photographischen Inszenierung 1 . Sand wird durch das pars pro toto Kopf und Hand vertreten. Im Vordergrund der bildlichen Repräsentation steht nicht ihre Person, sondern ihre Rolle als Autorin.
Etwa um 1864 - ungefähr 20 Jahre bevor der Begriff Public Relations geprägt wird 2 - entsteht das Bild der Künstlerin im Studio des Photographen Gaspard-Félix Tournachon, genannt Nadar. Es entsteht ein Porträt, welches das Image der Künstlerin formen und nachhaltig prägen soll - das Bild einer emanzipierten Frau, einer Schriftstellerin, einer Intellektuellen.
Die Entstehung des Daguerreotypen und seine Bedeutung für die Entwicklung der Photographie
Die psychologisch gezeichnete Darstellung Sands setzt den Fokus auf Gesicht und Hände, Nadar verzichtet bewusst auf ausstaffierte Hintergründe oder Requisiten, noch bearbeitet oder retuschiert er die Porträtierten nachträglich. Er hält die Manipulation am Bild so gering wie möglich. Im Zentrum steht das unbearbeitete Bild des Kunden. Es ist die Arbeit von Louis Daguerre und Joseph Nicéphore Nièpce 3 , die Nadars Porträtphotographie ermöglichen: Sie entwickeln die Photographie weiter und machen sie permanent. Erstmals kann das Bild konserviert und - vorerst auf Metall, später wie auch bei Nadar üblich - auf Papier festgehalten werden. Fortan kann man „die Erfindung Daguerres mit eigenen Augen sehen und in eigenen Händen halten“. 4 Das photographische Porträt wird zum Statussymbol innerhalb des französischen Bürgertums Mitte
1 Sigrid Weigel. Literatur als Voraussetzung der Kulturgeschichte. Schauplätze von Shakespeare bis Benjamin. S. 20
2 Das erste Mal wurde der Begriff Public Relations im Jahre 1882 an der Yale University (USA) verwendet. Da ihm im Deutschen lediglich der Begriff Öffentlichkeitsarbeit (ca. seit 1917) nahe kommt, hat sich die englische Bezeichnung durchgesetzt.
3 Nièpce gilt als Erfinder der Heliographie, einer Technik, die es ermöglicht, permanente Bilder zu erzeugen. 1822 schafft er die erste lichtbeständige heliografische Kopie eines grafischen Blattes und legt den Grundstein für die Kooperation mit Daguerre ab 1929.
4 So euphorisch schwärmt Kunstkritiker Jules Janin vom Fortschritt in der Photographie und nennt Daguerre einen berühmten Maler, der durch seine Erfindung zum Chemiker geworden sei.1839.
2
des 19. Jahrhunderts, das in jeden guten Haushalt gehört. Jeder, der etwas von sich hält, lässt sich photographieren.
Peu de découvertes ont produit une aussi vive sensation que celle de la daguerréotypie. A aucune époque les amis de la science et du merveilleux ne manifestèrent une aussi vive curiosité qu'à l'occasion de ces étonnantes révélations. 5
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt sich die technische Sensation zum kulturellen Phänomen. Die wissenschaftlichen Errungenschaften in der Photographie ragen in das soziale Leben des Bürgertums hinein und bieten Künstlern, Gelehrten und Politikern eine Plattform der Präsentation. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist die Photographie endgültig als günstige Alternative zu Porträtmalerei etabliert.
Ebenso weiß auch Sand das neue Medium für sich zu nutzen und lässt Nadar gleich mehrere Porträts von sich anfertigen. Die Bilder - anfangs noch in Visitenkartenformat - eignen sich ideal dafür, diejenige Person vorzustellen und sie zu bewerben, das Image des Jeweiligen zu schaffen, zu erhalten oder neu zu erfinden. Die politische Künstlerin, die sich in ihren Schriften seit über 30 Jahren für die Emanzipation der Frau einsetzt, weiß um das Potenzial der Photographie und erkennt, dass sie nicht nur ihre eigene Person bewerben, sondern auch das Bild der Frau prägen kann. Obwohl sie bereits vorher auf Gemälden abgebildet wurde, gelangt ihr Porträt erst mit der Entwicklung der Daguerreotypie in die Häuser der Menschen und macht es für eine Vielzahl von Bürgern zugänglich.
Photographie als Wegbereiter für die technische Reproduzierbarkeit des Details
Ein wesentlicher Vorteil der Weiterentwicklung der Photographie war ihre Nachhaltigkeit. Dadurch kann erstmals ein Detail photographisch festgehalten werden. Somit ist das permanente Bild auch als erster Schritt in die
5 Auguste Belloc. Photographie rationnelle: Traité complet théorique et pratique. Applications diverses. Précédé de l'histoire de la photographie et suivi d'éléments de chimie appliquée à cet art, „Nur wenige Entdeckungen haben ein vergleichbares Aufsehen errregt wie der Daguerreotyp. Nie zuvor haben die Anhänger der Wissenschaft und die der Kunst so viel Neugier geäußert wie genüber diesen erstaunlichen Entdeckungen." 1862, S. 30/31
3
Kommerzialisierung der Photographie zu verstehen, denn: Die Nachhaltigkeit legt gleichermaßen den Grundstein zur Fähigkeit zur Reproduktion.
Das Kunstwerk ist grundsätzlich immer reproduzierbar gewesen. Was Menschen gemacht hatten, das konnte immer von Menschen nachgemacht werden. Solche Nachbildung wurde auch ausgeübt von Schülern zur Übung in der Kunst, […] Dem gegenüber ist die technische Reproduktion des Kunstwerkes etwas Neues, das sich in der Geschichte intermittierend, in weit auseinanderliegenden Schüben, aber mit wachsender Intensität durchsetzte. 6
Die Photographie erlaubt Sand, sich in über 50 Posen abzulichten; der Daguerreotyp ermöglicht ihr, ihre eigene Visitenkarte vielfach zu kopieren. Der Kunstkritiker Jules Janin merkt an, dass die Photographie nicht etwa grobe Kopien ohne Tiefgang schüfe. Er geht sogar so weit zu sagen, es sei die „zarteste, feinste und vollkommenste Reproduktion, die göttliches und menschliches Vermögen nur erreichen können“ 7 . Auch seien diese photographischen Abbildungen keineswegs eintönig oder undetailliert. Die Photographie etabliert sich als äußerst exakte Kunst. Ein weiterer Vorteil wird offensichtlich; aus einem Porträt werden Hunderte. Alles geschieht in kürzester Zeit. Die technische Dimension erleichtert die Vervielfältigung nicht nur; sie wird auch immens beschleunigt. Walter Benjamin bemerkt, dass die Hand im Gesamtprozess der technischen Reproduktion eines Bildes erstmalig von seiner künstlerischen Verantwortung entbunden wird. Dagegen, so Benjamin weiter, rückt die Bedeutung des Auges immer mehr in den Vordergrund, da dieses mit dem Blick ins Objektiv nun die wichtigste Aufgabe übernommen habe. Zusätzlich arbeitet es wesentlich schneller als die Hand, sodass der Vorgang der bildlichen Reproduktion durch die Photographie zu einem solchen Maß beschleunigt wurde, dass er mit dem Sprechen Schritt halten könne. 8
6 Vgl. Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, S. 3
7 Wolfgang Kemp. Theorie der Fotografie I. 1839-1912, S. 48
8 Vgl. Benjamin, S.3
4
Arbeit zitieren:
Irina Kirova, 2011, Photographie: Der Verlust des Details, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe: Photographie: Der Verlust des Details ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe: neuer Titel erschienen: Photographie: Der Verlust des Details
Irina Kirova hat einen neuen Text hochgeladen
Langage - Narration - Ecriture: évolution d'une problématique à traver...
Evolution d'une problématique ...
Cornelia Personne
The George Sand-Gustave Flaubert Letters
Sand A George Sand and Gustave Flaubert, A. L. McKenzie, George Sand and Gustave Flaubert
The George Sand-Gustave Flaubert Letters
Sand A George Sand and Gustave Flaubert, A. L. McKenzie, George Sand and Gustave Flaubert
Chere Maitre: The Correspondence of Gustave Flaubert and George Sand
Peter Eyre, Francis Steegmuller, Barbara Bray
0 Kommentare