales, von der Autorin nachgedichtet und
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aufgeschrieben wurde.
Rachid stammt aus einer palästinensisch, kurdisch-libanesischen Familie. Die Eltern kamen als Kriegsflüchtlinge Anfang der 80er Jahre nach Deutschland. Die übrigen Familienmitglieder flüchteten zu diesem Zeitpunkt von Beirut in den Osten der Türkei, wo sie sesshaft wurden. Rachid ist in Berlin-Neukölln geboren. Er hat sehr früh die Brutalität seiner Eltern erfahren müssen, und wurde oft Augenzeuge schrecklicher Szenen zwischen Vater und Mutter. Die Schule hat er nie wirklich ernst genommen, und schnell entwickelte er sich zum Schulversager. Er und seine Clique fingen schließlich an kleinkriminell zu agieren, Frauen wurden misshandelt, Raubzüge durchgeführt und die jungen Männer bestätigen sich durch rohe Gewalt. Die männlichen Jugendlichen werden immer unzurechnungsfähiger und auch die Jugendeinrichtungen können keinerlei Alternativen zu ihrer Zerstörungswut und ihrem Verdruss bieten und haben sie noch viel weniger unter Kontrolle. Rachid lernt schließlich ein Mädchen kennen, Bea, eine Deutsche. Diese kann er seinen Eltern jedoch nie vorstellen, da sie Deutsche ist. Bea verwandelt sich in sein Eigentum und verliert jegliche Freiheit. Das Verhältnis zu ihr verschlechtert sich umso mehr als Rachid schließlich seine ersten Drogenerfahrungen macht. Er wird von Schmerzmitteln abhängig. Und je stärker sich die Abhängigkeit bei ihm ausdrückt, desto intensiver wird die Beschaffungskriminalität und desto miserabler sein Verhältnis zu anderen Menschen, die ihm immer öfter nur noch mit Verachtung gegenübertreten. Rachid wird schließlich auf Grund seines kriminellen Vorgehens verhaftet und in die Türkei abgeschoben. Dort trifft er auf eine ihm völlig fremde Verwandschaft und Kultur, und steht nun plötzlich als Deutscher unter den Türken da. Er will sein Leben aber in die Hand nehmen und entschließt sich eine Arbeit zu suchen. Er arbeitet einige Zeit in touristischen Einrichtungen im Süden der Türkei. Seine Geschichte endet mit einem Fluchtversuch aus der Türkei in Richtung Griechenland. Er stiehlt ein Boot und bevor er der türkischen Polizei in die Hände fällt, stürtzt er sich ins Wasser und ertrinkt.
3.3.2. Autobiografischer Stoff als Romanbasis
Güner Yasemin Balci hat jahrelang in Strukturen für Jugendliche aus sozialen Brennpunkten wie Neukölln gearbeitet. Dort war sie nicht nur als Sozialarbeiterin tätig, sondern wurde mit der Zeit zur Vertrauten, zur großen Schwester, und manchmal klingelten mitten in der Nacht Jugendliche an ihrer Tür, die vor der Gewalt zu Hause Zuflucht suchten und sie um Hilfe baten 52 . Aber ihre Erfahrungen mit diesem Milieu stammen nicht erst aus dieser Zeit. Balci ist selbst in diesem Viertel
52 Küchenradio, Interview mit Güner Balci zum Herunterladen: http://www.podcast.at/episoden/kr215-g%C3%BCner-balci-9369173.html.
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aufgewachsen. Sie kennt die Sitten und Mentalitäten. Sie war im übrigen in viele Dinge eingeweiht, die im Viertel, vor allem auch unter den Jugendlichen abliefen. Die Mädchen aus dem „Madonna“-Treff, die dort ihre Freizeit friedlich verbringen konnten, sahen in ihr eine Bezugsperson. Aber auch die Jungen respektierten sie, denn sie hatte sich angepasst, ihre Feminität mit den Jahren völlig aufgegeben, um von ihnen anerkannt zu werden. Sie trug die Haare kurz und lange Kleidung, um diese intensive Zusammenarbeit zu ermöglichen. All diese Erfahrungen hat Güner Yasemin Balci in ihrem Buch zusammengeführt Jedoch hat sie sich nicht dafür entschieden dies in Form einer Reportage oder Biografie zu tun. Sie wollte die realen Geschichten, die sie erlebt und miterlebt hatte, oder einfach auch nur zu hören bekommen hatte, verdichten, und einen Roman aus ihnen schaffen. Ihr zufolge war dies unvermeidlich, da sie, hätte sie ein dokumentarisches Genre gewählt, sich in eine schwierige Situation gebracht. Sie wollte sich selbst vor möglichen Vorwürfen oder gar Drohungen seitens der im Buch Genannten in Sicherheit bringen, aber auch diese Beteiligten und ihre Familien schützen. Außerdem war diese Form für sie die einzige, die ihr ermöglichte all ihre Erfahrungen die sie während fast zwanzig Jahren in ihrem Viertel gemacht hatte, innerhalb einer zusammenhängenden Geschichte, auf einen viel kürzeren Zeitraum zusammenzuraffen und einfließen zu lassen. Einige der Jugendlichen haben sich auch, nachdem sie erfahren hatten, dass Balci ein Buch schreibt erkundigt und vergewissert, dass sie nicht wiedererkennbar sind und man ihnen somit nichts anhängen kann 53 . In diesem Buch wurden laut seiner Autorin verschiedene Schicksale miteinander verstrickt. Dinge, die mehreren verschiedenen Personen in der Realität wiederfahren sind, werden somit etwa ein und demselben Protagonisten im Buch zugeschrieben. Die Namen und Schauplätze wurden von der Autorin geändert. Balci betont jedoch mit Nachdruck, dass es sich um wahre Begebenheiten handelt. Vor allem in ihrem Vorwort wird dies sichtbar, wenn sie zum Beispiel äußert, dass sie die Jungen und Mädchen, die in ihrer Geschichte unter verändertem Namen vorkommen, alle kennt.„Ich bin mit ihnen aufgewachsen, mit manchen von ihnen war ich vor vielen Jahren einmal befreundet“, heißt es hier. (S.9 54 ) Der Leser erlangt also bereits auf der ersten Seite des Buches den Eindruck, dass es sich ja nur um biografischen und authentischen Stoff handeln kann, und dass Balci, legitimerweise, besser als jeder andere, da sie ja eine von ihnen war, über diese Jugendlichen Auskunft geben kann. Aber bereits in ihrem Satz kommt eine gewisse Distanz, die die Autorin mittlerweile zu ihrer damaligen Welt eingenommen hat, zum Ausdruck, denn sie war vor „vielen Jahren einmal“ mit ihnen befreundet. Auch der allererste Satz des Buches soll uns zeigen, dass es sich um ganz real existierende Personen
53 litCOLONY.de (seit Ende 2008 offline) „Werkstattgespräch mit Güner Balci“, 17 juin 2010, http://www.youtube.com/watch?v=LWXzl_nLU6Y.
54 BALCI Yasemine Güner, Arabboy,, S.FISCHER, Frankfurt am Main, 2008 ; Im Folgenden verweise ich mit Seitenzahlen in Klammern auf die Zitate aus diesem Buch.
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handelt („manchmal treffe ich sie noch zufällig, auf der Straße, im Berliner Rollbergviertel - Sami, Hussein, Yusuf und Farid, die inzwischen alle älter geworden sind“, S.9 ) In diesem ersten Satz werden bereits beide Dimensionen gemischt. Die reale, da die existierende Autorin diese Personen noch heute trifft, und die literarisierte, denn zum einen sind die Namen frei erfunden, und zum anderen wissen wir, dass diesen Personen im Buch Dinge zugeschrieben werden, die sie vielleicht gar nicht wirklich erlebt haben, beziehungsweise die andere an ihrer Stelle erlebt haben. Die Autorin selbst spricht im Bezug auf dieses Verfahren von („notwendigen) Verfremdungen“(S.20). In ihrem Vorwort beschreibt Balci kurz ihren eigenen Werdegang, ihre Geschichte, in Beziehung zu diesen Jugendlichen. Dem Roman wird also von vornherein ein autobiografischer Aspekt beigefügt. Hier schildert sie im Übrigen auch unter welchen Umständen sie „Rachid “ kennengelernt hat. Der Protagonist wird in diesem autobiografischen Kontext mit der Geschichte der Autorin vorgestellt. Man zweifelt also beim Lesen des Vorwortes keineswegs an der Authentizität seiner Geschichte und noch weniger an der Existenz seiner Person, wie diese hier den Roman inspiriert hat. Im restlichen Buch jedoch kommt Balci als Figur nicht mehr vor: Die Autorin als reale Person, im Umfeld und Alltag dieser Jungen, verschwindet, man kann sie nicht einmal mehr erahnen. Dies führt dazu, dass wir beim Lesen öfter nicht die Frage unterdrücken können, ob sie einzelnen Geschehen anwesend war oder ob sie die Ereignisse nur übermittelt bekommen hat. Natürlich können wir auf diese Fragen keinerlei Antwort erhalten, und dürfen sie uns auch nicht wirklich einmal stellen, da es sich um einen Roman handeln soll und das Buch als dieser gelesen werden muss. Auf der anderen Seite ist der Text Balcis stark literarisiert. Balci, die unter anderem ein Literaturstudium absolviert und einen Sinn für schöne Sprache hat, bedient sich hier vieler literarischer Mittel des Romans. Gefühle, Ängste, Eindrücke, Erinnerungen, Gedanken werden sehr genau und subjektiv wiedergegeben. Auf der einen Seite finden wir im Buch soziologische Beobachtungen über diese Jugendlichen. Die Regeln und Codes ihrer Welt werden uns dargelegt (zum Beispiel: „Teamwork unter Brüdern, so war es ungeschriebenes Gesetz auf dem Platz, nie dazwischengehen und schlichten, sondern draufhauen, bis einer reglos liegen bleibt“, S.45, „Ehre ist das einzige was bleibt wenn man sonst nichts hat“.S.154). Im Übrigen finden wir realitätsbezogene Anmerkungen, die hier in Bezug zu den Lebensgeschichten der verschiedenen Personen gegeben werden, und uns weitere Informationen geben über politische Hintergründe und über die verschiedenen Migrationswellen („Rachids Eltern zählen zu den vielen tausend geduldeten Kriegsflüchtlingen, die hier, in Deutschland, Aufnahme fanden, nachdem Israel 1982 Teile des Südlibanons besetzt hatte und bis West-Beirut vorgedrungen war...“, S.27). Auf der anderen Seite ist die Geschichte Rachids stark fiktionalisiert und literarisch gestaltet, und wir finden, vor allem wenn es sich um Rachids Gefühls-und Gedankenwelt handelt, Metaphern und andere stilistische Mittel vor, zum Beispiel in der folgenden Beschreibung: „...wie
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ein wildes Tier, das im schützenden Dunkel einer Höhle sitzt, immer auf dem Sprung, sich von der kleinen Öffnung in der Höhlenwand wieder abzuwenden und sich ganz in die Dunkelheit zu flüchten“(S.102). Somit ändert sich der Stil manchmal inmitten des Textes. Balci hat versucht, hier eine spannende, zusammenhängende Geschichte, im Stil eines Romans, zu schreiben. Anders als bei Feridun Zaimoglu zum Beispiel oder auch in gewisser Hinsicht bei Cem Gülay, wird nichts ausgelassen, alles gesagt, und auch das was sie eigentlich nicht wirklich über die Gefühle und Verfassung des realen Rachids der die Geschichte inspiriert hat wissen konnte, wird dem fiktivem Protagonisten hinzugedichtet. Auch die Übergänge innerhalb der Kapitel und von einem Kapitel zum nächsten sind stets so angelegt, dass der Leser den Eindruck einer zusammenhängenden Geschichte bekommt. Wir wollen für diese Vorgehensweise nur ein Beispiel innerhalb eines Kapitels und einen Kapitelübergang nennen. Das gesamte Buch ist jedoch nach diesem Muster aufgebaut. Auf Seite 31 befinden wir uns in der Jugendvollzugsanstalt. Rachid streicht sich eine „dicke Haarsträhne aus dem Gesicht, seine Augenringe sind jetzt noch dunkler als sonst, aber die Schönheit seiner grossen schwarzen Augen können sie dennoch nicht minder“. Davon kommen wir darauf zu sprechen wie gut er auf Grund seines Aussehens bei den Mädchen ankam. Und einige Sätze weiter ist dann die Rede des Nikevertrages den er dank seines Aussehens hätte ergattern können. Von seinem gut trainierten Körper, diesem Vorteil also, kommen wir dann wieder auf die aktuelle Situation in der Jugenvollzugsanstalt zu sprechen: „Sein sonst so starker […] trainierter Körper, die mit Anabolika aufgepumpten Muskeln, alles an ihm ist jetzt schwach“. Die Kapitelenden stehen stets in einem Bezug mit dem nächsten Kapitelanfang. Entweder antworten sie direkt darauf und stellen eine Art Kontinuität dar (Bsp: S. 47, Episode der sexuellen Demütigung im Keller mit dem kleinen Musim - S.48 „Die Keller der Neubauwohnung waren Rachids kleines Reich“; S.94: „Wenn sie keinen grossen Bruder hatten, der sie vor Rachid schützen konnte, waren sie ihm ausgeliefert“ - S. 95: „Devrim war so ein Mädchen ohne Bruder“.) oder sie schaffen eine Art Bruch und Kontrast, so verhält es sich zum Beispiel zwischen den letzten Seiten des Kapitels „der Mega Checker“ (S.68, 69), indem von Silvia, die hier ohne jeglichen Respekt von Seiten der Jungs, zum sexuellen Objekt wird, und dem darauffolgendem Kapitelanfang in welchem von den arabischen Mädchen die Rede ist, die von den Jungen als rein empfunden werden, oder auch zwischen S. 103 („an der bronzenen Sonne“) und S.104 („In kalten Wintermonaten...“), S.120 („ins Kino gingen sie nie mehr“) und S.121 („Der Fernseher im Aufenthaltsraum läuft den ganzen Tag ohne Ende“), sowie S. 143 („Bilal war ein gebrochener Mann.“) und S. 144 („Zerstörung beseitigen“). Dies ist bei den anderen beiden Autoren nicht der Fall, die von einem Thema zum nächsten springen, so dass die Geschichten wenig strukturiert, jedoch authentisch und fast mündlich überbracht wirken.
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3.4. Türken-Sam von Cem Gülay (2009)
3.4.1. „Die Geschichte von Türken-Sam“
Die Geschichte, die Cem Gülay mit seinem Co-Autor Helmut Kuhn uns hier erzählt, ist, wenn wir davon ausgehen, dass es sich um eine Autobiografie handelt, seine eigene. Wir wollen hier kurz den Inhalt seiner Autobiographie, sein Erlebtes also, wiedergeben. Nachdem Gülay in einem schwerwiegend deutschen Umfeld aufgewachsen ist, und fast ausschließlich deutsche Spielkamaraden, später Klassenkameraden hatte, musste er in seinen Jugendjahren immer öfter schwere Diskriminierung und Rassismus an seiner Person und seinen Familienmitgliedern erfahren. Immer wieder wurde er außerdem in heikle Situationen verstrickt, in denen er nicht immer recht wusste, auf welche Seite, die türkische oder die deutsche, er gehörte. Er sprach türkisch, hatte türkische Eltern, fühlte sich aber durchaus integriert und beschützte auch schon manchmal einen seiner deutschen Freunde vor sogenannten türkischen „Deutschhassern“. Vor dem Abitur verbrachte Gülay ein Austauschjahr in Amerika, wo er wiederum ganz andere, neue Erfahrungen mit Rassismus und Diskrimierung machte. Sein Abitur bestand er schließlich. Nun wollte er Jura studieren. Jedoch hatten ihn die familiären Probleme, die Nicht-Anerkennung seiner Erfolge von Seiten des Vaters und die Diskrimierung die er als Türkischstämmiger in intelektuellen Kreisen immer wieder erfuhr schnell eingeholt und er entschied sich anstatt für das Studium, für eine „Gangsterkarierre“. Heute sieht Gülay das Ganze etwas distanzierter. Dieses „Gangsterleben“, wie es ihm sein Onkel Can vorlebte, imponierte ihm einfach, stellte damals die einfachere und durchaus lukrativere Alternative zum „normalen Leben“ und einer Jurakarriere dar, da man ihm zufolge in der deutschen Gesellschaft sowieso immer nur den Türken inkarniert. Cem Gülay, „Sam“ - wie er seit Kindestagen von allen genannt wurde, da seine deutschen Mitschüler nicht wirklich den Namen Cem auszusprechen wussten - stieg schnell in das „Gangsterleben“ ein, lernte schnell und wurde in kurzer Zeit sehr erfolgreich in dieser Parallelwelt. Er stieg bei CiRox, einem so genannten Warentermingeschäft ein. Diese Art selbstständige Unternehmen vermehrten sich zu Anfang der 90er Jahre im Hamburger Raum und in ganz Deutschland. Das Geschäft, beziehungsweise Scheingeschäft, bestand darin, reichen europäischen Kunden die Möglichkeit vorzuspielen an der amerikanischen Börse Geld verdienen zu können. Der Kunde investiert gigantische Summen, diese werden aber nicht wirklich, zumindest nur am Anfang, um Vertrauen zu gewinnen, an der NewYorker Börse eingesetzt. Das Geschäft gründet auf reinem Betrug und Schein. Denn das Geld fließt direkt in die Hamburger Firma ein. Gülay verdiente in diesen Warentermingeschäften, die er bis zu seinem Ausstieg oft wechselte und auch selbst initiierte, viele zehntausende bis
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hunderttausende Mark Monatsgehalt. Sein Lebensstandard änderte sich somit radikal, und auch sein Vater sah ihn dank des vielen Geldes nun endlich wieder als seinen Sohn an. Aus „Sam“ wurde außerdem ein richtiger Kämpfer, ein Schläger. Immer wieder musste er sich für seine Freunde oder sich selbst mit den Fäusten einsetzen. Sein neuer Alltag bestand aus dem Betrug im Geschäft, aus Luxus, Frauen, Schlägereien und gewalttätigen Streitschlichtungen und aus Geld. „Sam“ sah sich selbst als „Gangster“ an, darauf legt er wert. Er war kein (Klein-)Krimineller. Er stohl alten Leuten nicht die Tasche, schlug und beraubte keine „soliden Leute“, 55 wie er sie nennt, und brach auch in keine Tankstelle ein. Als „Gangster“ wollte er auch nichts mit Alkohol, Drogen und Prostitution zu tun haben, auch wenn er indirekt damit in seinem Milieu auch immer wieder konfrontiert wurde. Gülay lebte von nun an in einer Parallwelt, mit eigenen Codes und Sitten. Und er drang immer tiefer in das Gangstergeschäft ein, machte sich einen Namen im Milieu, wurde sogar intimer Schützling von „-M-“, dem obersten Chef der hanseatischen Gangsterszene. Jedoch wurde es mit der Zeit immer heikler das Geschäft trotz polizeilicher und juristischer Aufmerksamkeit zu halten, und bald wurde das Geld immer knapper. Aber nur dieses zählte. Auch „Sam“ war innerlich kalt geworden. Jegliche Emotionen und Gefühle hatte er verjagt. Zuerst ist dieser Lifestyle für ihn sehr attraktiv, doch schnell geht man daran kaputt. „Sam“ spielte dann bald, nachdem er merkte, am Ende zu sein, und sogar zum Töten bereit war, mit der Idee endlich auszusteigen und in der Türkei ein neues Leben anzufangen. Dies gelang ihm aber erst wirklich, nachdem er der Justiz gegenübergestellt wurde. 2004, nachdem fünf Jahre lang über ihn ermittelt worden war, auferlegte man Cem Gülays schließlich eine zwei bis vierjährige Bewärungsstrafe sowie 50.000 Euro Geldstrafe. Gülay sah in dieser Strafe die Chance mit seiner Vergangheit zu brechen und endlich ein neues Leben zu beginnen. Dies gelang ihm schließlich mit der Veröffentlichung seines Buches.
3.4.2. Ein journalistischer Schreibstil im Dienste sozio-politischer Kritik
Gülay verspürte nach seinem Ausstieg das Verlangen seine Geschichte zu erzählen. Dazu konnte er Helmut Kuhn als Co-Autor motivieren. Es liegt nahe in dieser Zusammenarbeit den Wunsch seitens Gülay zu sehen, seine Geschichte in einem sehr nüchternen Stil, wie eine Art Berichterstattung zu verfassen, denn Helmut Kuhn ist, nachdem er für die Süddeutsche Zeitung, die Zeit und in Amerika für den deutsch-jüdischen Aufbau geschrieben hat, vor allem als freier Journalist tätig. Diesen journalistischen Stil findet man in Cem Gülays Buch wieder. Keine übertriebenen, stilistischen Mittel, keine Metaphern. Stattdessen eine in der Sprache und Syntax sehr einfach und leicht
55 GÜLAY Cem, Türken-Sam, dtv premium, Hamburg, 2009, S.8: „Solide Leute sind Menschen, die einen ehrlichen Beruf ausüben und gesetzestreu sind“.
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zugänglich gehaltene Ausdrucksform. Die Absicht in diesem Buch ist es nicht, seine eigene Geschichte preiszugeben und sich mit dieser gar zu schmücken, sondern vielmehr bedient sich der Autor seiner Vergangheit und seiner eigenen Erfahrungen, die er hier schildert, um allgemein existierende Sachverhalte, Verhaltensmuster und Gesellschaftsstrukturen aufzudecken und ausführlich zu erklären. Er scheint sich hierbei an ein Publikum zu wenden, das wenig oder gar nichts über das Thema weiß und das er in die Problematik einweihen will. Die dominierende Logik im Buch ist es, ein persönliches Beispiel zu schildern, um dann einen allgemeinen Kommentar dazu zu liefern und das Ganze zu diskutieren (Vgl. zum Beispiel S. 57 bis 62 56 ). Anders als dies also der Fall in einem soziologisch gehaltenen Sachbuch über das Thema wäre, gewinnen allgemeine, politische, soziale Kommentare, und Meinungsäußerungen hier also an einer persönlichen Dimension, welche dem Leser eine konkrete Vorstellung vor Augen führt und das ganze noch realistischer macht. Es scheint Cem Gülay mit diesem Buch vor allem darum zu gehen, reelle Tatsachen aufzudecken und der deutschen Mehrheitsgesellschaft verständlich zu machen. Dies äußert er zum Beispiel explizit, wenn er von dem Verstehen des unerbittlichen „Kreislaufes“ spricht (S. 47). Der Leser fühlt sich sehr schnell direkt betroffen von der Thematik, was Gülay nicht zuletzt deshalb erreicht, weil er sich in die Position des deutschen Lesers hineindenkt und direkte Fragen stellt,die ein deutscher Leser sich stellen könnte und die er sogleich zu beantworten versucht (Vgl. S. 46: Kapitelanfang, 1.Absatz). Man kann annehmen, dass dies durch die Zusammenarbeit mit Helmut Kuhn erleichtert wurde, der selbst Deutscher ist, und über dieses Milieu sowie die türkische Mentalität kein wirkliches Wissen besitzt (S.279: „[...]die ich nicht kannte“). Diese Zusammenarbeit ist also in dem Sinne bereits sehr effizient, da sie ein Gespräch ermöglicht, welches zu einem ersten Zeitpunkt zwischen dem Koautor und dem Betroffenen besteht, und zu einem späteren zwischen dem deutschen Leser - der ähnliche Vorkenntnisse und vielleicht auch Vorbehalte zum Thema mitbringen kann wie Helmut Kuhn - und Cem Gülay. Dies macht das Lesen lebendig, und ein fiktives Gespräch während des Lesens möglich, zu welchem Cem Gülay im Übrigen zwischen der deutschen Gesellschaft und der türkischstämmigen Gemeinschaft anregen will. Die Sprache wirkt oft wie gesprochene Sprache, manchmal gewinnt der Leser sogar den Eindruck, er nehme direkt am Gespräch zwischen Gülay und Kuhn teil: „Okay, die einen sagen, die Türken wollen sich ja gar nicht integrieren, und die anderen sagen die Deutschen haben doch gar kein Interesse an uns, weil sie mit uns nicht klarkommen. Parallelgesellschaften entstehen nicht einseitig.“(S.55); und an anderer Stelle: „so entsteht Rassismus“ (S.81). Gülay nimmt verschiedene Meinungen und Vorurteile auf und versucht diese zu kommentieren. Somit wird der Leser direkt
56 GÜLAY Cem, GÜLAY Cem, Helmut Kuhn (Coautor), Türken-Sam,
Eine deutsche Gangsterkarriere,
dtv premium,Hamburg, 2010 (aktualisierte Ausgabe), Originalausgabe: 2009, Im Folgenden verweise ich mit Seitenzahlen in Klammern auf die Zitate aus diesem Buch.
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impliziert in die Thematik, indem gewisse seiner Gedanken exponiert werden, und ihm Sachverhalte bekannt gemacht werden. Durch Gülays sehr realitätbezogene und überlegte Kommentare, die oft kurz und präzise und sehr wirkungsvoll sind, wird der Leser zum Nachdenken angeregt. Aber nicht nur der Leser wird dazu angeregt, auch Gülay scheint aus dieser Situation, über die Kuhn mitteilte, sie habe ab und zu etwas von einer psychoanalytischen Sitzung gehabt (S.278), ebenfalls Nutzen zu ziehen. Denn er lässt seine Vergangheit noch einmal mit einem distanzierten Blick Revue passieren. Viele seiner Erlebnisse, die er früher nicht wirklich deuten konnte, gewinnen nun an Bedeutung, und untermauern seine Überlegungen zur Problematik (Bsp S.50: „Heute tut mir auch der kleine türkische Junge leid […], sie hatten ihn wie einen Hund dressiert“; S.198: „Heute bin ich mir sicher, Can wollte mich nur in der Hand haben.“). Gülay wird außerdem mit den allgemein bekannten Problemen einer Autobiografie konfrontiert. Die Schwierigkeit, zum Beispiel, vergangene Momente nicht mit seinen heutigen Augen zu sehen und zu interpretieren, sondern authentisch, im Sinne des damals erlebten wiederzugeben (Siehe etwa die Autobiografie Nathalie Sarrautes, „Enfance“). Immer wieder ertappt er sich dabei, zu glauben, sich auf Grund gewisser Verhältnisse für etwas entschuldigen zu können. Oder dabei, in alte Muster zu verfallen, sich zum Beispiel keine Schwäche zuschreiben zu wollen. Doch Gülay bleibt das ganze Buch über sehr vorsichtig und darauf bedacht auf solche Gefahren zu achten und sie zu vermeiden (Vgl. S.90: „ich habe immer allen anderen die Schuld gegeben […] Fakt ist: Ich hatte einfach Bock darauf Gängster zu werden.“; oder auch S.91: „Mit seiner Hilfe konnte ich immer noch Anwalt werden wenn mir danach wäre. Scheiß erst mal auf die Uni.“; und weiter S.151: „ich will mich hier nicht selbst reinwaschen.“). Er zensiert somit öfters sein eigenes Schreiben, was dem Buch Glaubwürdigkeit und Authentizität verleiht. Die verschiedenen Kapitel im Buch beginnen oft mit sehr direkten Fragen über diese Parallelgesellschaft, mit soziologisch und psychologisch begründeten Informationen in Bezug auf diese Fragen, oder mit allgemeinen, nicht zuletzt politsch oder sozialen Bemerkungen, und erst dann wird schließlich, um das Ganze realistisch zu belegen, ein persönliches Beispiel aus Cem Gülays Leben vorgestellt.
4. Thematische Textanalyse
4.1. (Gescheiterte) Integration, Perspektivlosigkeit und mögliche Auswege
Die Problematik der gescheiterten Integration finden wir in allen drei Büchern wieder. In Abschaum scheint eine mögliche Integration in die deutsche Mehrheitsgesellschaft gar nicht mehr wirklich zur Debatte zu stehen. Ertan scheint bereits in parallel funktionierende Muster verfallen zu sein, in denen er lebt. Hier wird uns also bereits das Ergebnis einer gescheiterten Integration vorgeführt:
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nämlich genau jener „Kanake“ , vor dem „der Deutsche“ immer gewarnt und sich geängstigt hat (S. 183). Ertans Botschaft ist wie auch Zaimoglus, genau diese: „Heute gibt es uns“ (S.183). Implizit bekommen wir jedoch im Buch mitgeteilt, dass vor allem die von den Betroffenen erfahrene Ausländerfeindlichkeit seitens der Bevölkerung (in extremer Form von Gruppen wie den Skinheads) wie auch des Staates (Polizei) diese Jugendlichen dazu zwingen, sich eine eigene Welt zu schaffen. Sie scheinen sich, da sie als anders von den anderen empfunden und dementsprechen behandelt werden, eben gerade umso mehr unterscheiden zu wollen. Dies tun sie wie Ertan hier zuallererst durch eine eigene Sprache, die sich aus gebrochener Syntax, türkisch-deutschen Satzmischungen und provozierendem Vokabular zusammensetzt. Ertan zufolge scheint es so, dass die türkischstämmigen Einwohner bereits auf Grund ihrer türkischen Identität vorbelastet sind und gar keine Chance auf Integration bekommen. Daraus entsteht die Perspektivlosigkeit, denn man kann, so Ertan, alles mögliche tun, man wird trotzdem nicht das letzt Wort haben. Beispiele im Text:: „für den Bullen bist du immer ein Lügner, du bist Kanake, du bist in deren Augen vorverurteilt[...]“ (Seite 56), das heißt, der Protagonist empfindet diese Wahrnehmung als Stereotyp: „wie ausm Bilderbuch“ (S.73). Die Deutschen scheinen also bereits genaue Vorbehalte und Vorstellungen darüber zu haben, wie man einen Türken in Deutschland behandelt, und somit hat man als Ausländer keine Perspektive da man gar keine Chance bekommt sich anderwertig zu beweisen. Und da man also mit diesen Voruteilen angeblickt wird, entwickelt man sich dann auch in diese Richtung und bestätigt dies umso extremer, um überhaupt zu existieren. Man wird, nach Ertans Formulierung, wie „Abschaum“ behandelt und verliert dementsprechen jegliches Selbstwertgefühl, dieses muss aber durch etwas anderes kompensiert werden, um weiter existieren zu können. Also sucht man sich anderwertig Achtung, Anerkennung und Respekt, nämlich im kriminellen Vorgehen zum Beispiel, oder indem man sich durch schlechtes Behandeln von Frauen oder mit Hilfe der Drogen eine Art Überlegenheit und Stärke verschafft. Dieses Verhältnis zwischen Ursachen und Folgen, zwischen erfolgloser Integration und den Antworten darauf, wird nicht zuletzt durch die bewusste Anordnung und Reihenfolge der verschiedenen Kapitel in Abschaum geschaffen. Es werden gewisse Zusammenhänge impliziert. Man beschreibt eine Szene in der man sich an Skinheads rächt, die eine türkische Frau zusamengeschlagen haben. Daraufhin beweist man, dass man als eigene starke Gruppe existiert und zurückschlägt, sich wehrt. Dies stärkt das Selbstbewusstsein der Gruppe, die sich im nächsten Kapitel umso mehr aufspielt und „Körpergröße“ zeigen will (S.19). In Abschaum scheinen die türkischen Jugendlichen sich somit in einer Art Opferrolle zu befinden , und ihr kriminelles oder gewalttätiges Handeln oft durch das ausländerfeindliche und respektlose der Deutschen mehr oder weniger gerechtfertigt. Hier wird ein Teufelskreis beschrieben und jegliche Illusion vom guten Funktionieren zwischen den türkischen
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Einwohnern in Deutschland und der deutschen Mehrheitsgesellschaft aufgehoben. Dieser Teufelskreis setzt sich zusammen aus der Ausländerfeindlichkeit deutscher Bürger (Skinheads etc.), dem Missbrauch der Machtposition der Polizei gegenüber den Ausländern und wiederum deren Versuch sich anderwertig zu behaupten. Es werden also Parallelwelten geschaffen die gegeneinander wirken . Denn je schlechter man sich integriert, desto schlechter wird man von den Deutschen behandelt. Und die Antwort darauf lautet extreme Kriminalität, Gewaltbereitschaft, oder Drogenmissbrauch. Die Langeweile und Routine die im Buch immer wieder vorgeführt wird (vor allem mit Hilfe der Flohmarktpassagen) veranschaulicht in gewisser Weise diese Perspektivlosigkeit .
In Balcis Arabboy finden wir ganz andere Begründungen vor. Bereits in ihrem Vorwort erwähnt Balci, dass es vielleicht auch ein Junge wie Rachid in der deutschen Gesellschaft zu etwas hätte bringen können: „Für seine Familie und sein soziales Umfeld aber war alles Deutsche verachtenswert. Seine Eltern waren Fremde in diesem Land geblieben. Sich mit den Deutschen gemeinzumachen, galt und gilt auch heute noch als haram, als Sünde“ (S.19). Bereits hier wird dem Leser also bewusst, welche Gründe Balci (und nicht Rachid!) für eine gescheiterte Integration angibt. Diese Tendenz wird im Buch schließlich bestätigt. Hier sind es vor allem (oder gar ausschließlich) die Migranten selbst, die sich nicht integrieren wollen, dies nicht versuchen, obwohl die Möglichkeiten bestehen, also eine Anpassung verweigern. Die Gründe dafür sind das Beibehalten einer anzestralen Kultur und Tradition, und nicht zuletzt auch die Religion, so Balci. Vor allem aber die Erziehung selbst der Eltern ist Schuld daran, dass sich diese Jugendlichen falsch entwickeln und nicht integrieren und diese hat viel mehr Gewicht als jegliche deutsche Erziehungsinstanz (S.79: „Seine [(der Hodscha)] Erziehungsratschläge hatten bei Rachids Eltern viel mehr Gewicht als die Empfehlungen von Rachids Lehrer.“) Es scheint sich hier also eher um eine gewollte Integrationsverweigerung zu handeln, zumal man sich mit dem deutschen Bürger keineswegs indentifizieren möchte und ihn als den Schwächeren ansieht (Beispiele: „Daniel, der deswegen nie richtig dazugehören wird, weil er nicht die selbe Religion und Kultur teilt“; S.55: „glaub mir, die deutschen Frauen hassen ihre Männer, das sind alles Schwuchteln, die wollen einen richtigen Mann“ S.55). Der Wunsch sich an die deutsche Mehrheitsgesellschaft anzupassen wird nie erwähnt. Im Gegenteil, das was einem die Alterität und Differenz zu den Deutschen verschafft, wird betont. Auf diese Weise kann man jedoch in der deutschen Gesellschaft nicht Fuß fassen, was wiederum zur Perspektivlosigkeit führt, da natürlich keine Perspektiven geboten werden können, wenn diese nicht angenommen werden wollen von diesen Jugendlichen (wer die Schule ernst nimmt, gilt als Außenseiter oder Schwächling, S.43: „Als Schwäche galt, wenn jemand auf seine Lehrer höhrte, regelmässig zur Schule ging [...]“ ). Und auch wenn Perspektiven für sie seitens der
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deutschen Gesellschaft bestehen, werden diese von den Jugendlichen nicht wahrgenommen (Beispiel des möglichen Nike-Vertrages, für den Rachid auf offener Strasse ein Casting angeboten wird, zu welchem er jedoch nicht geht, da er damit beschäftigt ist ein gestohlenes Motorad im Keller zu verstecken. der dies illustriert S.31). Dieses Fehlen der Perspektiven im Sinne von einem bürgerlichen deutschen Leben macht man durch das Unterstreichen seiner Differenz wett. Diese Differenz ist aber nicht wirklich eine arabische, noch weniger türkische, Identität. Es geht in ihrem Buch nicht wirklich um deutsch oder türkisch. Denn beides fühlen sich die Jungen nicht, was man sehr gut an dem Türkeiaufenthalt Rachids erkennen kann, wo er ein Fremder ist. Diese Jungen schaffen sich ganz eigene Werte, Codes, und ihre Identität entsteht vielleicht gerade eben aus dieser Undefiniertheit einer eigenen Kultur. Oder sie entsteht eben, indem man die eigene Kultur, jedenfalls das was man aus dem Heimatland mitgebracht hat, umso extremer in Deutschland auslebt, um sich anders fühlen zu können, was wir im Buch immer wieder bei verschiedenen Familien erkennen, vor allem im Umgang mit den arabischen Mädchen, die viel strenger 'gehalten' werden als dies vielleicht im eigenen Land der Fall wäre.
Cem Gülay wiederum sieht die ganze Problematik etwas differenzierter und dialektischer. Es geht ihm nicht darum, jemandem eine Schuld zuzuweisen oder den einen die Opfer- und den anderen die Täterrolle aufzuerlegen. Er kritisiert stets beide Seiten, die türkischen Bürger wie auch die deutschen Mitbürger. Ihm zufolge können sich diese Parallelgesellschaften nicht einseitig entwickeln, und beide Seiten müssen alles daran setzen die Integration der Migranten zu favorisieren. Aber auch Gülay zu Folge ist es für einen Türkischstämmigen nicht einfach sich zu integrieren. Das Problem, was auch bei den anderen beiden Büchern betont wird, ist der Eindruck, nicht dazuzugehören (S.7: „ihr habt mir oft genug das Gefühl gegeben: du gehörst nicht dazu.“). Und hier entsteht bereits der Teufelskreis. Die Betroffenen erhalten den Eindruck ausgeschlossen zu sein, also betonen sie ihre Alterität umso mehr, indem sie sich eine Parallwelt bildet. Jedoch, und dies kommt in Gülays Buch sehr gut zum Audruck, entwickelt man in dieser Parallwelt gewisse Verhaltensmuster die den Deutschen dann umso mehr darin bestätigen, dass diese Leute anders, unzivilisiert, gewalttätig, kriminell etc. sind. Und somit verschlechtert sich das Verhältnis immer mehr. Dies ist aber, Gülay zufolge vor allem auf gegenseitige Unkenntnis und Unwissenheit zuruckzuführen. Und dies will Gülay ändern. Kennt man den anderen besser, versteht man, warum er auf gewisse Art und Weise reagiert. Für ihn heißt zur deutschen Gesellschaft zu gehören: „Anerkennung, Respekt und Akzeptanz“(S.121). Diese wird aber nicht immer gewährleistet. Und in dem Sinne repräsentiert das 'Gangstergeschäft' eine Alternative, indem es diese Akzeptanz und Anerkennung auch von Seiten der Deutschen verschafft („auf Sylt hat es niemanden gestört, dass ich Türke war, solange ich viel Geld hatte.Wenn man aber Obst und Gemüsekisten schleppt, bleibt
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man Türke. Sobald ich dagegegn Geld hatte, war ich hoch angesehen in dieser Stadt.“, S.236), und einen noch mächtiger macht. Man schafft sich also eigene Perspektiven, die jedoch auf völlig anderen Werten beruhen als die der Mehrheitsgesellschaft. Es dreht sich also keineswegs um wirkliche, akkzeptable Alternativen, sondern lediglich um Antworten dieser Parallelwelt auf eine Perspektivlosigkeit.
Die Perspektivlosigkeit ist in Arabboy auf extreme Weise mit dem Tod Rachids verkörpert. Er möchte flüchten vor seiner bisherigen Welt, seinem bisherigen Leben: Warum nicht in Griechenland ein neues Leben aufbauen? Er will endlich wirklich frei sein. Diese Freiheit wird mit der Bootsfahrt aufs offene Meer inzeniert. Jedoch ist der Horizont schwarz (durch die Nacht), und Rachid wird verfolgt und stirbt schließlich. Dieser letzte Versuch also scheitert, und jegliche Perspektive ist somit definitiv erlöscht.
Die Perspektivlosigkeit wird im übrigen oft am Beispiel der anderen Jungen, die den Protagonisten umgeben, dargestellt. In Abschaum erwähnt Ertan immer wieder junge Männer, die er beim Namen nennt, die inzwischen entweder tot oder im Gefängnis sind 57 Auch Balci spielt auf diese hoffnungslosen Aussichten an, wenn sie in ihrem Vorwort bereits berichtet, dass sie die Jungen aus dem Rollbergviertel immer dann gerade einmal wiedertrifft wenn sie aus dem Gefängnis entlassen wurden oder wegen guter Führung Freigänger geworden sind (S.9). Was Türken-Sam betrifft so heißt es bereits auf dem Klappentext der Originalausgabe : „wenn die Zukunft Knast oder Tod heißt“.
Als Antwort auf diese Perspektivlosigkeit in der deutschen Mehrheitsgesellschaft erstellt man sich eine eigene Welt, eine Parallelwelt, mit eigenen Richtlinien wie es in Kapitel 4.2. geschildert wird. Und die Vorstellungen, wie ein Leben in dieser Welt auszusehen hat, holt man sich direkt aus den (größtenteils amerikanischen) Filmen und Rap-Songtexten. Diese werden hier indirekt von den Autoren kritisiert, da sie von diesen Jugendlichen als direktes Muster für ihre Realität umgesetzt werden. Die Jungen wollen den Gangstern ihrer Filme so stark wie nur möglich ähneln, und imitieren diese immer wieder (Arabboy:S. 41 und 42) . Und wenn sie sich dann in dieser Realität befindet, gewinnt die Figur oft den Eindruck sich wie in einem Film selbst in Szene zu setzten. Auf die Selbstinszenierung dieser Personen wird in den drei Büchern immer wieder hingewiesen (Arabboy: S.51 „das soll ein schöner Film werden“. S.53 „Es war wie im Theater. Rachid war der Hauptdarsteller.“.) Auch einige von Balci dargestellte deutsche Mädchen, denen das Arabergangsterverhalten imponiert, verhalten sich wie die „Diven aus den Hip-Hop-Videos“S. 61.
57 „ein Freund, der is im Knast jetzt“ (S.45) ein Kollege ist tot.Farouk“ (.S.7) „...mach die Tür auf, und da steht Batal,
mein Kollege, er is jetzt tot, is anner Überdosis gestorben“ (S. 69 ) „er sitzt übrigens im Knast jetzt, hat zwei Typen
abgeknallt“ (S.98 )„ich, Mustafa und Ibrahim und Farouk, der war damals noch nicht tot...“ (S. 102 ).
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„Die Jungen in Arabboy laden sich „Porno-und Gewaltvideos [aus dem Internet] herunter“ ( S.107), von diesen lassen sie sich dann für ihren Alltag inspirieren. In Türken-Sam, stellt Gülay diesen Einfluss und die Machtausübung der Filme explizit fest:
„Es ist merkwürdig, aber man glaubt gar nicht , wie sehr uns Hollywood beeinflusst hat. Hollywood ist mächtig. Die Abbildungen der Wirklichkeit, die dort in den Studios entstehen, prägen diese Wirklichkeit.“ (S.104)
4.2. Leben in Parallelgesellschaften
Das Wort „Parallelwelt“ wird von Cem Gülay explizit benannt (Vgl. Türken-Sam: S.9, S. 97), Feridun Zaimoglus Protagonist Ertan Ongun unterscheidet zwischen der (deutschen) „Nullachtfuffzehngesellschaft“ und dem „Dreck“(seiner Parallelwelt also) (S.180). Und auf dem Einband von Arabboy findet sich ein Klappentext, in dem die Soziologin Necla Kelek das Wort „Parallelgesellschaft“ verwendet. Dieses Leben in einer Parallwelt kann sehr verschieden aussehen. Wenn man die Gesamtheit des vorliegenden Korpus betrachtet, lässt sich eine Erkenntnis formulieren. Nämlich, dass es nicht nur eine „türkische“ Parallelgesellschaft im Verhältnis zur deutschen gibt, sondern mehrere, die sich ebenfalls wiederum ganz und gar parallel zueinander entwickeln. Der Ansporn und die Gründe für die jeweilge Entstehung sind gewiss vergleichbar, wie die Textanalyse in Kapitel 4.1. gezeigt hat, jedoch sehen die Formen beziehungsweise der Alltag in den verschiedenen Parallelwelten verschieden aus.
Cem Gülay schildert in seinem Buch eine sehr gut durchorganisierte Parallgesellschaft, das „Gangstermilieu“. Und in diesem Milieu haben die Mitglieder sogar, indemsie sich durch ihr Vermögen und ihre Macht auf ein Niveau mit der 'guten' deutschen Gesellschaft setzen, auch Kontakt und Austausch mit dieser. Werte wie die Ehre, Loyalität und wirkliche Achtung gelten allerdings nur für die Ebenbürtigen, Türken also. In Abschaum wiederum ist jeglicher Bezug und Kontakt zur deutschen Gesellschaft bereits abgebrochen und existiert lediglich noch auf einer - oft sehr brutalen - Konfliktbasis. Tatsächlich existiert man aber durch dieses Konfliktverhältnis, dieses scheint dem Leben und tristen Alltag einen Sinn zu erteilen. Das ist der zentrale Punkt des Buches Abschaum. Immer wieder finden Machtverteilungen im Sinne von oft brutalen Schlägereien mit Skinheads oder Polizisten, die man ebenfalls als türkenfeindlich ansieht, statt. Man verteidigt sein Lager, behauptet sich und das Leben, gewinnt aus den Auseinandersetzungen dieser parallel funktionierenden Welten erst an Geltung und an Abenteuern. In Arabboy besteht der Kontakt noch zu den Deutschen (oft jedoch ebenfalls sozial benachteiligte Deutsche der Unterschicht wie Bea und Daniel). Man macht diese (im übrigen auch andere Ausländer, Nicht-Araber, Nicht-Türken oder
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allgemein Schwächere im allgemeinen) jedoch zu Opfern, um sich selbst stärker und überlegener zu fühlen, da man mit den allgemein verbreiteten Richt-und Erfolgslinien der deutschen Mehrheistsgesellschaft nicht konkurrieren kann. Bei Rachid spielt nicht wirklich nur die Herkunft eine Rolle, das wichtigste in seinem Milieu ist es, so hart und so gewaltbereit wie möglich zu agieren. Auch als Deutscher kann man zur Gruppe gehören, nur muss man noch brutaler handeln als der Rest der Clique (Vgl.: Arabboy S.179: „Daniel [..] verschaffte sich Respekt durch eine hohe Gewaltbereitschaft, in seinen Augen die einzige Möglichkeit um nicht selbst ein Opfer zu werden [...]“). Man differenziert also bereits zwischen diesen verschiedenen Parallwelten von Migrantennachkommen in Bezug auf die deutsche Gesellschaft.
Allen drei Büchern ist ebenfalls eigen, dass noch eine zweite Dimension von Parallelwelten erscheint, nämlich die von Mann und Frau. Zu keinem Zeitpunkt wird ein harmonisches Zusammenleben beider Geschlechter in Erwägung gezogen. Im Gegenteil, sobald ein Kontakt zum anderen Geschlecht aufgebaut wird, wird dieser als problematisch dargestellt. Hierzu muss zuerst betont werden, dass die Protagonisten unserer Bücher die Frauen in verschiedene Kategorien einteilen. Die reinen, also eigenen, die die Öffentlichkeit kaum zu Gesicht bekommt, und die unreinen, derer man sich bedient, als wären sie Objekte („fleischgewordener Selbstbedienungsladen“, S.61 Arabboy), zum größtenteil also deutsche Frauen. Dieser Aspekt kommt vor allem in Arabboy zur Gestaltung: „hinzu kam der unglückliche Umstand, dass Suse bei ihm schon als Nichtjungfrau ankam, allein das hatte ihn schon große Überwindung gekostet, sie dennoch bei sich zu behalten und nicht an seine Kollegen weiterzureichen, wie es eigentlich Sitte unter seinesgleichen war“ (S.61). Verbringt man Zeit mit Frauen, dann handelt es sich die meiste Zeit entweder um Prostituierte oder psychisch schwache junge Frauen, die man zu seinen Opfern oder zu seinem Eigentum macht, entweder auf sehr brutale Art und Weise (Misshandlung in Arabboy) oder indem man ihre Schwäche ausnutzt, um ihnen Versprechen und sie von sich abhängig zu machen. Von Zuhause kennen die Protagonisten ebenfalls nur sehr problematische Beziehungen zwischen Mann und Frau. Diese leben in äußerst verschiedenen Welten. Das Milieu, was uns hier jeweils vorgestellt wird, ist gekennzeichnet durch seinen fast ausschließlich männlichen Charakter. Man könnte fast von einer reinen Männerwelt sprechen, in der die Frau lediglich entweder als Mutter und Hausversorgerin („guck mal, die soll doch nur meine Kinder kriegen, damit die Familie existiert“, Arabboy, S.62) oder eben als Objekt verschiedener Begierden und Bedürfnisse erkannt wird (deutsche Frauen werden in Arabboy mit einer Schachtel Zigaretten aus dem Automaten verglichen, vgl. S.63 ), die man oft ohne ihr Einverständnis wieder loswird. Gespräche, bereichernde Momente zwischen Mann und Frau, sind diesen drei Büchern fremd. Auch Cem Gülay, der lange Zeit mit seiner dänischen Freundin zusammen lebte, kommt auf diese
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Beziehung nur kurz zu sprechen, er deutet ein paar schöne Momente an, die Beziehung wird jedoch zu keinem Zeitpunkt als eine Tiefgründige dargestellt, denn seine Welt ist seiner Freundin nicht einmal bekannt und tiefe Gespräche werden auch nicht erwähnt.
Es fällt immer wieder auf - und dies in allen drei Werken -, dass die Parallelwelten, in denen die Protagonisten verkehren, von eigenen Gesetzen und Regeln gekennzeichnet sind. Immer wieder ist von ungeschriebenen Gesetzen die Rede (Arabboy: S.45: „so war es ungeschriebenes Gesetz auf dem Platz [...]“, S.46: „ein weiteres ungeschriebenens Gesetz [...]“, S.171: „so war das Gesetz, eine andere Möglichkeit gab es nicht“ zum Beispiel, Abschaum: S. 99: „Er zieht seine Jacke aus und gibt sie mir, will mir damit sagen:Halt dich da raus.Wenn ich seine Jacke halte, heißt das, ich misch da nicht rein“.; Türken-Sam: „das kleine Gangstereinmaleins“ S. 96f „eine Art Kodex“ 129 ). Gülay spricht außerdem von Verhaltensregeln und einer „Art Gewaltpsychologie“, die man beherrschen muss, wenn man in seinem ehemaligen Milieu verkehren will (S.159). Wer innerhalb der jeweiligen Gruppe verkehrt, muss sich an diese Regeln und Prinzipien halten, wenn dies nicht der Fall ist, wird er ausgeschlossen. In dem Moment als Rachid, der Protagonist von Arabboy sich immer mehr zum Junkie entwickelt (was für die anderen Jungen als uncool und ehrenlos gilt) und auch keinen Wert mehr auf sein äußeres Erscheinen (durch welches sich die Jungen am meisten identifizieren) Wert legt, wird er von seinen ehemaligen Freunden mehr und mehr verachtet, verstoßen und verraten. Dieser Ausschluss aus seiner Welt wirkt für ihn wiederum wie ein weiterer Beschleuniger seines sozialen Sturzes und Endes. Auch in TürkenSam heißt es: „wer sich nicht unterordnete und es als Einzelgänger versuchte, konnte schnell im Krankenhaus landen oder erschossen werden. Wie Murat in der Zitrus-Bar.“ (S.217) (Nebenbei erwähnt finden wir hier im Übrigen die übliche Struktur von Gülays Buch wieder. Das heißt eine Allgemeine Feststellung im Sinne von einer Aufklärung und darauffolgend ein selbst erlebtes Beispiel aus seiner Vergangenheit, welches das Beobachtete schließlich unterlegt.)
Auch räumlich betrachtet stecken diese Gruppen, Gangs, Banden, wie man sie auch nennen möchte, ihre eigenen Reviere ab. Sie eignen sich Plätze oder ganze Bezirke an. Rachid und seine Freunde treffen sich stets an der „Sonne“, ein Platz in Neukölln. Das ist ihr Revier. In Abschaum spricht Ertan von der Aneignung eines fremden Territoriums (S.65: „so hat man sich also fremdes Territorium angeeignet und verteidigt.“). Dabei fällt auf, dass diese Gruppen sich den öffentlichen Raum zu ihrem Eigen machen wollen, um dort ihre Machtposition auszudrücken. Ertan stellt den Clubraum der Hell-Angels (Skinheads), inwelchem diese letzten die Macht und das Sagen haben, parallel mit der Straße auf welcher wiederum die Türken ihre Macht ausüben. Dort wissen die Hell Angels zum Beispiel, dass sie den Türken unterlegen sind, um müssen dementsprechend Respekt vor ihnen aufbringen. Gülay spricht sogar von einer allgemeinen Kontrolle durch seine
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Mafiaorganisation über ganz Hamburg. Diese Kontrolle drückt sich nicht zuletzt in den Schutzgeldbezahlungen seitens deutscher Unternehmer aus.
Ihr Revier markieren die Protagonisten zum Beispiel indem sie in teuren Autos, und gut gekleidet (Arabboy: S.97 „mit frisch gegeltem Haar“) langsam durch die Straßen fahren und Präsenz zeigen (Türken-Sam: S. 156: „Auch in Hamburg setzten wir uns in Szene. Manchmal fuhren wir mehrmals am Tag hintereinander im Autocorso um den Gänsemarkt und machten den Dicken“) oder wie Ertan und seine Freunde ein Bordell aufmischen um „ Körpergröße“ zu beweisen (Vgl. Abschaum S. 19) In einem Abschnitt aus Cem Gülays Buch hat man als Leser fast den Eindruck, es ginge um Rachid und seine Freunde. Und von dieser Generation Jugendlicher unterscheidet er im Übrigen seine Generation, die in Deutschland geborenen Kinder der ersten Gastarbeiterwelle. Er erklärt: „Heute werden die deutsch-türkischen Kinder noch viel früher kriminell. Ihre Eltern sind keine Gastarbeiter mehr. Sie leben jetzt sehr oft von Hartz IV. Und die Kinder machen völlig unsinnige Dinge. Sie kiffen ohne Ende, hängen an diesen neuartigen Spielautomaten, die in jedem Imbiss zu finden sind und Gewinne bis zu 10.000 Euro versprechen, und verzocken ihr weniges Geld. Dann überfallen sie alte Damen und beklauen andere Kinder“
(mit dem Kommentar„andere Kinder“ will uns der Autor gewiss nahelegen, dass sie sind nämlich selbst noch welche sind). Cem Gülay fährt fort:
„Sie haben vor nichts mehr Respekt, und sie gehen dabei immer brutaler vor. Es ist eine andere Kriminalität. Eine sinnlose Gewaltkriminalität. Sie wollen nur den Tag überleben. Sie veranstalten diesen Terror, um sich etwas zu essen zu kaufen, Zigaretten und ein paar Bier. Sie sind nicht organisiert und sie haben keine Ziele. Das macht sie vollkommen unberechenbar.“ (S.248). Dieser Kommentar scheint direkt auf denjenigen Balcis zu antworten:
„Schon als Kind wäre er gern jemand anders gewesen, nur nicht Rachid. Er findet sein Leben abartig, weil er im Knast ist, weil er jeden Morgen aufsteht und sich fragt, wann das Ganze endlich ein Ende hat. Er hat keinen Plan, kein Ziel“ (S.146).
Auch in Abschaum finden wir diese Verfassung und Hoffnungslosigkeit wieder: „ich komm nicht klar hier draußen“ (S.179).
4.3. Psychologische Verfassung der Protagonisten
In diesem Kapitel soll eine Untersuchung psychischer Faktoren vorgenommen werden, die für die drei analysierten Bücher relevant sind. Gemeinsame Komponenten können in der Tat gefunden werden, und auch die Ursprünge für gewisse seelische und psychische Störungen sind in allen drei Büchern vergleichbar. Es soll näher auf die Dimension der Gefühlslosigkeit, der Gewalt(bereitschaft), der seelischen Kälte eingegangen werden, und Ursachen in der Vergangenheit und im Familienleben der Protagonisten sollen ebenfalls erkundet werden. In Abschaum heißt es: „Thema Gefühle: Ich hab keine mehr, nix, ich bin kalt Alter, ich bin richtig kalt, ich bin eiskalt, es macht mir angst, wie kann ich so eiskalt sein.“ (S.181), und an anderer Stelle: „...weil ich keine Gefühle entwickeln kann. Ich kann keine Gefühle mehr entwickeln, Mann, meine Gefühle sind tot“
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(S.180). Diese Abwesenheit von Gefühlen finden wir auch zum Ende der Gangsterkarriere Cem Gülays wieder. Er erklärt, dass man vor allem durch das viele Geld und die Macht, die damit verbunden ist, kalt wird und jegliche Gefühle verliert. Diese Meinung teilt im Übrigen auch Ertan Ongun (S.180). In Rachids Kreisen werden Gefühle als Schwäche angesehen. Diese stehen Männern sozusagen nicht zu. Diese Gefühle wiederum haben sie aber auch nie von ihren Eltern mitbekommen. Und dieses unerfüllte Bedürfnis wird von Ertan und Cem Gülay auch bedauert, und als eine Ursache für diese spätere seelische Kälte in Erwägung gezogen. Vgl. folgende Stelle in Abschaum: „Meine Eltern leben in der Türkei, ich meine, ich hab nie von denen Gefühle gezeigt bekommen, oder doch, die haben Gefühle gezeigt, aber nur Aggressionen und Schläge. Meine Eltern haben mich nicht […] innen Arm genommen, das gab es nicht. Bin ich dewegen vielleicht so kalt?“ (S. 181). Es ist immer wieder von gebrochenen Menschen die Rede und einer verletzten Seele (Arabboy S.154: „gebrochener junger Mensch“ , S.193: „verletzten Seele“), die oft ihre Ursprünge in der Kindheit haben. Cem Gülay bedauert das gebrochene Verhältnis zum Vater, der ihm nie Gefühle gezeigt hat und nie gesagt hat, dass er auf ihn stolz ist. Er zieht diese Nicht-Anerkennung des Vaters sogar als möglichen Grund in Erwägung, dass er sich letztendlich für die kriminelle Laufbahn entschlossen hat. Die Beziehungslosigkeit zu den Eltern, die fehlenden Vater/Mutter-Sohn Gespräche und Aufklärungen, und die Gewalt, die die Jungen zu Hause erfahren haben, sind aufgeführte Ursachen für ihre spätere psychische Verfassung. Wir finden im übrigen in jedem der drei Bücher ein Kapitel über den Vater („Die Vater-Story“ in Abschaum, „Vater und Sohn“ in Arabboy, „Ist Vater schuld?“ in Türken-Sam). Jedoch nicht über das Verhältnis zur Mutter. Was aber in Arabboy wie auch in Türken-Sam heraussticht, ist das triste und hoffnungslose Portrait, das zuweilen von der Mutter gezeichnet wird. Diese steckt in der Opferrolle, und leidet unter ihrem aufgezwungenen Leben. Die Gewalt und Lieblosigkeit, die die Mutter oft durch den Vater erfährt, hat sowohl bei Cem als auch bei Rachid Spuren hinterlassen. Als Kind fühlen sie sich in stark traumatisierenden Szenen, wie sie zum Beispiel in Arabboy beschrieben werden (vgl. S. 24), hilflos und ohnmächtig. Gewissermaßen entsteht in den Büchern der Kontrast zwischen diesem für die Jungen oft belastenden Leben zu Hause und der Straße, auf welcher sie diese Ohnmacht, und Hilflosigkeit durch ihre Stärke, Macht und Unantastbarkeit wettzumachen scheinen und ihrem Frust und ihrer Traurigkeit durch die hohe Gewaltbereitschaft ein Ventil geben können (so heißt es zum Beispiel in Arabboy: „in Jakub ein Opfer gefunden zu haben, an dem er seinen Hass auslassen konnte“, S.52). Die fehlende Achtung und Liebe von seiten der Familie, aber auch der Status als Ausländer und die damit oft verbundene Ausländerfeindlichkeit, das Gefühl, ein Mensch zweiter Klasse zu sein, lassen das Selbstwertsgefühl dieser Jungen sinken. Und wie in allen drei Büchern vorgeführt - und von Cem Gülay und Güner Balci auch explizit erklärt wird- bleiben diesen Jungen
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dann nur noch andere Alternativen um sich Anerkennung und Respekt zu verschaffen. Zum einen gelingt ihnen dies durch die Gewalt. Gülay schreibt: „müsse ich durch Brutalität auffallen. Brutalität schreckt die Menschen ab. Sie bekommen Angst. Angst ist Respekt.“ (S.123?), oder auch an anderer Stelle der gleichen Seite: „ ich brach vielen Leuten die Nase mit meiner Stirn. Der Kopf ist eine unglaubliche Waffe. Der Effekt im Hinblick auf die Anerkennung war gewaltig“. In diesem letzten Satz bringt der Autor zum Ausdruck, dass es zwei Arten der Anerkennung gibt. Für die einen ist der Kopf eine Waffe auf Grund ihrer Intelligenz, ihres Wissens, und das schafft Anerkennung. Aber auch pure Gewalt kann diese verschaffen. Und so funktionieren diese jungen Männer. Die Kraft zu dieser Gewalt bringen sie nicht allein auf, sondern in der Gruppe, denn diese „Gemeinschaft verleiht Kraft“ (Abschaum, S.62 ). Die Gewalt legitimiert man oft unter Erwähnung der Ehre: „Die Ehre ist das einzige was bleibt wenn man sonst nichts hat“ (Arabboy S.154) oder auch in Türken-Sam: „Das Einzige woran sie sich halten können, ist dieser Ehrbegriff“ (S. 255). Die Ehre wirkt wie eine Art Schutz vor weiteren Enttäuschungen im Leben (Türken-Sam, S. 159), sie entsteht aus der Wut und aus einem zerstörten Selbstwertgefühl. Dieser Begriff der Ehre „entschuldigt alle Bluttaten, er reinigt das Gewissen; Und der Begriff puscht den Täter“, so Cem Gülay in Türken-Sam (S.254 ).
Die Gewalt und Derbheit, die in den drei Büchern omnipräsent ist, kommt zum Beispiel durch ein spezielles Vokabular zur Wirkung, welches oft Begriffe aus der Tierwelt aufweist oder an Kriegs-und Kampfvokabular erinnert: In Arabboy zum Beispiel finden wir Worte vor wie :
Hyänen (S.44: „Irgendeine der vielen „Hyänen“ die immer sofort alle Gerüchte verbreiteten, traf Ali [...]“),
Killer (S. 43: Auch Hussein redete Unsinn an diesem Tag, und wäre es nicht Ali gewesen, von den anderen auch
Killer genannt [...]“), Kampfarena (S.51: „die Kampfarena war der Platz vor den Einkaufswagen [...]“), Jäger,Reh (S.66: Wie ein Jäger, dem unverhofft ein Reh vor die Flinte springt, presste er aufgeregt sein Auge
ganz dicht ans Guckloche“), Hunde,Revier,Rangordnung (S. 139: „Sie benahmen sich wie Hunde, die ein neues Revier erobert hatten und jetzt um die Rangordnung kämpften.“), Schaf (S.216: „Mit ihren großen Pranken packten sie Abdul wie ein Schaf, dass man soeben geschlachtet hatte.“), Röcheln eines Tieres (S. 217: „immer wieder höhrte er Abduls Stöhnen, es klang wie das Röcheln eines Tieres“.)
Auch in Türken-Sam können wir eine ganze Reihe an Kriegs- und Kampvokabular herausschreiben:
Krieg (S.30: „Und draußen vor unserer Tür war Krieg, jeden Tag.“), Kriegsschauplatz (S.31: „Unsere einst so friedliche Siedlung mutierte zum Kriegsschauplatz“), Schlachten (S.31: „Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis ich oder meine Brüder Opfer einer dieser Schlachten wurden“), Kriegszeiten (S.33: „Das ist nicht leicht in Kriegszeiten“), aurüsten, Gangland (S.54: „Soner, wir müssen jetzt aufrüsten.[...]Wir waren im Gangland angekommen.“) , Jagdszenen (S.55 Kapitelname), Kommandos, Einsatzpläne (S. 81: „Sie haben nur Kommandos gehört.Einsatzpläne und Ansagen“), Blutrausch (S.124: „Ob man aus Wut und Hass zuschlägt oder kalkuliert zur Sache geht, der Blutrausch ist der gleiche, und das Opfer ist traumatisiert“), Soldaten (S.171: „M. Hatte Unterbosse und Soldaten.Diese hießen auch Soldaten“), Stellungskrieg, Schützengräben (S.274: „Es sind diese Menschen die keinen Fortschritt zulassen, und es kommt mir vor wie ein Stellungskrieg. Diese Schützengräben müssen wir zuschütten.“)
Eine andere Form der Gewalt stellt das Verhältnis zu Mädchen und zu sexuellen Beziehungen dar, worauf bereits im vorangegangenen Kapitel hingewiesen wurde: „Sex und Gewalt lagen für die Jungen sehr nah beieinander“(S.99), klärt uns Balci auf. Die Vergewaltigung von Devrim, die Beziehung zu Bea, der Keller der Jungen, der vor allem dazu dient Mädchen sexuellen Praktiken zu
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unterziehen, und dies oft in der Gruppe, Silvia die zu einem dieser Opfer wird, illustrieren dies in Arabboy. Auch in Abschaum sind die Beziehungen zu Frauen eher respektlos, erniedrigend und nicht zuletzt brutal. Dies scheint jedoch ebenfalls andere Bedürdnisse und Ängste zu maskieren. Im Bezug auf alle drei Protagonisten wird das Verlangen nach Liebe und Geborgenheit erwähnt. In Türken-Sam zum Beispiel: „Ich hatte Sehnsucht. Nach einer Heimat, nach Liebe und einer Art von Geborgenheit.“ (S. 226). Und interessant ist zumal, dass dieser Kommentar im Kapitel mit dem Titel „Angst“ erfolgt. Diese Angst und das Alleinsein der Jungen sind oft Faktoren für ihr Verhalten, denn sie führen dazu, dass sie sich eine Art Schutzpanzer anlegen und unantastbar werden. Rachid, Ertan und Cem fühlen sich sehr allein, einsam, und sehnen sich nach echten Gefühlen. Vielleicht entsteht daraus der Wunsch und das Bedürfnis sich anderen, hier in Form eines Buches oder zumindest im Gespräch mit dem Ko-Autor, mitteilen zu können, und gewisse Dinge ansprechen zu dürfen. Die Literatur wirkt also in dieser Hinsicht wie eine Art Ventil und eine Dialogform mit dem Leser.
5. Rezeption
5.1. Legitimität trotz/durch Migranten-Identität und das Gewicht des Paratextes
Die Autoren der vorliegenden Bücher gewinnen durch das Schreiben eine doppelte Legitimität. Einerseits handelt es sich um eine legitime Stellung, was die Ausprache der bennanten Probleme, das Ansprechen der Missstände und Beschreiben des Lebens dieser jungen Männer betrifft, da sie selbst türkischstämmige Bürger sind. Und andererseits gewinnen diese Autoren durch das Entwerfen eines Buches an Legitimität in der deutschen Öffentlichkeit, an der sie nunmehr teilhaben können. Diese doppelte Dimension soll nun expliziert werden. Wenn Feridun Zaimoglu in der abendlichen Fernsehtalkshow „3 nach 9“ gegenüber Heide Simonis 58 sich selbst (und die jungen Männer, die in seinen Büchern auftreten) als „Kanaken“ bezeichnet, Frau Simonis wiederum jedoch untersagt, ihn so zu bezeichnen, dann wird uns bewusst, was genau mit dieser Legitimität, die sich vor allem auch die Autoren selbst zuschreiben, gemeint ist. Auch wenn Güner Balci in ihrem Vorwort ihrer Vergangenheit sechs Seiten widmet und darauf Wert legt, den Leser wissen zu lassen, dass sie alle Figuren aus ihrem Buch sehr gut kennt und in ihrem Viertel immer bestens über alles informiert war, dann schreibt die Autorin sich auch gewissermaßen eine Legitimität zu, über diese Dinge zu schreiben, die sie zugleich rechtfertigt. Aber es ist vor allem die sogenannte „Migranten-Identität“, die es diesen Autoren erlaubt, gewisse Ideen auszusprechen und Probleme beim Namen zu nennen. Stellt man sich vor, Arabboy wäre von einem
58 N3 Talkshow 3nach9, mit Feridun Zaimoglu, 2008, 17/06/11, http://www.youtube.com/watch?v=wrV7adgbcMc.
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deutschen Autor ohne Migrationshintergrund verfasst worden, hätte dieses Buch gewiss noch viel mehr Aufregung erregt und wäre vielleicht sogar als ausländerfeindlich oder diskriminierend dargestellt worden. Denn, dass Balci einen eher negativen Blick auf die eigene kulturelle Gemeinschaft und deren Integrationsschwierigkeiten oder gar Verweigerungen wirft, wird nicht nur beim Lesen bewusst, sondern ebenfalls wenn man über Drohungen (Morddrohungen sogar) informiert ist, die Balci immer wieder auf Grund ihrer Bücher und Reportagen aus eigenen Kreisen (zu denen sie sich im Übrigen nicht mehr zählt) erhält 59 . Balci wird somit eine Legitimität vom deutschen Leserpublikum zugesprochen, gewiss auch deshalb weil auf Grund ihrer Identität jeglicher Vorwurf entkräftet wird, jedoch zugleich der deutsche Leser in dem bestätigt wird, was er über diese Jugendlichen oft denkt, allerdings vielleicht nicht auszusprechen wagt. Von Seiten des türkischen Kulturkreises dagegen wird Balci auf Grund ihrer starken Kritik als Verräterin angesehen. Diese Autoren scheinen sich also, anders als Deutsche es in diesem Kontext sein dürften, in einer legitimen Position zu befinden, was die kritische Analyse dieser Kreise betrifft. Auch wenn Cem Gülay sich über das Machotum der Türken äußert (S.46) oder sich sogar direkt an die türkischen jungen Männer wendet und sie darum bittet die Gewalt zu unterlassen (S.82), dann scheint er das auf Grund seiner Identität zum einen als „Migrantenkind“ und zum anderen als „Ex-Gangster“ zu „dürfen“.
Das Veröffentlichen eines Buches scheint jedoch für alle drei Autoren ebenfalls eine Möglichkeit zu sein, in die deutsche Öffentlichkeit einzusteigen, und dort ein Mitspracherecht zu erhalten. Dies erkennt man vor allem daran, dass Güner Balci und Cem Gülay seit dem Escheinen ihres Buches eher zu politischen Gesprächen eingeladen werden und vor allem zu politischen und sozialen Themen Stellung beziehen. Ihr erstes Buch stellt also eine Art Sprungbrett dar, welches ihnen einen Platz in öffentlichen sozio-politischen Debatten ermöglicht. Wenn Balci in Interviews über ihr Buch befragt wird, dann eher aus einer soziologischen Perspektive heraus. Nicht etwa der Schreibstil oder das Romaneske erregt Interesse, die Personen werden als reale Personen betrachtet und Balci zu diesem Milieu im Allgemeinen anhand dieser einzelnen Beispiele befragt. Auch wenn Cem Gülay am Ende seines Buches schreibt: „Ich wollte dazugehören. Ich habe dieses Ziel niemals aufgegeben. Und wisst ihr was? Ob ihr wollt oder nicht: Ich gehöre jetzt zu euch“ (S.277) , dann hat man als Leser ebenfalls das Gefühl, dass ihm das Aufschreiben seiner Geschichte, wie auch die Entschuldigungen für das was er anderen angetan hat (S. 277: „es tut mir leid. Könnte ich diese Dinge ungeschehen machen, ich würde es tun. Das kann ich natürlich nicht. Aber mich entschuldigen, das kann ich.“)und die Herausgabe eines Buches ermöglicht haben, sich jetzt endlich
59 Küchenradio, Interview mit Güner Balci zum Herunterladen: http://www.podcast.at/episoden/kr215-g%C3%BCner-balci-9369173.html.
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dazugehörig zu fühlen. Sein Buch ist in diesem Sinne eine Art Eintritt in die deutsche Gesellschaft. Hier ist also im Bezug auf diese beiden Autoren die Rede von einer Legitimität in der deutschen Öffentlichkeit, jedoch nicht von einer literarischen Legitimität oder gar Anerkennung. Diese Autoren werden nämlich in erster Hinsicht als Sprachrohr angesehen, als
Sozialarbeiterin/Streetworkerin oder als Betroffener, die ihre eigene Geschichte erzählen, aber nicht als eigenständige Literaten, die sie auch nicht wirklich sein wollen, denn man erkennt sehr gut an den Interviews und Fernsehauftritten Balcis und Gülays, dass diese Autoren es vor allem darauf anlegen sich zu gewissen Problemen der deutschen Gesellschaft äußern zu können. Die Schwierigkeit, nicht als literarischer Autor anerkannt zu werden, können wir jedoch sehr gut am Beispiel Feridun Zaimoglus festmachen. Seine Entwicklung bis heute lässt uns erkennen, dass er diese Legitimität als deutscher Autor nicht von Anfang an, sondern erst nach mehreren Veröffentlichungen und harten Auseinandersetzungen mit der Presse und Öffentlichkeit erreicht hat. Zaimoglu wollte seiner eigenen Aussage nach schon immer schreiben (Vgl.: 60 ). Jedoch konnte er keine klare Stilrichtung festmachen, wusste nicht worüber er schreiben wollte. Und wie er selbst sagt, ist es schließlich die „Wut“ über gewisse Missstände der Migranten-Kinder, die ihm Stoff zu seinen ersten Texten geboten hat (Vgl.: 61 ). Jedoch brachte ihm das keinerlei Anerkennung als Autor, im Gegenteil. Sein eher provokanter Schreibstil wurde missverstanden und stark kritisiert. Sein Stil hat sich dann innerhalb der Jahre langsam verändert und erst ab seinem 2004 erschienenen Erzählband Zwölf Gramm Glück und dem darauf folgenden Roman Leyla, wird er als deutscher Autor von der Literaturkritik und in den Medien anerkannt. Er selbst spricht oft auch von einem Reifeprozess als Autor (Vgl.: 62 ). Und erst seit dieser literarischen Anerkennung werden auch seine frühen Bücher der Kanaksprak aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, erkundet und literarisch erforscht. Seine Legitimität als Autor musste sich Feridun Zaimoglu also erst sehr hart erkämpfen, da er in der Öffentlichkeit all zu gern lediglich als Sprachrohr einer Generation, oder auch als Chronist dargestellt wurde. Erst ein politisch korrekter, und heute eher an der deutschen Romantik orientierter Schreibstil also haben ihm in Deutschland die ersehnte Aufmerksamkeit als Literat verschafft. Feridun Zaimoglu, anders als Balci und Gülay also, hat nicht von diesem „Rand der Gesellschaft“ geschrieben, um die Gegebenheiten und Missstände zu verändern oder wesentliche politische Debatten herbeizurufen. Vielmehr waren die Berichte dieser jungen Leute Stoff,
60 3Sat Bericht von Thomas Weddmann, Portraitvorstellung von Feridun Zaimoglu, 2008, 17/06/11, http://www.youtube.com/watch?v=h56xPN6hjMo; litcolony.de (offline seit Ende 2008),
durchlesene Nächte
mit Feridun Zaimoglu 2009, 17/06/11, http://www.youtube.com/watch?v=ou8pCEm4QG8.
61 Spiegel Online, UniSpiegel, Studienabbrecher Feridun Zaimoglu, Ich bin ein Lust-Hooligan, 2005, 17/06/11, http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,341247,00.html.
62 Lesung und Gespräch, Buchhandlung LUDWIG. Hauptbahnhof Köln, mit Feridun Zaimoglu; 2010, 17/06/11,http://www.youtube.com/watch?v=--DelXlgHMw.
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Anregung für einen ganz neuen Schreibstil, ein literarisches Experiment, eine Art 'Katharsis', die die deutsche Gesellschaft durch eine authentische Sprache schockieren sollte, sie aber auch gleichzeitig auf äußerst realistische Art und Weise vor die eigene Realität stellt. Es werden bei ihm keine Lösungsansätze gegeben, und die Geschichten bilden keine zusammenhängende Chronik, keinen Lebensbericht von Anfang bis Ende, sondern einzelne Stories, die weder gedeutet noch kommentiert werden. Denn Zaimoglus Absicht ist es eben nicht, einen soziologisch kompletten Bericht über diese Generation zu schreiben, in der er ja auch nicht wirklich aufgewachsen ist, von der er eigentlich relativ wenig weiß. Er selbst wollte sich von Anfang an als Schriftsteller behaupten. Dies ist jedoch nicht der Fall der anderen beiden Autoren. Und dies scheint vielleicht eine der möglichen Problematiken dieses „Genres“ zu sein. Denn die Absichten der drei Autoren, wenn auch die Themen ähnlich sind, sind keinesfalls dieselben. Problematisch wird es deshalb, wenn dem Leser diese Absichten nicht von Anfang an klar sind. Diese Schwierigkeit soll im nächsten Punkt näher erläutert werden.
5.2. Eingesetzte Mittel, Zielgruppen und angestrebte Wirkung
Die Absichten der drei Autoren sind unterschiedlich und nicht immer explizit formuliert. Güner Balci bedient sich (auto)biografischer Elemente, um eine Geschichte zu schreiben, dies aber in Form eines Romans, mit literarischen Hilfsmitteln, Umdichtungen des realen Geschehens und Dazudichtungen. Der Leser weiß somit nicht genau, woran er sich halten kann. Was ist wahr? Was ist von der Autorin erfunden? Das Problem entsteht dadurch, dass von Anfang an alles daran gelegt wird (im Vorwort vor allem) dem Leser den Anschein einer perfekt authentisch aufgeschriebenen Geschichte zu vermitteln, dieser also das von der Autorin Gestaltete im schlimmsten Fall vergessen und die literarischen Mittel wie Stilfiguren etc. übersehen, deren Effekt aber dennoch auf ihn wirken kann. Er liest das Buch nicht wirklich wie ein individuelles Schicksal eines Romanheldens, sondern schließt von dem fiktiven Schicksal Rachids auf das hunderter anderer real existierender Jugendlicher dieses Milieus und meint also, diese Welt nach diesem Buch bestens deuten zu können. Darin besteht jedoch die Gefahr. Denn vieles kann auf Grund der Herangehensweise selbst der Autorin übertrieben sein, zumindest handelt es sich hier um ein Extrembeispiel, dies kann der Autorin jedoch nicht vorgehalten werden, da es sich um einen Roman handeln soll. Der Leser jedoch erkennt dies nicht wirklich. Und das wird vor allem durch den Paratext erreicht. Einerseits im Buch selbst also, durch das Vorwort vor allem, aber auch durch den Klappentext zum Beispiel, durch den der Eindruck einer Biografie aus dieser Parallelwelt entsteht. Außerdem jedoch auch durch das Auftreten der Autorin im öffentlichen Bereich. Eine andere Gefahr besteht in Hinsicht auf
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das Leserpublikum dieses Buches. Balci ist sich dessen selbst bewusst, dass wohl kaum ein Jugendlicher aus dem Milieu, welches sie hier beschreibt, ihr Buch lesen wird. Der Effekt auf die wenigen Jugendlichen aus diesem Milieu, die von dem Buch erfahren haben, ist außerdem nicht unbedingt positiv und konstruktiv 63 . Denn diese wollen sich hauptsächlich vergewissern, dass man sie im Buch nicht erkennt. Wird diese Frage bejat, dann ist es damit getan, gelesen wird das Buch trotz allem vermutlich nicht. Oder aber sie sind enttäuscht zu erfahren, dass sie nicht direkt erkennbar sind und mit ihren „Gansgtertaten“ und ihrem „Lifestyle“ nicht bei anderen Eindruck machen können. Schaut man sich fernerhin in verschiedenen Internetforen um, erkennt man, dass Balcis Leser vor allem Deutsche sind und oft einer sozial erfolgreichen Schicht entstammen. Und diese finden hier vor allem (und auch dies geht aus verschiedenen Internet-Foren zum Beispiel hervor 64 ) eine überzeugende Antwort auf mögliche Vorurteile und Ängste, die man im Hinblick auf das beschriebene Milieu als Leser mitbringen kann. Den türkischstämmigen (aber vor allem auch arabischen) Einwanderern wird jeglicher Wille zur Integration abgesprochen. Die Kultur dieser Menschen wird ausschließlich als patriarchalisch und archaisch beschrieben (Arabboy S. 172 f.). Geschaffene Möglichkeiten und Perspektiven von Seiten der deutschen Gesellschaft werden nicht wahrgenommen (weder die Schule, S.43, noch lukrative Angebote wie der Nike Vertrag, S.31 werden angenommen) . Deutsche Einwohner werden brutal zu Opfern gemacht (S.69: „Rachid hatte gewusst, dass Silvia wieder sein Opfer werden würde.“) und dies sogar im Namen des Islams (Daniel zum Beispiel, S. 180 f) und alles Deutsche im allgemeinen verspottet, vor allem von den Eltern, dies gehört sozusagen zur Erziehung an sich (S.19 zum Beispiel: „für seine Familie und sein soziales Umfeld aber war alles Deutsche verachtenswert“) . Da die Autorin jedoch die Form des Romans gewählt hat um ihre Erfahrungen in diesen einfließen zu lassen, werden keine positive Alternativen und Einblicke in das Leben dieser Menschen gegeben, keinerlei Erklärungen zu gewissen Sachverhalten (sowie es bei Cem Gülay zum Beispiel der Fall ist) oder gar Lösungsansätze, um die Situation zu verbessern. Somit befindet sich, objektiv gesehen, der Türke/Araber, der Moslem, in der Täterrolle. Dies ist in der Hinsicht ein kleinwenig bedauernswert, da gerade auch die Autorin um ein besseres Verständnis und eine bessere Integration der Deutschtürken bemüht ist, dies hier aber auf Grund der gewählten Herangehensweise nicht wirklich ausdrücken kann. In Cem Gülays Buch werden die ebenfalls existierenden und benannten
63 Küchenradio, Interview mit Güner Balci zum Herunterladen: http://www.podcast.at/episoden/kr215-g%C3%BCner-balci-9369173.html.
litCOLONY.de (seit Ende 2008 offline) „Werkstattgespräch mit Güner Balci“, 17 juin 2010, http://www.youtube.com/watch?v=LWXzl_nLU6Y.
64 Vgl.: Kundenbewertungen: 17/06/11, http://www.amazon.de/Arabboy-Jugend-Deutschland-kurze-Rashid/dp/310004813X.
http://www.libri.de/shop/action/productDetails/7397612/guener_balci_arabboy_310004813X.html.
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Missstände expliziert, hinterfragtt und dialektisch betrachtet. Weder der Deutsche noch der Türke steckt hier in der Täter- oder Opferrolle, sondern beiden Seiten wird zu verstehen gegeben, dass ein harmonisches Zusammenleben nur auf beidseitigen Bemühungen beruhen kann. Auch Cem Gülay wendet sich vor allem an ein deutsches Publikum, was man bereits auf den ersten beiden Seiten erkennen kann, wenn er zwischen „ihr“ (die Deutschen) und „wir“ (die „Migranten-Kinder“) unterscheidet. Er möchte jedoch vor allem die deutsche Gesellschaft aufklären. Hier wird dem deutschen Leser, vielleicht wie in Arabboy, eine Welt geöffnet die er sicher so nicht kennt. Diese wird zunächst vorgestellt, aber auch erklärt. Der deutsche Leser bekommt somit einen Einblick, gleichzeitig aber versteht er gewisse Missstände die er in seinem Land beobachtet, besser. Ein weiterer Unterschied zum Roman Arabboy ist, dass Gülay auf Grund der gewählten Form vor allem Lösungsansätze aufführen kann. Ein gegenseitiges Verstehen soll erreicht werden, und das Zusammenleben erleichtern. Und diese Absichten werden von ihm explizit angegeben. Gülay hat einen sehr sachlichen Schreibstil gewählt, weil er den Leser auf eine Realität aufmerksam machen will, die, wenn sich nichts ändert, sehr gefährlich, genauso für Deutsche wie auch Deutsch-türken werden kann. Deshalb geht es ihm nicht darum einem Teil die alleinige Schuld zu erteilen, sondern im Gegenteil eine Zusammenarbeit gegen die Misstände zu erreichen. Diese Dimension ist es vielleicht, die einen wirklich positiven und konstruktiven Effekt auf den Leser in Arabboy behindert, oder zumindest aus Türken-Sam ein integrationsfördernderes Buch als Arabboy macht. Wir wollen nur eines vieler Beispiele aufführen, auf das wir beim Vergleich der zwei Bücher stoßen können. Gülay schreibt: „Sie kommen aus der totalen Perspektivlosigkeit ihres Ghettos, sie setzen sich in die S-Bahn, steigen am Gänsemarkt aus, und was sehen sie dort? Menschen die alles haben. Muss man sich wundern, dass sie etwas davon abhaben wollen?“ (S. 11). Diese Art offener Fragen regt den Leser immer wieder zum Nachdenken über die Situation an, und entzieht den deutsch-türkischen Jugendlichen seiner Täterrolle, und dem Feindbild. Bei Gülay weis der Leser also, woran er sich halten kann. Die Absichten sind explizit angegeben und die Schreibsituation wie auch der sachliche Stil lassen keinerlei Zweifel an der Authentizitât aufkommen. Umso intensiver und konstruktiver kann das Buch auf den Leser wirken. Vielleicht konnte diese doppelte Perspektive, und somit auch der objektive Stil und die Berichterstattung in Türken-Sam auch durch die Zusammenarbeit mit Helmut Kuhn entstehen. Die Schwierigkeit in Arabboy besteht gewiss darin, dass sich die Autorin in ihrer Ausgangssposition, dem Vorwort nämlich, welches hier viel Gewicht hat, als eine authentische Berichterstatterin darstellt, die eine Art Biografie schreibt, dann aber erwähnt, dass es sich um einen Roman handelt, und sich in eine allgegenwärtige Erzählerin verwandelt, die ihren grundlegenden authentischen Stoff literarisch ausschmückt und subjektive Eindrücke und Meinungen unsichtbar einfließen lässt. Bei Feridun
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Zaimoglu ist die Schreibsituation grundlegend anders: Er schreibt sich keinerlei sozio-politische Absichten zu, seine Absicht ist es kaum grundlegende Dinge zu ändern. Aber trotz allem treffen wir hier auf ein ähnliches Problem, was wiederum mit den Absichten des Autors zusammenhängt. Diese Absichten, die für Zaimoglu vor allem von literarischem Anspruch geprägt sind, werden als solche von den Lesern oft nicht anerkannt, da sie im Hinblick auf dieses „Genre“ , das eine solche Problematik behandelt eben eher daran gewöhnt sind eine Biografie eines Betroffenen, oder den Bericht eines Soziologen, Streetworkes etc. vorliegen zu haben. Zum ersten Mal aber hat ein Autor diesen Stoff benutzt, um ihn literarisch zu gestalten. Und immer wieder konnte man in Interviews und Fernsehsendungen bei Zaimoglu die Enttäuschung und Frustration spüren, wenn er auf die sozialen Missstände seiner Figuren oder politische, religiöse Themen angesprochen wurde und nicht auf seine sehr eigene Sprache und Kunst. Hier wurde der Autor also falsch verstanden, da seine Absichten falsch verstanden wurden. Und erst als er immer wieder betonte, dass er ein deutscher Autor (von türkischen Eltern) kein türkischer Migrant oder gar Migrantenautor ist, und er sich durch seine Literatur behaupten konnte, wurden diese Absichten erkannt und anders verstanden. Die Schwierigkeit in seinen ersten Büchern besteht nämlich auch darin, dass das Geschriebene als so authentisch wie möglich auf den Leser wirken soll, und sich der noch sehr junge Zaimoglu damals vielleicht auch noch hinter dem Argument des Diktaphons etwas versteckt. Der Eingriff des Autors wird nur sehr aufmerksamen Lesern bewusst. Jedoch schafft Zaimoglus es, einen sehr indivudellen Bericht zu erstatten, der auch vom Leser als dieser angesehen wird.
6. Definitionsversuch
Man kann sich die Frage stellen ob die Schwierigkeit diese Bücher zu definieren, nicht gerade aus der Undefiniertheit und Unklarheit der Absichten der Autoren im Hinblick auf das Leserpublikum entstehen. Kann man diese Bücher Literatur nennen? In der Tat handelt es sich bei Balcis Buch wie auch Zaimoglus um eine Fiktion, die zwar den Autoren nach von authentischem Materiel inspiriert wurde, jedoch wie eine Fiktion, wie Romane gelesen werden sollten, also als Literatur bennant werden müssen. Bei Cem Gülay kann man eher von einem sachlichen Stil, einer Autobiografie in Form einer Berichterstattung sprechen. Dieses Werk ist dem journalistischen Stil sehr nah. Man sollte vorsichtig sein von Literatur zu sprechen, da man das Buch nicht als diese erklären und erforschen kann. Dazu fehlen die literarischen Mittel und Stilmerkmale, und die Intention, des Autors, Literatur zu schreiben. Die erste Absicht Gülays ist es Informationen zu befördern und das Publikum aufzuklären. Diese Art Aufklärung finden wir in der Tat eher in Reportagen und Dokumentationen wieder. Bei Balcis Text handelt es sich im Eigentlichen um einen Roman. Nur
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haben wir bereits die Gefahr für den Leser angesprochen vor allem durch Balcis Vorwort und auch durch ihren Interviews in denen sie zu Arabboy Stellung nimmt, in gewisser Hinsicht manipuliert zu werden, so dass man während des Lesens somit das Gefühl gewinnen kann, ein authentischen Dokument, einen Bericht über die Jungendlichen in dieser Welt der Vorstädte zu lesen obwohl es sich, wie die Autorin es auch erwähnt, um eine verdichtete Geschichte handelt 65 . Diese Gefahr können wir zum Beispiel unterliegen wenn man an das Beispiel eines Online-Buchhandels denkt, wo Arabboy als ein „Sachbuch“ unter dem „Genre Politik und Gesellschaft“ vorgestellt wird 66 . Bei Balci scheinen die literarischen Mittel vor allem eine Methode zu sein, gewisse Dinge intensiver wirken zu lassen und die Bezeichnung Roman scheint das Geschriebene zu legitimieren und jegliche Vorwürfe aus dem Feld räumen zu können. Eigentlich sollte der Leser aber in Rachid gerade einen Romanhelden sehen und nicht eine realexistierende Person, und Arabboy auch wie einen Roman lesen, denn dies würde verhindern, dass er das Schicksal Rachids und die oft subjektiven Eingriffe der Autorin zu sehr verallgemeinert. Bei Zaimoglu fühlen sich manche Leser dazu verführt, jede Zeile dieser neuen, provokanten Sprache zu analysieren, unter die Lupe zu nehmen, ihre Syntax, ihre stilistischen Mittel, Unregelmäßigkeiten, Fehler zu hinterfragen, als über die Situation der Protagonisten zu diskutieren.Nur ist man durch die Aussage des Autorens verunsichert, der dem Leser vergewissert, dass er lediglich aufgenommenen Stoff schriftlich umgesetzt habe. Zaimoglu hat trotz allem einen neuen Stil geschaffen, eine Sprache die es so noch nicht in der Literatur gab, und diese ist ihm eigen. Wir finden sie in seinen ersten drei Büchern wieder. Es liegt außerdem eine metalinguistische Dimension vor, die dazu anregt über diese Kunstsprache an sich nachzudenken. Man kann also durchaus von Literatur sprechen, und dies sogar im Sinne des Kunstbegriffes der der Literatur seit dem 19.Jahrhundert inne ist. Der Autor scheint mit Hilfe dieses authentischen Stoffes seiner literarischen Kreativität freien Lauf geben zu können. An einer Stelle im Text ist zum Beispiel die Rede von einem türkischen Sprichwort: „nur wer eine Stelle hat die juckt, kratzt sich auch“ (S. 101). Und wenig später heißt es dann: „und zeigen schon unsere ersten allergischen Reaktionen“ (S. 102). Hier geht der Autor ironisch mit dem vorgefundenen Stoff um. Zaimoglu, wie er es selbst beschreibt, hat sich von einem, der anfangs Geschichten sammelte, aufschrieb und erzählte, mit den Jahren und seinen letzten Büchern zu einem Geschichtenerzähler gewandelt. 67 Heute, da Zaimoglu einen Namen als bekannter deutscher
65 LitCOLONY.de (seit Ende 2008 offline) „Werkstattgespräch mit Güner Balci“, 17 juin 2010, http://www.youtube.com/watch?v=LWXzl_nLU6Y.
66 Vgl.: 17/06/11, http://www.vip-
webguide.de/Buecher_Bestseller_Datenbank/Buch_Literatur_Bestseller_A/Arabboy_Eine_Jugend_in_Deutschland_Gu ener_Balci_Bestseller.html.
67 3Sat Bericht von Thomas Weddmann, Portraitvorstellung von Feridun Zaimoglu, 2008, 17/06/11, http://www.youtube.com/watch?v=h56xPN6hjMo.
litcolony.de (offline seit Ende 2008), durchlesene Nächte mit Feridun Zaimoglu 2009, 17/06/11,
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Autor hat, und mehrere Literaturpreise erhielt, scheint man auch seine frühen Bücher endlich als Literatur bezeichnen zu dürfen. In den beiden anderen hier untersuchten Büchern scheint die politische und soziale Dimension, das Engagement - vor allem von Seiten der Autoren - zu überwiegen und für sie selbst ausschlaggebend zu sein. Das können wir nicht zuletzt am Vorwort festmachen, das in Türken-Sam von der türkischstämmigen Abgeordneten der SPD-Fraktion im Berliner Senat, Bilkey Öney, stammt, und am Klappentext von Arabboy aus der Feder von Necla Kelek, prominente Sozialwissenschaftlerin und Islamkritikerin. Lässt man für diese drei Bücher den Oberbegriff Literatur gelten, dann sollte man dies jedoch stets präzisieren. Der Literaturbetrieb reiht Bücher wie Arabboy oder Türken-Sam und auch vor einigen Jahren noch Zaimoglus Erscheinungen vorwiegend unter der Bezeichnung „Belletristik“ in die Literatur ein 68 . Jedoch scheint diese Definition nicht wirklich angebracht noch ausreichend. Cem Gülay betreffend sollte man zum einen von einer Autobiografie sprechen, zum anderen könnte man versuchen eine neue Kategorie zu schaffen. Der sachliche, einfach zugängliche Stil Gülays und Kuhns, die Dimension der Aufklärung, und der Wunsch allgemeine soziale Gegebenheiten für die Allgemeinheit verständlich zumachen, um etwas an den Umständen zu ändern, könnten uns zum Beispiel dazu führen von einer populärsoziologisch - engagierten Reportage zu sprechen. Bei Balci sollte man gerade darauf hinweisen, dass es sich eben doch um Literatur handelt, um einen Roman, und eben nicht um eine Biografie oder ein Sachbuch. Arabboy ist ein von der Realität inspirirter engagierter Roman. Die Wichtigkeit, jedoch auch gleichzeitig Schwierigkeit, da diese Rezeption nicht immer von den Verlagen, Internetportalen und auch Lesern gewährleistet ist, liegt also darin diese Bücher, die von der deutschen Öffentlichkeit oft ein und der selben Kategorie von Büchern zugeschrieben werden, da sie die selben Themen behandeln, die Protagonisten sich oft stark ähneln und sie von türkischstämmigen Autoren stammen, stets zu differenzieren. Diese Verallgemeinerung und Vereinfachung des Genres „Engagierte deutschtürkische Literatur“ in den Medien kann Gefahren hervorrufen, oder sich ebenfalls negativ für die Autoren und ihre Absichten auswirken. Denn wenn auch in allen drei Büchern die selben Themen behandelt werden und sich die Protagonisten stark ähneln, ist die Herangehensweise der Autoren stets eine andere, wie auch der Stil und die Absicht, und das sollte dem Leser stets bewusst sein. Wichtig, wenn nicht gar ausschlaggebend für den Leser scheint es deswegen den Paratext und das öffentliche Auftreten oder das Engagement des Autors zu
http://www.youtube.com/watch?v=ou8pCEm4QG8.
68 Vgl.: http://www.vip-
webguide.de/Buecher_Bestseller_Datenbank/Buch_Literatur_Bestseller_A/Arabboy_Eine_Jugend_in_Deutschland_ Guener_Balci_Bestseller.html.
http://www.buecher.de/shop/belletristik/tuerken-sam-eine-deutsche-gangsterkarriere-ebook/cem-guelay-helmut-kuhn/products_products/detail/prod_id/33360830/.
http://www.faz.net/artikel/C30347/rezension-belletristik-feridun-zaimoglu-abschaum-30108874.html.
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betrachten, um sein Buch besser deuten und verstehen zu können, und ebenfalls aufmerksam gewisse demagogische Tendenzen von Seiten der Autoren zu durchschauen. Was jedoch, über diese Unterschiede hinaus, allen drei Autoren gemeinsam ist, ist ihre Verankerung in der deutschen Gesellschaft. Anders als zu den frühen Zeiten der Migrationsliteratur, als der Autor selbst aus einem externen Standpunkt heraus, als Fremder in Deutschland sozusagen schrieb, aber auch noch einige Jahre später, als dieser ein Standbein in Deutschland hatte, sich jedoch zwischen zwei Welten hin un hergerissen fühlte und dies in seinen Werken verarbeitet hat, betonen diese Autoren ihre deutsche Staatsbürgerschaft und Identität. Sie sind in Deutschland geboren, aufgewachsen, schreiben hier und möchten als deutsche Staatsbürger, beziehungsweise deutsche Autoren anerkannt werden. Und diese Anerkennung scheint für diese Autoren umso wichtiger zu sein, als sie auch in ihren Büchern den deutschen Lesern (aber auch türkischstämmigen) das Gefühl geben wollen, dass hier eine deutsche (und somit die eigene) Realität widergespiegelt wird. Es geht nicht mehr um die Fremden im eigenen Land, die vielleicht sogar einmal wieder in ihr Land zurückkehren werden. Es geht um einen Teil der deutschen Gesellschaft, dies scheint die Botschaft aller drei Autoren. Und die Autoren selbst sind auch keine Migranten mehr. Deshalb ist der Begriff Migrantenliteratur für diese Bücher völlig unangemessen und missverständlich. Es geht in diesen Büchern um Jugendliche, die - wie auch die Autoren - in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, die jedoch fernab der deutschen Kultur und des deutschen Gesetzes leben und sich eine Parallelwelt aufgebaut haben. Diese beschriebene Kultur und Identität ist jedoch genau so wenig deutsch wie türkisch oder arabisch, sondern stellt eine, den Protagonisten ganz eigene, Welt dar, die vot allem aus den gegebenen Umständen resultiert. Den Autoren, die sich selbst deutsch fühlen, jedoch ihre türkischen Wurzeln haben, geht es darum eine Brücke zwischen genau dieser Welt, und der deutschen Allgemeingesellschaft zu bauen, damit einem bewusst wird, dass diese Parallelwelt zur deutschen Realität gehört. Und dies können die Autoren legitim tun, da sie selbst diesen Sprung bereits bewältigt haben.
Das Schreiben, die Literatur, wird hier zum Werkzeug oder zum Mittel, sie wird zum Beispiel zur Existenzmöglichkeit. Sie liefert jungen Leuten, die keinerlei Kontakt zur deutschen Gesellschaft aufbauen können, ein Sprachrohr, kann zu einer Brücke werden zwischen zwei völlig fremden Gesellschaften, weist jedoch gerade eben gleichzeitig darauf hin, dass keinerlei Beziehung zwischen diesen beiden Welten besteht und bricht mit jeglicher harmonischen Utopie eines Zusammenlebens dieser sehr verschiedenen Welten in Deutschland. Das Schreiben kann außerdem zur Therapie werden. Cem Gülay weist auf die Wohltat des Erzählens seiner Geschichte hin. Die Konversationen mit dem Co-Autor hat etwas von einer Psychoanalyse. Gülay hat das Gefühl, nachdem er dem deutschen Leser seine Geschichte, Vergangenheit dargelegt hat, endlich auch dazu
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zugehören, zu existieren. Wird hier der Wille nach Kommunikation mit der deutschen Gesellschaft sichtbar? Türken-Sam sollte zu allererst als eine Art Dokument angesehen werden, das uns auf realistische Art und Weise eine Welt vorstellt die sich parallel zur deutschen Allgemeingesellschaft abspielt. Das hat etwas mit Aufklärung zu tun. Die drei Autoren wollen mit der Vorstellung brechen, dass ein Zusammenleben zwischen diesen beiden Welten und Kulturen in Deutschland besteht. Es ist eine Art Warnung. Diese Warnung erfolgt bei Zaimoglu durch einen schockierenden, provokanten Stil, der den Leser „aufrüttelt“, bei Gülay ist die Warnung explizit ausgedrückt und wird durch Prophezeiungen der nahen Zukunft, im Präsens formuliert, deshalb desto intensiver und angsteinflößender für den Leser. Gülay beschreibt hier ein realistisches Horrorszenario, ähnlich eines apokalyptischen Hollywood-Streifens, um den deutschen (und auch türkischen) Leser auf die Katastrophen hinzuweisen die bestehen werden, wenn sich nichts in der Gesellschaft ändernt. Bei Balci ist die Warnung eher implizit. Jedoch erkennt man die Gefahr einer sich immer mehr abkoppelnden türkisch-arabisch-muslimischen Parallelgesellschaft in Deutschland auch in ihrem Roman. Diese Autoren positionieren sich also weitab jeglicher harmonischer Vorstellungen zum Thema Integration. Sie brechen auch mit aktuellen literarischen Erscheinungen, die den „Multikulti“ hochleben lassen (zum Beispiel das bereits erwähnte autobiografische Buch Ganz schön deutsch von Dilek Güngor) oder mit erfolgreichen Fernsehserien wie Türkisch für Anfänger, die jedoch eine positive, optimistische, Alternative zu Büchern wie den hier vorgestellten liefern, und vielleicht aufbauender wenn nicht gar integrationsfördernder auf das deutsche; aber auch türkische Publikum wirken können. Das Auseinanderdriften der Gesellschaft, von der der deutsche Bundespräsident Christian Wulff am 20. Jahrestag der Deutschen Einheit sprach, kommt in den hier ausgewählten Büchern eindrucksvoll zur Geltung. Die öffentliche Wirkung also, der politische und soziale Gehalt dieser Bücher, ist - viel mehr als der literarische Stil, oder die Spracheausschlaggebend für ihre Rezeption. Denn die Literatur wird hier zu einem Mittel des Verständnisses, zu einem Träger zwischen zwei Welten.
Schlussbetrachtung und Forschungsperspektiven
Ein Spiegel-Artikel der Journalistin Anjana Shrivastava von 2008 69 urteilt über Balcis Roman wie folgt:
„Die Mischung von Wahrheit und Fiktion wurde bisher eher für historische Romane verwendet. Um die Probleme von Neukölln in ihrer ganzen Brisanz zu erfassen, ist das Kolportage-Genre 70 allerdings nur bedingt geeignet. Denn die Einführung eines Stellvertreterverbrechers wie Rashid lässt die ganze Romankonstruktion zu
69 SHRIVASTAVA Anjana, „Milieuroman Arabboy, Berliner Elendsgesichter“, Spiegel Online, 2008, 17/06/11, http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,579634,00.html.
70 Diesen Terminus wählt die Journalistin um Balcis Roman im Artikel zu definieren.
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einer Art literarischem "Profiling" verkommen. Während die Reportage den Berichterstatter durch die Nähe zur faktischen Wahrheit zur Nuance zwingt, hat Balci einen Schauerroman geschrieben - mit aufklärerischem Impetus und einer unablässig, bis zum absoluten Tiefpunkt fortschreitenden Handlung.“ Balcis Leser können sich ebenfalls die Frage stellen, ob Balci, die aus ihrem ursprünglichen Kulturkreis ausgestiegen ist, und in einem anderen Stadtteil ein neues Leben weit von diesem Milieu begonnen hat, überhaupt eine wirklich objektive Berichterstattung liefern wollte, und deshalb vielleicht auch nicht die Form der Reportage gewählt hat. Versucht sie nicht manchmal dem deutschen Leser genau das Bild vom Jugendlichen mit arabischen Migrationshintergrund dieser Parallelwelt zu liefern, welches einem deutschen Autoren untersagt werden würde? Und welche positiven Wirkungen kann dieses Buch beim deutschen Leser hervorrufen ? Denn ein harmonischen Zusammenleben mit diesen Jugendlichen scheint nicht möglich zu sein, Lösungsansätze gibt es nicht, dagegen werden gewisse Ängste gegenüber diesen Personen geschürt oder zumindest - wenn bereits vorhanden - bestätigt. Diese Kritik soll keineswegs die authentische Existenz der beschriebenen Missstände und Realitäten in Frage stellen, lediglich die Absichten der Autorin und die Realisierung des Buches im Hinblick auf ein spezielles Publikum und die Wirkung auf dieses hinterfragen. Auch die Kritik an der (deutschen) Gesellschaft, die vor allem die Augen vor den beschriebenen Missständen schließt, ist zwar an wenigen Stellen vorhanden 71 , jedoch vielleicht nicht stark genug, obwohl Balci genau dieses Problem immer wieder in Interviews anspricht 72 . Wir wollen uns, ähnlich wie dies im übrigen auch die genannte Spiegel-Journalistin tut, am Ende dieser Arbeit die Frage stellen, ob Balci nicht lieber, da ihr Anliegen vor allem einer besseren Integration gilt, die Form einer Reportage hätte wählen sollen, und nicht die des Romans. Denn interessantes Wissen und Informationen besitzt sie dafür zu Genüge, jedoch bedauert der Leser bei Arabboy, dass dieses Wissen und gewisse Überlegungen und Erklärungen zum Thema keinen Platz im Roman finden können. Wichtige Ursachen für das Leben, welches Rachid lebt, können somit nicht besprochen werden, wie zum Beispiel „der Bürgerkrieg im Libanon, der schon seine Eltern prägte, die arabische Herrschaftsideologie in Form des ewig prügelnden Vaters, die notorische Bildungsarmut oder die zum Unverletzlichkeitswahn führende Droge Tilidin.“ 70 Bezweifelt darf jedoch nicht werden, dass ein Roman einen integrationsfördernden Effekt haben kann. Eine Sprache zum Beispiel, wie Zaimoglu sie schreibt, und die durchaus auch bei Jugendlichen aus dem beschriebenen Milieu ein Echo finden kann, und die Geschichte Ertans, könnten abschreckend, fast wie eine Art Katharsis auf die jungen Menschen wirken, auch wenn dies
71 Vgl.: BALCI Güner,
Arabboy,
S. FISCHER, Frankfurt a. M., 2008, S.101 „drei Tage später lag das Handy bei dem Direktor.[.. ]- … er war hilflos und gab ihr einen Tag schulfrei“ S.102; „Frau Düppel suchte zum ersten Mal nach sechs Jahren Rachids Eltern auf.“ S.90 .
72 MAISCHBERGER Sandra, „Gehört der Islam zu Deutschland„, Menschen bei Maischberger mit Güner Balci, 2010, 17/06/11, http://www.youtube.com/watch?v=wgAboEp0umo.
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nicht unbedingt das erste Anliegen des Autors ist.
Vielleicht befinden wir uns bei den Romanen Arabboy und Abschaum auch einfach noch bei einer ersten Phase, die sich überhaupt in die aktuellen politischen Debatten zum Thema einreiht, in der dem deutschen Publikum eine harte Realität vor Augen geführt wird, die schockieren kann und auch soll, damit dieses gewissermaßen auch wachgerüttelt wird.
Bei Gülay haben wird bereits einen Austausch zwischen den zwei Welten festgestellt, wobei er in seinem Buch mögliche Lösungen für die genannten Probleme zeigt, dies kann er auch auf Grund der von ihm gewählten Form und des journalistischen Stils besser tun. Zu bedauern wäre hier noch, dass diese Bücher sich vor allem an ein deutsches Publikum wenden und von diesem gelesen werden. Wenn man, wie vor allem Balci und Gülay, die Migranten aktiv werden lassen will, und nicht mehr länger nur in der Rolle des Opfers beruhen lassen will, wie es in der frühen Migrantenliteratur oft der Fall war,, sollte man diese auch stärker mit einbeziehen. Denn dieser Ansatzpunkt ist in dem Sinne interessant, dass er endlich eine ganzheitliche Debatte ermöglichen kann, die genauso gut die Deutschen wie die Deutschtürken, oder Deutscharaber und andere Migrantennachkommen zur Verantwortung zieht und zu Wort kommen lässt, und nicht mehr länger nur die deutschen Bürger oder gar nur Politiker, Sozialforscher etc. in diese Art Debatten einbezieht. Wir könnten uns somit die Frage stellen, welche Art Literatur sich als wirklich integrationsfördernd auch an die jugendlichen Betroffenen wenden könnte. Oder ist das Theater und der Film vielleicht eine alternative Lösung? Welche Stücke, oder Filme gibt es bereits, die diese Rolle erfüllen könnten und vielleicht sogar in diesem Sinne geschrieben und inszeniert beziehungsweise verfilmt wurden? Der Ansatz der Autoren, ihre Bücher auch in Schulen oder „Problemkiezen“ und Jugendzentren vorzustellen, ist also ein durchaus vielversprechender. Dieses Thema eröffnet somit viele Fragen für Studien, die Soziologie und Literatur, oder Kunst im allgemeinen verbinden könnten.
Ein ganz anderes zu erforschendes Thema wäre zu erkunden, inwiefern sich die in der darliegenden Arbeit analysierte Literatur in eine literarische Kontinuität einreiht. Inwiefern haben ähnliche Phänomene bereits in der deutschen Literaturgeschichte existiert? Eine solche Arbeit könnte zum Beispiel dazu führen, die untersuchten literarischen Texte auch als Literatur anzuerkennen und benennen zu können, als Phänomen engagierter sozialkritischer Literatur, sozusagen, welches nicht erst seit heute exisitert. Denn blickt man zum Beispiel auf Epochen wie den Naturalismus oder noch weiter auf das Junge Deutschland und den Vormärz zurück, findet man zahlreiche ähnliche Merkmale wieder, die zu interessanten Studien anregen könnten.
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Bibliographie und Anhang
Primärliteratur
Untersuchte Weke :
BALCI Güner Yasemin, Arabboy - eine Jugend in Deutschland oder das kurze Leben des Rachid A., S.FISCHER, Frankfurt am Main, 2008.
GÜLAY Cem, Helmut Kuhn (Coautor), Türken-Sam, Eine deutsche Gangsterkarriere, dtv premium, Hamburg, 2010 (aktualisierte Ausgabe), Originalausgabe: 2009.
ZAIMOGLU Feridun, Abschaum - die wahre Geschichte von Ertan Ongun, ROTBUCH, München, 2003 (fünfte Auflage), Erstauflage: 1997. Andere Werke:
AKBAS Melda, So wie ich will - mein Leben zwischen Moschee und Minirock, Bertelsmann Verlag, München, 2010. GÜNGÖR Dilek, Ganz schön deutsch - meine türkische Familie und ich, PIPER, München, 2007. Unter uns, Edition Ebersbach, Berlin , 2004. KARA Yade, Selam Berlin, Diogenes, Zürich, 2003. KUHN Helmut, Arm, reich und dazwischen nichts, Bastei Lübbe, Köln, 2007.
SAVASCI Fethi, Bei laufenden Maschinen : Erzählungen ; dt./türk. = Makinalar Çalışırken / Fethi Savaşçı. Aus d. Türk. von Helga Dağyeli-Bohne, Frankfurt a.M.,1. Aufl.:1983.
TEKINAY Alev, Die Deutschprüfung - Erzählungen, Brandes und Apsel, Frankfurt am Main, Erstauflage: 1989. WALLRAFF Günther, Ganz unten, Kiepenheuer & Witsch; Köln, Auflage: Erw. Neuaufl. (1992) Erstauf1age: 1985. YILDIZ Bekir, Türkler Almanyada (dt.: Die Türken in Deutschland ), Istanbul, 1966. Topkapi-Harran einfach, Erzählung. Übersetzt von Gisela Kraft, Harran Verlag, Berlin, 1983. ZAIMOGLU Feridun, Kanaksprak, Rotbuch Verlag, Hamburg, 6.Auflage:2004, erste Auflage: 1995.
Sekundärliteratur:
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BLIOUMI Aglaia (Hrsg.), Migration und Interkulturalität in neueren literaischen Texten, Iudicium Verlag, München, 2002
CHIELLINO Carmine (Hrsg.), Interkulturelle Literatur in Deutschland, Verlag J.B.Metzler, Stuttgart, 2000. DENECKE Annette, KERN Snjezana, Beratung in multikuturellen Kontexten, Darmstadt, 2006, 17/06/2011(pdf-Datei zum Herunterladen:http://www.efh-darmstadt.de/fuw/download/sysbertexte/11_Beratung_in_multikulturellen_Kontexten1.pdf ) HOFFMANN Michael, Interkulturelle Literaturwissenschaft:Eine Einführung, Wilhelm Fink Verlag - Utb, Paderborn, 1.Auflage 2006,
RIGONI Isabelle, Migrants de Turquie: un demi-siècle de présence en Europe occidentale , Outre-Terre, 2005/1 no 10, S. 325-337.
SARRAZIN Thilo, Deutschland schafft sich ab - wie wir unser Land aufs Spiel setzen, Deutsche Verlags Anstalt, München, 2010.
Interviews und Gespäche:
BIOLEK Alfred, Boulevard Bio MDR, Gespräch mit Feridun Zaimoglu, 2008, 17/06/11,
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http://www.youtube.com/watch?v=AfewEpvyATQ.
EBBINGHAUS Uwe, „Das Internet ist für mich völlig ungeeignet“Gespräch mit mit Feridun Zaimoglu, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2000, 17/06/11, http://www.faz.net/artikel/C30833/im-gespraech-feridun-zaimoglu-das-internet-ist-fuer-mich-voellig-ungeeignet-30081193.html.
GÜVERCIN Eren, Grenzgängerbeatz', Feridun Zaimoglu, 17/06/11,http://erenguevercin.wordpress.com/interviews/ . MAISCHBERGER Sandra, „Gehört der Islam zu Deutschland„, Menschen bei Maischberger mit Güner Balci, 2010, 17/06/11, http://www.youtube.com/watch?v=wgAboEp0umo.
STRUPEIT N., „Deutsch-türkische Literatur“ Gespräch mit Prof. Dr. Michael Hofmann, ARTE, 2005, 17/06/11, http://www.arte.tv/de/811486,CmC=811240.html.
THADEUSZ Jörg, Interview mit Feridun Zaimoglu, 2008, 17/06/11; http://www.youtube.com/watch?v=j2Od5yniz4c. WEDMANN Thomas, 3Sat Bericht„Portraitvorstellung von Feridun Zaimoglu, 2008, 17/06/11, http://www.youtube.com/watch?v=h56xPN6hjMo.
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Buchhandlung LUDWIG, Hauptbahnhof Köln, Lesung und Gespräch mit Feridun Zaimoglu, 2010, 17/06/11, http://www.youtube.com/watch?v=Ey4xVAGhGHo.
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Arbeit zitieren:
Livia Chohra, 2011, Zeitgenössische (auto)biographische Literatur deutscher Autoren türkischer Herkunft im Kontext von Integration und Parallelgesellschaften, München, GRIN Verlag GmbH
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