Kapitel dieser Arbeit werden eigene Gedanken zu Martin Luther King und die Möglichkeiten der Behandlung in der Schule dargelegt. Die Überlegungen beinhalten die Einordnung des Themas in eine Jahrgangsstufe, in der King idealerweise behandelt werden kann und die Aspekte, warum sich eine Thematisierung eben dieses Mannes so gut für den schulischen Unterricht eignen. Ferner werden Möglichkeiten eines fächerübergreifenden Projekts erläutert und an den jeweiligen Lehrplänen der Fächer belegt. Die Konklusion, die die wichtigsten Aspekte zusammenfasst, rundet diese Arbeit ab.
2. Biografisches Lernen
2.1 Lernen im Kontext der eigenen Lebensgeschichte
Die Basis des biografischen Lernens ist die Auffassung, dass schulisches Lernen immer im Kontext der eigenen Lebensgeschichte vollzogen wird. In der Adoleszenz stellt sich für SuS die Aufgabe, eine Identität aufzubauen, d.h. eine Vorstellung davon zu bekommen, wer sie sind, wer sie sein können und wer sie sein möchten. Sie sollen eine Perspektive auf sich selbst und auf die Welt entwickeln und eine Moral ausbilden. 3 Die veränderten Lebensbedingungen der Postmoderne, hervorgerufen durch Individualisierung und Pluralisierung, verschieben die Lebensphasen, so dass Biografien „ […] komplizierter, individueller, autonomer und eigensinniger […]“ 4 werden. So wird es für Jugendliche zunehmend schwieriger, einen „roten Faden“ im Leben zu entwerfen, weil es unzählige Möglichkeiten gibt, das eigene Leben zu gestalten. 5 Der Schule kommt im Rahmen der Identitätsausbildung eine besondere Rolle zu. Zum einen hat sie den Auftrag, den SuS die Möglichkeit zu geben, sich individuell zu entwickeln, zum anderen soll sie gesellschaftsfähig machen, d.h. sozialisieren. 6 Bildung und Biografie treffen also in einem besonderen Maße in der Institution
3 Vgl. Adam, Gottfried: Dass uns ihres Glaubens Exempel nutzlich sind. Lernen an
Biografien großer Vorbilder - aufgezeigt am Beispiel von Martin Luther King. In:
Rothgangel, Martin; Schwarz, Hans: Götter, Heroen, Heilige: Von römischen Heiligen bis
zu Heiligen des Alltags. Lang Verlag, Frankfurt a.M. 2001, S. 154.
4 Ebd. S. 377.
5 Vgl. Ebd. S. 376.
6 Vgl. Ziebertz, Hans-Georg: Biografisches Lernen. In: Ziebertz, Hans-Georg;
Leimgruber, Stephan; Hilger, Georg: Religionsdidaktik. Ein Leitfaden für Studium,
Ausbildung und Beruf. Kösel-Verlag, München 2001, S. 378.
2
Schule aufeinander. So eröffnet sich hier die Möglichkeit, auf biografische Prozesse Einfluss zu nehmen.
2.2 Das Verständnis von Biografie
Im Sinne des transitorischen Lernens soll der Einzelne seine Biografie als Zusammenhang des äußerlich wahrnehmbaren Ablaufs und seiner Binnensicht verstehen. Zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft besteht eine Interdependenz, die der Spannung von Kontinuität und Diskontinuität ausgesetzt ist. 7 Das bedeutet, dass die Biografie eines Einzelnen nicht als Abfolge einzelner Ereignisse gedeutet werden kann, sondern immer unter Einbezug der Umstände betrachtet werden muss, denen das Leben des Einzelnen unterliegt. Im Rahmen des biografischen Lernens ist das wesentliches Ziel des transitorischen Lernens in der Schule, dass SuS lernen, sich als Handelnde in einem Rahmen zu verstehen und Möglichkeiten entdecken können, ihren Handlungsspielraum auszuloten, zu erweitern und möglicherweise Grenzen zu überschreiten. 8 Folglich eignen sich SuS durch das transitorisches Lernen nicht bloß Wissen über die sozialen Rahmenbedingungen des eigenen Lebens und der entsprechenden eigenen Möglichkeiten der Entfaltung an, sondern erhalten zusätzlich die Möglichkeit, ihr „bestehendes Wissensgebäude“ 9 selbst zu verändern und Akteure ihre eigenen Lebens zu werden.
2.3 Perspektiven biografischen Lernens
Im Zuge der Zusammenfassung von Forschungsergebnissen konnte Gottfried Adam 10 für das Thema „Vorbild“ interessante Ergebnisse liefern. Es hat sich gezeigt, dass sich Jugendliche zunehmend an Vorbildern orientieren. „Vorbild“ bezeichnet in diesem Zusammenhang eine Bandbreite, die vom Helden des Alltags, über Stars und Sternchen bis hin zu religiösen Vorbildern reicht. Das traditionelle Lernen am Vorbild im Sinne von Nachahmung ist überholt. Es geht vielmehr um das Lernen am Modell, um die Reflexion und das gedankliche Nachvollziehen, das den SuS eröffnet, sich selbst eine Identifikationsmöglichkeit
7 Vgl. Ziebertz, S. 379.
8 Vgl. Ebd.
9 Ziebertz, S. 380.
10 Vgl. Adam, S.155.
3
zu schaffen. 11 Ferner sollen die SuS die Freiheit erhalten, als autonome Subjekte ihres Lernens und Lebens anerkannt zu werden. Für biografisches Lernen im Religionsunterricht gilt, eine Vielfalt von Vorbildern zu präsentieren, „damit nicht die Vorbilder zu nahezu sündlosen, vollkommenen Wesen hochstilisiert werden“ 12 . Jedes christliche Vorbild ist daher immer wieder kritisch auf die Botschaft Christi hin zu untersuchen und das Fragmentarische des menschlichen Lebens herauszustellen. 13 Ferner muss den Lehrpersonen bewusst sein, dass auch sie von den SuS als Modelle des Lernens wahrgenommen werden. Letztlich sollte beachtet werden, dass distanzierte und widersprüchliche, interessante Personen den SuS eher Identifikationsmöglichkeiten schaffen als harmonisierte, „glatte“ Personen. 14
2.4 Biografisches Lernen im katholischen Religionsunterricht
Biografisches Lernen im Kontext der vorliegenden Arbeit bezeichnet die Beschäftigung mit der Lebensgeschichte einer christlichen Person, die im Hinblick auf einen bestimmten Aspekt des Lebens das gedankliche Nachvollziehen, die Reflexion und Selbstreflexion fordert. Wegen der Subjekt-und
Zukunftsorientierung der christlichen Tradition eröffnet das biografische Lernen im Religionsunterricht den SuS eine Perspektive, das eigene Leben unter den Zuspruch Gottes zu stellen. 15 Die Biografie eines Menschen wird als Ablauf von Ereignissen verstanden, die in der Retroperspektive gedeutet werden und denen Sinn zugeschrieben wird. 16 Ziel des biografischen Lernens im Religionsunterricht ist, dass der christliche Glaube durch das biografische Lernen an der eigenen Biografie und an der Biografie Fremder als Lebensperspektive erschlossen werden kann. Es geht um „die Deutung gelebten Lebens unter der Verheißung Gottes“ 17 . Dabei sollen die SuS nicht bloß über Gläubige und deren Taten informiert werden, sondern die Möglichkeit erkennen, ihr eigenes Leben erweitern oder sogar neu ausrichten zu können. Die Orientierung an der
11 Vgl. Adam, S. 156.
12 Ebd.
13 Vgl. Ebd.
14 Vgl. Ebd., S.157.
15 Vgl. Ziebertz, S. 374.
16 Vgl. Ebd.
17 Ebd., S. 380.
4
christlichen Botschaft, die beispielhaft an Lebensentwürfen bekannter oder unbekannter Personen übermittelt wird, ermöglicht den SuS die Übernahme einer alternativen Perspektive auf die Welt und das eigene Leben. Die biblischchristliche Tradition übernimmt in der Begleitung der biografischen Reflexion drei Funktionen. Sie stimuliert die SuS, „die Potenziale des nicht gelebten Lebens von der Verheißung des „Lebens in Fülle“ her zu erkennen“ 18 , sie kritisiert, „indem sie insbesondere vom Doppelgebot der Liebe aus hinterfragt, was dem Leben dient“ 19 und schließlich korrigiert sie, „indem sie persönliche Barrieren und strukturelle Einschränkungen mit Alternativen konfrontiert“ 20 . Nach den Verarbeitungs- und Deutungsprozessen von einzelnen Lebenssituationen stellt sich bei den Reflektierenden entweder Kohärenz ein, dann wird ein schlüssiger Zusammenhang zwischen einzelnen Situationen des Lebens erkannt. Wenn sich Kontinuität einstellt, bedeutet dies, dass das Individuum das eigene Leben wirklich als seines verstanden hat und es anerkennt.
3. Die Biografie von Martin Luther King
Martin Luther King jr. wurde am 15. Januar 1929 in Atlanta, Georgia, USA als Sohn der Lehrerin Alberta Christine Williams King und des Baptistenpredigers Martin Luther King Sen. geboren. Trotz seines vergleichsweise wohlhabenden Elternhauses erfuhr er schon in den frühen Jahren seines Lebens die Rassentrennung zwischen Schwarzen und Weißen, die insbesondere in den Südstaaten der USA ausgeprägt war. Von seiner Jugend an identifizierte sich King mit dem Schicksal der Diskriminierung der afroamerikanischen Minderheit, die gerade einmal elf Prozent der Bevölkerung ausmachte. 21 Trotz seiner Hautfarbe erhielt er eine Ausbildung, die vielen Schwarzen vorenthalten blieb. Im Jahr 1948 nahm er das Studium am theologischen College im Norden der USA auf, wo es keine Rassentrennung an den Bildungsinstitutionen wie in den Südstaaten gab. Sein Studium setzte er an der Universität in Boston fort, wo er
18 Ziebertz, S. 381.
19 Ebd.
20 Ebd.
21 Vgl. Grosse, Heinrich: Die Macht der Armen. Martin Luther Kings Kampf gegen
Rassismus, Armut und Krieg. In: Haspel, Michael; Waldschmidt-Nelson, Britta (Hg.):
Martin Luther King. Leben, Werk und Vermächtnis. Wartburg Verlag, Weimar 2008, S.
16.
5
im Jahr 1954 graduierte. 22 Während seiner Studienzeit in Boston lernte er Coretta Scott kennen, die er im Jahr 1953 heiratete. Im Verlauf seines Studiums seines Studiums entwickelte King ein Interesse für Mahatma Ghandi, dessen Lehre des gewaltlosen Widerstandes zum Kern seiner Philosophie wurde. 23 Nachdem er graduierte übernahm er, nach dem Vorbild seines Vaters, ein Gemeindepfarramt der Baptistenkirche in Montgomery, Alabama, wo knapp ein Drittel der Bevölkerung schwarz war. 24 Die Situation der Rassentrennung in den USA der 1950er Jahre gründet in einem Urteil des Obersten Gerichtshofes von 1894, in dem die Stellung der Schwarzen als „getrennt aber gleich“ definiert wurde. 25 Im ganzen Land wurde die Rassentrennung zwischen Schwarzen und Weißen akzeptiert, in einem Großteil der Südstaaten wurde sie vom Gesetz gefordert. Im Jahr 1955 wurde King Anführer eines Boykotts der schwarzen Bevölkerung gegen die Omnibusse seines Wohnortes Montgomery, Alabama. Auslöser war die Verhaftung der schwarzen Näherin Rosa Parks, die sich während einer Omnibusfahrt in der von Rassismus geprägten Stadt weigerte, ihren Sitzplatz für einen Weißen zu räumen. 26 Die schwarze Bevölkerung sah sich nicht bereit, die öffentliche Diskriminierung weiterhin zu erdulden.
Die Rassentrennung wurde durch diesen Vorfall nicht grundsätzlich infrage gestellt, es wurde lediglich eine höfliche Behandlung der schwarzen Bevölkerung gefordert. Martin Luther King wurde zum Anführer dieser Boykottbewegung gewählt, welche insgesamt 381 Tage anhielt und über die Grenzen Amerikas hinaus Aufsehen erregte. 27 Es gab nicht nur verbale Zustimmung, sondern auch finanzielle Unterstützung für die schwarze Bevölkerung in Montgomery. Im Jahr 1956 erklärte der Oberste Gerichtshof jegliche Art von Rassentrennung in öffentlichen Verkehrsmitteln als gesetzwidrig. Mit dem Busboykott in
22 Vgl. Heiligenlexikon
Link:http://www.heiligenlexikon.de/BiographienM/Martin_Luther_King.htm abgerufen am
04.08.2011, 13:45 Uhr
23 Vgl. Heiligenlexikon.
24 Vgl. Grosse, S. 16.
25 Vgl. Heiligenlexikon.
26 Vgl. Grosse, S. 16.
27 Vgl. King Zentrum
Link: http://www.king-zentrum.de/zentrum/index.php?option=com_content&task=view&id=38&Itemid=16
abgerufen am 04.08.2011, 15:04 Uhr
6
Montgomery begann eine Bürgerrechtsbewegung, die sich über alle Südstaaten ausbreitete. Mit seiner erfolgreichen Anführung der Bürgerrechtsbewegung wurde King im Jahr 1956 zum Präsidenten der „Southern Christian Leadership Conference“, einer Versammlung der christlichen Schwarzenführer der Südstaaten, gewählt. 28 Diese Bürgerrechtsbewegung setzte die wichtigsten Reformen seit der Abschaffung der Sklaverei durch: in öffentlichen Einrichtungen wurde die Rassentrennung weitestgehend aufgehoben. 29 Für das Erreichen ihrer Ziele setzten die Bürgerrechtler gewaltlose Mittel ein, wie Demonstrationen, Sit-Ins, Gebetswachen und Geschäftsboykotts. 30 King predigte von Beginn an Feindesliebe und Gewaltfreiheit.
Im Jahr 1957 reiste Martin Luther King tausende Meilen durch den Süden der USA und warb für seine Ziele. Er hielt insgesamt 208 Reden und schrieb sein erstes Buch „Schritte zur Freiheit. Die Montgomery-Geschichte“. 31 Durch eine Reise nach Indien im Jahr 1959 konnte King Ghandis Prinzip des gewaltfreien Widerstands vertiefter studieren und seinen Glauben an eine gewaltfreie Menschheit stärken. Im Jahr 1960 kündigte King seine Pastorenstelle in der Baptistengemeinde von Montgomery und teilte sich fortan eine Stelle mit seinem Vater in einer Baptistengemeinde in Atlanta, um mehr Zeit für seine Aufgaben als Bürgerrechtler zu haben. 32 In den folgenden Jahren hatte King viele Schikanen seitens der Justiz zu ertragen. Von 1955 bis 1968 wurde er über 30 Mal inhaftiert. 33 Weil er es unterlassen hatte seinen Führerschein bei seinem Umzug von Montgomery nach Atlanta umzumelden, wurde King zu sechs Monaten verurteilt. 34 Zwangsarbeit in Reidsville, Florida Mit Hilfe des
Präsidentschaftskandidaten John F. Kennedy wurde King gegen eine Kaution freigelassen. 35
In den beginnenden 1960er Jahren führte King Aktionen für bessere
Wohnungen, Schulbildung, Ausbildung und Lebensbedingungen der Schwarzen
28 Vgl. King Zentrum.
29 Vgl. Grosse, S. 19.
30 Vgl. Ebd. S. 18.
31 Vgl. Heiligenlexikon.
32 Vgl. Grosse, S.18.
33 Vgl. King Zentrum.
34 Vgl. Ebd.
35 Vgl. King Zentrum.
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Jennifer Broek, 2011, Biografisches Lernen am Beispiel von Martin Luther King, München, GRIN Verlag GmbH
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